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title: Klänge in Bewegung - Spurensuchen in Choreografie und Performance. Jahrbuch TanzForschung 2017
author: Sabine Karoß
converted: 2026-02-23 16:05:06
source: KlangeinBewegungSpurensuchen.pdf
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# Klänge in Bewegung - Spurensuchen in Choreografie und Performance. Jahrbuch TanzForschung 2017
## Page 1
www.ssoar.info
Klänge in Bewegung: Spurensuchen in
Choreografie und Performance
Karoß, Sabine (Ed.); Schroedter, Stephanie (Ed.)
Veröffentlichungsversion / Published Version
Sammelwerk / collection
Zur Verfügung gestellt in Kooperation mit / provided in cooperation with:
transcript Verlag
Empfohlene Zitierung / Suggested Citation:
Karoß, S., & Schroedter, S. (Hrsg.). (2017). Klänge in Bewegung: Spurensuchen in Choreografie und Performance
(Jahrbuch TanzForschung, 27). Bielefeld: transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839439913
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## Page 3
Sabine Kaross, Stephanie Schroedter (Hg.)
Klänge in Bewegung
TanzForschung
hrsg. von der Gesellschaft für Tanzforschung | Band 27
## Page 5
Sabine Karoß, Stephanie Schroedter (Hg.)
Klänge in Bewegung
Spurensuchen in C horeografie und Performance.
Jahrbuch TanzForschung 2017
## Page 6
Jahrbuch Tanzforschung Bd. 27
Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution-NonCommerci-
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Bibliograf isc
he Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deut -
schen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Umschlagkonzept: Kordula Röckenhaus, B
ielefeld
Umschlagabbildung: Fußabdrücke aus der installativen Choreografie THINK
von Fernanda Ortiz in Zusammenarbeit mit der Musikerin Moxi Beidenegl,
vgl. www.think-dance.com. Foto: Véronique Langlott
Satz: Justine Buri, Bielefeld
Wissenschaftliche Beirätinnen: Dr. Claudia Fleischle-Braun & Dr. Astrid We -
ger-Purkhart
Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar
Print-ISBN 978-3-8376-3991-9
PDF-ISBN 978-3-8394-3991-3
G
edruckt auf alterungsbeständigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff.
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## Page 7
Inhalt
Sound Traces Moves
Bewegungs- und Klangspuren in Choreografie und Performance
Sabine Karoß, Stephanie Schroedter | 9
Kl angperformative S puren Suchen in zeitgenö SS i Schen
und ( tran S-) hi Stori Schen d imen Sionen
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur
Zum Konzept eines klangperformativen Spurenlegens und Spurenlesens
Stephanie Schroedter | 25
Auf den Spuren der Pavane Royale von Alexander Sacharoff
Rose Breuss, Julia Mach und Ursula Brandstätter | 45
Moving Messiaen
Skizzen zu einer Lecture Performance
Maria Hector, Hanne Pilgrim und Dorothea Weise | 65
Sprechende Gesten, farbig malende Klänge, tanzende Gewänder
Auf den Spuren der Entwicklung einer intermedialen Ästhetik
im russischen Theater des frühen 20. Jahrhunderts
Swetlana Lukanitschewa | 73
Alexander Truslits Bewegungsspuren
Hans Brandner | 85
Geräuschhafte Körper
Klangliche Materialitäten bei Karol Tyminski
Daniela Hahn | 95
## Page 8
Körper-Hören
Zu klanglichen Bewegungsspuren auf und in den Zuschau(-/hör)enden
Katharina Rost | 109
Bewegung SS puren im K onzert der m edien
Audible and Inaudible Choreography
Atmospheres of Choreographic Design
Johannes Birringer | 121
Unequal Twins, Asymmetrically Coupled
Creating and Performing an Interactive Movement- and Sound-Piece
Jan Schacher, Angela Stoecklin | 143
Vermessene Körper, digitale Musikinstrumente
Drei Spurensuchen mit Gestischen Controllern
Andi Otto | 153
Tracing White Noise
Eine Annäherung an medienchoreografische Verfahren am Beispiel
von »Nine Evenings: Theater and Engineering« (1966)
Anna-Carolin Weber | 163
g renzen ü Ber Schreitende S S purenlegen und S purenle Sen
Trace of Force
Lin Hwai-mins Water Stains on the Wall
Chieh-ting Hsieh | 175
Der Rhythmus der Madonna/e
Sound and Moves als kulturelle Spuren kampanischer Frühlingsriten
Josephine Fenger | 183
Grafische Komposition Zwischen Idee und Inszenierung
Heide Lazarus | 193
## Page 9
Musikalisch-tänzerische Gestaltungsprozesse als kooperativer Akt
Anna Maria Kalcher | 203
Zeit und Dynamik in kompositorischer Praxis von Tanz,
Musik und Poesie
Anja Weber | 213
Biografien | 225
## Page 11
Sound — Traces — Moves
Bewegungs- und Klangspuren in Choreografie und Performance
Sound, Traces und Moves bildeten den Ausgangspunkt zu einem Symposium,
das vom 18. bis 20. November 2016 am Orff-Institut für Elementare Musik- und
Tanzpädagogik der Universität Mozarteum in Salzburg stattfand und mit dem
gleichzeitig das 30-jährige Bestehen der Gesellschaft für Tanzforschung gefei -
ert wurde. In knapp fünfzig Vorträgen, Performances, Lecture Performances,
Workshops und auch einem Soundwalk präsentierten rund siebzig (choreogra-
fierende) Tänzer*innen, (komponierende) Musiker*innen bzw. (spartenüber -
greifend agierende) Performer*innen sowie Tanz-/Musik-/Theater- und/oder
Medienwissenschaftler*innen bzw. Vertreter*innen unterschiedlicher Kom -
binationen dieser Disziplinen ihren jeweils spezifischen, künstlerisch-prak -
tischen und/oder theoretisch-reflektieren Zugang zu dieser sehr absichtsvoll
weitgreifend angelegten Thematik.
1 Die vorliegende Symposiumsdokumen -
tation kann naturgemäß nur Bruchstücke, gleichwohl sehr aufschlussreiche
und bunt schillernde Mosaiksteine dieser facettenreichen Präsentationen wi -
derspiegeln, zumal sie sich von wenigen Abbildungen abgesehen auf das
Medium der Schriftsprache beschränken muss, deren Begrenztheit in Anbe -
tracht der sich in Raum und Zeit rasch verflüchtigenden Kreationen eine be -
sondere Herausforderung darstellt. Klänge und Bewegungen, mehr noch: aus
ihren komplexen Zusammenspielen resultierende Wahrnehmungsereignisse
zu beschreiben, um ihre Konturen den Leser*innen imaginär vor Augen und/
oder Ohren zu führen, darf bereits als Akt eines Spurenschreibens bzw. Spu-
renlegens gelten, der niemals eindeutig sein kann, sondern dessen Potenzial
sich gerade in einer kreativen Vielfalt an Deutungsmöglichkeiten entfaltet
ungeachtet der Bemühungen um äußerste Präzision bei den Beschreibungen
der den Performances zugrunde liegenden Konzepte und ebenso bei den Um -
schreibungen des Wahrgenommenen.
1 | Das detaillierte Programm mit Abstracts zu den einzelnen Darbietungen kann wei -
terhin auf der Homepage der Gesellschaft für Tanzforschung eingesehen werden: www.
gtf-tanzforschung.de/tagungen/symposium-2016/ (letzter Zugriff: 1. Juni 2017).
## Page 12
Klänge in Bewegung10
Während die Sounds dabei auf einen erweiterten Musikbegriff und die
Moves auf einen weitgespannten Tanzbegriff verweisen, eröffnen die zwischen
den Klängen und Bewegungen gleichsam als Schnittstelle oder auch (durch -
aus im medientechnologischen Sinn) als Interface positionierten Traces ein
breites Assoziationsspektrum, das neuralgische Punkte jüngerer und jüngster
Entwicklungen im Bereich intermedialer und transdisziplinärer Kunstpro -
duktionen und deren (digital unterstützte) Aufzeichnungen umfasst, die sich
keineswegs allein auf dokumentarische Intentionen beschränken, sondern
ebenso Anregungen zu künstlerischen Praktiken und Prozessen bieten wol -
len. Insofern sollte der Spurenbegriff dazu auffordern, unterschiedliche Kunst-
sparten, Medien und Disziplinen verbindende und überschreitende, aber des -
halb deren Spezifika nicht zwangsläufig nivellierende Phänomene zu kreieren
oder zu reflektieren.
