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title: TanzPsychotherapeutischeHilfe
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source: TanzPsychotherapeutischeHilfe.pdf
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# TanzPsychotherapeutischeHilfe
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W. T schacher, M. Storch und M. Munt: T anz: eine psychotherapeutische T echnik?
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Wolfgang T schacher, Maja Storch und Melanie Munt
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T anz: eine psychotherapeutische T echnik?
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Kann T anz als psychotherapeutische T echnik eingesetzt werden? – wir fragen nach Mög -
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lichkeiten einer Integration von T anz- und Bewegungstherapie in die Psychotherapie. Der
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besondere Bezug von T anz zum psychologischen Selbst und die Funktion von Achtsamkeit
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bei psychotherapeutischen Interventionen sprechen für diese Verbindung. Ein Überblick
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zu T anz- und Bewegungstherapie als psychotherapeutische Verfahren zur Behandlung
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von psychischen Störungen zeigt allerdings bislang einen ungenügenden Nachweis
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der Wirksamkeit. Wir vermuten, dass T anztherapie in zweierlei Hinsicht zum Fortschritt
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der Psychotherapie beitragen könnte, einerseits bei spezifischen Patientengruppen: ein
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Praxisbericht zur psychomotorischen T anztherapie bei autistischen Kindern zeigt ein
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Beispiel hierfür. W eiterhin eröffnet sich ein innovatives Feld für psychotherapeutische
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T echniken, die durch Praktiken in der T anzwelt angeregt werden können: die Notation
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von Bewegungsmustern ist ein Problem bei der Kodierung von T anz und Bewegung
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(T anz als nicht ohne W eiteres schriftlich fixierbare Kunst und Kulturform). Gerade aus
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diesem Problem heraus aber entstehen T echniken, wie die des „Markierens“, die für die
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therapeutische Anwendung vielversprechend erscheinen.
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Schlüsselwörter
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Achtsamkeit – Embodiment – Psychotherapie – T anz- und Bewegungstherapie – thera-
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peutische T echniken
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May dancing be applied as a technique in psychotherapy? We discuss the feasibility
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of integrating dance/movement therapy into psychotherapy. Dance has a specific si-
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gnificance for the psychological self; the function of mindfulness in psychotherapeutic
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interventions also speaks for the integration of the body in psychotherapy. However,
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a review of dance and movement therapies for the treatment of mental disorder has
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shown insufficient evidence of efficacy so far. We argue that dance may nevertheless
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contribute to the progress of psychotherapy. First, dance is indicated for the treatment
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of specific patient groups, as is shown in our practice report on psychomotor dance
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therapy with autistic children. Second, a novel field of psychotherapy techniques is
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opened up by specific practices used in the world of contemporary dance. There, the
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notation of movement patterns is a well-known problem, which in turn has lead to the
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development of techniques such as “marking”, which show great promise for applica-
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tions in psychotherapy.
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Keywords
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mindfulness – embodiment – psychotherapy – dance/movement therapy – therapy
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techniques
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Psychotherapie 1 9. Jahrg. 20 1 4, Bd 1 9-1 , © CIP-Medien, München
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Einleitung
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T anz als Kunstform und kulturelle Praxis existiert seit Beginn der Menschheitsgeschichte.
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T anz als Kunst ist (anders als Literatur, Lyrik oder Theater) im Kern nichtschriftlich:
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Es handelt sich um eine menschliche Ausdrucksform, die alle Kulturen bereits vor deren
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Eintritt in die Geschichtlichkeit begleitete, da sie keine Schrift und Notation voraussetzt.
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T anz hat einen besonderen Bezug zum Selbst , dem psychologischen Zentrum einer
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Person, das nicht nur durch Denken alleine erzeugt wird, sondern an das Körpergesche-
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hen gekoppelt ist (Storch & Kuhl, 2013). Körperbewegung und Körperbewusstsein sind
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fundamental für das Selbst, zumal wir uns über unsere Körpergrenzen definieren. Das
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psychologische Selbst wird nicht zuletzt wahrgenommen als das, was durch die Haut be-
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grenzt ist, und es wird repräsentiert, gerade in individualistischen Gesellschaften, durch
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den Körper: Außerhalb dieser Grenze ist nicht mehr „Selbst“, da sind die „Anderen“. Die
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Bestimmung des Selbst über den Körper hat ihre Wurzeln in der kindlichen Entwicklung:
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Sigmund Freud (1923) meinte dementsprechend, „das Ich ist vor allem ein körperliches”,
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und legte die Ursprünge des Ichs und seine Absonderung vom Es in die Körperwahr -
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nehmung. T atsächlich lernen wir vor allem durch sensomotorische Kopplung, uns als
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selbstständig handelnde Einheit, als nicht weiter teilbares „Individuum“ zu erfahren.
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Die Propriozeption, also das Wahrnehmen der Körperteile, ihrer relativen Position im
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Raum sowie der Muskelspannung, bildet dabei die sensomotorische Grundlage unserer
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Identität und Individualität (T schacher & Munt, 2013). Neurologische Fallbeispiele zei-
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gen entsprechend, dass es zu Identitätsstörungen kommen kann, wenn die Fähigkeit zur
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Propriozeption verloren geht (Sacks, 1985). Auch psychopathologische Zustände und Ich-
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Störungen bei der Schizophrenie gehen häufig mit propriozeptiven Fehlfunktionen einher.
