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title: Huschka-Siegmund_Choreographie-als-Kulturtechnik-Sonderdruck.indd
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source: ChoreografiealsKulturteknik.pdf
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# Huschka-Siegmund_Choreographie-als-Kulturtechnik-Sonderdruck.indd
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Neofelis
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Sabine Huschka / Gerald Siegmund (Hrsg.)
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Choreographie als Kulturtechnik
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Neue Perspektiven
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Sonderdruck
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Inhalt
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7 Sabine Huschka / Gerald Siegmund
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Einleitende Perspektivierungen
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Choreographie und Kulturtechnik
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Theoretische Annäherungen
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23 Hartmut Böhme
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Choreographie als Kulturtechnik
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Ein neuer Ansatz in der Kulturtechnik-Forschung?
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49 Gerald Siegmund
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Überlegungen zu einem Verständnis von Choreographie als Kulturtechnik
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67 Sabine Huschka
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Erweiterte Choreographie
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Praktiken, Diskurse und deren kulturtechnische Dimension
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||
Gesellschaft und Politik
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99 Jörn Ahrens
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||
Nicht nur die Menschen am Sonntag
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||
Ästhetische Formationen von Gesellschaft
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||
115 Gerko Egert
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||
Macht bewegt sich, Macht bewegt
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||
139 Susanne Foellmer
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||
Choreographie im Modus relationaler Handlungsmacht
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||
New Materialism, komplexe Systeme und die Frage nach Agency
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Szenographie und Museumschoreographie
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167 Birgit Wiens
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||
Interdependenzen zwischen Choreographie
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und Szenographie in der Gegenwartskunst
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||
189 Katja Schneider
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Archivieren, Choreographieren, Kuratieren: Perspektiven auf
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eine kulturtechnische Praxis. Akte der Produktion, Artikulation
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und Organisation von Erinnerungen, Erfahrungen und Wissensbeständen
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207 Lisa Beißwanger
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Museums-Choreographie: Mehr als eine Metapher?
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Eine kunsthistorische Perspektive auf Choreographie als Kulturtechnik
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Aufführungen und Praktiken
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235 Bojana Kunst
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On the Threads and Knots of Practice
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Choreography and Weaving
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253 Christina Thurner
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||
Choreo-Graphie als Auto-Bio-Graphie
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Kulturtechniken, die ‚Leben‘ ‚schreiben‘
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||
269 Kirsten Maar
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||
Zwischen Netzwerk, Kollektivität und Intervention
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||
Praxeologien choreographischer Arbeit und Formate
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||
291 Sebastian Matthias
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||
Choreographien der Angleichung
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||
Digitale Kulturtechniken auf TikTok
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||
312 Autor*innen
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317 Abbildungsverzeichnis
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253
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Christina Thurner
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||
Choreo-Graphie als Auto-Bio-Graphie
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Kulturtechniken, die ‚Leben‘ ‚schreiben‘ *
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„In her evening-length solo Hunter“, heißt es auf der Homepage der belgischen
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||
Compagnie Damaged Goods,
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choreographer Meg Stuart explores her own body as an archive populated with per -
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sonal and cultural memories […]. Discovering traces in the land of small things that
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||
linger around her body, Stuart translates them into a series of self-portraits.1
|
||
Ein Stück als körperliches Archiv, belebt von persönlichen und kulturellen
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||
Erinnerungen. Und Choreographie als Spurensuche, als Übertragung und
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||
Transformation in einer Reihe von Selbst-Porträts: Was hier zur künstlerisch-
|
||
performativen Praxis einer Verkörperung von Wissensbeständen erklärt
|
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wird, kann als eine Engführung von Choreo-Graphie und Auto-Bio-Graphie
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||
betrachtet werden. Diese Engführung von zwei Kulturtechniken möchte ich
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||
in meinem Beitrag diskutieren.
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* Einige Passagen dieses Beitrags basieren auf meinem Text: Dancing Life Stories. Em bodied
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||
Auto-bio-narratives. In: Laura Gianvittorio-Ungar / Karin Schlapbach (Hrsg.): Choreo
|
||
narratives. Dancing Stories in Greek and Roman Antiquity and Beyond. Leiden: Brill 2021,
|
||
S. 214–233. https://doi.org/10.1163/9789004462632_010 (Zugriff am 07 .09.2021).
|
||
1 Hunter. In: Meg Stuart / Damaged Goods , o. D. http:/ /www.damagedgoods.be/hunter
|
||
(Zugriff am 29.11.2017).
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||
Sowohl Choreo-Graphie als auch Auto-Bio-Graphie entstammen etymologisch
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zunächst einem schriftzentrierten Verständnis von Kulturtechniken;2 ich werde
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allerdings zeigen, dass sie sich gerade in ihrer Verbindung als raum- zeitliche
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Praktiken als „Ordnungs- und Repräsentationssysteme“3 fassen lassen, die für
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dezidiert gegenwärtige Lebenskonstellationen Reflexions- und vielleicht sogar
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Bewältigungspotentiale bieten.
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Selbst-Darstellungen bestimmen nicht nur den heutigen medialen Alltag, viel-
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mehr häufen sich – wie Annemarie Matzke gezeigt hat – auch im zeitgenössi -
|
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schen Theater „Formen der Selbst-Inszenierung“.4 Analog zum „rasante[n] Auf-
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schwung“5 der Autobiographie im Gebiet der Literatur(-forschung) stellt auch
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||
die Kulturwissenschaftlerin Norma Köhler einen „Biographie-Boom“ in den
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darstellenden Künsten fest und führt über deren Funktion aus:
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||
Von der Vielfalt der lebensgeschichtlich orientierten Medien sowie deren mannig -
|
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faltigen Darstellungsformen und Inszenierungsstrategien erwartet der Rezipient […]
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||
nachvollziehen zu können, wie ein Mensch die Aufgabe bewältigt, sein Leben künst -
|
||
lerisch darzustellen. 6
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Auf diese lebensgeschichtlichen Darstellungsweisen bzw. spezifisch auf auto -
|
||
biographische Choreo-Graphien im Zeitgenössischen Tanz möchte ich im Fol-
|
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genden eingehen und zeigen, wie sich die Reflexion des (eigenen) Lebens über
|
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2 Beiden Begriffen wohnt das griechische Wort gráphein (schreiben) inne. Während in
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Choreo- Graphie choreia (Tanz) steckt, bezeichnet Auto-Bio-Graphie eine Beschreibung ( gra
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phia) des Lebens (bios) eines*r Einzelnen durch diese*n selbst ( auto). Aus der Kompositum-
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Struktur ergibt sich auch die Schreibweise, die im vorliegenden Beitrag zur Hervorhebung
|
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derselben verwendet wird.
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3 Bernhard Siegert: Was sind Kulturtechniken? Beschreibung eines Lehr- und Fachgebietes.
|
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In: Archiv für Mediengeschichte , o. D. https://web.archive.org/web/20071004041748/http://
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||
www.uni-weimar.de/medien/kulturtechniken/kultek.html (Zugriff am 21.01.2020).
|
||
4 Annemarie Matzke: Testen, Spielen, Tricksen, Scheitern. Selbst Inszenierung im zeitgenössi
|
||
schen Theater. Hildesheim: Olms 2005.
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||
5 Vgl. Michaela Holdenried: Autobiographie. Stuttgart: Reclam 2000, S. 37 .
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||
6 Norma Köhler: Biografische Theaterarbeit zwischen kollektiver und individueller Darstel
|
||
lung. Ein theaterpädagogisches Modell. München: Kopaed 2009, S. 11. Gemäß dieser Beschrei-
|
||
bung müsste Köhler eigentlich von einem ‚Autobiographie-Boom‘ sprechen, wobei ‚Biogra-
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phie‘ (Beschreibung eines Lebens) und ‚Autobiographie‘ (Beschreibung des eigenen Lebens)
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auch in der Forschung nicht immer genau unterschieden werden. In diesem Beitrag ist mit
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Autobiographie die spezifischere Form von Biographie gemeint.
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den Körper zur Kunst des Choreographischen verhält bzw. umgekehrt, wie die
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||
Kunst des Choreographischen zum (eigenen) verkörperten Leben in Relation
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gesetzt wird. Dazu werde ich „die kulturelle Tragweite der Kunst des Choreo-
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||
graphischen diskutieren und deren Optionen als Kultur technik reflektieren“.7
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||
Meine spezifisch perspektivierte These dazu lautet: Als Ausdruck von und als
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Reflexion unserer virulent selbst-reflexiven media len Zeit verhandelt Choreo-
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Graphie körperlich-kulturelles Wissen in Bezug auf performative Selbstorgani-
|
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sation und Selbstkonstitution, verstanden als Auto-Bio-Graphie.
|
||
Anhand von zwei exemplarischen choreographischen Arbeiten soll diese These
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erörtert werden. Die Beispiele sind das bereits erwähnte Stück Hunter 8 von
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||
Meg Stuart aus dem Jahr 2014 und Wayne McGregors Autobiography 9 v o n 2 017.
