maturaarbeit/artikel/converted/WirkfaktorenvonTanz.md
2026-02-23 16:39:54 +01:00

48 KiB
Raw Blame History

title, converted, source
title converted source
WirkfaktorenvonTanz 2026-02-23 16:05:24 WirkfaktorenvonTanz.pdf

WirkfaktorenvonTanz

Page 1

Die Psychotherapie vormals Psychotherapeut Schwerpunkt: Künstlerische Therapien Originalien Psychotherapie2023·68:280288 https://doi.org/10.1007/s00278-023-00661-x Angenommen:16.März2023 Onlinepubliziert:31.Mai2023 ©Der/dieAutor(en)2023 Wirkfaktoren von Tanz- und Bewegungstherapie im klinischen Kontext EinepartizipatorischemultizentrischeStudie SophiaM.Estel 1,2 ·SabineC.Koch 2,3,4 1 FachbereichPsychologie,ArbeitsgruppeKlinischePsychologie,Philipps-UniversitätMarburg,Marburg, Deutschland 2 ForschungsinstitutfürKünstlerischeTherapie n,AbteilungfürKünstlerischeTherapienund Therapiewissenschaften,AlanusHochschulefürK unstundGesellschaft,Alfter/Bonn,Deutschland 3 FakultätfürTherapiewissenschaften,Masterst udiengangTanz-undBewegungstherapie,SRH HochschuleHeidelberg,Heidelberg,Deutschland 4 UniversityofMelbourne,Melbourne,Australien In diesem Beitrag Eine partizipatorische multizentrische Studie Klinische Stichprobe · Vorgehen · Erhebungen und Messinstrumente· Datenanalyse ·Ergebnisse Diskussion QR-Codescannen&Beitragonlinelesen Zusammenfassung In einer multizentrischen Wirkfaktorenstudie wurden 82 psychiatrische und psychosomatischePatientinnen zurWirkweise vonTanz-undBewegungstherapie („dance movement therapy“, DMT) befragt. Hypothetisiert wurden (1) ein positiverEffektderDMTaufStress (gemessenmitdervisuellenAnalogskala,VAS), Selbstwirksamkeitserwartung(SWE;gemessenmitderAllgemeinenSelbstwirksamkeits Kurzskala, ASKU;Beierlein et al.2012)undWohlbefinden (WB; gemessen mit dem HeidelbergStateInventory,HSI;Kochetal. 2016),(2)dieVorhersagederVeränderungen der3OutcomesüberdieBehandlungszeit durchallgemeine psychotherapeutische, künstlerisch-therapeutische sowietanz-undbewegungstherapeutische Wirkfaktoren (dmt-WF). Explorativ wurde der selbstkonstruierte Fragebogen zu spezifischen Wirkfaktoren derDMT(DMT-SF)psychometrisch untersucht.DieErgebnissezeigten eine signifikante Verbesserung aller Outcomes mit großem Effekt (p<0,0001; η p2=0,49).Die Veränderungen von Stress undWB konnten statistisch bedeutsam durchdieallgemeinen psychotherapeutischen Wirkfaktoren vorhergesagt werden. Für die DMT-SF-Skala ergaben sich zufriedenstellende Gütekriterien sowie eine 3-faktorielle Lösung mit den DimensionenEmbodiment, Konkretisierungund Gespiegeltwerden(Varianzaufklärungvon61,28%).DiezusätzlichequalitativeAnalyse dertextuellen Aussagen derPatientinnen über die Wirkweise von DMTbündelte in einem thematischen Netzwerk eine Vielzahl von therapeutischen Wirkfaktoren unter 6 globalen Themen. Die DMT wurde von der Hälfte der Patient*innen als hilfreichste Therapieform im Behandlungsspektrum genannt. Es wurde deutlich, dassdieDMTeinen bedeutsamen Beitrag alsintegrativ-medizinisches Verfahren im klinischenKontextleistet.DesWeiteren legtendieErgebnissederDMT-SF-Skalanahe, Embodiment(hierbesondersgekennzeichnetdurchInterozeption) alsGeneralfaktor vonDMTsowieinBezugaufPsychotherapiei.Allg.stärkerzugewichtenundzukünftig weiterzuuntersuchen. Schlüsselwörter Stress·Selbstwirksamkeit·PsychischesWohlbefinden·Embodiment·MixedMethods 280 DiePsychotherapie4·2023