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Im T anz steht Propriozeption explizit im Zentrum, das T anzen ist daher sehr „Selbst-nah“.
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T anz ist dabei noch mehr als nur propriozeptives Bewusstsein. Beim T anz wirken Emo-
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tionen, Kognitionen und Körper zusammen, und nahezu alle menschlichen Fähigkeiten
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werden herausgefordert. V erschiedene Emotionen werden aufgerufen und ausgedrückt; die
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Körperbewegung erfordert, dass unterschiedliche Muskelgruppen entweder ganzheitlich
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oder isoliert, selbstbestimmt oder fremdbestimmt, mit unterschiedlichen Muskelspan-
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nungen und Geschwindigkeiten funktionieren. Kognitiv werden musikalische, mathema -
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tische, visuelle, motorische V ernetzungen aktiviert, um die nötige Wahrnehmung und
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Strukturierung von Raum und Zeit zu ermöglichen, was komplexe exekutive Funktionen
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erfordert. Schließlich kommen die sozialen Aspekte des T anzes hinzu. Es gibt kaum eine
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andere Tätigkeit, die wie der T anz das Selbst derart allumfassend fordert und zugleich
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unterschiedliche Aspekte der Person koordiniert vereint: Hier ist ein Kontaktpunkt mit
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Zielen, die auch Psychotherapie hat.
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Achtsamkeit („mindfulness“) ist ein Konzept, das seit einigen Jahrzehnten in der Psy-
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chotherapie wie auch als Meditationsform im Alltagsleben zunehmenden Einfluss erlangt.
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Unter Achtsamkeit versteht man eine spezifische Form der Aufmerksamkeitslenkung auf
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den gegenwärtigen Moment hin (Kabat-Zinn, 1994); sie ist charakterisiert als Haltung mit
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folgenden Attributen: absichtsvoll, nicht wertend, offen, neugierig, nicht anhaftend und
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nicht identifiziert mit eigenen Gedanken, Emotionen oder anderen inneren Erfahrungen
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(Bergomi, T schacher & Kupper, 2013; Munt, Celestin & Celestin Westreich, in V orb.).
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Die kognitive V erhaltenstherapie beginnt sich seit einigen Jahren durch den Einbezug des
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W. T schacher, M. Storch und M. Munt: T anz: eine psychotherapeutische T echnik?
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Achtsamkeitskonzepts grundlegend zu reformieren (Hayes, Follette & Linehan, 2004).
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Dabei werden Konzepte wie Akzeptanz und Mitgefühl („compassion“) aus verschiedenen
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Meditationstraditionen in die Psychotherapie integriert.
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Bei den achtsamkeitsbasierten Psychotherapieverfahren wird insbesondere geübt, die
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Aufmerksamkeit bewusst von automatischen kognitiven Bearbeitungen weg und hin zum
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Gewahrsein von Körpersensationen und -gefühlen zu lenken. In der Praxis erfolgt dies in
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Form einer Beachtung des eigenen Atems oder eines sensorischen Durchwanderns des
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eigenen Körpers („body-scan“). Für unsere Diskussion hier ist besonders wichtig, dass
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mit achtsamkeitsbasierter Therapie das Körperbewusstsein und damit die Leiblichkeit
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von Patienten (und Therapeuten) ausdrücklich in die Therapie einbezogen wird. Im
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Achtsamkeitsansatz erkennen wir also einen weiteren Berührungspunkt zwischen Körper
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und Psychotherapie insofern, als – wie auch im T anz – explizit Körperwahrnehmung
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eingesetzt wird, um eine spezifische psychische Haltung zum Hier-und-Jetzt und ein
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deutlicheres Gewahrsein der eigenen Psyche zu gewinnen.
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Auf der Basis dieser Überlegungen müsste T anz ein wirkungsvolles Instrument zur
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Beeinflussung psychischer Zustände und Befindlichkeiten sein. Wie also steht es um
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die Belege der Wirksamkeit, wenn T anz und Bewegung tatsächlich als eigenständiges
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therapeutisches V erfahren eingesetzt werden?
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Der wissenschaftliche Stellenwert von T anz- und Bewegungstherapie
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Seit Déscartes und der Aufklärung ist unsere Kultur sehr kognitiv orientiert. Der Körper
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hat in der Wertehierarchie der westlichen Gesellschaften einen zweitrangigen Platz. Er
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wird in der Regel ignoriert und rückt in den V ordergrund unseres Bewusstseins oft nur
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dann, wenn sich Bedürfnisse aufdrängen oder Krankheiten entstehen (Fuchs, 2002). Der
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Bezug zum Körper wird zur Äußerlichkeit: Modeabhängigen V orstellungen von Ästhetik
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nachjagend sehen wir den Körper als Bild, rein visuell statt fühlend, und nehmen sogar
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den eigenen Körper aus der Perspektive eines Außenstehenden wahr, anstatt aus eigener
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Perspektive und von innen her. Unsere Körperwahrnehmung beschränkt sich auf Mo-
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mente von Hunger, Sex und Schmerz, außerhalb dieser Erfahrungen jedoch entschwindet
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der Körper unserer Aufmerksamkeit. Unsere Aufmerksamkeit ist stattdessen absorbiert
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durch Gedanken, mit Folgen für die psychische Gesundheit, wie Studien über die Ent-
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stehung von Depression zeigen (Nolen-Hoeksema, Wisco & Lyubomirsky, 2008). Der
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Mangel an Körperwahrnehmung und die daraus resultierenden psychischen Leiden sind
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ein wichtiger Grund für den Erfolg des Achtsamkeitsansatzes – Achtsamkeit wirkt dem
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depressionsauslösenden Grübeln und Ruminieren entgegen.