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In beiden Stücken wird – auf je unterschiedliche Weise – der autobiographische
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||
Pakt, also der Konsensus, dass da eigenes Leben geschrieben wird, entschieden
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choreographisch, d. h. bewegt verkörpert transformiert und reflektiert.
|
||
Meg Stuarts Hunter (2014) 10
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„How can I digest the many influences and traces that shaped me as a person and
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artist?“, rätselt die Choreographin und Tänzerin Meg Stuart im Presse dossier
|
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zu ihrem Stück Hunter, das ebenda als autobiographisch bezeichnet wird, und
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fragt weiter: „How can my body unfold quantum genealogies and unrealized
|
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histories?“11 Stuart weist hier auf die Koppelung von Geschichte (history) und
|
||
7 Ankündigungstext zur Konferenz „Choreographie als Kulturtechnik“. In: Tanz Wissen ,
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||
o. D. https://www.tanz-wissen.de/forschung/dfg-projekt-transgressionen/veranstaltungen/
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||
konferenz-2020 (Zugriff am 20.01.2020).
|
||
8 Meg Stuart / Damaged Goods: Hunter (UA: 26.03.2014, Theater Hebbel am Ufer, Berlin).
|
||
Ich habe das Stück am 28.06.2014 anlässlich der Biennale in Venedig live gesehen und bekam
|
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freundlicherweise von Stuarts Kompanie Damaged Goods eine filmische Aufzeichnung zur
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Verfügung gestellt, die anlässlich einer Aufführung vom 19. Februar 2016 in Gent von Moun -
|
||
tain View produziert wurde. Vimeo , o. D. https://vimeo.com/195619114 (passwortgeschützt,
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Zugriff am 21.11.2018).
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||
9 Wayne McGregor: Autobiography (UA: 04.10.2017 , Sadler’s Wells, London).
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||
10 Das Stück habe ich im Herbstsemester 2017 in einem Seminar zu „Autobiografien im
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Tanz“ am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern behandelt. Den Studieren -
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den danke ich an dieser Stelle für ihre Inputs und die Diskussionen, deren Ergebnisse in die
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folgenden Ausführungen eingeflossen sind.
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11 Meg Stuart / Damaged Goods: Presskit Hunter. Unveröffentlichtes Pressedossier, Brüssel,
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2014, S. 2.
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Geschichten (stories) hin, die an sich schon eine eigentlich unbewältigbare Viel-
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falt an Möglichkeiten, an denkbaren Verläufen und auch an Schreibweisen birgt.
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Sie sei in ihrem Umfeld und mit ihrem Körper auf die Suche, ja gar auf die
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Jagd (hunt) gegangen nach dem, was sie geprägt habe, erklärt Stuart in einem
|
||
Interview 12 und stößt eine Reflexion darüber an, wie das eigene Leben über -
|
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haupt (körperlich) verarbeitet, geschrieben und choreographisch performt wer-
|
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den kann.
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||
Das Stück ist das erste abendfüllende Solo von Meg Stuart,13 die zum Zeitpunkt
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der Uraufführung 49 Jahre alt war.14 Stuart selbst sagt dazu:
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This time I really started choreographing on my own body again, making movement
|
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studies, curious of how my age [ laughs], my experience, and all the work that I’ve
|
||
been producing and the material that I’ve been exploring, have influenced me and my
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||
movements. So in the preparation I went through my personal archive: the work, but
|
||
also the family history archive, Super 8 tapes, photos […].15
|
||
Alles, was sie offenbar sowohl im Fundus ihrer gegenständlichen Besitztümer
|
||
(Erinnerungsmaterialien) als auch in jenem ihres Körpers (erlernte Bewegun-
|
||
gen, eingeschriebene Haltungen, inkorporierte Praktiken, erinnerte Choreo -
|
||
graphien usw.) finden konnte, wird potentiell zum Zeugnis ihrer Vergangenheit,
|
||
ihrer eigenen Geschichte.
|
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12 „Back in time, you hunt for clues to who you are, for patterns in the choices you have
|
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made, for the things that got you where you are now.“ (Stuart im Interview mit Michael Bel -
|
||
lon: Hunter. Meg Stuart’s Quantum Shamanism. Agenda, 10.10.2014. In: Stuart / Damaged
|
||
Goods: Presskit Hunter, S. 21.) Vgl. zum Bild der Jagd und damit zum Titel des Stücks auch
|
||
Sandra Luzina: Der Riss in meinem Körper. Hebbel am Ufer. Die Tänzerin und Choreogra -
|
||
fin Meg Stuart zeigt ihr erstes abendfüllendes Solo „Hunter“. In: Der Tagesspiegel, 28.03.2014.
|
||
https:/ /www.tagesspiegel.de/kultur/tanz-der-riss-in-meinem-koerper/9679118.html (Zugriff
|
||
am 07 .09.2021): „In ‚Hunter‘ zeigt sie nun: Sie ist eine Jägerin, nicht nur eine Sammlerin. Sie
|
||
spießt die Fundstücke auf, gräbt sich in tiefe Erinnerungsschichten.“
|
||
13 Vgl. dazu auch Stuart im Interview mit Bellon, S. 21: „The solos I did make since Disfigure
|
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Study [1991] were all kind of side projects between group pieces.“
|
||
14 Vgl. dazu auch die Aussage der Autobiographieforscherin Michaela Holdenried: Autobio
|
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graphie, S. 30: Die „klassischen Werke [der Autobiographik] sind Alterswerke“. Dazu wäre
|
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weiter zu diskutieren, welche Rolle das Alter überhaupt im Tanz (etwa im Unterschied zu
|
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anderen Künsten) sowie als Motivation Stuarts für dieses Stück spielt.
|
||
15 Stuart im Interview mit Bellon, S. 21.
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||
Das Stück beginnt mit einer Art Bricolage-Szene. Stuart bzw. die Persona
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||
auf der Bühne bastelt an ihrem Leben: Sie schneidet, klebt, bemalt und über -
|
||
schreibt Photographien und andere Fundgegenstände (meist bis zur Unkennt-
|
||
lichkeit). Sie sitzt dazu an einem Tisch. Was sie fabriziert, ist für die Zuschau-
|
||
enden auch auf einer Projektion sichtbar, indem das T un der Akteurin gefilmt
|
||
und an die Bühnenrückwand projiziert wird. Immer wieder wird auf das
|
||
Gebastelte gezoomt.
|
||
Dieser Prolog macht gleich von Anfang an auf die Konstruiertheit und Prozess-
|
||
haftigkeit des Gezeigten aufmerksam. Das Publikum bekommt einen Einblick
|
||
in die Lebensgeschichte einer Figur, die sich rückblickend selbst zusammen -
|
||
setzt bzw. -bastelt.16 Stuart stellt hier heraus, was Marvin Carlson bereits in
|
||
den 1990er Jahren im Hinblick auf die Performancekünste festgestellt hat:
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[A]utobiographical performance has become much more self-reflexive, much more
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aware of its own constructedness, and much more willing to make this awareness
|
||
itself part of the presentation.17
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||
Seit den 1990er Jahren haben sich – vor allem im Kontext der Social Media –
|
||
die Praktiken, Modi und Funktionen der Selbst-Präsentation nochmals wesent-
|
||
lich verändert. Die ‚Realität‘, die sich in der physischen Anwesenheit der Akteu-
|
||
rin und ihrer mitgebrachten Erinnerungsgegenstände aus dem eigenen Leben
|
||
manifestiert,18 und die ‚Gemachtheit‘ des Dargelegten sowie die Projektionen
|
||
(im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn) verbinden sich in Stuarts Perfor-
|
||
mance. Der kreisende Plattenteller ist dabei sowohl eine Reminiszenz an soge-
|
||
nannte ‚alte Zeiten‘, gleichzeitig aber auch sinnbildlich für ein dezidiert heu-
|
||
tiges Geschichts- und Biographieverständnis, das nicht auf Linearität beruht,
|
||
sondern eine zirkuläre Anordnung darstellt und in Bewegung, also im Prozess,
|
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dreh- und revidierbar bleibt.
|
||
16 Diese Szene ist vergleichbar mit Prologen oder Vorworten geschriebener Autobiographien,
|
||
in denen der*die Autor*in etwas darüber aussagt, wie er*sie vorgegangen ist, wie er*sie sich
|
||
zum Genre Autobiographie verhält usw.