Page 2

Schwerpunkt Allgemeine Wirkfaktoren von Psychotherapie (CF) Gemeinsame Wirkfaktoren der künstlerischen Therapien (JF) Spezifische Wirkfaktoren von Kunsttherapie (A T-SF) Spezifische Wirkfaktoren von Tanz-und Bewegungstherapie (DMT-SF) Spezifische Wirkfaktoren von Dramatherapie/Psychodrama (DT/PD-SF) Spezifische Wirkfaktoren von Musiktherapie (MT-SF) Abb. 1 8TherapeutischeWirkfaktorenderkünstlerischenTherapien. AT„arttherapy“,CF„common factors“,DMT„dancemovementtherapy“,DT„dramatherapy“,JF„jointfactors“,MT„musictherapy“, PD„psychodrama“,SF„specificfactors“.(NachDeWitteetal.2021) Tanz- und Bewegungstherapie („dance movement therapy“ , DMT) aktiviert Wirk- faktoren (WF) von Psychotherapie, Kunst und Bewegung. Die Fragestellung der vorgestellten Studie „Kann die DMT, indem sie diese WF aktiviert, die ge- sundheitsbezogenen psychologischen Outcomes erlebter Stress, Selbstwirk- samkeitserwartung (SWE) und Wohlbe- finden (WB) verändern?“ wurde mithilfe einer umfragebasierten partizipatori- schen multizentrischen Studie beant- wortet. Die Teilnehmenden konnten präzise beschreiben, was für sie in der DMT hilfreich war, und erwiesen sich in ihrer Rolle als Forschungsbeteiligte im Rahmen partizipativer Gesundheitsfor- schung. Einleitung Zunehmende Wirksamkeitsnachweise (Koch et al. 2014, 2019)d e u t e na u f eine breite Wirkung der Tanz- und Bewe- gungstherapie („dance movement ther- apy“, DMT) hin. Die Ergebnisse dieser Wirksamkeitsnachweise beziehen sich auf alle randomisierten kontrollierten Studien (RCT) im Feld der DMT und Tanzinterventionen, die zwischen 1996 und 2018 veröffentlicht wurden. Sie zei- gen für 14 verschiedene Populationen u.a. einen signifikanten (sign.) Rückgang von Depression und Angst sowie einen sign. Anstieg von Wohlbefinden (WB) und Lebensqualität. Dies ermöglicht zum einen, Hypothesen über generelle Wirk- faktoren (WF) der DMT aufzustellen, zum anderen werden die Theoriebildung und systematische Testungspezifischtanzthe- rapeutischer WF angeregt (Koch 2017). „Wodurch wirkt die DMT?“, lautet deshalb die aktuelle Forschungsfrage der Studie. Nach Koch und Bräuninger ( 2020) führt die DMT in ihrer Praxeologie Vor- teile von Tanz und Bewegung mit denen der psychotherapeutischen Behandlung sowie der kreativen, künstlerisch-schöp- ferischen Aktivität zusammen. Die DMT aktiviert therapeutische WF von Psycho- therapie, Kunst und Bewegung. DeWitte etal.(2021)differenziereninihremScoping Review eine hypothesengenerierende Übersicht empirischer Studien zu WF der künstlerischen Therapien (KüTh;k=67) allgemeineWFvonPsychotherapie(„com- mon factors“), gemeinsame WF der KüTh („joint factors“) und spezifische WF („spe- cific factors“) der jeweiligen Disziplin der KüTh, darunter der DMT ( . Abb. 1). InBezugaufdasZusammenspieldieser Typen von WF lässt sich auf Grawe et al. (1994)undderenAnnahme referenzieren, dass die konzeptuell verschiedenen WF im therapeutischen Vorgehen nicht von- einander getrennt sind, sondern die Ef- fektivität der allgemeinen WF, vermittelt über das konkrete Handeln, das von spe- zifischenWirkannahmen bestimmtist,zu- standekommt.AllgemeineWFnachGrawe etal.(1994)sind:1)Problemaktualisierung, 2) Ressourcenorientierung, 3) therapeuti- scheKlärung,4)Problembewältigungund 5) therapeutische Allianz. Bezüglichkünstlerisch-therapeutischer WFexistierteineVielzahlvonz.T.empirisch basiertenAnnahmen(Gruber 2008;Oepen und Gruber2014). Des Weiteren gibt es eine Theorie über 5 Cluster therapeuti- scher Wirkmechanismen: (a) Hedonismus, (b) Ästhetik, (c) Symbol/nonverbale Be- deutungsgestaltung, (d) enaktiver Über- gangsraum und (e)Generativität (Produk- tivität,Gestaltungbzw.Kreation)vonKoch (2017),umdiezahlreichen undteilsbelie- big aufgeführten WF in aktive und rezep- tive Faktoren zu systematisieren. DeWitte etal.( 2021)formulieren19Domänenem- pirischgefundenertherapeutischerWFfür die KüTh, wobei die am stärksten gewich- teten WF Embodiment, Konkretisierung und Symbol/Metapher gemeinsame WF der KüTh sind. Die Auseinandersetzung mit spezifisch tanz- und bewegungstherapeutischen (dmt-)WF wird seit einigen Jahren in theoretischen Forschungsarbeiten (z.B. Koch 2017), Auflistungen von Wirkan- nahmen (z.B. Acolin 2016;K o c hu n d Eberhard-Kaechele 2014; Tschacher et al. 2014) sowie deren systematischen Tes- tungenvorangetrieben. WieDeWitte etal. (2021)zusammenfassen,istbesondersder nonverbale Charakterder DMT ein her- vorstechenderWirkfaktor(Mannheimetal. 2013;S h i m2015), wodurch körperliche Erfahrungen(Chyle et al.2020)e v o z i e r t sowie die Wahrnehmung und Flexibi- lisierung des Körpers(Mannheim et al. 2013;S h i m2015) geschult werden. Zu- dem sind die eigeninitiierteAktivitätund sensorische Beteiligung, Emotionsregu- lationund die aus deraktivenExpression resultierende „agency“ und Probehan- delnwichtigeWirkkomponenten(DeWitte et al.2021; Koch und Bräuninger2020). In der Arbeit von Mehling et al. (2011) zeigt sich, dass die Körperwahrnehmung einen zentralen Aspekt der verkörperten Selbstwahrnehmung bildet. Die eigene Verkörperung in Aktion sowie Interaktion mit der Umwelt wahrzunehmen, ent- spricht dem Bestreben von Organismen nach Selbstorganisation und Ganzheit (Varela und Maturana1980;D eJ a e g h e r und Di Paolo 2007), in die Körper und Geist integriert sind undin denen sie mit- einander interagieren. Die Körper-Geist- DiePsychotherapie4·2023 281

Page 3

Schwerpunkt: Künstlerische Therapien Originalien Verbindung, als Embodiment bezeich- net, durch therapeutische Handlungen zu bestärken, wird als zentrales Ziel der DMT verstanden. Die Fragestellung der Studie lautete: Kann die DMT, indem sie WF der 3 Richtungen Psychotherapie, Kunst und Bewegung aktiviert, zu einer Veränderung der gesundheitsbezogenen psychologischenOutcomeserlebterStress, Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) und WB beitragen? Dem Mixed-Methods-Ansatz folgend können einerseits mithilfe quantitativer MethodenbisherigeErgebnissezueviden- tendmt-WFempirischüberprüft,anderer- seits anhand qualitativer Methoden neue Informationen bezüglich der Wirkweise der DMT explorativ generiert werden. Da die DMT zumeist im klinischen Kontext zur Anwendung kommt, ist die Erhebung dortangesiedelt undermöglichteinepra- xisbezogene, naturalistische Forschung. Dabei steht die Sicht der Patientinnen im Fokus, was auf dem partizipativen AnsatzderGesundheitsforschung (Wright 2013) gründet und neben der objektiven Veränderungsmessung von relevanten Zielparametern therapeutischer Behand- lung einen bedeutsamen Aspekt von Therapieerfolgdarstellt.BisherigeStudien deuten darauf hin, dass DMT zur Stress- reduktion (Bräuninger 2006)s o w i ez u r Steigerung vonSWundWB(Wiedenhofer und Koch2017)beiträgt; diese Parameter wurden auch in der vorliegenden Studie als Outcome-Kriterien gewählt. Es wurde angenommen, dass: 1) DMT zur Abnahme von erlebtem Stress sowie zum Anstieg von SWE und WB führt (Hy- pothese 1), und 2) die erwartete positi- ve Veränderung der 3 Outcomes sich je- weilsdurchdieAusprägungvonallgemein psychotherapeutischen, künstlerisch-the- rapeutischensowiespezifischdmt-WFvor- hersagen lässt (Hypothese 2). Zudem wurde der selbstkonstruierte Fragebogen namensDMT-SF-SkalazurEr- fassung der dmt-WF psychometrisch und faktorenanalytisch untersucht. Schließlich diente eine qualitative Befragung der ex- plorativen, partizipatorischen Erhebung der Wirkweise der DMT. Eine partizipatorische multizentrische Studie KlinischeStichprobe Es wurden eine klinische Stichprobe von 82 Patientinnen (57 weiblich, 24 männ- lich, eine Person o.A.; alle kaukasischer Abstammung, außer einer Person afrika- nischer Abstammung) mit einem durch- schnittlichen Alter von 43 Jahren (SD ±13 Jahre; Range 19 bis 66 Jahre) zu Beginn und am Ende ihrer psychothe- rapeutischen Behandlung befragt. Sie erhielten eine DMT, eingebettet in ein multimodales Behandlungsangebot im tagesklinischen (3,7%), teilstationären (24,4%) oder stationären (72%) klini- schen Kontext. Die Behandlungsdauer reichte von 4 bis 12 Wochen oder länger und betrug durchschnittlich 8 Wochen (M=7,8 Wochen; SD ±2,2 Wochen). Hin- sichtlich der klinischen Charakteristika gaben im Rahmen der Selbstauskunft 41,25% der Patientinnen eine einzelne psychische Erkrankung als Diagnose an, 58,75% nahmen entsprechende Mehr- fachnennungen vor. Vorwiegende Leiden in der Stichprobe waren durch eine af- fektive Symptomatik (70%), Diagnose im Bereich der neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen (66,25%) und posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; 17,5%) sowie allgemeine psycho- somatische Symptomkomplexe gekenn- zeichnet. In die Studie eingeschlossen wurden volljährige Patientinnen mit jeglichen psychischen und Verhaltensstö- rungen(F00F99;KapitelVder10.Version der internationalen statistischen Klassifi- kation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, ICD-10)undguten Deutschkenntnissen, die während ihrer Behandlung in einer (a) psychiatrischen, (b) psychosomatischen oder (c) rehabili- tativen Klinik mindestens einmal pro Wo- che fortlaufend DMT-Gruppentherapie in Anspruch genommen hatten. Ausschluss- kriterium war weniger als 3 absolvierte DMT-Sitzungen. Die Ethik-Kommission der Philipps-Universität Marburg gab der Studie ein positives Votum (Aktenzeichen 2021-06k). Vorgehen Die Studie wurde an 7 Gesundheitsein- richtungen in Deutschland durchgeführt. DieDMT-Interventionenhieltendieansäs- sigen8TanztherapeutInnenab,vondenen 6 vom Berufsverband der Tanztherapeut- Innen Deutschlands (BTD) e.V. zertifizier- te Ausbildungen nachwiesen. Bei Interes- se an einer Studienteilnahme wurden die Patientinnen über Ziele und Ablauf der Studie informiert, über Aspekte des Da- tenschutzes aufgeklärt und unterzeichne- ten eine Einverständniserklärung bezüg- lichderFreiwilligkeitderStudienteilnahme sowie der Möglichkeit des Rücktritts. Zu Beginn(t0)undamEnde(t1)ihrerDMT-Be- handlung füllten die Studienteilnehmen- deneinenkurzenFragebogeninPapierver- sionaus,derdie3Outcomeserfasste.Die- ser wurde von den jeweiligen Tanzthera- peutinnenimRahmenderDMT-Gruppen- sitzungen ausgehändigt und nach 5-mi- nütigerBearbeitungsdauereingesammelt. AmEndederBehandlungerhieltendieStu- dienteilnehmenden zudem einen Link zu einer Online-Befragung (t2), die auf dem Web-Portal Unipark.com zugänglich war. Dort wurde ein umfangreicher Fragebo- genkatalogpräsentiert;diesererfasstene- ben den WF diverse Hintergrundinforma- tionen.DieBearbeitungsdauerderOnline- Befragungbetrugetwa30min.DieDaten- erhebung fand vom 01.03.2021 bis zum 15.07.2021 statt. ErhebungenundMessinstrumente Standardisierte Messinstrumente werden im Folgende lediglich benannt; für ge- nauere Informationen: Estel (2021). QuantitativeMethoden Erlebter Stress wurde mithilfe der visuel- len Analogskala (VAS) nach der Vorlage von Faiz (2014) und SWE mithilfe der Allgemeinen Selbstwirksamkeits Kurzska- la (ASKU; Beierlein et al. 2012) erfasst. Anhand des Heidelberg State Invento- ry (HSI; in der Version von Koch et al. 2016)erfolgte die Erhebung vonWB über 24 Items und auf den 6 DimensionenAn- spannung, depressiver Affekt, positiver Affekt, Ängstlichkeit, Vitalität und Be- wältigungsfähigkeitbzw.Resilienz.Nach dem einleiten Satzanfang „Ich fühle mich 282 DiePsychotherapie4·2023