Im Deutschen leitet sich Spur (lat. vestigium) von dem althochdeutschen
»spor« ab, der einen Fußabdruck bezeichnete. Vor diesem Hintergrund er -
schien es naheliegend, ein Foto jener Fußabdrücke, die die Tänzerinnen der
installativen Choreografie THINK von Fernanda Ortiz in Zusammenarbeit
mit der Musikerin Moxi Beidenegl in Salzburg hinterließen, als Coverabbil -
dung für das vorliegende Jahrbuch zu wählen stellvertretend für die Vielzahl
performativer und reflektierender Spuren, die auf diesem Symposium gelegt
wurden.
2 Dennoch bezieht sich der Begriff der »Spuren« nicht nur auf Sicht -
bares und wendet sich somit nicht ausschließlich an den Sehsinn, sondern
steht auch in einem engen Zusammenhang mit jenem landläufigen sechsten
oder gar sieben Sinn, der auf einen (mehr oder weniger untrüglichen) Instinkt
oder auch eine (vorzugsweise unbeirrbare) Intuition, kurzum: ein gutes »Ge -
spür« verweist worauf auch schon das von Jacob und Wilhelm Grimm her -
ausgegebene Deutsche Wörterbuch (Leipzig 1854-1860) mit einem Hinweis auf
die Verwandtschaft von »Spur« und »Spüren« aufmerksam macht. Tendenziell
oder vielleicht auch nur traditionell wird dieses Gespür soweit es nicht als
»Bauchgefühl« identifiziert wird in der Nase lokalisiert (»Spürnase«), somit
in das Zentrum des Gesichtsfeldes gerückt und nicht den Augen oder Ohren,
geschweige denn dem Tastsinn, d.h., einer sich über unseren gesamten Kör -
per ausbreitenden Oberflächensensibilität zugeordnet. Doch, muss sich dieses
2 | In dieser Performance wurden choreografische Elemente im Beisein der Zuschau -
er*innen in eine Soundcollage und gleichzeitig in Grafitzeichnungen verwandelt, die die
Bewegungsspuren der Tänzerinnen sichtbar machten. Gemeinsam mit den Performance-
und Bewegungstheoretikerinnen Jessica Buchholz und Pamela Goroncy wurde vor die -
sem Hintergrund die intermediale Darstellbarkeit und Wahrnehmung von Bewegung
konzeptionell untersucht. Zu weiteren Informationen zu THINK vgl. www.think-dance.
com (letzter Zugriff: 1. Juni 2017). Wir danken den Künstlerinnen sehr herzlich, uns die -
ses Foto von Véronique Langlott zur Verfügung gestellt zu haben.
## Page 13
Sound — Traces — Moves 11
Gespür tatsächlich nur auf einen Sinn beschränken? Wie lassen sich mit mög -
lichst vielen, wenn nicht sogar allen Sinnen Spuren verfolgen?
Schließlich finden sich Spuren (dem Modell der Fußabdrücke folgend) vor
allem in den randständigen Regionen unserer Aufmerksamkeit und graben
sich dort in eine Materie ein bzw. ziehen sie (mehr oder weniger) tiefe Fur -
chen: Man denke an die Spuren bzw. Rillen auf den alten Schellack- und spä-
teren Schallplatten, oder an die nachfolgenden CD- Tracks, die in jüngerer Zeit
zunehmend von MP-Formaten ersetzt werden, die allerdings solche (Audio-)
Spuren fast spurlos zum Verschwinden bringen vergleichbar jenen Spuren -
elementen, die als winzige Substanzen (zumeist von großer Wirksamkeit) mit
dem bloßen Augen kaum oder nicht zu erkennen sind. Doch, wer denkt schon
bei Spuren sogleich an Bewegungen, die sich in schwindelerregende Höhen
emporschrauben oder durch virtuelle Räume wirbeln und dabei vielleicht so -
gar Klänge erzeugen oder zumindest mit letzteren in einer (wie auch immer
gearteten) Verbindung zu stehen?
Keineswegs zufällig zieht sich der Begriff der Spur bzw. seine angloame -
rikanischen Pendants Traces und Tracks , die wiederum mit Lines und Loops
korrespondieren wie ein roter Faden durch die Choreografie- und Notations -
geschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhundert:
3 Erinnert sei an dieser
Stelle an Rudolf von Labans Konzept der Spurformen, stellvertretend für Wege
bzw. das Zeichnen von Bewegungslinien durch die Kinesphäre (Laban 1991:
54-62; vgl. hierzu auch Kennedy 2010: 20 und Salter 2010: 229-231), an die Wil-
liam Forsythe bei der Entwicklung seiner CD-ROM Improvisation Technologies
anknüpfte, ihre qualitative und quantitative Begrenzung bei Laban jedoch er -
heblich erweiterte und ausdifferenzierte (Forsythe 1999/2003/2012; vgl. hierzu
auch Kennedy 2010: 372 und Ziegler 2017). Auf Labans choreutisches Modell
als Matrix für Bewegungsspuren bezog sich auch Stephan Thoss in seiner Pro -
duktion Loops and Lines für das Hessische Staatstheater Wiesbaden (2013) und
ließ dabei ebenso von den Musiker*innen des Ensembles Modern Bewegungs-
linien in den Raum zeichnen, um ein »Gesamtkunstwerk aus Bewegung und
Klang«
4 entstehen zu lassen. Zuvor hatte Merce Cunningham einen virtuosen
Händetanz erarbeitet, der durch eine nicht minder virtuose digitale Bearbei -
tung Feuerwerks-ähnliche virtuelle Loops entstehen ließ (in fünf Versionen:
3 | Vgl. generell zu dem Interesse an Bewegungslinien bzw. Linienführungen durch
einen Raum (seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die jüngste Vergangenheit) in den
Bildenden Künsten, von denen sich der Tanz immer wieder inspirieren ließ Butler/Zegher
2010 sowie Gansterer/Cocker/Greil 2017.
4
| Zitiert nach der Dokumentation dieses Projekts auf der Homepage des Tanzfonds
Erbe, von dem diese Produktion maßgeblich unterstützt wurde: http:/ /tanzfonds.de/
projekt/dokumentation-2013/loops-and-lines/ (letzter Zugriff: 1. Juni 2017).
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Klänge in Bewegung12
2001/2005/2007/2011/2017)5 sonifiziert durch seine eigene Stimme, mit der
er Passagen aus seinen frühen Tagebüchern vorträgt und die mit einer virtu -
ellen bzw. extended piano music emergiert. Letztere greift auf Kompositions -
verfahren zurück, die John Cages für sein präpariertes Klavier entwickelte,
so dass es auf der klanglichen Ebene gleichsam zu einem imaginären Dialog
zwischen Cunningham und Cage kommt. Die hierfür verantwortliche, auf
digitale Medienkunst spezialisierte openendedgroup
6 arbeitete bei seiner Ent -
wicklung derartiger Bewegungs- und Klangspuren immer wieder mit Tänzer-/
Choreograf*innen zusammen: Vorstudien zu Cunninghams Loops boten die
Installation Hand-Drawn Spaces (1998) und die virtuelle Szenographie für
BIPED (1999) ebenfalls gemeinsam mit Cunningham entstanden , um
diesen Ansatz in Kollaborationen mit Bill T. Jones ( Ghostcatching , 1999, und
After-Ghostcatching , 2010, vgl. hierzu auch Dixon 2010: 192-195, Rosiny 2013:
271-275), Trisha Brown ( How long does The Subject Linger On The Edge oft he
Volume, 2005) und Wayne McGregor ( Choreographic Language Agent , 2007ff,
Stairwell, 2010) kontinuierlich weiter zu entwickeln. Aber auch Forsythe setzte
nach seinen Improvisation Technologies seine Arbeit an zunehmend komplexer
gestalteten Bewegungsspuren, die auf Linienkonzepte zurückgehen, fort sei
es auf der Basis seiner Installations-Performances Human Writes (2005) (vgl.
