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| choreo | 2026-02-23 16:05:25 | choreo.pdf |
choreo
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Choreographieren - Gabriele Langer - 2. Norddeutsches Cuertreffen 11.-13. Juni Berlin Seite 1 Choreographieren - selber Tänze schreiben(Handout für das 2. Cuertreff Nord 11.-13. Juni in Berlin)Gabriele LangerWelche Tänze/Choreographien haltet Ihr für erfolgreich / tanzt Ihr gerne?Was macht erfolgreiche Tänze/Choreographien erfolgreich?• tolle Musik! (gute Laune, emotionaler Faktor)• guter Bodyflow• Schritte passen gut auf die Musik (Charakter, Rhythmus, besondere Stellen, Struktur)• abwechslungsreich (nicht zu viele Wiederholungen)• interessante Stellen (Gimmicks, modifizierte Figuren, Highlights, ungewöhnliche Stellen,hochphasige Figuren) => für den Tänzer neue, interessante Figuren• richtige Balance zwischen Schwierigkeit (Herausforderung) und Tanzbarkeit (Erfolg,Entspannung)• richtiger Schwierigkeitsgrad: erlernbar, merkbar (abhängig von den Vorkenntnissen)• nachvollziehbare, verständliche, eindeutige Cues• bekannter Choreograph => bekannte Qualität wird erwartet/vorausgesetzt• richtige Präsentation, Promotion, wann und wo und von wem geworkshopt?z.B. im Repertoire, Hall of Fame, etc.• Häufigkeit des Vorkommens auf Veranstaltungen, Verbreitung durch andere Cuer• Zugänglichkeit des Cuesheets: Fineprint vorhanden? allen zugänglich? (Internet)• Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, Vollständigkeit und Verlässlichkeit des Fineprints• Zugänglichkeit der Informationen zur Musik (hoffentlich auf dem Cuesheet!)• Zugänglichkeit der MusikSelbst eine Choreographie schreibenEinen Tanz zu schreiben hat zwei Aspekte: einen handwerklichen und einen künstlerischen.Zum künstlerischen Aspekt - Inspiration, Kreativität, Genialität, Innovation - kann ich nichtviel sagen. Hier muss wohl jeder seine eigene Muse finden, die ihn küsst.Aber, wie der berühmte Erfinder Thomas Alva Edison (über 2000 Patentanmeldungen) sagte:"Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration."Auch ein Künstler muss die Handwerkstechniken seines Faches kennen - und sei es nur, umsich in einem bewussten künstlerischen Akt über die Konventionen hinwegsetzen zu können.Wer die handwerklichen Regeln und Konventionen jedoch nur deshalb nicht einhält, weil ersie nicht kennt, kann weder als Künstler noch als guter Handwerker gelten.Wenden wir uns also der handwerklichen Seite des Choreographierens zu.Es gibt drei Voraussetzungen, die helfen, eine gute Choreographie zu schreiben:1. Gefühl für Musik entwickeln• Rhythmus• Strukturen von Musikstücken: Takte, Phrasen, Parts, Intro, Bridge, Interlude, Ending,Wiederholungen, Variationen• Geschwindigkeit• Charakter der Musik• Stimmung und Wirkung auf Hörer
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Choreographieren - Gabriele Langer - 2. Norddeutsches Cuertreffen 11.-13. Juni Berlin Seite 2 2. Gefühl für (fremde und eigene) Choreographien entwickeln• Tänze beurteilen lernen: was gefällt mir als Tänzer an einem Tanz und was nicht? warum?Tänze durchtanzen: wo hakt es? warum?• Tänzermeinungen beachten lernen: was gefällt anderen (nicht), warum?• Tänzer beim Tanzen beobachten: Was macht ihnen Spaß? Wo scheitern sie? Warum? Istdas Scheitern choreographiebedingt?• Welche Tänze halte ich/halten andere für erfolgreich (Liste erstellen)? Was macht denReiz jedes einzelnen Tanzes aus? Was haben diese Tänze gemeinsam?• Cuesheets ausarbeiten (Fineprints intensiv durcharbeiten), Workshops intensivvorbereiten, problematische Stellen entdecken, aus den Fehlern anderer lernen• welche Fineprints lege ich unausgearbeitet beiseite? warum?