Page 4

Schwerpunkt Tab. 1 DeskriptiveStatistikderOutcomes(M±SD)inPrä-undPosttest, n=82 Outcomes VAS ASKU HSI Prätest(t0) 6,68±1,79 2,71±0,79 2,73±0,86 Posttest(t1) 4,98±2,14 3,25±0,79 3,48±0,88 ASKU Allgemeine Selbstwirksamkeits Kurzskala (Beierlein et al. 2012),HSI Heidelberg State Inven- tory (Koch et al. 2016),M Mittelwert,SD Standardabweichung,t0 Prätest,t1 Posttest,VAS visuelle Analogskala im Moment ...“ wird eine Liste mit Ad- jektiven zum Befinden (z.B. entspannt, kraftvoll, ängstlich) aufgeführt. Die Items werden mit Hilfe einer 5-stufigen, end- verbalisierten Likert-Skala (1: trifft nicht zu und 5: trifft genau zu) beantwortet. Die internen Konsistenzen in vorherigen Studien, Cronbachs α, betrugen zwischen 0,68 und 0,94. Die allgemeinen WF von Psychothera- piewurdenunterZuhilfenahmedesFrage- bogens zum Erlebenvontherapeutischen Prozessen in der Gruppe (FEPiG; Vogel etal. 2016)erhoben.ZurErfassungderWF v o nK ü T hk a md i eA c t i v eF a c t o r so fC r e a - tive Arts Therapies Scale (AF-CATs; Koch 2020a)zum Einsatz. Ein Beispiel-Item lau- tet:„WarenSieinnerlichbewegt/berührt?“. Beantwortetwirdaufeiner6-stufigen,end- verbalisierten Likert-Skala (1:überhaupt nicht und 6: sehr stark). Bei einer Pro- betestung mit Studierenden des Master- studiengangsTanztherapie derSRHHoch- schuleHeidelberg, die2DMT-Interventio- nen absolvierten, wurde einCronbachsα von 0,95 und 0,96 erreicht. Zur Erfassung der spezifischen dmt-WF wurde, basie- rend auf bisherigen Studienergebnissen, einFragebogennamensDanceMovement Therapy Specific Factors Scale (DMT-SF) selbst entwickelt. Der DMT-SF erhebt die- se über retrospektive Selbstauskunft und umfasst 24 Items. Beispiel-Items lauten: „Wenn Sie an die DMT zurückdenken, in- wiefern haben Sie Zugang zu Ihrem Kör- per finden können?“ oder „... inwiefern konntenSieetwasBedeutungsvollemeine Form/einen Ausdruck geben?“. Beantwor- tet wird auf einer 6-stufigen, endverba- lisierten Likert-Skala (1:überhauptnicht und 6:sehrstark). Bei einer Probetestung mit 18 Studierenden des Masterstudien- gangs Tanztherapie der SRH Hochschule Heidelberg wurde nach einer DMT-Inter- ventionein Cronbachsαvon0,93erreicht. QualitativeMethoden Es wurden krankheits- und behandlungs- bezogene Informationen wie Diagnose, Behandlungsdauer und -umfang, subjek- tiv eingeschätzte Wirksamkeit der DMT, derenBedeutungfürdenTherapieprozess (Rangreihe erhaltener Therapieangebo- te) sowie deren Effektivität auf einer 10- stufigen Likert-Skala (1:garnicht bis 10: sehr viel/sehr wichtig/sehr schnell/sehr erfolgreich) erhoben. Drei anschließende offene Fragen dienten (a) der subjektiven Beschreibung der Wirkweise der DMT in einemSatz,(b)einerbesondershilfreichen Erfahrung im Umgang mit den eigenen Problemen sowie (c) einer besonders bereichernden Übung im Rahmen der DMT. Datenanalyse DieDaten derPatient*innen wurdeninei- ner Experimentalgruppe (EG) für die Ana- lyse zusammengefasst. Die statistischen Berechnungen erfolgtenmithilfederSoft- ware SPSS Statistics for Windows (Ver- sion27.0)vonIBM ®Cooperation,Armonk, NY. Zur Überprüfung der H1 diente eine einfaktorielle MANOVA mit Messwieder- holung,bei derZeitalsInnersubjektfaktor fungierte. Es wurden explorativ multiva- riate Analysen der Kovarianz (MANCOVA) mitdenDifferenzvariablender3Outcomes berechnet, um den potenziellen Einfluss der Variablen Alter, Geschlecht, Diagno- se, absolvierte Sitzungsanzahl der DMT, Beginn der Studienteilnahme, Wichtigkeit sowie Wirksamkeit der DMT systematisch zu untersuchen. Die H2 wurden anhand multipler li- nearerRegressionsanalysenüberprüft.Bei diesen dienten jeweils die allgemeinen psychotherapeutischen, die künstlerisch- therapeutischensowiediespezifischdmt- WF als Prädiktoren. Als Kriterium wurde in Modell1die beobachtete Veränderung von erlebtem Stress, in Modell 2 die be- obachtete Veränderung von SWE und in Modell 3 die beobachtete Veränderung von WB festgelegt. Zur Untersuchung der psychometri- schen Gütekriterien wurde die DMT-SF- SkalaeinerdeskriptivstatistischenAnalyse sowieeinerexploratorischenFaktorenana- lyse (EFA) unterzogen. Für die qualitative Analyse der textu- ellen Daten zur Wirkweise der DMT wur- de diethematischeAnalyse (TA; Attride- Stirling 2001; Braun und Clarke2006)g e - wählt.DieTAzieltdaraufab,überverschie- deneDatenquellenhinwegwiederkehren- de Themen zu identifizieren, deren Bezie- hung zueinander zu analysieren und als thematischesNetzwerk grafischmitden3 hierarchischenAbstraktionsebenengloba- leThemen, organisierende Themen sowie Basisthemen darzustellen. Ergebnisse Mittelwerte (M) und Standardabweichun- gen (SD) für die 3 Outcomes der EG über die Zeit sind in. Tab. 1 abgetragen und in . Abb. 2 grafisch dargestellt. Im Hinblick auf die H1 ergab die MANOVA mit Messwiederholung einen sign.Haupteffekt fürdenInnersubjektfak- tor Zeitmit F(3, 79)=24,99; p<0,0001, ηp2=0,49. Erlebter Stress nahm über die Behandlungszeit sign. ab, mitF(1, 81)= 46,16, p<0,0001, ηp2=0,36. SWE mit F(1, 81)=46,25, p<0,0001, ηp2=0,36 und WB mitF(1, 81)=57,67, p<0,0001, ηp2=0,42nahmen sign. über die Behand- lungszeitzu.DieErgebnissederMANCOVA zeigen, dass kein sign. Einfluss der unter- suchten Kovariaten vorlag außer einem sign.EinflussdersoziodemografischenVa- riableAlteraufdasWBmit F(1,57)=4,902, p=0,031, η p2=0,079, sowie des Beginns der Studienteilnahme auf die SWE mit F(1, 58)=4,95, p=0,030, ηp2=0,079. Für die H2 zeigte sich anhand Mo- dell 1 (R2=0,10, f2=0,18) und Modell 3 (R2=0,23, f2=0,38), dass die Verände- rungen vonerlebtem Stress und WB sign. durch die allgemeinen psychotherapeuti- schen WF vorhergesagt wurden, während die künstlerisch-therapeutischen sowie dmt-WF keinen sign. Einfluss auf die Veränderungen der beiden Ergebnisma- ße hatten. Hinsichtlich der Veränderung DiePsychotherapie4·2023 283