|
||
17 Marvin Carlson: Performing the Self. In: Modern Drama 39 (1996), S. 599–608, hier
|
||
S. 604. http://dx.doi.org/10.3138/md.39.4.599 (Zugriff am 07 .09.2021).
|
||
18 Vgl. dazu auch Hans-Maarten Post: Beautiful Cutting Up and Reassembling the Past. ‚Hunter‘
|
||
by Meg Stuart / Damaged Goods. In: Utopia Parkway, 13.10.2014. https://utopiaparkway.
|
||
wordpress.com/2014/10/13/beautifully-cutting-up-and-reassembling-the-past-hunter-
|
||
by-meg-stuartdamaged-goods/ (Zugriff am 22.11.2018): „All of it is real, I was told afterwards.
|
||
The photos, the video footage, the voices (her brother): it all really is from her past.“
|
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||
Nach rund einer halben Stunde schleppt Stuart dann auch ganz handfeste Pro-
|
||
jektionsflächen in Form von Plexiglasplatten mit sich auf die Bühne. Durch
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Überblendungen, unterschiedliche Lichtgebungen, farbliche Hintergründe und
|
||
andere Projektionstechniken lassen diese die Protagonistin, ihren Körper, ihre
|
||
Gestalt und ihre Schatten verschiedenartig – mal diffus mal klar konturiert –
|
||
erscheinen.19 Alles wird dabei mit Allem überblendet; Materielles, Konkretes
|
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mit Projiziertem, Übertragenem. Die physisch anwesende Akteurin spielt hier
|
||
quasi vor Zeugen mit Gegensätzen, die – so würde ich behaupten – die ver -
|
||
körperte Auto-Bio-Graphie ebenso wie überhaupt viele Geschichten unserer
|
||
Gegenwart ausmachen: mit Sein und Schein, mit Fakten und Fiktionen, mit
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||
Authentizität und Virtualität. All dies kristallisiert sich in einem performenden
|
||
19 Vgl. Stuart: Hunter, 00:31:00–00:33:35 min.
|
||
Abb. 1
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||
Meg Stuart / Damaged Goods:
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||
Hunter, 2014.
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||
Menschen, der gleichzeitig (physisch anwesender) Autor und Akteur seiner
|
||
Geschichte und seines Lebens ist und sich als solcher präsentiert.
|
||
Gemäß der literaturwissenschaftlichen Autobiographieforschung, die auf Phi-
|
||
lippe Lejeune rekurriert,20 besteht der autobiographische Pakt darin, „dass der
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||
Autor oder die Autorin in einer ‚Erklärung‘ versichert, das Werk sei autobiogra-
|
||
phisch, und der Leser, die Leserin dies akzeptiert“.21 Lässt sich nun, könnte man
|
||
fragen, ein solcher Pakt auch in Bezug auf das Bühnenstück Hunter erkennen?
|
||
Eine entsprechende Erklärung findet sich auf der Homepage von Meg Stuart /
|
||
Damaged Goods (siehe Zitat zu Beginn dieses Beitrags).
|
||
Sie zielt auf eine spezifische Anwendung der Kulturtechnik ‚das-eigene- Leben-
|
||
zu-schreiben‘. Einerseits wird den Rezipient*innen des Stücks ein autobiogra-
|
||
phischer Pakt angeboten und zwar insofern, als diese sich darüber versichern
|
||
können, dass es um persönliche Erinnerungen, um Stuarts eigenen Körper, mit
|
||
dem sie auf der Bühne steht, und damit um sie selbst geht. Andererseits weist
|
||
die zitierte Aussage aber auch darauf hin, dass das Stück eine allzu reibungs -
|
||
lose Verschmelzung von autobiographischer Erzählinstanz und einem kohären-
|
||
ten ‚Ich‘ offenbar unterläuft. Neben die persönlichen Erinnerungen treten die
|
||
kulturellen, der Körper ist nicht die Person, sondern birgt erklärtermaßen ein
|
||
Archiv von Episoden und Kräften, aus denen sich wiederum nicht ein ‚Selbst‘,
|
||
sondern eine Reihe von Selbstporträts ergibt. Stuart verbindet in Hunter medial,
|
||
stilistisch, dramaturgisch und choreographisch ganz unterschiedliche Szenen
|
||
wie etwa ihren Monolog der auf der Bühne eigentlich niemals sprechen wollen-
|
||
den Tochter eines Laientheaterleiters in bunter Selbst-Kostümierung und non-
|
||
verbal getanzten Szenen, in denen sie über ihre charakteristische Bewegungs -
|
||
sprache auf ihr bisheriges Bühnenwerk anspielt, körperliche Grenzen auslotet
|
||
und bis zur (scheinbaren) physischen Destruktion treibt.
|
||
Die verkörperte Auto-Bio-Graphie wird hier also explizit als eine offene,
|
||
multiple präsentiert, die eine in der literaturwissenschaftlichen Auto -
|
||
biographie(-forschung) lange geltende – heute auch da kritisierte – Logik
|
||
der „Identität von Autor, Erzähler und Protagonist“22 sowie der Faktizität des
|
||
20 Vgl. Philippe Lejeune: Le pacte autobiographique . Paris: Seuil 1975.
|
||
21 Holdenried: Autobiographie , S. 27 .
|
||
22 Vgl. Martina Wagner-Egelhaaf: Autobiographie. 2. aktual. u. erw. Aufl. Stuttgart: Metzler
|
||
2005, S. 10. Sie macht darüber hinaus deutlich, dass auch in der neueren literarischen Auto -
|
||
biographie(-forschung) diese Identität angezweifelt wird und Anteile an Fiktion durchaus
|
||
akzeptiert, wenn nicht sogar gefordert werden.
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||
Dargebotenen infrage stellt. Als Künstlerin geht Stuart über ihr bzw. über
|
||
(irgend) ein eigenes ‚Ich‘ hinaus und thematisiert überhaupt die Ich- Konstitution
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||
als vielfältigen performativen, hier: choreographierten Akt. Als Tanz-Künstlerin
|
||
spielt Stuart insbesondere damit, dass die performative Hervorbringung eines
|
||
‚Ichs‘ gerade durch einen real präsenten Körper eine – wie sie sagt – eigene Kom-
|
||
plexität,23 aber auch ein spezifisches Potential birgt. Fiktives und Faktisches,
|
||
Imaginiertes und Materielles / Materialisiertes erweisen sich im physisch per-
|
||
formativen Prozess als sich potenzierende, zusammengehörige Größen. Sie lösen
|
||
sich insofern als Gegensätze im und durch den präsentierten, anwesenden Kör-
|
||
per auf, als dieser eine dynamisierte, eine bewegte auto-bio- graphische Reflexion
|
||
performt, also gleichzeitig ist, darbietet und hervorbringt.
|
||
Auch das Publikum, dem diese Auto-Bio-Graphie als Choreo-Graphie, also
|
||
körperlich-räumliche Anordnungsoption, entgegengebracht wird, hat eine kon-
|
||
stitutive Leistung zu erbringen. Es entscheidet durch seine jeweilige rezeptive
|
||
Haltung, ob der Pakt gelingt, d. h. ob es Stuarts Performance als autobiogra -
|
||
phisch akzeptiert und reflektiert. Auf dieses Verhältnis weist allgemein Gabri-
|
||
ele Brandstetter in ihrem Aufsatz „Autobiography in/as Dance“ hin, wenn sie
|
||
schreibt: „The viewer (like the reader) has a crucial constitutive function for
|
||
bringing about the ‚performative contract‘ […].“24 Wenn es also auch auf der
|
||
Homepage von Damaged Goods zu Hunter weiter heißt, „interior states refract
|
||
and resonate in a shared world“25, dann sind damit sowohl die Resonanzen zwi-
|
||
schen verschiedenen Stadien und Zuständen im Leben der Akteurin als auch
|
||
die Resonanzen zwischen Stuart und den Zuschauenden gemeint, mit denen sie
|
||
ihre Welt teilt und umgekehrt. Denn jede*r, so heißt es auch in einer Rezension
|
||
des Stücks von Hans-Maarten Post in Utopia Parkway,
|
||
23 Stuart im Interview mit Bellon, S. 21: „I also explore possible parallel lives and worlds. […]
|
||
[Interviewer:] So the piece is not a chronological personal diary or overview of your work. Stuart:
|
||
And it isn’t a direct translation either. It has the form of a collage […]. I make all sorts of asso -
|
||
ciations and juxtapositions; I also use fictional selves and bodies, so the material is all first-
|
||
hand and has its own complexity“ (Herv. i. Orig.).
|
||
24 Gabriele Brandstetter: Autobiography in/as Dance. In: Martina Wagner-Egelhaaf (Hrsg.):
|
||
Handbook of Autobiography / Autofiction , Bd. 1: Theory and Concepts. Boston / Berlin: de
|
||
Gruyter 2018, S. 542–546, hier S. 542.