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T rotz der genannten Entwicklungen in der Psychologie und trotz der zeit- und kultur -
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übergreifenden Präsenz des T anzes ist auch die Wissenschaft vom T anz in der akademi-
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schen Welt nachgeordnet (de Wilde, 1995). Hierfür können unterschiedliche Gründe
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genannt werden: T anz hinterlässt keine Spuren und lässt sich wie erwähnt schwer in W orte
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oder Zeichen fassen, weswegen anders als in anderen Kulturwissenschaften das Objekt
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der Untersuchung der T anzwissenschaften schwer deskriptiv zu fassen und schriftlich
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zu benennen ist. Dies hemmt die wissenschaftliche Entwicklung und Etablierung der
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T anzwissenschaften. Ein zweiter Grund ist, dass das Christentum T anz wegen seiner W elt -
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lichkeit und Körperlichkeit seit dem Mittelalter verurteilt hat und damit die Entwicklung
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einer T anzwissenschaft auch dann noch bremste, als andere Kunstwissenschaften im 19.
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Jahrhundert aufblühten. Schließlich wurde T anz in der westlichen Kultur seit dieser Zeit,
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im Gegensatz zu anderen Genres, als eine weibliche Kunstform betrachtet. Da Frauen
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einen niedrigeren gesellschaftlichen Status genossen als Männer und weitgehend aus
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der akademischen Welt ausgeschlossen waren, hat auch dies dazu beigetragen, dass T anz
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im Hintergrund akademischer Wertschätzung blieb. In Anbetracht der T atsache, dass in
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unserer kognitiv orientierten Gesellschaft weder Körper noch T anz wirklich wertgeschätzt
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werden, wundert es nicht, dass auch die T anzwissenschaften im akademischen Interesse
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abseits stehen. Dieser T rend lässt sich dann auch im Bereich der Forschung zur T anz-
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therapie finden, wie wir im Folgenden sehen werden.
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Die therapeutischen V erfahren, die man unter der Bezeichnung T anz- und Bewegungs-
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therapie (international: dance/movement therapy, DMT) zusammenfassen kann, sind
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sehr vielgestaltig und heterogen. Koch, Kolter & Kunz (2012) geben einen Überblick
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zu Indikationen und Kontraindikationen verschiedener T anz- und Bewegungstherapien
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für bestimmte Störungsbilder und Klientengruppen. Sie unterscheiden verschiedene
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T anztherapien (Bewegungsanalyse nach Laban; Chace-Methode; Interventionen nach
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Kestenberg; Arbeit mit Körperbild; Authentische Bewegung; Spiegeln; Baum-Kreis;
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Entspannungsarbeit). Stärker noch als in der Psychotherapieszene ist der Schulencha-
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rakter des Felds der T anz- und Bewegungstherapie sichtbar. Bis auf wenige Ausnahmen
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existieren keine erkennbaren Bestrebungen zu einer Integration und V ereinheitlichung
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dieser verschiedenen V erfahren.
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V eröffentlichungen zu den Effekten der T anz- und Bewegungstherapie wurden erstmals
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von Ritter & Graff Low (1996) in einer Metaanalyse zusammengefasst. Die große Mehr -
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zahl der Studien waren Fallberichte; eingeschlossen wurden schließlich alle 23 Studien,
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die eine Kontrollgruppe beinhalteten und die Wirksamkeit mit Mittelwerten und Stan-
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dardabweichungen quantifizierten – V oraussetzung für eine Metaanalyse. Es zeigten sich
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kleine bis mittlere Effektstärken mit Ausnahme der Angstbehandlung, bei der es Hinweise
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auf auch stärkere Effekte gab. Deutlich wurde in dieser Metaanalyse, dass fast alle Stu-
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dien methodologische Schwächen aufwiesen, wie fast durchgängig kleine Stichproben,
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fehlende Randomisierung der Behandlungs- und Kontrollgruppen sowie V erwendung
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nichtstandardisierter Messmittel. Kiepe, Stöckigt & Keil (2012) führten eine systematische
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Review zur T anztherapie als therapeutischer Intervention bei Erwachsenen durch, die
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nur randomisierte, kontrollierte Studien zuließ. Die Autoren fanden für den Zeitraum
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zwischen 1995 und 2011 insgesamt 13 Studien, die gewisse Hinweise auf eine vorhandene
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Wirksamkeit bei Depression sowie bei einer Reihe medizinischer Probleme wie Demenz,
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Parkinson oder Krebsnachsorge erlauben. Die meisten Studien waren mit methodischen
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Schwächen behaftet, da die Stichproben weiterhin klein waren, die Randomisierung und
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Art der Therapie unzureichend beschrieben war, und als Kontrollbedingung keine aktive
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Alternativbehandlung angeboten wurde.
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Eine umfangreiche randomisiert-kontrollierte Studie zur T anz- und Bewegungstherapie
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wurde in Deutschland von Bräuninger (2006, 2012) durchgeführt. 162 Klienten mit
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Stressproblemen wurden zufällig einer Bedingung mit zehn Sitzungen Therapie zugeteilt
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oder verblieben in einer Warteliste. Bräuninger berichtet deutliche V erbesserungen im
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W. T schacher, M. Storch und M. Munt: T anz: eine psychotherapeutische T echnik?