Page 5

Schwerpunkt: Künstlerische Therapien Originalien 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 VAS ASKU HSI M t0 t1 Abb. 2 8GrafischeDarstellungderOutcomesinPrä-undPosttest, n=82. ASKUAllgemeineSelbst- wirksamkeitsKurzskala(Beierleinetal. 2012),HSIHeidelbergStateInventory(Kochetal. 2016),MMit- telwert,SDStandardabweichung,t0Prätest,t1Posttest,VASvisuelleAnalogskala der SWE konnte im Modell 2 (R2=0,22, f2=0,35) keine sign. Vorhersagekraft der 3 Wirkfaktorenbereiche nachgewiesen werden. DieexplorativeUntersuchungderWirk- weise der DMT ergab in Bezug auf die quantitativen Daten zufriedenstellende psychometrische Gütekriterien der DMT- SF-Skala. Die Trennschärfen betrugen ri(t=/i) =0,430,84 im angemessenen bis ausreichenden Bereich. Die Item-Schwie- rigkeit war mitpi zwischen 62 und 82,4 im leichten bis mittleren Bereich und die Reliabilität mit Cronbachs α von 0,95 im exzellenten Bereich. Die Dimensions- reduktion der DMT-SF Skala ergab eine 3-faktorielle Lösung, wobei insgesamt 61,28% der Varianz in den Daten auf- geklärt wurden. Dabei erwies sich der erste Faktor Embodiment als General- faktor, da 36,36% der Varianzaufklärung durch diesen erfolgten. Der zweite Faktor Konkretisierung klärte weitere 16,66% und der dritte FaktorGespiegeltwerden klärte 8,26% Varianz in den Daten auf. Die entlang der Dimensionen gebildeten Skalen des DMT-SF ergaben Reliabilitäten mit Cronbachsαzwischen 0,74 und 0,96 im akzeptablen bis exzellenten Bereich. Die TA ( . Abb. 3) erbrachte hinsicht- lich der Untersuchung der Wirkweise der DMT eine umfangreiche Zahl von Basisthemen, die sich unter den 6 glo- balen Themen Kontakt mit sich selbst, Gruppe,Therapeutin,Medium,Themen und Atmosphäre zusammenfassen lie- ßen. Dabei erhielten die BasisthemenZu- gangzuneuenErfahrungen (10), Selbst- wahrnehmung (13), Körperwahrneh- mung (24), Problemwahrnehmung (30), Problembewältigung (21), Erkennenvon Zusammenhängen/Erkenntnisse (32), Loslassen (17) sowie Wahrnehmung von Emotionen(20) und Ausdruckvon Emotionen (18) die meisten Nennungen (absolute Anzahl in Klammern) von den Patientinnen. Diskussion In Übereinstimmung mit der H1 zeigten sich positive Veränderungen von erleb- temStress,SWEundWBüberdieBehand- lungszeit. Dieser Effekt kann mangels ei- ner Kontrollgruppe (KG) und Inanspruch- nahmeanderertherapeutischerAngebote imRahmendermultimodalenBehandlung nichtalleinaufdieDMTzurückgeführtwer- den.DerAnteilderDMTamBehandlungs- erfolg kann jedoch als hoch eingeschätzt werden, da die Hälfte der Patientinnen die DMT als hilfreichste Therapie im Ver- gleichzuandereninAnspruchgenomme- nenTherapieangebotenbenannte.Auchin der Kategorie zweithilfreichste und dritt- hilfreichste Therapie lag die DMT direkt hinter der psychotherapeutischen Einzel- und Gruppentherapie. Weiterhin empfan- den 74,1% der Patientinnen die DMT als unabkömmlich für ihren gesamten The- rapieprozess. Dabei sind ein Selbstselek- tionsbias und ein Bias der sozialen Er- wünschtheitkritischimAugezubehalten. InBezugaufdieH2VorhersagederVer- besserung von erlebtem Stress, SWE und WBdurch die allgemeinen, gemeinsamen künstlerisch-therapeutischen und spezifi- schen dmt-WF ergab sich ein uneindeuti- gesErgebnis.Zurückzuführenistdiesesauf das Ein-Gruppen-Prätest-Posttest-Design derStudie,einefürdieBerechnung zuge- ringerPowerunddiehoheKorrelationder MaßeAF-CATsundDMT-SF-Skala,dieeine Voraussetzungsverletzung für die Berech- nung darstellte. Letzteres deutet darauf hin, dass die WF der KüTh und der DMT in hohen Maße übereinstimmen und wo- möglich konvergieren. Im Sinne einer Au- genscheinvalidität weisen die ermittelten Regressionskoeffizienten darauf hin, dass die allgemeinen psychotherapeutischen WF als Prädiktoren einen bedeutsamen BeitragzurVarianzaufklärunginBezugauf die Veränderung von erlebtem Stress und WB leisten. Letzteres Ergebnis steht im Einklang mitdenBefunden vonWampold et al. (2018),nach denen die Therapieme- thode nur einen geringen Anteil an der VarianzaufklärungdesTherapieerfolgshat. In Bezug auf die DMT-SF-Skala ergibt die 3-faktorielle LösungEmbodiment als Generalfaktor.DurchdieLadungderItems, diedieInteraktion vonPsycheundKörper operationalisieren und nach dem Einfluss der Bewegungen auf Emotionen und Ko- gnition fragen, wird deutlich, dass es sich bei diesem weniger um ein klar abgrenz- baresKonstrukthandelt,sondernvielmehr um eine Embodiment-Perspektive (Tscha- cherundStorch 2012).DieseEmbodiment- Perspektive befasst sich mit der Einheit von Körper und Geist sowie dem Körper- feedback (der Rückwirkung des Körpers auf Denken und Fühlen, z.B. Koch2011). Darunter fallen Aspekte der Körperwahr- nehmungsowiederEntspannung,inneren Balance,desSpaßesundderLebendigkeit sowie der Zweckfreiheit und Flexibilisie- rung von Bewegung. Laut Birbaumer und Schmidt (2002) stützt die Psychophysiologie der Emotio- nen dieEmbodiment-Befunde, indemdas ErlebenderEmotionenerstnachderWahr- nehmungperiphererkörperlicherReaktio- 284 DiePsychotherapie4·2023