|
||
25 Hunter. In: Meg Stuart / Damaged Goods, o. D. https:/ /www.damagedgoods.be/hunter
|
||
(Zugriff am 26.06.2021).
|
||
|
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||
261
|
||
[has] lived a life, […] collected thoughts, sounds and images along the way. Hunter is
|
||
the Meg Stuart way of dealing with that, and she does so, not only in a strangely beau -
|
||
tiful, but also in a very contemporary way, in this world in which everybody is coping
|
||
with an information overload.26
|
||
Das Stück Hunter – könnte man zusammenfassend sagen – ist demnach
|
||
eine verkörperte Auto-Bio-Graphie, die gleichzeitig alle Komponenten dieser
|
||
Bezeichnung auch wiederum infrage stellt: Die Un-/Möglichkeit, ein Leben
|
||
überhaupt in seiner ganzen Vielfalt be-/schreiben zu können, wird ebenso the-
|
||
matisiert wie der Zugriff auf das ‚Eigene‘, das doch immer auch ein ‚Allge -
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meines‘ oder zumindest ein (Mit-)Geteiltes ist. Damit wird die getanzte Auto-
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Bio-Graphie als Choreo-Graphie zu einem räumlich-zeitlichen Arrangement
|
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von heterogenem Material, worüber sich ein ‚Selbst‘ auf der Bühne performa-
|
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tiv herstellt. Kohärenz wird dabei genauso infrage gestellt, wie sie als Begeh -
|
||
ren an die Zuschauenden delegiert wird, die wiederum aufgefordert sind, über
|
||
ihre Rezeptionsleistung, über ihre Ein-Bildungs-Kraft so etwas wie eine eigene
|
||
Kohärenz zu stiften.
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Wayne McGregors Autobiography (2017)
|
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Einen ganz anderen Zugang zu choreographierten Lebensgeschichten wählt
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||
der Brite Wayne McGregor. Wäre da nicht der Titel des Stücks, Autobiogra
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phy, man käme aufgrund der reinen Anschauung wohl nicht darauf, dass es im
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||
Stück um Auto-Bio-Graphie geht. Der*die Rezipient*in bekommt 80 Minu -
|
||
ten lang hochästhetisiert getanzte Episoden zu sehen, zu denen jeweils Be tite-
|
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lungen projiziert werden, die nummeriert sind.27 Dort ist zu lesen: „1 avatar“28,
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dann, in weiter nicht chronologischer Reihung, beispielsweise „16 world“29 oder
|
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26 Post: Beautiful Cutting Up; vgl. dazu auch die Resonanz des Rezensenten: „There is no
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||
way you can capture everything and remember everything. Hunter reminded me of that feel -
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ing. It presents someone trying to tell you about everything.“ (Ebd.)
|
||
27 Für meine Analyse greife ich auf eine Aufzeichnung vom 07 . Oktober 2017 im Sad -
|
||
ler’s Wells zurück, die mir freundlicherweise von der Company zur Verfügung gestellt
|
||
wurde: Vimeo, 07 .10.2017 . https:/ /vimeo.com/277430565 (passwortgeschützt, Zugriff am
|
||
28.11.2018).
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28 McGregor: Autobiography, 00:00:23–00:00:24 min.
|
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29 Ebd., 00:10:32–00:10:36 min.
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262
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||
„7 traces“30 oder „19 ageing“31, schließlich „23 choosing“32. Die zehn virtuosen,
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Ballett- und Contemporary-trainierten Tänzer*innen reagieren mit Soli, Duos
|
||
und Gruppenformationen in unterschiedlichen Bewegungsqualitäten auf die
|
||
Kompositionen der Elektronikmusikerin Jlin. Im Zusammenspiel von Cho -
|
||
reographie, Musik, ambitioniertem Lichtdesign33, Projektionen und Bühnen-
|
||
elementen34 (wie etwa hoch- und herunterfahrende Metallgestelle) werden ganz
|
||
unterschiedliche Stimmungen erzeugt.
|
||
Autobiography wäre als ein rein formalästhetisches Stück rezipierbar, trüge
|
||
es, wie gesagt, nicht diesen Titel, der ihm explizit noch weitere Bedeutungs -
|
||
ebenen unterlegt. Was nun aber ist an dieser choreographischen Arbeit auto -
|
||
biographisch? – fragt man sich unweigerlich. Man kann den Titel auch wieder
|
||
30 McGregor: Autobiography, 00:33:12–00:33:28 min.
|
||
31 Ebd., 00:45:24–00:45:36 min.
|
||
32 Ebd., 01:13:11–01:13:21 min.
|
||
33 Verantwortlich für das Lichtdesign: Lucy Carter.
|
||
34 Bühne und Projektion: Ben Cullen Williams.
|
||
Abb. 2: James Pett in Company Wayne McGregor: Autobiography, Sadler’s Wells, 2017 .
|
||
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|
||
263
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||
als Angebot eines autobiographischen Pakts begreifen, der – wie bereits ausge -
|
||
führt – zunächst einfach dadurch gegeben ist, dass „der Autor oder die Autorin
|
||
in einer ‚Erklärung‘ versichert, das Werk sei autobiographisch“, wobei die Rezi-
|
||
pierenden das dann akzeptieren müssten, damit der Pakt funktioniert. 35 Die
|
||
Erklärung ist im Falle von McGregors Stück durch den Titel und außerdem
|
||
durch dramaturgische Paratexte vorhanden, worauf noch einzugehen sein wird.
|
||
Die Frage ist aber zunächst, ob das Stück auch von den Zuschauenden als auto-
|
||
biographisch akzeptiert wird.
|
||
Im Unterschied zu Meg Stuarts Hunter scheint Autobiography als Gruppen -
|
||
stück noch weiter von der Einlösung eines diesbezüglichen rezeptiven Agree -
|
||
ments entfernt. Denn: Weshalb wird den Zuschauenden überhaupt ein auto-
|
||
biographischer Pakt angeboten? Und: Wer steht hier für den Begriffsteil ‚auto‘?
|
||
Der Choreograph oder die einzelnen Tänzer*innen? Wessen Leben wird hier
|
||
geschrieben? Von wem genau und wie? Wer sich auf diese Fragen einlässt und
|
||
damit auf McGregors Bedeutungsspiel eingeht, findet Antworten zunächst in
|
||
T exten zum Stück. So schreibt etwa die Dramaturgin Uzma Hameed zur Rele-
|
||
vanz und zum Verständnis von Autobiographie als Genre:
|
||
Im Zeitalter von Virtual Reality und Social Media ist das Genre der Autobiographie
|
||
lebendig wie selten, vielleicht nicht klassisch als Buch mit langweiligen Details.36
|
||
Autobiography – dies suggeriert das Zitat – funktioniert offenbar anders als eine
|
||
gedruckte, verbale Autobiographie. Die Lesenden des dramaturgischen T extes
|
||
erfahren, dass McGregor sich zwar vom klassischen Autobiographie- Begriff
|
||
(durchaus wertend) distanziert, ihn als „Auto / Bio / Graphie“ aber dennoch
|
||
wörtlich nimmt, indem er einerseits angibt, dessen „Bestandteile […] = Selbst,
|
||
Leben und Schreiben“ zu untersuchen.37 Andererseits hinterfrage er die „geschich-
|
||
tete […] und vergängliche Vorstellung von einer Lebensgeschichte“38:
|
||
35 Holdenried: Autobiographie , S. 27 .
|
||
36 Uzma Hameed: Life (Re-)Writing. In: Company Wayne McGregor. Autobiography.
|
||
Abendzettel. In: Kampnagel , 2018. http://www.kampnagel.de/media/file/Sommerfestival_
|
||
2018/Abendzettel_Wayne_McGregor (Zugriff am 14.09.2018), S. 2.
|
||
37 Ebd.
|
||
38 Ebd.
|
||
|
||
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|
||
264
|
||
Das Leben, das Wayne McGregor interessiert[,] ist aber die veränderliche Gegenwart,
|
||
die von Moment zu Moment unwiederholbar zu einer Reihe möglicher Zukünfte
|
||
wird. „Eine Autobiografie muss nicht […] erinnernd sein“, sagt er. „[…] Dein Leben ist
|
||
zu jedem Zeitpunkt brüchig, vielschichtig. Es ist die Summe deiner Eindrücke und
|
||
Erfahrungen, was du liest oder denkst, mit wem du zusammen bist. Es existiert durch
|
||
die Zeit hindurch und trotzdem wird verlangt, dass man es bequem chronologisch
|
||
ordnet – und es in etwas verwandelt, das narrativ Sinn macht.“39
|
||
Einem klassischen narrativen Sinn stellt McGregor mit Autobiography einen
|
||
verkörperten entgegen, wobei der Verkörperung hier eine brüchige sowie gleich-
|
||
zeitig komplexe Zeiterfahrung innewohnt und sie als Experiment, als Versuchs-
|
||
anlage zu verstehen ist.