• selbst Choreos schreiben, aus eigenen Fehlern lernen, Kritik einholen, Feedback beachten3. Tänzerisches Fachwissen erarbeiten• Selbst tanzen, zu Veranstaltungen gehen, an Workshops teilnehmen, anderen Cuern beiWorkshops (auch schon bekannter Tänze und Figuren) zuhören, das eigene tänzerischeKönnen verbessern• Roundalab Definitions lesen, durcharbeiten (immer mal wieder für einzelne Figuren)• Fineprints genau lesen, durcharbeiten (z.B. beim Short Cues erstellen)• an Cuerfortbildungen teilnehmen (z.B. ECTA Konvention), theoretische Artikel (z.B.vom Round Dance Coordinator im Bulletin) lesen• URDC Technical Manual, Schrittbeschreibungen anderer Cuer lesen• Fachliteratur aus dem Gesellschafts- oder Turniertanz lesen• über Figuren, die man in eine eigene Choreographie einbauen will, sollte man folgendeswissen (wichtig vor allem auch für einen angenehmen, korrekten Bodyflow):• richtiger, offizieller, aktueller Cueterm• Ausgangsposition mit typischer Ausrichtung im Raum (z.B. Semi Closed Position,facing Diagonally Line and Center - für den Weave 6 )• offizielle Roundalab Definition• normaler, typischer Drehgrad (z.B. Open Impetus: normalerweise 3/8 rightface)• Endposition mit typischer Ausrichtung im Raum (z.B. Contra Banjo Position, Manface diagonally Line and Wall - wieder beim Weave 6)• Standard-Timing und mögliche Timingvarianten• Welcher Phase gehört diese Figur an? Die eigene Choreographie - Schritt für Schritt1. Musik aussuchen (je nach Ziel siehe unten)• Eignet sich die Musik überhaupt zum Tanzen? (Rhythmus, Geschwindigkeit etc.)• Welcher Rhythmus passt zu der Musik?• Welche Stimmung transportiert die Musik? Aus welcher Zeit stammt das Lied,welchen Zeitgeist transportiert es?• Was sagt der Text des Liedes? Wer singt das Lied?• Welche Art von Tanz passt zur Musik (ernst, fröhlich, Gute-Laune-Tanz,anspruchsvoll, zum Träumen, zum entspannten und gemütlichen Tanzen)?• Ist die Musik frei verfügbar (frei zu kaufen), nicht vergriffen?2. Ziel festlegen (Zielgruppe? Welche Art von Tanz soll es werden? Rhythmus? Level?)• didaktischer Tanz (sollen bestimmte Figuren (nicht) vorkommen? nur für die Class?)• für Anfänger - dann Musik mit einem gut hörbaren Takt wählen!• easy, entspanntes Tanzen, zum Ausruhen der Tänzer
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Choreographieren - Gabriele Langer - 2. Norddeutsches Cuertreffen 11.-13. Juni Berlin Seite 3 • can be danced to cues• Fun-Dance (ggf. mit Gimmick)• anspruchsvoller Tanz, der Workshop benötigt• ein Hit? - dann braucht es die richtige Mischung von allem• Ausleben der eigenen Kreativität, ohne eine bestimmte Zielgruppe im SinnHinweise:• Ein leichter Tanz (z.B. Phase II-III), hat größere Chancen auf Verbreitung, da esmehr Tänzer gibt, die diesen Tanz tanzen und damit gut finden können als ein z.B.ein Phase VI Tanz.• Ein Tanz der zu Cues getanzt werden kann, lässt sich einfacher verbreiten, als einTanz, zu dem immer erst ein Workshop erforderlich ist.3.ausgesuchte Musik analysieren: Welche Struktur hat das Musikstück?Auszählen und Struktur aufschreiben: Intro, Parts, Sequenz der Parts, Bridge, Interlude,Ending - wo wiederholt sich etwas, z.B. die Melodie, der Refrain?4. Besonderheiten in der Musik finden und den richtigen Takten zuordnen:Pausen, Geschwindigkeitswechsel, Rhythmuswechsel, Synkopierungen, besondererInstrumentengebrauch (z.B. Trommeln), besonderes Highlight etc., sich bewusst machen:Gibt die Musik an einigen Stellen ein besonderes Timing vor? Welches?5. Ggf. Musik auf MD aufnehmen und so schneiden, dass man auf die einzelnen Partsgetrennt zugreifen kann (Indexpunkt z.B. genau 2 Takte vor Partbeginn setzen)6. Der Musik mehrmals gut zuhören und auf inspirative Ideen warten, kreative Ideen zubestimmten, markanten Stellen aufschreiben7. Probieren, Schritte zu Kombinationen zusammenzufügen, dabei immer wieder auf Musikhören, ggf. aufstehen und sich spontan zur Musik bewegen: was will mein Körper zudieser Musik tun?Beachten:• Sich in der Musik wiederholende Parts sollten sich auch in der Choreo wiederholen(entweder genau oder variiert), trotzdem genügend Abwechslung bieten• Timing der Schritte sollten - vor allem bei besonders markanten Stellen - möglichstmit dem Timing in der Musik übereinstimmen (das ist kein Muss, wird aber vonTänzern als angenehm empfunden und erleichtert das lernen und tanzen)• Zu Beginn einer neuen Phrase sollte auch eine neue Figur beginnen, d.h. mehr-taktige Figuren (z.B. Diamond Turn) sollten sich nicht über Phrasengrenzen ziehen• In der Regel sollten die meisten Figuren auf ungeraden Takten beginnen (z.B. 2Fwd Twos sollten normalerweise in Takt 1, 3, 5 oder 7 einer Phrase beginnen.)