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Stressmanagement und bei verschiedenen Maßen der Psychopathologie und weist auf
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die signifikante V erbesserung der allgemeinen Lebensqualität in der Behandlungsgruppe
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hin. Allerdings war die Kontrollbedingung auch dieser Studie lediglich die Warteliste, es
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existierte somit wieder keine aktive Kontrollbehandlung. Eine systematische Übersicht zu
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den Effekten von Qigong bei der Behandlung von Depression nahmen Oh, Choi, Inamori,
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Rosenthal & Y eung (2013) vor. Die Autoren identifizierten insgesamt zehn randomisiert-
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kontrollierte Studien. Deren Effekte auf die Depression waren uneinheitlich: vier Studien
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ergaben positive Wirkung, drei keine Wirkung, und andere Befunde zeigten eine Effektivität
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von Qigong nur in der Größenordnung der jeweiligen Kontrollgruppe, die konventionelle
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Bewegungs- und Aktivierungstherapie erhalten hatte.
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Eine interessante einzelne Studie führten Koch, Morlinghaus & Fuchs (2007) durch. Sie
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bezogen sich auf Befunde der Embodimentforschung, wonach positiver Affekt besonders
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mit einer vertikalen Bewegung des Körpers verknüpft ist; dies geht etwa aus Videoanalysen
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der Gehbewegungen von depressiven Menschen hervor (Michalak et al., 2009), die nicht nur
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langsamer gehen, sondern auch weniger „federnd“ als Personen ohne affektive Probleme.
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Koch und Mitarbeiter verwendeten diesen Befund in einer tanztherapeutischen Interven -
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tion, die besonders mit hüpfenden, vertikalen T anzbewegungen arbeitete (dem Zirkeltanz
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Hava Nagila). Als Kontrollbedingung wurde Ergotherapie mit dem Hometrainer-Fahrrad
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und das alleinige Anhören der fröhlichen Hava Nagila-Musik angeboten. Resultate dieser
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Studie waren eine spezifische Reduktion der Depressionswerte in der T anzbedingung sowie
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eine V erbesserung weiterer Stimmungsbereiche.
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Die Befundlage zur Wirkung der T anz- und Bewegungstherapie erscheint insgesamt ver -
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besserungsbedürftig. Einige wenige methodologisch gute Studien stehen einer Vielzahl
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von V eröffentlichungen gegenüber, aus denen kaum allgemeingültige Schlüsse gezogen
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werden können. Dies wird an einer besonderen Fragestellung deutlich, dem Einsatz von
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T anz- und Bewegungstherapie bei der Behandlung von Schizophrenie. Röhricht & Priebe
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(2006) führten hierzu eine randomisierte und kontrollierte Studie durch, indem sie eine
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körperorientierte psychologische Therapie mit der Kontrollbedingung supportive Beratung
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verglichen. Die Studie ergab eine V erbesserung der mit Körpertherapie behandelten Pati -
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enten im Bereich der Negativsymptomatik. Dies ist ein offensichtlich vielversprechendes
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Ergebnis angesichts der T atsache, dass insbesondere die schizophrenen Negativsymptome
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bisher weder psycho- noch pharmakotherapeutisch zugänglich sind. Zur Befundlage im
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Bereich der Behandlung von Schizophrenie mit T anz- und Bewegungstherapie existiert
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sogar eine Cochrane-Review (Ren & Xia, 2013), die alle bisherigen Studien zum Thema
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einschließt. Das Ergebnis dieser Review ist jedoch, dass schlicht nur eine einzige Studie
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den strengen Kriterien der Cochrane-Metaanalysen genügte, eben die genannte Studie
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von Röhricht und Priebe.
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Unser Blick in die Literatur zur Wirksamkeit von T anz- und Bewegungstherapien macht
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also deutlich, dass im Feld der T anz- und Bewegungstherapie weiterhin ein großer Bedarf an
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methodisch akzeptablen Wirksamkeitsstudien besteht. Es kann im Moment nicht wirklich
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belegt werden, dass die therapeutischen Wirkungen heutiger T anz- und Bewegungstherapien
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bedeutsam sind. Das gesamte Feld scheint noch weit entfernt vom Stand der Evidenz, der
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für den Einsatz von Psychotherapie heute bereits vorliegt.
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Psychotherapie 1 9. Jahrg. 20 1 4, Bd 1 9-1 , © CIP-Medien, München
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Nach unserer psychotherapeutischen Erfahrung gibt es jedoch mindestens zwei Bereiche der
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Anwendung von T anztherapie für die Psychotherapie, die sich in besonderer W eise anbieten.
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Der erste Bereich ist die V erwendung von T anz- und Bewegungstherapie bei Patienten, die
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nicht verbal kommunizieren können. Wir berichten hierzu aus der therapeutischen Praxis
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mit autistischen Kindern. Der zweite Bereich ergibt sich nach unserer Ansicht aus dem oben
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bereits erwähnten Problem der Nichtschriftlichkeit von T anz, also der Schwierigkeiten, die
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es bereitet, T anz und Körperbewegung in abstrakte Konzepte zu fassen.