Brandstetter 2010)
7 oder im Kontext seiner interaktiven Datenbank Sychronous
Objects for One Flat Thing, reproduced (2009), in der Bewegungsspuren als
Alignments visualisiert werden (vgl. Maar 2010, Shaw 2011 und 2017).
8 Dagegen
werden in der als virtueller Workshop konzipierten Installation Double Skin/
Double Mind von Emio Greco | PC vor allem Spuren zu Bewegungsintentio -
5 | Vgl. zu der ursprünglichen Version https:/ /www.youtube.com/watch?v=6snBoO
fyypo bzw. zu deren Digitalisierung von der openendedgroup http:/ /openendedgroup.
com/artworks/loops.html (letzte Zugriffe auf beide Internetadressen: 1. Juni 2017), zu -
dem Kaiser 2017.
6 | Dieses Künstlerkollektiv bestand zunächst aus Paul Kaiser und Shelley Eshkar.
Letzterer verließ 2014 die Gruppe an seine Stelle rückte Marc Downie.
7
| Forsythes Installations-Performances dienten Peter Welz als Ausgangspunkt für
videobasierte Installationen, in denen die Bewegungsimprovisationen auf ihr figür -
lich-skulpturales Potenzial befragt wurden (vgl. hierzu Huschka 2008). Durch diesen
Vorgang einer selektiven und den Tanz modifizierenden Mediatisierung werden die
fraglichen Bewegungsspuren zwar reproduzierbar, aber auch in eine neue Materialität
überführt, die sie aus den ursprünglichen Zusammenhängen herauslöst. Vgl. hierzu auf
der Homepage von Peter Welz die Arbeiten whenever on on on nohow on | airdrawing
(2004), retranslation | final unfinished portrait (francis bacon) | figure inscribing figu -
re (2005) und architectural device for a forsythe movement | right hand movement |
collage of fake concrete walls | side: www.peterwelz.com (letzter Zugriff: 1. Juni 2017),
8
| Vgl. http:/ /synchronousobjects.osu.edu (letzter Zugriff: 1. Juni 2017).
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Sound — Traces — Moves 13
nen und Bewegungsqualitäten gelegt, um nicht nur motorische, sondern auch
energetische Aspekte und schließlich auch Phänomene der Bewegungswahr -
nehmung zu erfassen (vgl. hierzu Greco/Scholten/Bermúdez 2007, zudem
Maar 2010 und Bermúdez Pascual 2017). Klangspuren finden sich in Forsythes
One Flat Thing, reproduced bzw. den daraus hervorgegangenen Sychronous Ob -
jects vor allem in Form hör- und/oder sichtbarer Cues, die sich die Tanzenden
gegenseitig geben, während in Double Skin/Double Mind durch ein Motion
Capturing-Programm, dem von Frédéric Bevilacqua und Mitgliedern seines
Teams am IRCAM entwickelte Gesture Follower , Sounds generiert werden, die
den Tanzenden ein klangliches Feedback geben.
Solche Ansätze zu einer Soundgenerierung auf der Basis von Bewegungs -
spuren bzw. deren algorithmischen Verarbeitung werden in Projekten, an
denen Komponist*innen und Klangkünstler*innen bzw. Musik-Medien-
Künstler*innen maßgeblich mitwirken, noch stärker gewichtet. Einen dezi -
diert experimentell-forschenden Ansatzpunkt hierzu bot in jüngerer Zeit eine
Arbeit, die sich weiterhin in progress befindet und gerade aus diesem Grund
besonderes Interesse verdient: On Traces unter der künstlerischen Leitung von
Gerhard Eckel, Christine Ericsdotter, Alexander Gottfarb und Anna Maria No -
wak (2015 mit einer ersten Präsentation von Zwischenergebnissen im Tanz -
quartier Wien), bei dem durch die Stimmen der Performer*innen Klangspu -
ren, die mit Linienführungen korrespondierten, frei in den Raum geschrieben
und später wieder neu aufgesucht werden konnten, um durch Bewegungen
eine klingende Choreografie, anders gewendet: choreografierte Klangland -
schaften entstehen zu lassen.
9
Im Unterschied zu dieser Versuchsanordnung wurde im ersten Teil von
Eadweards Ear Muybridge extended (2017 im Rahmen einer deutsch-schweize-
rischen, dreiteiligen Aufführungsserie uraufgeführt) unter der künstlerischen
Leitung von Penelope Wehrli in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Ger -
9 | Die Ursprünge dieser Arbeit gehen auf das 2007-2010 vom Österreichischen Wis -
senschaftsfonds (FWF) unterstützten und am Institut für Elektronische Musik und
Akustik der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz (KUG) durchgeführten
Projekt Embodied Generative Music zurück, das sich mit dem Verhältnis von musika -
lischem und körperlichen Ausdruck beschäftigte, indem es Tänzer*innen mit Hilfe von
Motion-Capture-Technologien ermöglichte, mit ihren Körpern virtuelle Instrumente
zu steuern (vgl. http:/ /egm.kug.ac.at/index.php?id=7916 bzw. Bodyscapes : h t t p s : //
vimeo.com/4949316, letzte Zugriffe: 1. Juni 2017). On Traces ist insofern als Fortset -
zung dieser Arbeit zu verstehen, als nun mögliche Verbindungen zwischen Tanz und den
Bewegungen des menschlichen Stimmapparats neu ausgelotet werden. Vgl. hierzu die
Dokumentation auf: https:/ /vimeo.com/137819047 (letzter Zugriff: 1. Juni 2017), bzw.
generell zu dieser Thematik Bevilacqua/Schnell/Fdili Alaoui 2011; Peters/Eckel/Dor -
schel 2012.
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Klänge in Bewegung14
riet K. Sharma und dem Musiker/Informatiker Joa Glasstetter ein »Interface
für Komponist, Tänzer und Musiker« entwickelt, bei dem tänzerische Bewe -
gungen über Sensoren in eine musikalische Notation übersetzt werden, die
jedoch nur Fragmente der Bewegungsinformationen an die Musiker weiter -
leitet, ihnen zudem interpretatorische Freiräume lässt und auch grundsätz -
lich minimal verzögert realisiert wird. Da die Musizierenden die Fagottistin
Stephanie Hupprich, die E-Gitarristin Alejandra Cardenas und der Schlagzeu -
ger Alexander Nickmann und Tanzenden Jutta Hell und Dieter Baumann
von der Tanzcompagnie Rubato auf weit voneinander positionierten Spielflä -
chen agieren, die durch eine zwischen ihnen aufgestellte Projektionsfläche mit
gleichsam chronofotografischen Momentaufnahmen der Tanzbewegungen ge-
trennt sind, können sie sich nicht sehen, gleichwohl hören. Auf diese Weise
können die Tanzenden ebenso auf die Musizierenden reagieren, wie die Musi -
zierenden aus den für sie nicht sichtbaren Bewegungen die Tanzenden Klän -
ge generieren, die Gerriet K. Sharma als eine »Fast-schon-und-gerade-noch-
Musik« umschreibt während sich das Publikum zwischen diesen Flächen
frei bewegen kann, um die Performenden aus verschiedenen Perspektiven
gleichzeitig zu sehen und zu hören. Bemerkenswert ist die kognitive Leistung,
mit der uns unser Gehirn bei solchen Experimenten immer wieder überrascht:
Unweigerlich versuchen wir die hör- und sichtbaren Bewegungen, die zwar
in einer Relation zueinander stehen, jedoch über willkürlich gesetzte Bruch -
stellen auch dezidiert voneinander getrennt werden, zusammenzufügen und
als Einheit einen dynamischen, sich immer wieder neu formierenden und
frappierenden Bewegungs-Klang-Raum wahrzunehmen.