|
||
Signifikant ist beim eben Zitierten, insbesondere bei den Passagen von Mc -
|
||
Gregor, die (chronologische) Zeitordnung, die er anspricht und womit er auf ein
|
||
klassisches Verständnis von Autobiographie referiert, um dieses gleich wieder
|
||
zu hinterfragen. Allerdings weist auch die Literaturwissenschaftlerin Micha -
|
||
ela Holdenried darauf hin, dass das Genre Autobiographie längst nicht mehr
|
||
(nur) von einer „lebensgeschichtlichen Chronologie“ ausgeht; an deren Stelle
|
||
träten „[d]issoziierte Chronologie[n] und vitale Zeitordnung[en]“.40 Auf vitale
|
||
Zeitordnungen fokussiert auch McGregor.
|
||
Die Autobiographie schreibt sich da – zumal es sich um ein Gruppenstück han-
|
||
delt – gewiss nicht linear eindimensional. Sie wird vielmehr in mehrere, vorsätz-
|
||
lich auseinanderdriftende, aber einander auch immer wieder berührende Hand-
|
||
lungsstränge aufgesplittet. Zur Konzeption lesen wir von der Dramaturgin:
|
||
Zum ersten Teil, „Selbst“, hat McGregor mit seinen zehn Tänzer*innen Choreo -
|
||
grafien entwickelt, die auf alten Notizen, persönlichen Erinnerungen, Kunstwerken
|
||
und Musik basieren, die in seinem Leben wichtig waren. Einzelne Teile basieren bspw.
|
||
auf einem Schulfoto, auf einem Gedicht […]. Aus diesen Elementen ist eine ‚Biblio -
|
||
thek‘ von Bewegungen entstanden: dreiundzwanzig „Bände“ eines Lebens.41
|
||
39 Hameed: Life (Re-)Writing, S. 2.
|
||
40 Holdenried: Autobiographie , S. 46.
|
||
41 Hameed: Life (Re-)Writing, S. 2.
|
||
|
||
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|
||
265
|
||
Dies erfahren wir als Erklärung dafür, wie verschiedene autobiographische
|
||
Recherchen in das Stück eingeflossen sind. Einerseits erzählen die einzelnen
|
||
Tänzer*innen demnach tanzend aus McGregors (eigenem) Leben, was dann als
|
||
im Ensemble verkörperte Auto-Bio-Graphie des Choreografen präsentiert wird.
|
||
Dieser Umstand, dass in Autobiography nicht eine Person, sondern mehrere
|
||
auf der Bühne stehen, bildet einen markanten Unterschied zu Stuarts Hunter.
|
||
Während bei McGregor der Autor und die ‚Mittel‘ der Erzählung, die Tanzen-
|
||
den, zunächst zwei Instanzen sind, fallen diese in den getanzten Passagen bei
|
||
Stuart, die als Choreographin und als Tänzerin fungiert, zusammen. Und den-
|
||
noch verhält sich die Auto-Bio-Graphie beider Stücke ähnlich, wenn man sie so
|
||
versteht, dass das Leben des Autors, der Autorin in dem von ihm/ihr entworfe-
|
||
nen Tanz verkörpert wird. Gleichwohl sich die Differenz von performativer Ver-
|
||
körperung und verkörperter Performance nie ganz auflöst, wird bei McGregor
|
||
der Körper der Agierenden zum Träger des Lebensentwurfs und damit – wie
|
||
die Journalistin Angela Heide in ihrer Rezension zum Stück schreibt – T eil des
|
||
„Archiv[s]“, aus dem „erinnerbare Lebensgeschichte“ geschöpft wird, obwohl
|
||
eigentlich „[n]ichts in seiner unendlichen Multidimensionalität erzählbar“ sei,
|
||
„[s]chon gar nicht das eigene Leben, das Erlebte, Beobachtete, das Übersehene,
|
||
unkonzentriert oder aus schierer Überforderung nicht Wahrgenommene“. 42
|
||
Hierbei deckt sich McGregors Arbeit offenbar mit der bei Stuart festgestellten
|
||
Reflexion von Un-/Möglichkeiten verkörperter Auto-Bio-Graphie.
|
||
Andererseits kommt allerdings bei Autobiography neben der Verteilung auf
|
||
mehrere Akteure noch eine weitere semantische Dimension hinzu. Nicht zufäl-
|
||
lig verweist der Choreograph auf die Zahl 23, hat er mit seinen Tänzer*innen
|
||
23 autobiographische Sequenzen als „Bände“ der jeweiligen „Lebens- Bibliothek“
|
||
kreiert.43 Die Zahl 23 verweist auch auf „die Anzahl der Chromosomenpaare,
|
||
die das menschliche Genom enthält“, das sich McGregor selbst „im Rahmen
|
||
der Forschungsstudie The Genetics Clinic of the Future“ hat sequenzieren las-
|
||
sen, um es im Stück Autobiography wiederum „gebrochen und abstrahiert“ als
|
||
„genetische Geschichte“ mit ihren „genomischen Prinzipien der Replikation,
|
||
42 Angela Heide: Company Wayne McGregor: Autobiography. In: Tanzschrift, 14.04.2018.
|
||
https://www.tanzschrift.at/buehne/nah-besehen/728-company-wayne-mcgregor-autobiography
|
||
(Zugriff am 29.11.2018).
|
||
43 Deren Reihenfolge und Auswahl werden bei jeder Aufführung von einem Algorithmus
|
||
(für die Software: Nick Rothwell) bestimmt, sodass – abgesehen von Anfang und Ende –
|
||
keine Vorführung identisch ist. Vgl. dazu Hameed: Life (Re-)Writing, S. 2–3.
|
||
|
||
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|
||
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|
||
Variation und Mutation“ choreographisch zu verarbeiten. 44 Die szientisti -
|
||
sche Versuchsanlage wird zum choreographischen Verfahren und damit zum
|
||
Ordnungsprinzip der verkörperten Autobiographie, wobei man den Bewe -
|
||
gungen, die dadurch generiert und gereiht werden, diese Korrelation nicht
|
||
unmittelbar ansieht. Die eigene (auto), d. h. hier auf Erinnerungen beruhende,
|
||
Geschichte wird im Stück in dem Sinne als genetische Lebensgeschichte (bios)
|
||
bzw. -struktur begriffen, als sie sich an eine naturwissenschaftlich gefasste, bio-
|
||
logische Struktur der DNA anlehnt, die – so wird es zumindest erklärt – offen-
|
||
bar dem Genom des Choreographen entspricht.45 Diese Struktur wiederum
|
||
wird dann in ein choreographisches Zufallsprinzip übertragen, indem vorgefer-
|
||
tigte getanzte Szenen ausgewählt und pro Aufführung je neu angeordnet wer-
|
||
den. Damit ergibt sich die jeweils kontingente, verkörperte Auto-Bio- Graphie.
|
||
Auch in diesem Stück wird demnach (eigenes) Leben getanzt, wenn auch dezi-
|
||
diert anders als im autobiographischen Genre üblich und überdies anders als
|
||
bei Stuart.
|
||
Die britische Journalistin Judith Mackrell schreibt zu McGregors eigenwilligem
|
||
Zugang im Guardian: „It is however entirely typical of him that the piece owes
|
||
very little to the conventions of personal memoir and that its starting point
|
||
is the science of genetics.“46 Man kann sich darüber streiten, was ein Zugriff
|
||
auf dieses naturwissenschaftliche Wissen dem Tanz bringt und wie gelungen
|
||
Mc Gregors Umsetzung diesbezüglich ist. Mein Argument ist hier aber, dass
|
||
McGregor die Vorstellung von getanzter Lebensgeschichte tatsächlich erwei -
|
||
tert, indem er seine ganz eigene, vorsätzlich divergierende Interpretation einer
|
||
möglichen Erzählung derselben präsentiert. Meg Stuart – würde ich im Ver -
|
||
gleich dazu sagen – knüpft mit ihrer verkörperten Auto-Bio-Graphie zwar an
|
||
44 Hameed: Life (Re-)Writing, S. 2.
|
||
45 „Für jede Vorstellung des Stückes wählt der Computer zufällig einen anderen Code -
|
||
abschnitt aus dem Genom des Choreografen aus, um festzulegen, welches Material das Publi -
|
||
kum sehen wird, von welchen Tänzer*innen es getanzt wird und in welcher Reihenfolge. Das
|
||
System schreibt vor, dass keine einzelne Codefolge mehr als einmal verwendet werden kann,
|
||
sodass keine zwei Aufführungen gleich sind. Wie die DNA, die durch die vier Proteinbasen
|
||
A-T-C-G in immer neuen Kombinationen kodiert wird und aus dieser Einfachheit eine ver -
|
||
blüffende Komplexität erreicht, erfindet sich AUTOBIOGRAPHY endlos neu.“ (Hameed:
|
||
Life (Re-)Writing, S. 3.)