Page 6

Schwerpunkt Wirk - faktoren Gruppe Therapeutin Atmosphäre Themen Medium Kontakt mit sich selbst Bewegung (3) Gestaltung (2) Musik Wahrnehmung (24) Leibgedächtnis (4) als Ausdrucks- mittel (4) V ertrauen (2) Umgang mit dem Körper (2) Lockerung der Muskulatur (5) Einsatz (16) optische Dar- stellung (4) Wahrnehmung (4) als Ausdrucks- mittel (7) Abläufe (2) Freude an Bewegung (2) Selbstwahrnehmung (13) Selbstbewusstsein (6) Selbstvertrauen (3) Selbstöffnung (4) Zugang zu Ressourcen (2) Innere Haltung (3) Sich-selbst -Wiederfinden (3) Zugang zu neuen Erfahrungen (10) Ganzheitlichkeit (5) Konfrontation und Auseinandersetzung (2) Problem Wahrnehmung (30) Bewältigung (21) Erkennen von Zusammenhängen/ Erkenntnisse (32) Lernen von Bewältigungsstrategien (8) Umfokussieren/Ablenken (3) Auseinandersetzung mit V ergangenheit (3) Regulieren (3) Loslassen (17) Spannungs-/Stressabbau (6) Emotionen Bedürfnisse Grenzen Wahrnehmung (20) Ausdruck (18) Verstehen (6) Wahrnehmung (5) Befriedigung (2) Wahrnehmung (2) Umgang (8) Umsicht (2) Eingehen auf Patientinnen (6) Verständnis (3) Problemwahr- nehmung (5) Zuspruch (4) Erklärungen/An- merkungen (6) Kompetenz (8) entspannt (3) sicher, geschützt (3) Innere Ruhe (6) Wohlbefinden (2) Einlassen auf die Therapie (4) Freiheit (6) Beziehung zu Patient*innen fachliche Kompetenz Person Einfühlsamkeit (5) Annäherung (7) Perspektivenwechsel (5) Haltung (5) Körper (5) Sein in der Gegenwart (5) Sicherheit, Geborgenheit (5) Vertrauen (4) Einsatz von Materialien (10) wertfrei (3) Sich-zeigen (4) Selbstbe- stimmung (7) Abb. 3 8ThematischesNetzwerkzuWirkfaktorenderDMT, n=82.GlobaleThemen blauhinterlegteKreise ,organisierende ThemenblauumrandeteKästen ,Basisthemen ohneUmrandung,(Zahl)absoluteAnzahlderKodierungen nen ausgestaltet wird. Dies unterstreicht die Bedeutung der Wahrnehmung. Damit übereinstimmend zeigt sich, dass Items, diesichaufdieWahrnehmungdesKörpers oder auf den Zugang zum Körper bezie- hen,ebenfallshochaufdemFaktorluden. D i e sd e c k ts i c hm i td e nE r g e b n i s s e nv o n Mannheimetal.( 2013),beidenen Körper- undSelbstwahrnehmung als ein WF von DMT identifiziert wurde. Demnach ist im Kontext der Ergebnisse die Interozeption/ Fähigkeit, eigene Körpersignale wahrzu- nehmen und ihnen ergebnisoffen zu fol- gen, als bedeutsam für Embodiment zu erachten. Hier findet sich die inhaltliche Nähe zur Körperpsychotherapie, bei der Embo- diment als „ganzheitliches Erleben zu be- trachten [ist], das umso tiefer, reicher und genauerwird,jemehresmitdeninterozep- tiven und propriozeptiven Wahrnehmun- gen verbunden ist“ (Geuter2019, S. 426), undbeidersichderspezifischekörperpsy- chotherapeutische WF „Förderungdes Er- lebens“alsinhaltsverwandt darstellt.Laut Elliott et al. (2013) ist für therapeutische Veränderung zentral, körperlich gefühltes Erleben zu prozessieren und zu vertiefen. In diesem Sinne kann Bezug genommen werdenaufDeWitteetal.( 2021),dieEmbo- dimentalseinzigartigen WFderKüThher- vorheben. Dies wird dadurch begründet, dassAktivitätundPhysikalitätimTherapie- prozess der KüTh (z.B. sensorische Wahr- nehmungvonMaterial undkünstlerischer Kreation) die Verbindung zum Körper, die Körperwahrnehmungsowieganzheitliche Erfahrungen durch künstlerische Mittel in denVordergrundstellenundverkörpertes Erlebenfördernsowieaufgrund ihrer Res- sourcenorientierungdieSWstärken(Koch 2017; Lange et al.2018). Die KüTh nutzt zwar durch ihre künstlerische Arbeitswei- se im Vergleich zu herkömmlichen ge- sprächsbasierten Therapien Embodiment in besonderem Maße, allerdings deuten andereBefunde(DohrenbuschundScholz 2004;F i s h e re ta l .2011; Tschacher et al. 2007) darauf hin, dass Embodiment z.B. als nonverbale Synchronie in der psycho- therapeutischen Interaktion auftritt und auch dort Körperhaltung, Gestik, Mimik und Prosodieim Therapieprozess bedeut- sameRollenspielen.Inwieferndadurchdas Erleben vertieft wird, ist zu untersuchen. Schließlich verweisen Pascual-Leone und Greenberg(2007)darauf,dassdasErleben (alseinMaßemotionalenVerarbeitens)als einallgemeinerFaktor,derVeränderungen über einzelne Verfahren hinweg erklärt, fungieren könnte. AufdemzweitenFaktorladenItems,die eineÜbersetzungsfunktionwiderspiegeln. DiePsychotherapie4·2023 285