Um derartige, selbstreflexive Wahrnehmungsexperimente im Zusammenspiel
von Sound, Moves und interaktiven Medientechnologien kreist der zweite Teil
zu Bewegungsspuren im Konzert der Medien des vorliegenden Jahrbuchs, das von
einem in diese Thematik überblicksartig einführenden Beitrag von Johannes
Birringer eingeleitet wird. Er versteht sich als Einladung, die Klanglichkeit
von Bewegungen und ebenso das implizite, gleichsam choreografierte Be -
wegungspotenzial von Klängen aufzuspüren. Vor diesem Hintergrund setzt
Birringer Entwicklungen und Theorien aus dem Bereich der Klangkunst/
Sonic Art mit Tanzpraktiken aus dem Umfeld der Entwicklung choreografi -
scher Objekte miteinander in Beziehung, um schließlich zu seiner eigenen
künstlerischen Arbeit an immersiven Bewegungs-/Klanginstallationen auf der
Basis von Sensortechnologien, die in die Kostüme der Performer*innen ein -
gearbeitet werden (wearables), überzuleiten.
Auch Jan Schacher und Angela Stoecklin geben in ihrem Beitrag einen
Einblick ihre eigene künstlerisch-experimentelle Forschungspraxis, die der
Entwicklung und Analyse von Bewegungs-Klangrelationen unter Einsatz von
Sensortechnologien dient. Eine grundsätzliche Intention des in diesem Zusam-
## Page 17
Sound — Traces — Moves 15
menhang erörterten Projekts bestand darin, ein elektronisches Musikstück zu
kreieren, dessen Form, Energie und Dynamik Tanzbewegungen entspringt,
die wiederum choreografischen Verfahren unterliegen. Dennoch kommen in
dieser Versuchsanordnung keine präskriptiven Anordnungen bzw. Notationen
zum Einsatz, stattdessen entwickelt sich das Stück aus dem gemeinsamen Er -
fahrungsaustausch zwischen dem Musik-Komponisten und der Tänzer-Cho -
reografin, die als asymmetrische Interdepentenz charakterisiert wird.
Andi Otto stellt seine Arbeit mit gestischen Controllern vor, die dazu die -
nen, aus Körperbewegungen bei einem elektronisch verstärkten Instrumental -
spiel Daten zu generieren, die Modulationen der elektroakustischen Klanger -
zeugung bewirken. Am Beispiel des von ihm selbst entwickelten Fello , einem
mit Sensoren ausgestatteten Cellobogens, beschreibt er die subtile Interaktio -
nen von Klangbewegungen, die durch ein im Korpus des Cellos positioniertes
Mikrofon eingefangen werden, mit jenen Bewegungsklängen, die entstehen,
wenn der Cellobogen freilich kontrolliert und um die programmtechnischen
Steuerungsmechanismen wissend durch die Luft geschwungen wird. Hier -
von ausgehend begibt er sich auf eine dreifache Spurensuche, mit der er me -
dienästhetische, technische und historische Aspekte dieser mediatisieren Be -
wegungs-Klangkonstellation verfolgt.
Aus einer primär historisch-analytischen Perspektive widmet sich Anna-
Carolin Weber dem Verhältnis von Klang, Bewegung und Medientechnolo -
gie, indem sie am Beispiel von Robert Rauschenbergs Open Score (1966) me -
dienchoreografische Verfahren untersucht, die eine Grundlage für die Aus -
einandersetzung mit medienübergreifenden Choreografien auf der Basis von
Mediendispositivanalysen bilden. In diesem Zusammenhang erörtert sie das
erkenntnistheoretisch-produktive Moment von »Störungen« als Spur zu der
»jeweils spezifischen Funktionsweise« entsprechender Versuchsanordnun -
gen. Grundsätzlich geht es ihr dabei um die Offenlegung der innerhalb dieses
Gefüges wirksamen Netzstrukturen und Mechanismen, die auf der Seiten
der Rezipierenden mit historisch, kulturell und individuell geprägten Wahr -
nehmungskonventionen interagieren.
Diesem Großkapitel, das insbesondere den Einsatz von Medientechnologien
im Zusammen- und Wechselspiel von Klängen und Bewegungen thematisiert,
geht ein Kapitel voran, das sich klangperformativen Spurensuchen in zeitgenös -
sischen wie (tans-)historischen Dimensionen widmet: So bietet der Beitrag zur
Pavane Royale von Alexander Sacharoff (zu einer Pavanenkomposition von
Louis Couperin) von Rose Breuss , Julia Mach und Ursula Brandstätter ,
der zwischen der Offenlegung einer künstlerischer Forschungspraxis und
einer reflektierenden Beobachtungsposition changiert, ein überaus gelunge -
nes Beispiel für einen transhistorischen Ansatz, bei dem weder das Phantas -
ma einer vermeintlich authentischen Rekonstruktion beschworen wird, noch
## Page 18
Klänge in Bewegung16
der Versuch, sich einer unwiederbringlich verloren gegangenen Kreation neu-
konstruierend zu nähern, grundsätzlich abgewehrt wird, um aus einer zeitge -
nössischen Perspektive eine Performance zu kreieren, die im Wissen um die
Differenz zwischen Vergangenheit und Gegenwart vor allem die Spurensuche
nach einem verborgenen, vielleicht auch verloren gegangenen Bewegungswis -
sen in das Zentrum der künstlerischen Arbeit rückt.
Von grundsätzlichen Anmerkungen zu der Kulturtechnik des Spurenlesens
ausgehend entwickelt Stephanie Schroedter ein Konzept eines klangper -
formativen Spurenlegens und Spurenlesens, das sie am Beispiel der (musik-)
choreografischen Arbeit von Anne Teresa De Keersmaeker veranschaulicht. Be-
merkenswert ist die in diesem Zusammenhang zu beobachtende Verschiebung
von Interferenzen zwischen den Bewegungs- und Klangspuren hin zu Diffe -
renzen, die ungeachtet der inneren Verwandtschaft von Musik und Tanz als
sich in Raum und Zeit bewegenden Künsten gerade die jeweils spezifische
Materialität und Medialität von Körper- und Klangbewegungen eigens hervor -
heben. Anstelle mechanistischer Ursache-Wirkungs-Modelle kommt es dabei
zu permanenten Verschiebungen hör- und sichtbarer Bewegungsimpulse, die
Grenzen menschlicher Wahrnehmung neu ausloten.
Maria Hector , Hanne Pilgrim und Dorothea Weise berichten über ein
künstlerisches Forschungsprojekt, das sich im Rahmen des Rhythmikstu -
diengangs an der Universität der Künste Berlin mit der ersten Etüde von Ile
de feu aus den Quatre Études de Rythme von Olivier Messiaen auseinandersetz-
te und in Salzburg erstmals zur Aufführung kam. Unter Berücksichtigung der
Spurenthematik, die zu Beginn der Arbeit freie Assoziationsfelder eröffnete,
wurde dabei zunächst die Zeitgestaltung von Messiaens Komposition unter -
sucht und auf choreografische Parameter übertragen. Anschließend wurde die
Musik über das gestalterische Moment der Verkleinerung in eine neue Klang -
spur überführt, zudem instrumentale Spielgesten durch choreograferte Ges -
ten augmentiert. Visuelle Einblicke in diese Arbeit bieten die unter dem Stich -
wort »UdK Rhythmik youtube« recherchierbaren Videosequenzen.
Auf der Basis einer Auswertung von Rezensionen begibt sich Swetlana
Lukanitschewa auf die Suche nach Bewegungs- und Klangspuren von Isa -
dora Duncans Auftritten in den russischen Ballettmetropolen St. Petersburg
und Moskau um 1900, mit denen sie ebenso enthusiastische Anhänger*innen
ihrer neuen Ästhetik gewinnen konnte, wie sie auf vehemente Opponenten
stieß. Sie kontextualisiert diese Reaktionen vor dem Hintergrund konserva -
tiver wie avantgardistischer russischer Kunst- und insbesondere Theaterströ -
mungen. Duncan schien dabei ebenso einem neuen, markant erotisch auf -
geladenen Schönheitsideal entgegen gekommen zu sein, wie sie durch ihre
antiken Skulpturen nachempfundenen Tanzbewegungen ein neues Kör -
per-Raum-Verständnis protegierte, bei dem allerdings ihr neuartiger Umgang
mit präexistenten Musikvorlagen tendenziell eher irritierte.