|
||
46 Judith Mackrell: Wayne McGregor: Autobiography Review – A Mind-Boggling Mix of
|
||
Science and Sorcery. In: The Guardian, 05.10.2017 . https://www.theguardian.com/stage/2017/
|
||
oct/05/wayne-mcgregor-autobiography-review-sadlers-wells (Zugriff am 29.11.2018).
|
||
|
||
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|
||
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|
||
autobiographische Konventionen an, reflektiert diese aber durch ihren spezifi-
|
||
schen, choreographisch-performativen Zugang. Beide – Stuart und McGregor
|
||
mitsamt seinen Tänzer*innen – schreiben in ihren Stücken Lebensgeschichten,
|
||
die allerdings die chronologische, konsistente Präsentation derselben in der Ver-
|
||
körperung gerade wieder infrage stellen.
|
||
Im vorliegenden Beitrag wurde exemplarisch davon ausgegangen, dass heutige
|
||
Choreograph*innen sich einerseits auf die Suche machen nach einer Art und
|
||
Weise, wie die eigene Lebensgeschichte für die Bühne choreographiert werden
|
||
kann und andererseits – gewissermaßen umgekehrt –, was eine verkörperte,
|
||
getanzte oder eben choreographierte Autobiographie wiederum für die Refle-
|
||
xion von ‚Leben‘ und von ‚Leben schreiben‘ in unserer Kultur bedeuten kann.
|
||
Während Meg Stuart auf die körperliche Verarbeitung zielt und damit auf die
|
||
Frage, wie jemand überhaupt die Einflüsse ‚verdauen‘ [„digest“] kann, die ihn
|
||
geformt haben [„that shaped me as a person and artist?“],47 setzt McGregor
|
||
strukturell bei vitalen Ordnungssystemen an, um das performative Schreiben
|
||
des (eigenen) Lebens formal-choreographisch zu verhandeln.
|
||
Abschließend ist zwar zu konstatieren, dass bei beiden, sowohl bei Stuart wie
|
||
auch bei McGregor, die verkörperte Auto-Bio-Graphie zunächst eine Behaup-
|
||
tung ist. Als Angebot an die Zuschauenden kommt der autobiographische
|
||
Pakt nämlich vorerst verbal-diskursiv daher, d. h. er erscheint im Titel und/
|
||
oder in Aussagen zum Stück, die sich über T exte (der Dramaturgin, auf der
|
||
Homepage, in Rezensionen oder Interviews) vermitteln. Die jeweilige Aus -
|
||
handlung des autobiographischen Pakts, dessen Hinterfragung und performa-
|
||
tive Reflexion ist dann allerdings entschieden choreographisch, d. h. verkörpert,
|
||
zeitlich- räumlich präsent. Damit weisen diese Stücke über die gängigen, vor
|
||
allem literarisch-textuellen autobiographischen Genres hinaus und erproben
|
||
neue Möglichkeiten, wie heutzutage Leben geschrieben, rezipiert und reflek -
|
||
tiert werden kann.
|
||
47 Stuart / Damaged Goods: Presskit Hunter, S. 2.
|
||
|
||
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|
||
312
|
||
Autor*innen
|
||
Jörn Ahrens ist Professor für Kultursoziologie mit Schwerpunkt Transfor -
|
||
mation von Kulturen am Institut für Soziologie der Justus-Liebig- Universität
|
||
Gießen & Extraordinary Professor of Social Anthropology, North West Uni-
|
||
versity, Südafrika. Forschungsschwerpunkte: Gesellschaft, Angst, Gewalt;
|
||
populäre Medien & Kulturen (Film, Comic); Natur & Kultur; Kultur- und
|
||
Sozial theorie. Publikationen u. a. Überzeichnete Spektakel. Die Inszenierung
|
||
von Gewalt im Comic (Nomos 2019); „Die unfassbare Tat.“ Gesellschaft und
|
||
Amok (Campus 2017); Einbildung und Gewalt. Film als Medium gesellschaft
|
||
licher Konfliktbearbeitung (Bertz + Fischer 2016); hrsg. m. Paul Fleming /
|
||
Su sanne Martin / Ulrike Vedder: „Doch ist das Wirkliche auch vergessen, so ist es
|
||
darum nicht getilgt“. Beiträge zum Werk Sieg fried Kracauers (Springer 2016).
|
||
Lisa Beißwanger ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Fachgebie -
|
||
ten Architektur- und Kunstgeschichte wie auch Architekturtheorie und
|
||
-wissenschaft an der T echnischen Universität Darmstadt. Nach dem Stu -
|
||
dium der Kunstgeschichte in Freiburg im Breisgau war sie unter anderem an
|
||
der Schirn Kunsthalle Frankfurt tätig sowie als Mitarbeiterin am Institut für
|
||
Kunstpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ebendort war sie Mit-
|
||
glied des kulturwissenschaftlichen Graduiertenzentrums GCSC. Ihre in Gie -
|
||
ßen entstandene Dissertation erschien 2021 unter dem Titel Performance on
|
||
Display. Zur Geschichte lebendiger Kunst im Museum im Deutschen Kunst -
|
||
verlag. Aktuell forscht sie zu Campusarchitektur der 1960er Jahre in der
|
||
Bundes republik Deutschland im Spiegel von Systemtheorie und Kybernetik.
|
||
Hartmut Böhme , Prof. em. Dr. phil., war v. 1977 – 1993 Professor für Neu -
|
||
ere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg, 1990 – 1992 Fellow am
|
||
Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen und 1993 – 2012 Professor für
|
||
Kultur theorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt- Universität zu Ber-
|
||
lin. Zugleich Gastprofessuren in den USA (1996, 1998 u. 2008) sowie in Japan,
|
||
Italien und Deutschland. Er war u. a. Projektleiter im DFG-Sonderforschungs-
|
||
bereich „Kulturen des Performativen“, ab 1999 Betreuer im Graduierten kolleg
|
||
„Codierungen der Gewalt im medialen Wandel“ und ab 2005 Sprecher des
|
||
DFG-Sonderforschungsbereichs „Transformationen der Antike“.
|
||
|
||
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|
||
313
|
||
Gerko Egert , Tanz- und Theaterwissenschaftler an der Justus- Liebig-
|
||
Universität Gießen. Er war Vertretungsprofessor an der Freien Universität Ber-
|
||
lin und der HBK Braunschweig. Er lehrt und forscht zu Philosophien und Poli-
|
||
tiken der Bewegung, menschlichen und nicht-menschlichen Choreographien,
|
||
Tanz und Performance seit dem 20. Jh. sowie Vermittlung in den performativen
|
||
Künsten. Neben seiner Dissertationsschrift Berührungen. Bewegung, Relation
|
||
und Affekt im zeitgenössischen Tanz (Transcript 2016, engl. Routledge 2020)
|
||
umfassen seine Publikationen „Choreographing the Weather – Weather ing
|
||
Choreography“ (The Drama Review 2016) sowie den Sammelband Experi
|
||
mente lernen, T echniken tauschen. Ein spekulatives Handbuch (hrsg. mit Julia
|
||
Bee, Nocturne 2020). www.gerkoegert.net.
|
||
Susanne Foellmer ist Professorin in Dance Studies am Centre for Dance
|
||
Research (C-DaRE), Coventry University, UK. Forschungsschwerpunkte
|
||
sind zeitgenössischer Tanz und Performance sowie die Weimarer Zeit, mit
|
||
Fokus auf Körperkonzepte und ästhetische Theorie sowie Tanz im Kontext
|
||
von Media lität, Politizität und Historizität. Von 2014– 2018 Leitung des DFG-
|
||
Forschungsprojekts „ÜberReste. Strategien des Bleibens in den darstellenden
|
||
Künsten“. Außerdem Arbeit als Dramaturgin und künstlerische Beraterin, u. a.
|
||
für Helena Botto, Tanzcompagnie Rubato, Isabelle Schad, Meg Stuart, Jeremy
|
||
Wade. Aktuelle Publikationen u. a.: Hrsg. m. Maria Katharina Schmidt / Cor-
|
||
nelia Schmitz: Performing Arts in Transition. Moving Between Media (Rout -
|
||
ledge 2019); hrsg. m. Margreth Lünenborg / Christoph Raetzsch: Media
|
||
Practices, Social Movements, and Performativity (Routledge 2018) sowie On
|
||
Remnants and Vestiges. Negotiating Persistence and Ephemerality in the Per
|
||
forming Arts (Routledge, im Erscheinen).