Page 7

Schwerpunkt: Künstlerische Therapien Originalien Indem der Zusammenhang und Wechsel von Innerem und Äußerem so aktiv und bewusst wie möglich durch das Medium Tanz bzw. Bewegung gestaltet wird, kann Relevantes konkret und greifbar werden. DamitzeigtsicheineweitereÜbereinstim- mung mitderzweiten Dimension dervon DeWitte etal.(2021)gefundenengemein- samenWirkfaktorenderKüTh:der Konkre- tisierung(alsAusdruckvoneineminneren psychischenAspektineinemkünstlerisch- kreativen Produkt). AufdemdrittenFaktorladenItemsdes Gespiegeltwerdens in Worten und Bewe- gungen durch die Therapeutin. Spiegeln wird eingesetzt, um emotionales Verste- hen und Empathie für andere zu stei- gern (Berrol 2006). McGarry und Russo (2011)untersuchtenpotenzielleMechanis- men des Spiegelns und verwiesen darauf, dass durch das Verstehen der emotiona- lenIntentionenanderereineverstärkteAk- tivität in spiegelneuronalen Schaltkreisen einsetzt.Spiegelnstellteinerseitseineneu- ronale, andererseits eine soziale Synchro- nisation dar, beim Imitieren des körper- lichen/motorischen Verhaltens einer Per- son.DieErgebnisseknüpfenandiebeste- hendeForschung(Kochetal. 2015;Shuper- Engelhard et al.2019;C h y l ee ta l .2020) undsprechendafür, Gespiegeltwerdenals bedeutsameMethodederDMTsowie Syn- chronie als WF zu erforschen. Die qualitativen Ergebnisse machen deutlich, was von den Patientinnen in der DMT als hilfreich bzw. wirksam erlebt wurde. Auffallend ist, dass gerade die Ba- sisthemen der Wahrnehmung besonders viele Nennungen vorwiesen. Damit sind die empirischen Daten kongruent mit der theoretisch formulierten Arbeitsweise der DMT,inderdieWahrnehmung einGrund- k o n z e p ti s t .L a u tW i l k e(2006)i s te i n e aktive Ausdrucksarbeit ohne Eindrücke, also ohne sensible Sinneswahrnehmung, nicht möglich. Demnach wird die Wahr- nehmungdesKörpers,derBewegung,der eigenenEmotionenundBedürfnisseinder DMT genutzt, um therapeutisches Materi- al zu entdecken und bewusst zu machen. Dies schult die von den Patientinnen häufig genannte Selbstwahrnehmung, die wiederum ermöglicht, sich im thera- peutischen Prozess und der Interaktion r e a le rle be nzuk ön n e n .D a dur chka n ndi e Problemaktualisierung erreicht werden (Graweetal. 1994;Willke 2007).Gleichsam wird die Fremdwahrnehmung geschult, in dem die Wahrnehmung auf die Um- gebung (z.B. Atmosphäre, Gestaltung, Musik), Mitpatientinnen innerhalb der Gruppe sowie Therapeutin gelenkt wird, was von den Patientinnen als hilfreich beschrieben wurde. Bemerkenswert erscheint, dass die Pa- tientinnen in der Lage waren, präzise zu beschreiben, was für sie in der DMT hilfreich war. Somit steht ihre reflektier- te Selbstauskunft mancher Lehrmeinung gegenüber undbestärktPatientinnen als Forschungsbeteiligte im Rahmen partizi- pativer Gesundheitsforschung (Eberhard- Kächele, persönliche Kommunikation, 25.09.2022) und im Shared Decision- Making, was sich als Paradigma im the- rapeutischen Prozess etabliert (Schrauth und Zipfel2005). Dass die Studie die 3 Wirkfaktorenbe- reiche erstmals für die DMT untersucht, ist eine Stärke. Positiv ist die Methoden- verschränkung, mit der der thematischen Umfänglichkeit Rechnung getragen wur- de. Die Ergebnisse ermöglichen, weitere Forschungsfragen abzuleiten. Der Mangel einer KG stellt eine besondere Limitation der Studie dar. Zudem lassen die Ergeb- nisse,aufgrunddersehrheterogenen und durchhoheKomorbiditätgekennzeichne- t e nS t i c h p r o b e ,k e i n eA u s s a g e nü b e rd i e WirkweisederDMTfürspezifischePopula- tionen zu. Eine Weiterführung dieser Stu- die, die diese und weitere Limitationen adressieren kann, ist auf dem Weg. Wei- terhinbezogsichdieErhebungaufDMTim Gruppensetting,sodassdieErgebnissenur bedingtaufdieDMT-Einzelarbeit übertra- gen werden können. Inwiefern einzelne WF auch in der therapeutischen Dyade wirksam sind, bedarf weiterer Forschung. Fazit für die Praxis 4 Tanz- und Bewegungstherapie (DMT) leis- tet einen bedeutsamen Beitrag zur Be- handlung von Patient*innen im klinischen Kontext und hat in ihrer Anwendung als integrativ-medizinisches Verfahren einen besonderen Stellenwert im Behandlungs- spektrum. 4 Zukünftig ist Embodiment innerhalb des Wirkmechanismus der DMT, der künst- lerischen Therapien und als allgemeiner Wirkfaktor von Psychotherapie weiterzu- erforschen. Korrespondenzadresse Sophia M. Estel FachbereichPsychologie,Arbeitsgruppe KlinischePsychologie,Philipps-Universität Marburg Gutenbergstr18,35037Marburg,Deutschland sophia.estel@mailbox.org Funding. OpenAccessfundingenabledandorga- nizedbyProjektDEAL. Einhaltung ethischer Richtlinien Interessenkonflikt. S.M.EstelundS.C.Kochgeben an,dasskeinInteressenkonfliktbesteht. AllebeschriebenenUntersuchungenamMenschen oderanmenschlichemGewebewurdenmitZustim- mungderzuständigenEthikkommission,imEinklang mitnationalemRechtsowiegemäßderDeklaration vonHelsinkivon1975(inderaktuellen,überarbeiteten Fassung)durchgeführt.VonallenbeteiligtenPatient/- innenliegteineEinverständniserklärungvor. Open Access.DieserArtikelwirdunterderCreative CommonsNamensnennung4.0InternationalLizenz veröffentlicht,welchedieNutzung,Vervielfältigung, Bearbeitung,VerbreitungundWiedergabeinjegli- chemMediumundFormaterlaubt,sofernSieden/die ursprünglichenAutor(en)unddieQuelleordnungsge- mäßnennen,einenLinkzurCreativeCommonsLizenz beifügenundangeben,obÄnderungenvorgenom- menwurden. DieindiesemArtikelenthaltenenBilderundsonstiges Drittmaterialunterliegenebenfallsdergenannten CreativeCommonsLizenz,sofernsichausderAbbil- dungslegendenichtsanderesergibt.Soferndasbe- treffendeMaterialnichtunterdergenanntenCreative CommonsLizenzstehtunddiebetreffendeHandlung nichtnachgesetzlichenVorschriftenerlaubtist,istfür dieobenaufgeführtenWeiterverwendungendesMa- terialsdieEinwilligungdesjeweiligenRechteinhabers einzuholen. WeitereDetailszurLizenzentnehmenSiebitteder Lizenzinformationauf http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0/deed.de. Literatur AcolinJ(2016)Themindbodyconnectionindance/ movement therapy: Theory and empirical support.AmJDanceTher38(2):311333 Attride-Stirling J (2001) Thematic networks: an analytictool for qualitativeresearch. QualRes 1(3):385405 Beierlein C, Kovaleva A, Kemper CJ, Rammstedt B (2012) Ein Messinstrument zur Erfassung subjektiverKompetenzerwartung:Allgemeine Selbstwirksamkeit Kurzskala (ASKU). GESIS- WorkingPapers,17 Berrol CF (2006) Neuroscience meets dance/ movementtherapy: mirror neurons, the ther- apeuticprocessandempathy.ArtsPsychother 33(2):302315 286 DiePsychotherapie4·2023