## Page 19
Sound — Traces — Moves 17
Einen eng mit der Duncan-Tradition verbundenen künstlerisch-pädago -
gischen Forschungsansatz stellt Hans Brandner vor, der Alexander Truslits
Konzept einer kinästhetischen Musikausbildung im Rahmen seiner Lehre
von der Körpermusikalität vorstellt. Truslit unterrichtete zeitweise an der von
Elizabeth Duncan in Berlin-Grunewald geleiteten Tanzschule, so dass ein Aus-
tausch über diesen neuen, spezifisch körperlichen Zugang zur Musik zwischen
Isadora Duncan und ihm naheliegt. Bemerkenswert ist auch hier wiederum das
Zeichnen von Bewegungslinien in den Raum, um musikalische Verläufe als
Voraussetzung für ein kinästhetisch grundiertes Instrumentalspiel gleichsam
zu korporalisieren. Brandner lässt es jedoch nicht bei der historischen Spuren -
suche bewenden: Er stellt(e) den Zuhörer*innen seines Vortrags und ebenso den
Leser*innen dieses Bandes ein iPad App zur Verfügung, mit dem zu einer be -
liebigen Musik Linien gezeichnet und als Video abgespeichert werden können.
Daniela Hahn geht in ihrem Beitrag der Frage einer hörbaren Erschöp -
fung in Tanzperformances nach und inwiefern diese Erschöpfung auch für
die zuhörenden Zuschauenden erschöpfend sein kann. Dabei fokussiert sie vor
allem die, insbesondere im Ballett, traditionell unterdrückten Atemgeräusche,
denen in Karol Tyminskis Performances ein konstitutiver Stellenwert zufällt:
Überaus virtuos werden »hörbare […] Zustände der Materie, des Organismus,
seiner Widerstände und Veränderungen« als »Artikulationen des Körpers […]
wie Bewegungen choreografiert«. Tyminski entwerfe vor diesem Hintergrund
»Sound-Anatomien«, die sich gleichwohl für den zeitgenössischen Tanz
charakteristisch letztlich auf die historischen Avantgardebewegungen des
frühen 20. Jahrhunderts zurückführen lassen und die der zeitweise beschwo -
renen bzw. befürchteten Entkörperlichung von Musik durch elektronische
Klangproduktionen diametral gegenüberstehen.
Hören als ein wesenhaft »körperlicher Vorgang« steht auch im Zentrum
von Katharina Rost s Beitrag, in dem sie ihr Konzept eines »Körper-Hörens«
als einem Hören von Körpern (und deren Bewegungen) an zwei sehr unter -
schiedlichen und gleichermaßen aufschlussreichen Beispielen näher erörtert.
Während in VIOLET (2011) von Meg Stuart & Damaged Goods »brachiale
Soundströme« des Musiker-Komponisten Brendan Dougherty die »Tänzerin -
nen und Tänzer sowie Zuschauerinnen und Zuschauer in permanente Vib -
rationen« versetzen und eine »Verschiebung« zwischen einer »Selbstwahr -
nehmung« und einer »eigenartigen Fremd-Selbst-Wahrnehmung« bewirken,
produzieren in Keersmaeker & Rosas THE SONG (2009) die Tanzenden selbst
Laute, die wiederum durch die Foley-Artistin Céline Bernard geräuschhaft
synchronisiert werden, um die Materialität der Körperbewegungen zu verstär -
ken. Diese Audio-Spuren sind »nicht auf herkömmliche Weise lesbar«, betont
Rost, sondern sie verweisen auf »leiblich-affektive Zustände«, die »Grenzen
aufweichen, Trennungen aufheben« und die »Dynamik, Offenheit und Transi-
torik« (vermeintlich) fest umrissener Körper hervorheben.
## Page 20
Klänge in Bewegung18
Das dieses Jahrbuch abrundende Kapitel greift Aspekte eines Grenzen über -
schreitenden Spurenlegens und Spurenlesens auf. Diesen Reigen eröffnet Chieh-
ting Hsieh aus seiner transkulturellen Perspektive als in Europa lebender
chinesischer Musik- und Tanzwissenschaftler. Er widmet sich dem Taiwane -
sischen Choreografen Lin Hwai-min, der eine Serie von shu-fa -inspirierten
Tanzabenden schuf. Aus westlicher Perspektive handelt es sich dabei um eine
spezifisch chinesische Kalligrafie, während in China hiermit ein »Gesetz«
oder auch eine bestimmte »Art und Weise« zu schreiben gemeint ist. Hsieh
erörtert, inwiefern dieser Unterschied weitreichende Konsequenzen für das
Verständnis der entsprechenden Choreografien hat, bei denen es sich keines -
wegs nur um ein Schreiben von schönen, d.h. ästhetisch ansprechenden Be -
wegungslinien in den Raum handelt, sondern um ein Zeichnen von Spuren,
die auf Kräfteverhältnisse (»traces of force«) und insbesondere den Einsatz von
Gewicht beim Schreibvorgang verweisen. Eben dieses Moment eines Spuren -
legens ist für diese Tanzästhetik essenziell.
Josephine Fenger begibt sich in ihrer Rhythmusrecherche nach Neapel
und widmet sich dem Marienpilgerfest, einem halb religiösen, halb profanen
ekstatischen Ritual, in dem Klang, Tanz und Kultur symbiotisch verbunden
sind. Die sogenannte tammurriata , der Tanz zur großen Trommel, bewegt sich
zwischen Tradition und tourismusbedingt einem »kontrakulturellem Dio -
nysismus«. In der Nachahmung traditioneller Gesten der armen Bäuerinnen,
im Gesang derber Witze ohne den Hintergrund der Dialektsprache, versinkt
rituelle Spiritualität in eine Bedeutungslosigkeit. Bemerkenswert ist die Nähe
dieser tradierten Sound Tra/n/ces zu aktuellen Fest-Communities. Der trance -
artige Bewegungs- und der innere musikalische Rhythmus bilden die Anzie -
hungskraft zu einem synchron rhythmisierten Kollektivkörper, in dessen Ge -
meinschaftsrhythmus Opiate freigesetzt werden.
Heide Lazarus interessiert die Benutzung einer Grafik als Ausgangspunkt
von Choreografien in inter- und transdisziplinären Zusammenhängen. In der
Bedeutung der Visualisierungen unterscheidet sie die Grafik von einer Notation
oder Partitur aufgrund ihrer verschiedenen Zielsetzungen. Zunehmend sym -
bolisierende und initiierende grafische Modelle für Inszenierungen entstanden
aufgrund der gesellschaftlichen Ereignisse nach 1945 in den Künsten, da man
sich mit der Praxis von Fixierung und Selbstentscheidung auseinandersetzen
musste. Grafiken als Kompositionspraxis in der Neuen Musik werden beispiel-
haft beleuchtet und grafische Kompositionen als Raum des Möglichen wie
künstlerisch selbständige Realisierungsvorgaben in der performativen Kunst
sinnhaft gesehen. Zudem initiieren grafische Kompositionen auch im zeitge -
nössischen Tanz den Austausch zwischen Vorlage und Realisierung.
Anna Maria Kalcher stellt kreative Gestaltungsprozesse als soziales Ge -
schehen dar. Die seit den 1990er Jahren diskutierte »Swarm Creativity« be -
schreibt eine kreative Leistung, deren Neuheit und Wertigkeit anerkannt wird,
## Page 21
Sound — Traces — Moves 19
aus der Zusammenarbeit zweier oder mehrerer Individuen. Die kreative Zu -
sammenarbeit fußt auf kommunikativen und interaktiven Prozessen. Um die
Dynamik des kreativen Prozesses in kooperativen Akten zu entwickeln, wirken
sich für musikalische und tänzerische Kreativität neben individuellen Persön -
lichkeitsmerkmalen, wie Problemsensitivität, Neugier und Flexibilität, vor al -
lem ein positives Gruppenklima, ein gemeinsames Thema, das Erstellen von
ästhetischen Standards und klare Zuständigkeiten fördernd aus.