|
||
Sabine Huschka arbeitet und lebt als Tanz- und Theaterwissenschaftlerin
|
||
in Berlin und ist z. Zt. Projektleiterin des Bildungsprojekts „InKüLe –
|
||
Innovationen für die Künstlerische Lehre“ an der Universität der Künste Ber-
|
||
lin, gefördert von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre. Zuvor leitete
|
||
sie das DFG-Forschungsprojekt „Transgressionen. Energetisierung von Kör -
|
||
per und Szene“ (2015– 2020) am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz der
|
||
UdK Berlin. Habilitiert an der Universität Leipzig im Fach Theaterwissen -
|
||
schaft mit einer Studie zur Wissenskultur Tanz. Der choreografierte Körper im
|
||
Theater hatte sie diverse nationale und internationale Vertretungsprofessuren
|
||
|
||
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|
||
314
|
||
für Performance Studies, Theater- und Tanzwissenschaft inne. Wichtigste
|
||
Publikatio nen: Choreographierte Körper im theatron. Auftritte und Theorie
|
||
ästhetischen Wissens (Epodium 2020); hrsg. m. Barbara Gronau: Energy and
|
||
Forces as Aesthetic Interventions. Politics of Bodily Scenarios (Transcript 2019);
|
||
Hrsg.: Wissenskultur Tanz. Historische und zeitgenössische Vermittlungsakte zwi
|
||
schen Praktiken und Diskursen (Transcript 2009); Moderner Tanz. Konzepte –
|
||
Stile – Utopien (Rowohlt 2002 / 2012). www.tanz-wissen.de.
|
||
Bojana Kunst ist Philosophin, Tanz- und Performancetheoretikerin und Dra-
|
||
maturgin. Sie ist Professorin am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft
|
||
der Justus-Liebig-Universitat in Gießen und Direktorin des Internationalen
|
||
Masterstudiengangs „Choreographie und Performance“. Sie widmet ihre For-
|
||
schungsarbeit und ihre Unterrichtstätigkeit vor allem der Philosophie, der
|
||
Theo rie des Körpers, theoretischen Konzepten der Choreographie und der
|
||
Dramaturgie. In den letzten Jahren verschrieb sie sich vor allem der Reflexion
|
||
umfassenderer ästhetischer und politischer Prozesse in der Choreographie und
|
||
der darstellenden Kunst. http:/ /kunstbody.wordpress.com.
|
||
Kirsten Maar ist Juniorprofessorin für Tanzwissenschaft an der Freien Uni -
|
||
versität Berlin. Von 2007– 2014 arbeitete sie als Wissenschaftliche Mitarbei -
|
||
terin am SFB 626 „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der
|
||
Künste“, ebenfalls an der FU Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen
|
||
choreographische Verfahren im 20. Jahrhundert, Entgrenzungen zwischen
|
||
Choreographie, Architektur und Kunst sowie Raumkonzeptionen und deren
|
||
kin ästhetische Erfahrung.
|
||
Sebastian Matthias arbeitet seit 2010 als freischaffender Choreograph und
|
||
seit 2019 als Tanz- und Kulturwissenschaftler an der HCU Hamburg. Er stu-
|
||
dierte Tanz an der Juilliard School in New York und Tanzwissenschaft an der
|
||
Freien Universität Berlin. Sein Dissertationsprojekt erschien 2018 unter dem
|
||
Titel Gefühlter Groove – Kollektivität zwischen Dancefloor und Bühne (Tran-
|
||
script 2018). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören partizipative künst-
|
||
lerische Forschung sowie Bewegung und Musik mit digitalen Medien.
|
||
|
||
## Page 23
|
||
315
|
||
Katja Schneider ist Professorin für Tanztheorie an der Hochschule für Musik
|
||
und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Von 2004 bis 2019 lehrte sie
|
||
am Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität Mün-
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chen, dem sie auch als Wissenschaftliche Mitarbeiterin angehörte. Sie habili -
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tierte sich 2013 mit der Schrift Tanz und Text. Zu Figurationen von Bewegung
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und Schrift (Kieser 2016). Als Redakteurin arbeitete sie für die Fach magazine
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tanzdrama, tanzjournal und tanz (1992–2012), als Dramaturgin ist sie für das
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Münchner Festival „Dance“ tätig. Jüngste Publikationen (Auswahl): Wie ste-
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hen? Ein Vorschlag zur Kombination von Tanz- und Bewegungsanalyse mit
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Kontextualisierungs- und Referenzialisierungsstrategien. In: Christopher
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Balme / Berenika Szymanski-Düll (Hrsg.): Methoden der Theaterwissenschaft
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(Narr Francke Attempto 2020), S. 199–220; Hrsg: Das Rauschen unter der
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Choreographie. Überlegungen zu Stil (Narr Francke Attempto 2019); Hrsg. m.
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Burcu Dogramaci: „Clear the Air“. Künstlermanifeste seit den 1960er Jahren.
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Interdisziplinäre Positionen (Transcript 2017).
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Gerald Siegmund, Studium der Theaterwissenschaft, Anglistik und Romanis-
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tik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, ist Professor für Angewandte
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Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zwischen 2005
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u. 2008 war er Assistenzprofessor am Institut für Theaterwissenschaft der Uni-
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versität Bern, Schweiz. Von 2015–2018 war er Leiter des DFG-Projekts „Theater
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als Dispositv“. Er ist Mitglied der dezentralen DFG-Forschungsgruppe 2734
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„Krisengefüge der Künste“. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Theater
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seit den 1960er Jahren, Theatertheorie, Ästhetik, Entwicklungen im zeitgenös-
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sischen Tanz und im postdramatischen Theater im Übergang zur Performance
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und zur bildenden Kunst. Zuletzt erschienen: Jérôme Bel. Dance, Theatre, and
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the Subject (Palgrave MacMillan 2017) und Theater und Tanzperformance zur
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Einführung (Junius 2020).
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Christina Thurner ist Professorin für Tanzwissenschaft am Institut für
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Theater wissenschaft der Universität Bern. Forschungsschwerpunkte sind Tanz-
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ästhetiken und -diskurse vom 18. bis 21. Jahrhundert, Tanzhistoriographie und
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-kritik. Derzeit leitet sie das vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Pro-
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jekt „Auto_Bio_Grafie als Performance. Ein tanzhistoriografisches Innovations-
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feld“ (https:/ /www.theaterwissenschaft.unibe.ch/forschung/projekte/
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laufende_projekte/auto_bio_grafie_als_performance/index_ger.html). Jün -
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gere monographische Publikationen: Rhythmen in Bewegung. Äußere, eigene
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und verkörperte Zeitlichkeit im künstlerischen Tanz (Wehrhahn 2017); Tanz
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kritik. Materialien (1997 – 2014) (Chronos 2015).
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Birgit Wiens ist Dozentin (PD) und Senior Researcher am Institut für
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Theater wissenschaft der LMU München. Zuletzt realisierte sie, gefördert im
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Heisenberg-Programm der DFG, das Forschungsprojekt „Szenographie: Epis-
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teme und ästhetische Produktivität in den Künsten der Gegenwart“. Buch -
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publikationen u. a. Intermediale Szenographie. Raum Ästhetiken des Theaters
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am Beginn des 21. Jahrhunderts (Fink 2014, Habilitationsschrift); Hrsg.: Con
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temporary Scenography. Practices and Aesthetics in German Theatre, Arts and
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Design (Bloomsbury 2019).
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Abbildungsverzeichnis
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Sabine Huschka / Gerald Siegmund: Einleitung
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Abb. 1: Musik- und T anznotation mit zwei gespiegelten Figurinen aus Kellom T omlinson:
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The Art of Dancing, 1735. Aus: Kellom T omlinson: The Art of Dancing Explained
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by Reading and Figures Whereby the Manner of Performing the Steps Is Made Easy
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by a New and Familiar Method , printed for the author. London 1735, S. 200.
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Kolo rierte Reproduktion: Selected Plates from The Art of Dancing Explained by
|
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Reading and Figures, 1735. Jerome Robbins Dance Division, The New Y ork Pub-
|
||
lic Library Digital Collections. Bereitgestellt am 02.07.2019. http://digitalcollections.
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||
nypl.org/items/918f4f00-f27c-0132-dd55-58d385a7b928.
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||
Gerald Siegmund: Überlegungen zu einem V erständnis von Choreographie als
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||
Kulturtechnik
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||
Abb. 1: William Forsythe: Choreographers Handbook, Installation, Neues Museum W ei-
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||
mar, 2013. © Julian Gabriel Richter.
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||
Sabine Huschka: Erweiterte Choreographie
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||
Abb. 1: Alexandra Pirici: Choreographies of Past Few Months, 2020 (Auszug T afel 1).
|
||
© Bildkomposition der im Internet veröffentlichten Photos: Alexandra Pirici.