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Zum psychotherapeutischen Einsatz von T anz und Bewegung
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T anztherapeutische Praxis mit autistischen Kindern
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Die heute in der Praxis eingesetzten tanztherapeutischen V erfahren reichen von eher
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expressiven, kreativen Ansätzen hin zu psychomotorischen Ansätzen, die auf der ge -
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meinsamen Entwicklung der Motorik und der Psyche aufbauen. Ein dritter Arm der
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T anztherapie besitzt einen sozialen, kollektiven Schwerpunkt.
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• Expressive Ansätze (Marian Chace, Franziska Boas, Mary Whitehouse) waren
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ursprünglich stark beeinflusst von der Ausdruckstänzerin Mary Wigman. Sie zielen
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auf die Integration von Bewusstsein, von vor- und unbewussten Inhalten mit Kör -
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perwahrnehmungen, Emotionen und Gedanken. Der expressive T anz soll besonders
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über den Wirkfaktor Katharsis zu mehr Identitätsintegration führen.
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• Psychomotorische Ansätze bauen hauptsächlich auf zwei Ansätzen auf: Der eine be -
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tont die V erbindung zwischen Muskeltonus und Emotion (Psychotonik: Rose Gaetner,
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V olkmar Glaser); der andere bezieht sich auf die V erbindung zwischen motorischer und
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psychologischer Kindesentwicklung (Bartenieff Fundamentals, entwickelt von Irmgard
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Bartenieff, Schülerin von Rudolf von Laban). Das Ziel ist es, psychologische Konflikte
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zu bearbeiten, indem die in der Entstehungszeit des Konfliktes gelernte motorische
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Differenzierung reaktiviert und neu gelernt wird in der Annahme, dass damit zugleich
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motorische wie psychologische Blockaden aufgelöst werden. Bewusstwerden und das
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Aussprechen des jeweiligen Konfliktes ist vor und während der Therapie entbehrlich,
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kann sich aber später von selbst einstellen.
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• Kollektive Ansätze (T rudi Schoop, Laura Sheleen) basieren auf der Annahme uni-
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verseller, transpersoneller Symbole und Bewegungselemente, ähnlich den Archety-
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pen von C. G. Jung. Schoop arbeitete, nach einer Bühnenkarriere als Tänzerin und
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Kabarettistin, mit psychiatrischen Patienten. Mit Hilfe ihrer „Body-ego technique“
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versuchte sie am kollektiven motorischen Gedächtnis anzuknüpfen, um psychotischen
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Patienten aus der Isolation zu helfen.
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Wir werden nun auf der Basis eigener therapeutischer Arbeit (M.M.) auf den Einsatz
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von psychomotorischer T anztherapie bei autistischen Kindern eingehen. T anztherapie,
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wie Kunsttherapie insgesamt, hat eine unumstrittene Existenzberechtigung in Fällen,
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wo mit verbaler Sprache nicht gearbeitet werden kann, wie etwa bei nicht sprechenden
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autistischen Kindern. Hier bietet Körpersprache einen willkommenen Ersatz für verbalen
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Ausdruck und kann auch ähnlich eingesetzt werden.
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W. T schacher, M. Storch und M. Munt: T anz: eine psychotherapeutische T echnik?
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Analog zur verbalen Psychotherapie kann die therapierende Person mit offener, unvor -
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eingenommener Aufmerksamkeit den körperlichen Äußerungen des Kindes folgen, um
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sie dann tänzerisch (statt verbal) zu paraphrasieren, zu spiegeln und zu begleiten. Die
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T anztherapeutin lädt zur Ausarbeitung und Erforschung bestimmter Äußerungen ein,
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indem sie diese übernimmt, also nachmacht, und mögliche Bewegungsentwicklungen
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vorschlägt. Sie kann durch V ormachen oder durch direkte Körpermanipulation zu Be-
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wegungsabläufen auffordern, die noch nicht zum Repertoire des Kindes gehören und
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so, auf der psychomotorischen Entwicklung aufbauend, zeitgleich neue motorische und
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emotionale Erfahrungen ermöglichen. Damit werden eingefahrene V erhaltensmuster
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gelockert und das alte V erhaltensrepertoire Stück für Stück erweitert. V or allem durch
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Spiegeln, wenn die T anztherapeutin synchron die Bewegung des Kindes mitvollzieht,
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gelingt es oft, die Aufmerksamkeit autistischer Kinder zu wecken und sie aus ihrer auf
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sich selbst zurückgefallenen und isolierten Position herauszulocken: sie erleben einen
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Doppelgänger, der wie ein Spiegelbild alles mitmacht.
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Eine derartige Therapie gibt dem Kind, analog zur psychoanalytischen und humanis-
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tischen Psychotherapie, die Erfahrung von Anwesenheit und Präsenz sowie von unein-
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geschränkter Akzeptanz für seine individuellen Eigenheiten im Sinne von „containing“.
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Dies bietet autistischen Kindern einen sonst seltenen Raum, in welchem der Erwachsene
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nichts aufdrängt, nichts anders haben will, nicht Anpassung an sein eigenes V erhalten
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erwartet, sondern versucht, dem Kind da zu begegnen, wo es ist. V on dort kann dann
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gemeinsam ein Weg begangen werden, dessen Richtung wieder das Kind vorgibt. Dies
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ist für die therapierende Person keine leichte Aufgabe, zumal das V erhalten autistischer
|
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Kinder oft schockierend bis körperlich schmerzhaft sein kann und nach unbekannten
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Mustern oder schwer nachvollziehbarer Logik geordnet scheint.