Als Ausgangspunkt für ihre praxisbasierte künstlerische Forschung
stellt Anja Weber die Untersuchungsparameter Zeit und Dynamik in zeit -
genössischer Komposition vor. Eine Bewegungsaufgabe zu unterschiedlichen
Kategorien von Phrasierung mit Tanz und Wort wurde durch Fremd- und
Selbstbeobachtung sowie reflektierender Beschreibung auf ihre Wirkung hin
untersucht. Diese Aufgabe einer Versprachlichung des körperlich-implizierten
Bewegungswissens ( embodied knowledge ) wird bezüglich Zeitgefühl, Rhyth -
mus und dynamischen Kategorien exemplarisch zwischen den Kunstformen
Tanz, Musik und Poesie erforscht. Das Zeitempfinden entsteht aus einer kom-
plexen neuronalen Verarbeitung sensorischer und vegetativer Informationen
und wird unter anderem vom eigenen Herzschlag beeinflusst. Dass wir Zeit
unter Zuhilfenahme des Raumes denken, zeigt sich in der Sprache, wie im
Begriff Zeitpunkt. Neurowissenschaftliche Untersuchungen belegen zudem,
dass bei der Reflexion von abstrakten Größen, wie der Zeit, spezifische Areale
der Raumwahrnehmung im Gehirn verwendet werden.
Dieses breite Spektrum an Themen und Fragestellungen wäre niemals ohne
das große Engagement aller Autorinnen und Autoren zu einer zügigen Fertig -
stellung dieses Bandes zustande gekommen ihnen gebührt an dieser Stelle
ein ganz besonderer Dank. Wertvolle Unterstützung bei der Herausgabe die -
ses Bandes und der hierfür erforderlichen, inhaltlich abgerundeten Zusam -
menstellung der Beiträge boten die beiden wissenschaftlichen Beirätinnen Dr.
Claudia Fleischle-Braun und Dr. Astrid Weger-Purkhart auch ihnen sei für
den anregenden Gedankenaustausch sehr herzlich gedankt. Unschätzbar und
geradezu unerschöpflich war schließlich das Engagement von Prof. Mag. Sonja
Stibi und ihrem Team vom Orff-Institut, ohne dessen mehr als beeindrucken -
de Gastfreundschaft das diesem Jahrbuch zugrunde liegende Symposium nie -
mals und schon gar nicht in dieser Dimension hätte stattfinden können.
Im Namen der Gesellschaft für Tanzforschung sei unseren Salzburger Kolle -
ginnen und Kollegen ganz besonders herzlich gedankt! Wir freuen uns auf
weitere, (in vieler Hinsicht) Grenzen überschreitende Kooperationen …
Berlin und Freiburg im Breisgau, im Juni 2017
Sabine Karoß
Stephanie Schroedter
## Page 22
Klänge in Bewegung20
Impression von künstlerischen Beiträgen, die in diesem Band leider
nicht dokumentiert werden konnten.
Oben links: Gianfranco Celestino und Annalisa Derossi/ Duo con piano
(Foto: Jonas Maron), oben rechts: Shaltiel Eloul und Gil Zissu/ 42Percent
Noir Animation by Pianist , darunter links: Ausschnitt aus Helmi Vents
Songs of(f) Stage und Studierende des Orff-Instituts mit ihren über-
wältigend köstlichen Koch-Kunst-Kreationen, daneben rechts: Ingo
Reulecke und Simon Rose/ The Encounter , unten links: Corinna Eikmeier,
Rémy Mouton (nicht sichtbar) und Martina Reichelt: mehrspurig 2016,
unten rechts: Fernanda Ortiz, Pamela Goroncy und Jessica Buchholz/
Think, When We Talk of Horses. Fotos: Stephanie Schroedter.
## Page 23
Sound — Traces — Moves 21
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Klänge in Bewegung22
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## Page 25
Klangperformative Spurensuchen
in zeitgenössischen
und (trans-)historischen Dimensionen
## Page 27
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur
Zum Konzept eines klangperformativen Spurenlegens
und Spurenlesens
Stephanie Schroedter
Musik, Klänge oder Geräusche1 unmittelbar als Bewegung zu begreifen ist kei-
neswegs selbstverständlich unbestreitbar ist allein, dass uns Musik bewegt,
indem sie uns entweder direkt zu physischen und somit sichtbaren Motionen
verleitet oder zu unsichtbaren Bewegungen wie Emotionen und Imaginatio -
nen anregt. Bereits dieser Sachverhalt mag hinreichend belegen, dass Musik
auch als eine Energiequelle,
2 eine wirkende Kraft und somit als eine Bewe -
gungsenergie verstanden werden darf, die wir in unserer Wahrnehmung direkt
als Bewegung konzeptualisieren können (aber nicht müssen) auch wenn es
sich dabei vielleicht nur um eine Metapher handelt, die auf unser körperliches
Erleben und Verstehen von Musik (jedoch nicht die Musik selbst) verweist.
3
Und hiermit bin ich schon bei der ersten Voraussetzung für meine folgenden
1 | Nicht zuletzt um den Lesefluss zu erleichtern, werden im Folgenden Klänge und
Geräusche unter einen erweiteren Musikbegriff subsummiert, sofern sie in einen
kompositorischen Prozess bzw. künstlerischen Kontext eingebunden sind. Anders ge -
wendet: Wenn von Musik die Rede ist, sind Klang- und Geräuschphänomene ebenso
eingeschlossen.
2
| Zum Begriff der Energie aus einer theater- und tanzwissenschaftlichen Perspektive
vgl. Schrödl 2005, Reynolds 2007 und Gronau (Hg.) 2013, dort insb. Huschka 2013.
3
| Es würde an dieser Stelle zu weit führen, näher auf die Frage einzugehen, inwiefern
Musik, die physikalisch besehen zweifellos auf Schwingungen und somit auf Bewegun -
gen zurückgeht, in weiterer Konsequenz auch als eine Bewegungskunst begriffen wer -
den kann, die sich ebenso wie Tanz in Raum und Zeit bewegt. Derzeit wird vor allem
seitens der kognitionswissenschaftlich orientierten Musiktheorie die These vertreten,
dass wir Musik vor allem als Bewegung (körperlich) wahrnehmen, sie deshalb aber nicht
zwangsläufig mit Bewegung gleichzusetzen sei. Vgl. hierzu auch Schroedter [2017 a und
b, im Druck].
## Page 28
Stephanie Schroedter26
Ausführungen: Musik als (unsichtbare, aber hörbare) Bewegung zu begreifen,
um damit einer spezifischen (keineswegs einzig möglichen) Wahrnehmung
von Musik Nachdruck zu verleihen, bedeutet zwangsläufig auch, sie als Spur
zu etwas Verborgenem, nicht direkt Ersichtlichem (allerhöchstens Hörbarem),
d.h. nicht unmittelbar Lesbarem und somit als Spur zu etwas Abwesendem im
Lacanschen Sinne
4 oder Spur zu etwas Anderem in Anlehnung an Emmanuel
Levinas5 zu verstehen.
Doch auch sichtbare Bewegungen lassen sich kaum von jenen unsicht -
baren, emotionalen und imaginären Bewegungen trennen, in die sich Klang-
spuren als gleichsam energetische Abdrücke einschreiben können. Insofern
lassen sich auch Tanzbewegungen niemals auf rein motorische Aktivitäten
reduzieren ihnen liegen zumeist innere (psychische) Bewegungen als Quelle
oder Impuls zu den äußeren (physischen) Bewegungen zugrunde. Und vor
diesem Hintergrund komme ich zu der zweiten Voraussetzung für meine
folgenden Überlegungen: Sichtbare (Körper-)Bewegungen lassen sich inso -
fern als Spuren begreifen, als sie auf unsichtbare und ebenso nicht hörbare
Bewegungsimpulse, auf Abwesendes und Anderes (im oben genannten Sinn)
verweisen, über das wir nur spekulieren, niemals letzte Sicherheit gewinnen
können.
Selbstverständlich kann und soll damit nicht jede Tanzbewegung zu einer
Spur erklärt werden, zumal es Spuren als solche nicht gibt: Erst durch den Akt
des (Spuren-)Lesens, der beispielsweise von den Zuschauenden und Zuhörer -
enden einer Tanzaufführung willkürlich oder unwillkürlich, bewusst oder
unbewusst geleistet wird, avancieren die hör- oder sichtbaren Bewegungen
zu Spuren, durch die es gilt, Nicht-Sichtbares und Nicht-Hörbares, Nicht-Er -
hörtes oder gar Unerhörtes (im wörtlichen wie übertragenen Sinn), das dem
Sicht- und Hörbaren immanent ist, mit allen Sinnen aufzuspüren .