Page 8

Schwerpunkt BirbaumerN,SchmidtRF(2002)BiologischePsycholo- gie.Springer,Heidelberg Braun V, Clarke V (2006) Usingthematic analysis in psychology.QualResPsychol3(2):77101 BräuningerI(2006)Tanztherapie: Verbesserungder Lebensqualität und Stressbewältigung. Beltz, Basel Chyle F, Boehm K, Imus S, Ostermann T (2020) A reconstructive hermeneutic analysis: the distinctiveroleofbody-andmovement-based interventionswith male offenders. Body Mov DancePsychother15(2):106123 De Jaegher H, Di Paolo E (2007) Participatory sense-making:Anenactive approach tosocial cognition.PhenomenolCognSci6(4):485507 DeWitte M, Orkibi H, Zarate R, Karkou V, Sajnani N, Malhorta B, Ho RTH, Kaimal G, Baker FA & Koch SC (2021) From Therapeutic Factors to Mechanisms of Change in the Creative Arts Therapies: A Scoping Review. Front Psychol 12:678397.https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021. 678397 DohrenbuschR,ScholzOB(2004)Sind„selbstorgani- sierende“Therapiesystemeerfolgreicher?ZKlin PsycholPsychother33:300307 E l l i o t tR ,G r e e n b e r gL S ,W a t s o nJ ,T i m u l a kL ,F r e i r eE (2013) Research on humanistic-experiential psychotherapies.In:LambertMJ(Hrsg)Bergin andGarfieldshandbookofpsychotherapyand behavior change, 6. Aufl. Wiley, Hoboken, S 495538 Estel,S.M.(2021).ErhebungderWirkweisevonTanz- undBewegungstherapieimklinischenKontext Eine Befragung von Patient*innen nach demMixed-MethodsAnsatz.Unveröffentlichte Masterarbeit:Philipps-UniversitätMarburg. FaizKW(2014)VASVisuellanalogSkala.TidsskNor Legeforen134(3):323 FisherAJ,NewmanMG,MolenaarPC(2011)Aquan- titativemethod fortheanalysisofnomothetic relationships between idiographic structures: Dynamic patterns create attractor states for sustainedposttreatmentchange.JConsultClin Psychol79:552563 Geuter U (2019) Praxis Körperpsychotherapie 10 Prinzipien der Arbeit im therapeutischen Prozess.Springer,Berlin GraweK,DonatiR,BernauerF(1994)Psychotherapie imWandel:VonderKonfessionzurProfession, 4.Aufl.Hogrefe,Göttingen,Bern,Toronto,Seattle GruberH(2008)WirkfaktorenindenKünstlerischen Therapien:Waswissenwirundwielässtsichdas untersuchen?PsycholMed19:33 Koch SC (2011) Embodiment. Der Einfluss von Eigenbewegung auf Affekt, Einstellung und Kognition. Experimentelle Grundlagen und klinischeAnwendungen.Logos,Berlin Koch SC (2017)Was hilft,waswirkt? ZSportpsychol 24(2):4053 Koch SC (2020a) “Being Moved” as a therapeutic factor of dance movement therapy. In: Wen- growerH,ChaiklinS(Hrsg)Danceandcreativity withindancemovementtherapy:international perspectives,1.Aufl.Routledge,NewYork Koch SC,BräuningerI(2020)Tanz-undBewegungs- therapie in der Onkologie Übersicht zum Forschungsstand.Onkologe26(9):826836 Koch SC, Eberhard-Kaechele M (2014)Wirkfaktoren derTanz- undBewegungstherapie:Replik auf Tschacher,MuntundStorch.KörperTanzBeweg 2(4):315 KochSC,KunzT,LykouS,CruzRF(2014)Effectsofdance movementtherapyanddanceonhealth-related Abstract Therapeutic factors of dance movement therapy in the clinical context. A participatory multicenter study Inamulticenter efficacystudy82psychiatric andpsychosomaticpatients answered questionsaboutthemechanism ofactionofdancemovementtherapy (DMT).Itwas hypothesized thatthere is(1)apositive effect ofDMTonstress(measuredwith the visualanalogscale,VAS),self-efficacyexpectations(measuredwith thegeneral self- efficacyshortscale,ASKU;Beierlein etal. 2012)and well-being (measuredwith the Heidelbergstateinventory,HSI;Kochetal. 2016)and(2)changesinthethreeoutcomes forthe treatment time couldbe predicted by general psychotherapy, creative arts therapies, and specific factors ofDMT.The self-constructedquestionnaire DMT-SF scaleto assess specificfactors ofDMTwas psychometrically explored.The results showedasignificant improvementinalloutcomeswithlargeeffect sizes( p<0.0001; η p2=0.49).The changes in stress and well-being couldbe statistically significantly predictedbythegeneralpsychotherapeutic efficacyfactors.FortheDMT-SFscalethe studyfoundsatisfactorycriteriaaswellasathree-factorialsolutionwiththedimensions ofembodiment,concreteness,and beingmirrored (with thevariance resolutionof 61.28%).Theadditionalqualitative analysisofthetextualstatements ofthe patients aboutthemechanismofactionofDMTbundledavarietyoftherapeuticfactorsintosix globalthemes inathematic network.TheDMTwasnamedbyhalfofthepatientsas themosthelpfultherapyinthetreatment spectrum.ItbecameclearthatDMTmakes asignificant contributionasanintegrative medicalprocedureintheclinicalcontext. Furthermore,theresultsoftheDMT-SFscalesuggestedthat embodiment(herewith anemphasisoninteroception,i.e.,theabilitytoperceiveonesownbodilysignals)as animportantgeneralfactorofDMTwithrespecttopsychotherapy ingeneral, should begivenmoreweightandfurtherinvestigated infuturestudies. Keywords Stress·Self-efficacy·Psychologicalwell-being·Embodiment·MixedMethods psychological outcomes:Ameta-analysis.Arts Psychother41(1):4664 K o c hS C ,M e h lL ,S o b a n s k iE ,S i e b e rM ,F u c h sT (2015) Fixing the mirrors: a feasibility study of the effects of dance movementtherapy on young adults with autism spectrum disorder. Autism: the international journal of research andpractice19(3):338350.https://doi.org/10. 1177/1362361314522353 KochSC,MergheimK,RaekeJ,MachadoCB,RiegnerE, NoldenJ,DiermayrG,vonMoreauD,HilleckeTK (2016)TheembodiedselfinParkinsonsDisease: Feasibility of a single tango intervention for assessing changes in psychological health outcomes and aesthetic experience. Front Neurosci10:287 K o c hS C ,R i e g eR F F ,T i s b o r nK ,B i o n d oJ ,M a r t i nL , BeelmannA(2019)Effectsofdancemovement therapyanddanceonhealth-relatedpsycholo- gicaloutcomes.Ameta-analysisupdate.Front Psychol10:1806 Lange G, Leonhart R, Gruber H, Koch SC (2018) The effectofactivecreationonpsychologicalhealth: afeasibilitystudyon(therapeutic)mechanisms. BehavSci8(2):25 MannheimEG,HelmesA,WeisJ(2013)Tanztherapie mitKrebspatienten.ForschKomplementarmed 16(20):3341 McGarry LM, Russo FA (2011) Mirroring in dance/ movement therapy: potential mechanisms behindempathyenhancement.ArtsPsychother 38:178184 MehlingWE,WrubelJ,DaubenmierJJ,PriceCJ,KerrCE, Silow T, Gopisetty Viranjini SAL (2011) Body awareness:aphenomenologicalinquiryintothe commongroundofbody-mindtherapies.Philos EthicsHumanitMed6:Artikel6 OepenR,GruberH(2014)Anarttherapyprojectday topromotehealthforclientsfromburnoutself- helpgroups:anexploratorystudy. Psychother PsychosomMedPsychol64:268274 Pascual-Leone A, Greenberg LS (2007) Emotional processing in experiential therapy: Why “the onlywayoutisthrough”.JConsultClinPsychol 75:875887 Schrauth M, Zipfel S (2005) Vom Objekt zum Subjekt: Compliance wird Concordance und Paternalismus zu Partizipation. Psychother PsychosomMedPsychol55:395396 Shim M (2015) Factors and mechanisms of dance/ movement therapy for resilience-building in peoplelivingwithchronicpain.JPain16(4):111 Shuper-Engelhard E, Shacham M, Vulcan M (2019) Clinical intervention using dance-movement psychotherapyforcouples:qualitativeresearch and clinical implications. Body Mov Dance Psychother14(3):128142 Tschacher W, Storch M (2012) Die Bedeutung von Embodiment für die Psychologie und Psychotherapie.Psychotherapie17(2):259267 Tschacher W, Ramseyer F, Grawe K (2007) Der OrdnungseffektimPsychotherapieprozess:Re- plikationeinersystemtheoretischenVorhersage undZusammenhang mitdemTherapieerfolg. ZKlinPsycholPsychother36:1825 TschacherW,MuntM,StorchM(2014)DieIntegration vonTanz,BewegungundPsychotherapiedurch DiePsychotherapie4·2023 287