• Ausgangs- und Endpositionen (inkl. Ausrichtung im Raum) und Drehgrade derFiguren sollten i.d.R. mit der Definition übereinstimmen (andernfalls: Bodyflow-Probleme oder korrekte technische Ausführung der Schritte nicht immer möglich)• Bodyflow nicht verletzen, guter Bodyflow für alle Beteiligten: Herr, Frau, Paar• Übergänge der einzelnen Parts müssen stimmen (Position, Ausrichtung im Raum)• nur Schritte verwenden, die man selbst sicher beherrscht• modifizierte Schritte und Gimmicks, neu erfundene Schritte nur gut dosiertverwenden und nur, wenn der Tanz dadurch wirklich gewinnt - sonst weglassen• genügend Abwechslung und ggf. ein bis drei interessante Stellen einbauen• nur Schritte aus der jeweils angestrebten Phase wählen (keine Phase IV Figur ineinen Phase II Tanz einbauen!), bis zu 2 Figuren der nächsthöheren Phase sind ok8. Short Cues aufschreiben9. Prüfen• Kombinationen selbst allein und als Paar zur Musik tanzen,mehrere Tage ruhen lassen, nochmals tanzen• Übergänge von einzelnen Parts zum nächsten Part prüfen
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Choreographieren - Gabriele Langer - 2. Norddeutsches Cuertreffen 11.-13. Juni Berlin Seite 4 • Bodyflow prüfen - für Herr, Dame und Gesamtpaar• diesen Tanz im Club cuen, andere tanzen lassen, Reaktion der Tänzer beachten,sehen wo es hakt, Kritik einholen• Meinung anderer Cuer einholen (Cuesheet verschicken)• sind die Cues verständlich? eindeutig? ausreichend?• Bereitschaft zum Ändern, Nachbessern10. Fineprint schreiben• Hilfsmittel: fremde Fineprints (Vorsicht: keine Fehler übernehmen), RoundalabDefinitionen, Roundalab Cuesheet Writing Guidelines:http://www.roundalab.org/cswg/cswgindex.htm, Beispielformular für Cuesheetsvon Martin Prüfer (open Office)• Damenschritte extra aufführen, wenn nicht opposite footwork• gängige Formatierungen und Trennzeichen verwenden (, - ; / ), RoundalabKonventionen beachten)• gängige Abkürzungen verwenden, keine eigenen Abkürzungen kreieren,Abkürzungsliste: http://www.round-dance.de/notation.html• vor allem bei Gimmicks, neuen oder modifizierten Figuren genau und ausführlichgenug sein - so dass man vom Cuesheet rekonstruieren kann, was gemeint ist• genau, übersichtlich und konsistent in Struktur, Formatierung und Abkürzungen• ggf. abweichendes Timing zusätzlich nochmals gut sichtbar am Rand aufführen• Stylingangaben: Handhaltungen, Armbewegungen etc.• unbedingt Künstler, Originaltitel und legale Musikquelle auf dem Cuesheet mitangeben (z.B. Plattenlabel und -nummer, CD-Titel und -nummer.)11. Fineprint prüfen• selbst mehrmals Korrektur lesen, einige Tage liegenlassen, nochmals prüfen• einen anderen, erfahrenen Cuer Korrektur lesen lassen• andere Cuer um ihre Meinung bitten. Ideal: jemand teacht den Tanz nach demFineprint - wo sind die Angaben ungenau oder nicht eindeutig? Fehler?12. Tanz bekannt machenEs wäre doch schade, wenn ein guter neuer Tanz nicht bekannt würde! Deshalb:• selbst oft, aber gut dosiert diesen Tanz cuen (Club, Tanztreff, Jamboree, Special)• selbst teachen• Cuesheet ins Internet setzen, an Palomino und Cuesheet Magazin schicken, etc.• Cuesheet an andere, befreundete Cuer schicken• Tanz ggf. auf Round Dance Council für das Repertoire vorschlagen• akzeptieren, wenn Leute den Tanz nicht mögen oder er sich nicht durchsetztAchtung: Es ist klar, dass man auf sein eigenes Werk stolz ist, aber man solltetrotzdem Bescheidenheit üben und seine Aktivitäten wohl dosieren - möglicherweisefinden andere den Tanz nicht so toll und empfinden es als Angabe, Profilierungssuchtoder einfach nur nervig, wenn man zu oft den eigenen Tanz bringt oder daraufhinweist, dass dieser Tanz von einem selbst stammt!13. Für die Zukunft:• Feedback und Rückmeldungen beachten und daraus lernen Und jetzt viel Spaß beim Choreographieren!Ich freue mich schon auf die vielen tollen, interessanten, netten, neuen Tänze!