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Abb. 2: Alexandra Pirici: Choreographies of Past Few Months, 2020 (Auszug T afel 3).
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||
© Bildkomposition der im Internet veröffentlichten Photos: Alexandra Pirici.
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||
Abb. 3: Mette Ingvartsen: The Artificial Nature Project, 2012. © Jan Lietart.
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||
Abb. 4: Mette Ingvartsen: The Artificial Nature Project, 2012. © Hans Meijer.
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||
Birgit Wiens: Interdependenzen zwischen Choreographie und Szenographie in der
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||
Gegenwartskunst
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Abb. 1: Virgis Poudziunas, Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola und Orlando Rodriguez in
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||
Sasha W altz & Guests: Dialoge – Figure Humaine, Elbphilharmonie Hamburg,
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||
2017. © Bernd Uhlig.
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Abb. 2: Bauhausbühne, Leitung Oskar Schlemmer, Raum- und Bewegungsstudie Equili
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||
bristik, mit Heinz Loew, W olfgang Hildebrandt, Lou Scheper, W erner Siedhoff,
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||
Andor W eininger, 1927. Irene Bayer (zugeschrieben). © Bauhaus-Archiv Berlin.
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Abb. 3: Szene mit Eliza Douglas und Franziska Aigner in Anne Imhof: Faust, Deutscher
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||
Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di V enezia, 2017.
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||
Courtesy Deutscher Pavillon 2017, Anne Imhof. © Nadine Fraczkowski.
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Abb. 4: Szene mit Stine Omar in Anne Imhof: Faust, Deutscher Pavillon, 57. Internatio-
|
||
nale Kunstausstellung – La Biennale di V enezia, 2017. Courtesy Deutscher
|
||
Pavillon 2017, Anne Imhof. © Nadine Fraczkowski.
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Abb. 5: Szene mit Lea W elsch, Billy Bultheel, Emma Daniel, Franziska Aigner und Mickey
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Mahar in Anne Imhof: Faust, Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaus -
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||
stellung – La Biennale di V enezia, 2017. Courtesy Deutscher Pavillon 2017, Anne
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||
Imhof. © Nadine Fraczkowski.
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||
Abb. 6: Szene mit Eliza Douglas in Anne Imhof: Faust, Deutscher Pavillon, 57. Internatio-
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||
nale Kunstausstellung – La Biennale di V enezia, 2017. Courtesy Deutscher
|
||
Pavillon 2017, Anne Imhof. © Nadine Fraczkowski.
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||
Katja Schneider: Archivieren, Choreographieren, Kuratieren
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Abb. 1: Ansicht der Videoinstallation von Hwayeon Nam im Koreanischen Pavillon auf
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der Biennale di V enezia 2019. © The Korean Pavilion at the 58 th International Art
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Exhibition of La Biennale di V enezia 2019, Photo: Andreas Meichsner.
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Abb. 2: Eines der Plakate zur Ausstellung im Koreanischen Pavillon auf der Biennale di
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V enezia 2019. Im Schriftzug eine historische Photographie der Tänzerin und
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||
Choreographin Choi Seung-hee. © The Korean Pavilion at the 58 th International
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||
Art Exhibition of La Biennale di V enezia 2019.
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Abb. 3: Unter ihrem japanischen Namen Sai Shoki trat Choi Seung-hee 1938 in New
|
||
Y ork auf. Anzeigenausschnitt im Video-Still aus Hwayeon Nams Multi-Channel-
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||
Videoinstallation Dancer from the Peninsula. Aus: Hyunjin Kim (Hrsg.): History
|
||
Has Failed Us, but No Matter. siren eun young jung, Hwayeon Nam, Jane Jin Kaisen.
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||
The Korean Pavilion at the 58 th International Art Exhibition of La Biennale di
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||
Ve n e z i a. Ausstellungskatalog. Mailand: Mousse 2019, S. 16 (Abb. 6).
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||
Abb. 4: Video-Still mit zwei historischen Photographien von Choi Seung-hee, aus
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||
Hwayeon Nams Multi-Channel-Videoinstallation Dancer from the Peninsula.
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Aus: Kim (Hrsg.): History Has Failed Us, Abbildung im Katalog, o. P.
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Abb. 5: Kontrastiert sind die historischen Aufnahmen mit Füßen der Tänzerin von heute –
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die Installation kombiniert historische Dokumente mit Aufnahmen von Blüten,
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Gliedmaßen, Lichteffekten und zeitgenössischem T anz. Im Katalog zur Ausstel-
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lung im Koreanischen Pavillon sind Abb. 4 und Abb. 5 auf einer Doppelseite
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||
gegenübergestellt. Video-Still aus Hwayeon Nams Multi-Channel-Videoinstallation
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||
Dancer from the Peninsula. Aus: Kim (Hrsg.): History Has Failed Us, Abbildung
|
||
im Katalog, o. P.
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||
Lisa Beißwanger: Museumschoreographie: Mehr als eine Metapher?
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||
Abb. 1: Merce Cunningham: Event #32. Performance: Merce Cunningham Dance Com-
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pany, W alker Art Center, Minneapolis, 12.03.1972. Kunstwerk: Mario Merz:
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||
Fibonacci Igloo, 1972. © James Klosty.
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||
Bojana Kunst: On Threads and Knots of Practice
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||
Fig. 1: Ivana Müller and Gaëlle Obiégly: Entredeux, 2019. FAR° Festival des arts vivants,
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||
Nyon (CH). © Arya Dil.
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||
Fig. 2: Ivana Müller and Gaëlle Obiégly: Entredeux, 2019. FAR° Festival des arts vivants,
|
||
Nyon (CH). © Arya Dil.
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||
Fig. 3: Ivana Müller and Gaëlle Obiégly: Entredeux, 2019. FAR° Festival des arts vivants,
|
||
Nyon (CH). © Arya Dil.
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||
Christina Thurner: Choreo-Graphie als Auto-Bio-Graphie
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Abb. 1: Meg Stuart / Damaged Goods: Hunter, 2014. © Iris Janke.
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||
Abb. 2: James Pett in Company W ayne McGregor: Autobiography, Sadler’s W ells, 2017.
|
||
© Andrej Uspenski.
|
||
Sebastian Matthias: Choreographien der Angleichung
|
||
Abb. 1: dyloustyle: Fortnite T anz, Screenshot, Tik T ok, 27.04.2018. © https://www.tiktok.
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com/@dyloustyle/video/6549118062908412928?lang=de-DE&is_copy_
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url=1&is_from_webapp=v3.
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||
Abb.2: #shuffle. Sebastian Matthias: Handy-Screenshot, 2020. © Sebastian Matthias
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||
Abb.3: kevinbannier_: shuffleduet, Screenshot, Tik T ok, 04.03.2018. © https://www.tik-
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||
tok.com/@kevinbannier_/video/6529111437774689295?lang=de-DE&is_
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||
copy_url=1&is_from_webapp=v3.
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||
Abb. 4: poncecarlos11: Duett mit sich selbst – Videoüberlagerung als V erdopplungseffekt,
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||
Screenshot, Tik T ok, 01.04.2020. © https://www.tiktok.com/@poncecarlos11/
|
||
video/6810530619211238662?lang=de-DE&is_copy_url=1&is_from_
|
||
webapp=v3.
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||
Dieses Buch entstand im Rahmen der Forschungsarbeit im DFG Forschungsprojekt
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„Transgressionen“, das am HZT (Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz) und der
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Universität der Künste Berlin beheimatet war. Dabei geht der Band zurück auf die Konferenz
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||
„Choreographie als Kulturtechnik“, die in Kooperation mit dem Institut für Angewandte
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||
Theaterwissenschaft der Justus Liebig Universität Gießen dort veranstaltet wurde. Gedruckt
|
||
wurde es mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die
|
||
Herausgeber*innen danken Eva Holling für ihre umsichtige redaktionelle Mitarbeit am
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||
vorliegenden Band.
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
|
||
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
|
||
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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||
© 2022 Neofelis Verlag GmbH, Berlin
|
||
www.neofelis-verlag.de
|
||
Alle Rechte vorbehalten.
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||
Umschlaggestaltung & Zwischenseiten: Eike Dingler
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||
Lektorat & Satz: Neofelis Verlag (jn / vf)
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||
Druck: Drusala s. r. o., Frýdek-Místek (CZ)
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||
Gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier.
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ISBN (Print): 978-3-95808-343-1
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ISBN (PDF): 978-3-95808-394-3
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Das HZT Berlin wird getragen von der Universität der Künste Berlin und der Hochschul e
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||
für Schauspielkunst Ernst Busch in Kooperation mit dem Netzwerk TanzRaumBerlin.
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