Page 9

den Embodimentansatz. Körper Tanz Beweg 2:5464 Varela FJ, Maturana HR (1980) Autopoiesis and cognition—the Realisation of the living. D. ReidelPublishing,Dordrecht,Boston,London VogelE,BlanckP,BentsH,ManderJ(2016)Wirkfaktoren in der Gruppentherapie: Entwicklung und Validierung eines Fragebogens. Psychother PsychosomMedPsychol66(5):170179 Wampold BE, Imel ZE, Flückiger C (2018) Die Psychotherapie-Debatte. Was Psychotherapie wirksammacht.Hogrefe,Bern WiedenhoferS,KochSC(2017)Activefactorsindance/ movement therapy: specifying health effects of non-goal-orientation in movement. Arts Psychother52:1023 WillkeE(2006)EmotioneninderTanztherapie,Bern WillkeE(2007)Tanztherapie:Theoretische Kontexte undGrundlagenderIntervention.Huber,Bern WrightMT (2013)WasistPartizipativeGesundheits- forschung? Positionspapier der International CollaborationforParticipatoryHealthResearch. PrävGesundheitsf8(3):122131 Fachnachrichten So nutzen Studierende KI-Tools KI-basierteTools wie Chat GPT sindunter Studierendenbereitsweit verbreitet.Zwei Drittel haben sie schon für ihr Studium genutzt oder nutzen sie aktuell,wie eine deutschlandweiteUmfragevonForschenden aus dem Fachbereich Gesellschaftswis- senschaften der Hochschule Darmstadt (h_da) jetztergab.DieHälftederbefragten StudierendenhatChatGPTschoneinmalfür dasStudiumverwendet.6.311Studierende aus 395 Universitäten und Hochschulen hatten sich an der bundesweitenStudie beteiligt. Chat GPT & Co. verändern derzeit die Bildungslandschaft. Vielerorts wird über die Konsequenzen für künftige Lehr- und Prüfungsformen diskutiert. Um hier eine empirischeGrundlage zu schaffen,hat ein TeamumProf.Dr.JörgvonGarrel,Professor fürProzess-undProduktionsinnovationmit SchwerpunktquantitativeSozialforschung, Studierende anonym befragt, wie sie KI- Tools im Studium nutzen und für welche Zwecke. 63,2%derStudierendengabenan, dass sie KI-basierteTools für das Studium bereitseinmalgenutzthabenoder aktuell nutzen. Jeder vierte Studierende sogar schon häufig oder sehr häufig (25.2%). Besonders oft genannt wurde Chat GPT: 48,9% der Befragten haben das Tool bereitsverwendet.12,3%arbeitenmitder deutschenÜbersetzungs-AnwendungDeepl. Im Rahmen ihres Studiums nutzen Studierende KI-basierte Tools häufig zur KlärungvonVerständnisfragenundumsich fachspezifischeKontexteerläuternzulassen (35.6% aller Befragten), für Recherchen und das Literaturstudium(28.6%) sowie für Übersetzungen(26,6%) und um Texte zu analysieren, zu verarbeiten und zu erstellen(24.8%).Unterschiedezeigensich nach Studienbereichen:Studierende der Ingenieurwissenschaftenund Informatik sowie aus dem Bereich Mathematikund NaturwissenschaftennutzenKIs weiterhin insbesondere für Programmierungen oder Simulationen. Studierende der Geistes- sowie Wirtschafts-, Rechts- und Sozial- wissenschaftengaben an, sich Texte und Analysenerstellenzulassenoderdie Tools fürdieRechercheunddasLiteraturstudium zu verwenden. Im Kunststudium ist die KI häufig Ideengeberin,hilft bei Design und Konzeptentwicklung. „Uns war klar, dass das Thema aktuell und relevant ist, aber mit einem solch enormen Feedback haben wir nicht gerechnet“,sagtStudienleiterProf. Dr. Jörg vonGarrel.„DieStudieistnichtnureineder erstenmitsolchhohemFeedback,siezeigt auch, wie aktuell und brisant das Thema ist:KI-basierteTools sindinder deutschen Hochschullandschaftangekommenundsie werdenintensivvonStudierendengenutzt.“ Fast 80% von ihnen benennen den Grad der Wissenschaftlichkeitals wichtige präferierte EigenschafteinesKI-basierten Tools. Doch gerade hier schränkt Prof. Dr. Jörg von Garrel ein. „Die Anwendungen sind intelligent, aber durch statistische Methoden und trainierteDatenbegrenzt. Unseren wissenschaftlichenAnsprüchen genügt Chat GPT nicht“, sagt der Gesell- schaftswissenschaftler. Von Garrel hat die KI selbst ausprobiert. „Der Text war gut, aber die Quellenangabenzu meinen wissenschaftlichenArbeitenwaren falsch oderexistiertennicht.“Fachleutesprechen von Halluzinationen,wenn die KI einfach Antworten erfindet, weil sie nicht auf entsprechendeDatentrainiertwurde. Für eine gute Lehre müsse daher künftiggelten:„KI-Tools sindeinWerkzeug, aber kein Ersatz für wissenschaftliches Arbeitenoder gründliche Recherche.“Prof. Dr. Jörg von Garrel mahnt zur kritischen Reflektion: „Richtig mit Chat GPT & Co. umzugehen, muss Inhalt unserer Lehre werden“. Publikation: Joerg von Garrel, Jana Mayer, Markus Mühlfeld (2023): Künstliche In- telligenz im Studium - Eine quantitative Befragung von Studierenden zur Nut- zung von ChatGPT & Co. Online unter: https://doi.org/10.48444/h_docs-pub-395 Quelle: Hochschule Darmstadt (http://www.h-da.de [29.06.2023]) 288 DiePsychotherapie4·2023