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||
Bei psychomotorischer T anztherapie ist zusätzlich der Einbezug von Achtsamkeit hilf-
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reich. Das T raining einer achtsamen Haltung kann bei Eltern und Lehrern zu guten
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pädagogischen Resultaten führen und eine V erhaltensänderung der Kinder und höhere
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Stressresilienz der Eltern befördern (z. B. van der Oord, Bögels & Peijnenburgs, 2011).
|
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Die nicht-urteilende Haltung achtsamkeitsbasierter Intervention scheint verbunden zu
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sein mit mehr Affekttoleranz (Dakwar & Levin, 2009) und einer Reduktion sekundärer
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||
Emotionen (Gratz & T ull, 2010), also weniger Gefühle über eine erste Gefühlsreaktion
|
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(z. B. wütend sein darüber, dass man traurig ist). Es zeigt sich, dass eine solche Haltung
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auch die therapierende Person in der teilweise belastenden Interaktion mit Autisten un-
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terstützt und bei autistischen Kindern zu angepassterem V erhalten führt.
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Neurokognitive Theorien über Autismus weisen interessanterweise auf Parallelen zwi-
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schen der W eltwahrnehmung autistischer und meditierender Personen hin. Diese Befunde
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stellen ein weiteres Argument dar, Therapeuten, die mit Autismus-Spektrum-Störungen
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arbeiten, Achtsamkeitstrainings zu empfehlen, um in der Praxis die Begegnung mit den
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Patienten und insbesondere die innere Annäherung an die Patienten zu erleichtern. Die
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Parallelen sind folgende: Die auf das Hier und Jetzt fokussierte Aufmerksamkeit der Acht -
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samkeitsmeditation zeigt eine Gemeinsamkeit zur Neigung und Fähigkeit von Autisten,
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sich vollständig auf vorliegende Einzelheiten zu konzentrieren (Monotropismus), aber
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dafür das Große und Ganze nicht mehr aufzunehmen (Theorie der schwachen zentralen
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Psychotherapie 1 9. Jahrg. 20 1 4, Bd 1 9-1 , © CIP-Medien, München
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Kohärenz; Happé & Frith, 2006). Außerdem wurde sowohl bei Autisten (Broyd et al., 2009)
|
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als auch bei Langzeitmeditierenden (Farb et al., 2007) eine reduzierte Aktivität des „Default
|
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Network“ im Gehirn nachgewiesen, das fortwährend und im Autopilot selbstreferentielle,
|
||
die eigene Person betreffende Gedanken produziert. Weiter weist die Schwierigkeit, die
|
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Autisten damit haben, anderen mentale Zustände zuzuschreiben (Theory of Mind; Baron-
|
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Cohen, 2009), allgemein auf eine Schwierigkeit hin, eine personenbezogene Perspektive
|
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einzunehmen (Hamilton, 2009). Die Befunde zu Default Network und Theory of Mind
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betreffen die Frage der Selbstwahrnehmung und gar der Existenz des Selbstkonzeptes
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bei Autisten; hier fällt wieder eine Parallele zur Achtsamkeitsmeditation auf, denn mit
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Achtsamkeit ist traditionell die Einsicht des nicht von anderen getrennten Seins assoziiert.
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Vielleicht können Meditierende die übliche Ich-zentrierte Wahrnehmung leichter aufge -
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ben und sich so dem autistischen In-der-Welt-Sein besser annähern. Es existieren damit
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mehrere spezifische theoretische Argumente, die für eine tanztherapeutische Intervention
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bei Autismus sprechen, die zusätzlich auch achtsamkeitsbasiert ist.
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Die T echnik des „Markierens“ in der Psychotherapie
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Wir betonten mehrfach, dass es sich beim T anz um eine kulturelle und künstlerische Praxis
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handelt, die nicht an Sprache oder Schrift gebunden ist. T anz bestand mit Sicherheit vor
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dem geschriebenen, vielleicht sogar vor dem gesprochenen Wort und entwickelte sich in
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allen Kulturen bis heute weiter. Dies gilt in ähnlicher Weise auch für die Musik. Während
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sich dort aber ein international akzeptiertes Notationssystem und eine Schriftlichkeit
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entwickelte, ist dies beim T anz nur in Ansätzen geschehen. Anders als die musikalische
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Notenschrift sind Kodiersysteme für Bewegungsmuster wenig gebräuchlich und verbrei -
|
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tet: das Kestenberg Movement Profile (Koch, 2010), die kinetographische Notation nach
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Rudolf von Laban oder die Choreologie von Joan und Rudolf Benesh sind nur wenigen
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Experten bekannt. Allgemeine Kodiersysteme für Körperbewegung und Körperhaltungen
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fehlen weitgehend und werden gegenwärtig erst entwickelt (Dael, Mortillaro & Scherer,
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2012). In der T radition des klassischen Balletts existiert für standardisierte T anzfiguren
|
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zwar eine international verstandene Begrifflichkeit (z. B. „Pirouette“, „Glissade“); bereits
|
||
die V erständigung über komplexere Bewegungen aber ist in der Regel nur innerhalb der
|
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jeweiligen Ballettkompagnien möglich. Wesentlich erschwert ist zudem die Kodierung
|
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von T anzfiguren im modernen und zeitgenössischen T anz wegen der bedeutend größeren
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V ariationsbreite der Bewegung in V ergleich zum Ballett.