6 Hieran
4 | Vgl. hierzu Lacan (dt. von Gondek) 2016, dort insb.: Das Spiegelstadium als Gestal -
ter der Funktion des Ich, S. 109-117. Zur Übertragung der Lacanschen Psychoanalyse
auf eine performative Ästhetik des Tanzes vgl. Siegmund 2006, der in diesem Zusam -
menhang ebenfalls Derridas Spuren-Konzept (vgl. hierzu weiter unten) erläutert (2006:
59-63).
5
| Vgl. hierzu insb. Lévinas 2012 und 1995 bzw. in diese komplexe Thematik einfüh -
rend Levy 2007, der auch auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Lévinas
Philosophie des Anderen und Derridas hieran anknüpfenden Begriff der Différance ein -
geht (vgl. hierzu weiter unten).
6
| Vgl. hierzu Krämer 2007: 155-181, die zu den scheinbar diametral gegenüberliegen -
den Spuren-Konzeptionen von Ginsburg und Levinas einen versöhnlichen Kompromiss
bietet, indem sie auf »die Doppelfunktion der Spur im Spannungsfeld von Immanenz
und Transzendenz, von Orientierungsleistung und Entzugserfahrung« (180) aufmerksam
macht, die wie sie konstatiert »auf subtile Art bei beiden [Hervorhebung im Original]
## Page 29
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur 27
zeigt sich auch der mediale Charakter von Spuren: Spuren vermitteln zwischen
Sichtbarem und Unsichtbarem, Hörbarem und Unhörbarem, Anwesenheit
und Abwesenheit, und nicht zuletzt zwischen Gegenwart, Vergangenheit und
Zukunft, indem sie kaum wahrgenommen schon wieder verschwunden sind
und immer auch Potenzial für Nachfolgendes in sich bergen, da sie eben -
so auf Kommendes verweisen.
7 Sie changieren somit zwischen unmittelbaren
Erfahrungswirklichkeiten und potenziellen bzw. virtuellen Realitäten. Im
Gegensatz zu herkömmlichen Spuren entziehen sich jedoch derartige Bewe -
gungs- und Klangspuren der gegenständlichen Dingwelt gleichwohl sie den -
noch über eine jeweils eigene Materialität verfügen, die sich vor allem sinn -
lich erfahren lässt. Eben diese Materialität im Verbund mit der Medialität von
Spuren bildet die Grundlage des Spurenlesens und ebenso des Spurenlegens
im Sinne eines Spurenschreibens (Kessler 2012) beispielsweise im Prozess
des Choreografierens oder Improvisierens, bei dem es nicht weniger darum
geht, Bewegungen in ihrer spezifischen Beschaffenheit und Logik jenseits vor -
schneller Bedeutungszuschreibungen wahrzunehmen. Hierfür bieten sich
kultur- und medienwissenschaftlich geprägte Techniken des Spurenlesens
bzw. Spurenlegens insofern als methodische Orientierungshilfen an, als sie
hochgradig explorativ angelegt sind, beständig zwischen Aufspüren, Verknüp-
fen, Konstruieren, Verwerfen und Neu-Ansetzen changieren, somit viel Neu -
gierde und Kreativität jenseits routinierter Methoden der Wissensproduktion
bzw. Reproduktion erfordern (Jäger 2001, 2002, 2004 sowie Fehrmann/Linz/
Epping-Jäger 2005).
Schließlich ließe sich gegen den hier vorgestellten Begriff von Bewegungs-
und Klangspuren einwenden, dass letztere nicht ebenso zufällig entstehen,
wie jene Spuren, die beispielsweise ein Dieb unabsichtlich hinterlässt und da-
mit die ihn Verfolgenden auf seine Fährte lockt. Doch wesentlich entscheiden -
der als dieses immer wieder konstatierte Kennzeichen der Zufälligkeit und
Unabsichtlichkeit bzw. Nichtintentionalität von Spuren im Akt ihrer Entste -
hung
8 vergleichbar einem produktionsästhetischen Blickwinkel, um nun
wieder zu den hier virulenten künstlerischen Phänomenen zurückzukommen
, ist die Nachträglichkeit des Spurenlesens aus einer rezeptions- bzw. perzep -
Autoren, wenn auch auf je andere Weise zur Verschränkung kommt.« Zu einer Zusam -
menfassung wesentlicher Charakteristika der Spuren-Konzepte von Ginsburg, Levinas
und ebenso Derrida vgl. Kessler 2012: 54f., 62f. und 90f.
7
| Zu einem Überblick über sehr unterschiedliche Konzepte der Medialität von Spuren
vgl. Kessler 2012: 67-88.
8
| Vgl. hierzu beispielsweise Krämer 2007: 161 und Kessler 2007: 89. Dagegen wid -
met sich Schaub (2007) explizit intentionalen Spuren(legungen) in künstlerischen Kon -
texten und sieht hierin keinen Widerspruch zu der vermeintlich verbindlichen Zufällig -
keit des Spurenlegens.
## Page 30
Stephanie Schroedter28
tionsästhetischen Perspektive. Vor diesem Hintergrund bieten Spuren in dem
audio-visuellen Entzifferungsprozess vor allem orientierungsstiftende Anhalts -
punkte (Stegmaier 2007), die eher zufällig hervorstechen und ihre Existenz
nicht selten einer ausgeprägten Intuition
9 des Spurenlesenden oder landläu -
fig ausgedrückt: einer guten Spürnase verdanken. Als Punkte des Anhaltens
und Innehaltens zeichnen sich Spuren vor allem dadurch aus, dass sie offene
und flexible Deutungs(spiel)räume bieten, anders gewendet: Sie sind immer
vieldeutig, polysemisch (Krämer 2007 und Kessler 2012), und entziehen sich
beharrlich eindeutigen Zuschreibungen (ohne deshalb in beliebige Deutungs-
möglichkeiten abzurutschen) ansonsten wären es keine Spuren, sondern Zei-
chen mit vergleichsweise verbindlichen Bedeutungszuschreibungen.
10
Das Sich-halten-an-Anhaltspunkte ist dabei kein Festhalten und Sich-Festhalten,
bei dem etwas angefasst oder umfasst würde, das selbst hält und von dem man darum
Halt erwarten kann, sondern jenes bloße Im-Auge-Behalten, ein Halt auf Distanz. […]
So ist auch der Halt der Anhaltspunkte ein paradoxer Halt: Die Orientierung wählt oder
seligiert ihn, ohne schon wissen zu können, ob sie sich wirklich an ihn halten kann,
und sie hält sich auch nur auf Distanz an ihn. Aber sie hält sich an ihn nur in der jewei -
ligen Situation, also nur auf Zeit, und so ist der Halt auf Distanz auch nur ein Halt unter
Vorbehalt. Mit beidem, der räumlichen Distanz und dem zeitlichen Vorbehalt, hält die
Orientierung offen, ob ein Anhaltspunkt auch haltbar ist, also wirklich hilft, Übersicht
über die Situation zu schaffen und Handlungsspielräume in ihr zu erschließen. So aber
erhält sie sich ihre Beweglichkeit, die sie braucht, wenn sie ihren Sinn erfüllen und sich
auf immer neue Situationen einstellen soll (Stegmaier 2007: 90-91).
Diese Offenheit und Flexibilität von Spuren als Deutungsräume scheut daher
auch nicht vor der Frage zurück, ob eine Spur, die sich (aufgrund von Vermu -
tungen) zunächst als stichhaltig erwies, im weiteren Verlauf des (suchend um
sich tastenden) Spurenlesens tragfähig bleibt, so dass es sich lohnt, sie weiter -
zuverfolgen. Dementsprechend zeigt sich auch hieran nochmals, dass es Spu -
ren als solche nicht gibt, sondern allein von den Spurenlesenden in diesen Sta-
9 | Zu sehr aufschlussreichen Facetten dieses Begriffs in künstlerischen Kontexten vgl.
Meyer 2012.