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Wie behelfen sich Tänzer und Choreographen angesichts dieser sprachlichen Problematik
|
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ihrer Profession? Kommunikative Funktionen übernimmt hier das sogenannte „Markie-
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||
ren“ (engl. marking; frz. marquage). Kirsh (2010) untersuchte die Praxis des Markierens
|
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von T anzbewegungen durch körpersprachliche Repräsentationen im Rahmen seiner eth-
|
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nographischen Forschung in der T anzkompagnie Random Dance (Choreograph: Wayne
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McGregor). Unter Markieren wird verstanden, dass das gemeinte und zu benennende
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Bewegungsmuster in vereinfachter Form als Bewegung dargestellt und repräsentiert
|
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wird. So kann etwa ein gesamtkörperliches T anzbewegungsmuster, das nicht verbal
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etikettierbar ist, lediglich durch Handbewegungen, also durch Gestik, symbolisiert und
|
||
markiert werden. V orausgesetzt wird natürlich, dass das gemeinte T anzbewegungsmuster
|
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den markierenden Personen bekannt ist.
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W. T schacher, M. Storch und M. Munt: T anz: eine psychotherapeutische T echnik?
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Das Markieren von T anzbewegungen hat mehrere Funktionen: Neben der Kommunika-
|
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tion zwischen Tänzern und Choreographen besitzt das Markieren auch kognitive Funk-
|
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tionen. Tänzer können Bewegungen damit optimal üben, planen und memorieren, ohne
|
||
sie immer auch tatsächlich und gesamtkörperlich ausführen zu müssen (was anstrengend
|
||
und unpraktisch wäre). Darin kann man eine Form des verkörperten Denkens erkennen,
|
||
die sich zwischen reiner linguistischer Abstraktion und gedanklicher Imagination auf der
|
||
einen Seite und der vollen Bewegungsausführung auf der anderen Seite einordnen lässt.
|
||
Das körpersprachliche Markieren stellt Anker für kognitive Prozesse zur V erfügung,
|
||
wobei via Musterergänzung das komplette Bewegungsmuster aus der Markierung her -
|
||
aus jederzeit hergestellt werden kann. In Abbildung 1 sind unterschiedliche Formen der
|
||
Notation von (tänzerischen) Bewegungsmustern schematisch dargestellt und auf einem
|
||
Kontinuum unterschiedlichen Abstraktionsgrads angeordnet.
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Abb. 1: Symbolische und verkörperte Notationen von T anz und Bewegung auf einer
|
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Dimension unterschiedlichen Abstraktionsgrades (T anzszenen: Entre Vues „Babbel“,
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Compagnie Mélanie Munt, 2007)
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||
Im Markieren erkennen wir eine Form der embodied cognition, bei der die Bidirekti-
|
||
onalität des Embodiment sichtbar wird (T schacher & Storch, 2012; Storch, Cantieni,
|
||
Hüther & T schacher, 2006/2010): Es findet einerseits eine „V erkörperung von Denken“
|
||
statt, denn der Tänzer erweitert sein Nachdenken über Bewegung durch die ansatzweise
|
||
körperliche Ausführung; andererseits wirkt Markieren über die entstehenden kognitiven
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Schemata auf die Bewegungsmuster zurück und erzielt ähnliche Übungseffekte wie tat-
|
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sächlich ausgeführte Bewegung. Das motorische Lernen benötigt nicht die detaillierte
|
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Psychotherapie 1 9. Jahrg. 20 1 4, Bd 1 9-1 , © CIP-Medien, München
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||
Bewegungsausführung und nutzt dennoch die Situiertheit in Raum und Zeit innerhalb
|
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der Choreographie. Markieren erlaubt sogar das T raining motorischer Übergänge von
|
||
einer Bewegung zur anderen.
|
||
Zum Markieren analoge T echniken sind in der Psychotherapie noch wenig bekannt.
|
||
Ansätze existieren in der Hypnotherapie und systemischen Aufstellungsarbeit: dort ver -
|
||
wendet man sensomotorische „Anker“ für bestimmte kognitive Sachverhalte oder Kon-
|
||
zepte (Beilock & Goldin-Meadow, 2012). Das Zürcher Ressourcenmodell ZRM (Storch
|
||
& Krause, 2007) hat solche Embodiment-T echniken bereits elaboriert: das ZRM bezieht
|
||
sich auf somatische Marker, die ähnlich wie das Markieren im T anz zur Erarbeitung von
|
||
Therapiezielen verwendet werden. Das ZRM stellt sich allgemein stets die Frage, wie
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||
Ziele, Wünsche und Intentionen eines Klienten realisiert werden können, wie also der
|
||
Rubikon von der Handlungsvorbereitung zur -ausführung überschritten werden kann
|
||
(Storch & Kuhl, 2013; Storch, 2013). Eine T echnik hierfür ist das Entwickeln von soge-
|
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nannten Motto-Zielen. Motto-Ziele sind metaphorisch, symbolisch und ikonisch codierte
|
||
Ziele, die aufgrund ihrer starken Bildhaftigkeit unbewusste und körpernahe Ebenen des
|
||
psychischen Systems nutzen. Die beschriebenen Funktionen des Markierens aus dem
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||
Bereich des professionellen T anzes setzt auch das ZRM ein, wenn Ziele gefunden und
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||
durch körperliche Codierung vertieft werden sollen (für einen Fallbericht s. T schacher,
|
||
Munt & Storch, 2014). In der therapeutischen Sitzung können T echniken des „großen
|
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Markierens“ eingesetzt werden (s. Abbildung 1), um Motto-Ziele auszuarbeiten. Für den
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||
Einsatz im Alltag werden für die individuellen Ziele und Probleme des Patienten daraus
|
||
maßgeschneiderte Formen des kleinen Markierens entwickelt.
|
||
Diskussion
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||
Wir haben zwei vielversprechende Anwendungsbereiche von T anz und Bewegung in
|
||
der Psychotherapie genauer betrachtet. Diese beiden Bereiche wurden bislang kaum
|
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empirisch untersucht, wir bewegen uns hier also auf einer frühen Stufe der explorativen
|
||
und fallbezogenen Erörterung.
|
||
Der erste Punkt betrifft den Einsatz von T anztherapie bei nichtverbalen Patienten und
|
||
in der Arbeit mit Behinderten, dies ist ein Bereich, in dem T anztherapie offensichtlich
|
||
indiziert ist. Der Erfahrungsbericht mit autistischen Kindern verwies auf die besondere
|
||
Rolle von Achtsamkeit in dieser Arbeit und darüber hinausgehend auf die bislang noch
|
||
unausgeschöpfte Bedeutung von körperbasierten T echniken und Wirkfaktoren für die
|
||
Psychotherapie allgemein: Während die psychologische Forschung zunehmend die Be-
|
||
deutung des Körpers für kognitive Prozesse erkennt (Stichwort hierfür: Embodiment),
|
||
ist die Berücksichtigung des Körpers in der heutigen kognitiv-behavioralen und psycho-
|
||
dynamischen Psychotherapie nach wie vor wenig entwickelt. Hier setzt der zweite Punkt
|
||
unserer Argumentation an: So wie das Markieren es Tänzern erlaubt, in Abwesenheit
|
||
einer abstrakten sprachlichen Kodierung über Bewegungsmuster nachzudenken und zu
|
||
kommunizieren, könnten analoge verkörperte Konzepte in der Psychotherapie als T ech-
|
||
niken eingesetzt werden. Potenziell lassen sich nach unserer Meinung also aus der Praxis
|
||
des T anzes neue T echniken für die Psychotherapie entwickeln. Damit kann, ohne dass
|
||
in der psychotherapeutischen Sitzung tatsächlich „getanzt“ werden muss, ein Schritt in
|
||
Richtung auf den Einbezug des Körpers in Psychotherapie gemacht werden.
|
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||
W. T schacher, M. Storch und M. Munt: T anz: eine psychotherapeutische T echnik?
|
||
Die Entwicklungstrends der Psychotherapie, die sich in der Gegenwart abzeichnen, sind
|
||
recht heterogen:
|
||
• Eine Richtung der Psychotherapieforschung befasst sich mit virtuellen Therapiebe-
|
||
ziehungen (Therapie/Beratung/Nachsorge via Internet und soziale Medien). Man
|
||
geht davon aus, dass die Echtheit der Therapiebeziehung und des therapeutischen
|
||
Kontexts ersetzbar ist. Ziel ist eine Steigerung von Effizienz, Mengenwachstum und
|
||
Rationalisierung des Psychotherapiesystems als eines Marktes unter vielen.
|
||
• Eklektizismus ist ein bereits lange bestehender T rend im Feld. Die oft nur historisch
|
||
begründeten Abgrenzungen zwischen Therapieschulen seien zu überwinden und dieje -
|
||
nigen Interventionen und Wirkfaktoren zu wählen, die für eine spezifische Indikation
|
||
und einen spezifischen Patienten „maßgeschneidert“ geeignet sind.
|
||
• Eine dritte Entwicklungslinie schließlich entsteht derzeit durch die höhere Gewichtung
|
||
des Körpers und des bewussten Gewahrseins im Hier und Jetzt. Dies ist besonders in
|
||
„third-wave“-Therapien erkenntlich.
|
||
Es wurde in unseren Ausführungen deutlich, dass die beiden letztgenannten Entwick-
|
||
lungslinien für unser Ziel, klassisch-verbale Psychotherapie mit T echniken der T anz- und
|
||
Bewegungstherapie zu verbinden, am besten anschlussfähig sind. Die wichtigsten Aspekte
|
||
einer solchen Integration lassen sich schlecht automatisieren und „virtualisieren“, sie ver -
|
||
langen den authentischen und persönlichen Kontakt von Menschen im therapeutischen
|
||
Feld. Eine durch Bewegung und Körperlichkeit erweiterte Psychotherapie hat dann das
|
||
Potenzial, personalisierte Psychotherapie auf einer breiteren Basis von Wirkfaktoren und
|
||
T echniken zu ermöglichen.
|
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Korrespondenzadresse
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Prof. Dr. Wolfgang T schacher
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Abteilung für Psychotherapie
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Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
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||
Laupenstraße 49 | CH-3010 Bern | tschacher@spk.unibe.ch
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||
Dr. Maja Storch
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||
Institut für Selbstmanagement und Motivation Zürich ISMZ
|
||
spin-off der Universität Zürich
|
||
Scheuchzerstraße 2 | CH-8006 Zürich | maja.storch@ismz.ch
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||
Melanie Munt, MA Klinische Psychologie
|
||
MBCT-T rainerin, Psychoanalytische Psychotherapie (i.A.)
|
||
bei Mediter, Psygroup & Parhélie
|
||
172 Avenue de la chasse | BE-1040 Brüssel | melaniemunt@yahoo.fr |