10 | Es kann hier nicht der Ort sein, näher auf unterschiedliche Zeichentheorien aus
dem Umfeld der Semiotik bzw. strukturalistischen Linguistik (Semiologie) zu einer dif -
ferenzierteren Definition von Zeichen einzugehen. Für die vorliegende Thematik muss
diese tendenzielle Unterscheidung zwischen Spuren und Zeichen ausreichen. Dennoch
sei darauf hingewiesen, dass es grundsätzlich durchaus möglich ist, Spuren als eine
Sonderform von Zeichen zu begreifen (vgl. hierzu Kessler 2012: 36 f.). Dieser Ansatz soll
jedoch hier nicht weiter verfolgt werden, da er letztlich den Boden für eine semiotisch
geprägte Inszenierungsanalyse bereiten würde, die nicht Intention dieses Beitrags ist.
## Page 31
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur 29
tus erhoben werden: Sobald sich eine Spur als nicht mehr aufschlussreich oder
gar zielführend erweist, verliert sie ihren Spurencharakter und verschwindet
nicht selten spurlos.
Mit dem Akt des Spurenlesens ist der Akt des Spurenschreibens bzw.
Spurenlegens eng verbunden. Auch er erfolgt keineswegs primär oder gar
ausschließlich bewusst und gewollt, sondern geschieht vor allem in künst -
lerischen Prozessen vielfach intuitiv, entspringt einem impliziten Wissen
(Polanyi 2016 bzw. Neuweg 1999/2004 und 2015) bzw. gerade bei Choreo -
grafien und Improvisationen einem spezifisch physischen bzw. tänzerischen
Bewegungswissen.
11 Spurenlegen und Spurenlesen lassen sich insofern kaum
voneinander trennen, als jedes Lesen von Spuren immer auch ein Legen von
Spuren ist zumal, wie bereits ausgeführt, Spuren als solche nicht existieren,
sondern erst durch den Vorgang des Lesens entstehen. Und doch mag aus der
Perspektive der künstlerisch-kreativen Arbeit der Akt des Spurenlesens weni -
ger bedeutend sein als der des Spurenlegens wie auch die häufigen Verweige-
rungen von Choreografinnen und Choreografen, ihre Stücke zu erklären, d.h.
Bedeutungspotenziale offen zu legen, zeigen. Auch daran lässt sich beobach -
ten, dass künstlerische Kreativität keineswegs in erster Linie intellektuellen
Erwägungen oder gar darauf beruhenden Gesetzmäßigkeiten folgt, sondern
rational schwer fassbaren (aber deshalb keineswegs irrationalen) Vorgängen
unterliegt. Im Folgenden soll dieses Changieren zwischen Spurenlegen und
Spurenlesen beim Spurensuchen in spezifisch choreografischen Arbeitspro -
zessen an ausgewählten Stücken von Anne Teresa De Keersmaeker aufgezeigt
werden wohlwissend, dass diese Fährten keineswegs die einzig möglichen
sind, um zu jenem Abwesenden und Anderen zu gelangen, das weit über das
Hör- und Sichtbare hinausreicht und niemals endgültig begriffen, d.h. in klar
umrissene Begriffe (soweit es solche überhaupt gibt) gefasst werden kann.
Be wegung S- und K l ang Spuren z wi Schen i nterferenzen
und d ifferenzen
Als Danses Tracées Tanzzeichnungen bzw. skizzierte Tänze und somit Spuren
von Tänzen , bezeichnet Louppe (2005) jene Tanznotationen, die keineswegs
ausschließlich dokumentarischen Charakter haben, sondern auch für sich ge -
nommen einen künstlerischen Anspruch erheben, somit zwischen Tanz und
Bildender Kunst changieren und dem Leser Imaginationsräume eröffnen, die
11 | Aus der Fülle der Literatur zu einem körperlichen Bewegungswissen (embodied
movement knowledge/knowing), auf die man im Kontext der weitgespannten embodi -
ment- und enaction- Diskurse stößt, sei hier allein ein Artikel herausgegriffen, der sehr
konkret auf choreografische Sachverhalte Bezug nimmt: Pakes 2009.
## Page 32
Stephanie Schroedter30
weit über das unmittelbar Sichtbare hinausgehen. Doch selbst wenn mit der -
artigen Grafien bzw. Grafiken (Strich-Zeichnungen, zumeist auf Papier) in
erster Linie ein dokumentarisches Interesse verfolgt wird wie im Fall der
von Anne Teresa De Keersmaeker gemeinsam mit Bojana Cvejić, herausge -
gebenen Scores bzw. Carnets (2012, 2013 und 2014)
12 , denen letztlich pädago -
gisch-didaktische Intentionen zugrunde liegen handelt es sich auch dabei
um Tanzspuren, die nur Konturen jener Choreografien bzw. Choreo-Grafiken
(Tanz-Zeichnungen und somit Zeichnungen in einen Raum, zumeist auf der
Basis physisch-realer oder virtueller Bewegungslinien) wiedergeben können,
auf die sie sich beziehen. Sie können nicht mehr (aber auch nicht weniger)
als jene sich rasch verflüchtigenden Bewegungsspuren andeuten, in die sich
wiederum Klangspuren einschreiben ein Aspekt, der in Tanznotationen zu -
meist unberücksichtigt bleibt und sie umso fragmentarischer erscheinen lässt.
Dieser komplexe, sich einer Verschriftlichung so beharrlich widersetzende
Sachverhalt soll daher im Folgenden etwas näher in den Blick bzw. in das Ohr
genommen werden, zumal gerade in De Keersmaekers künstlerischer Arbeit
sogleich auffällt, wie unmittelbar sie kompositorische Verfahren bzw. musi -
kalische Prozesse in ein Zeichnen von (Tanz-)Spuren in den Raum, d.h. in
ein choreografisches Spurenlegen überträgt. Das geschieht jedoch keineswegs,
um die Musik zu visualisieren und schon gar nicht zu illustrieren, sondern
um ihre klangliche Architektonik durch physische Bewegungen energetisch
aufzuladen und umgekehrt: um sichtbare Architekturen physischer Bewe -
gungen durch klangliche Energien zu dynamisieren. Durch die hieraus resul -
tierenden ständigen Verschiebungen zwischen den hör- und sichtbaren Be -
wegungen als audio-visuelle Interferenzen können in der Wahrnehmung der
Zuschauenden und Zuhörenden Differenzen entstehen, die sich insofern mit
Derridas Begriff der Différance in Verbindung bringen lassen, als letzterer in
Kombination mit seinem Begriff der archi-écriture als einer transzendentalen
Schrift vergleichbar Spuren dazu dient, die herkömmliche Funktionslogik
von Zeichen (mit ihrer Unterscheidung zwischen Signifikat und Signifikant
bzw. Sinn und Ausdruck) auszuhebeln.
13 Auf das Zusammenspiel von Mu -
sik und Tanz übertragen kann hieraus resultieren, dass aus der Perspekti-
ve der Wahrnehmung nicht zwangsläufig die Musik die (ursächlichen) Im -
pulse für die Tanzbewegungen (als deren Wirkung) liefert oder umgekehrt
12 | Ich beziehe mich im Folgenden auf diese Scores bzw. Tanzpartituren mit ausführli -
chem Textmaterial sowie auf ergänzende Informationen zu den entsprechenden Choreo -
grafien aus den Publikationen von Guisgand 2007 und 2012 sowie Kästner/Ruisinger
20 07.
13
| Auf diese komplexe Thematik kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Vgl.
hierzu einführend Kessler 2012: 54-58 bzw. die weiterführenden Literaturverweise ebd.
S.
22, Anm. 29.
## Page 33
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur 31
, sondern ein ständiges Wechselspiel zwischen musikalischen und tänzeri -
schen Bewegungen stattfindet, bei dem nicht länger zwischen Ursache und
Wirkung unterschieden werden kann. An die Stelle eines bipolaren Denkens
zwischen Musik und Tanz tritt unter dieser Voraussetzung ein dichtes Ge -
webe von Bewegungs- und Klangspuren mit ständigen Verschiebungen und
Reibungen zwischen dem Hör- und Sichtbaren, um als Figurationen eines un -
aufhörlichen Aufschubs auf etwas über das unmittelbar Hör- und Sichtbare
Hinausreichendes zu verweisen. An diesem Punkt kann eine Dekonstruktion
im Sinne Derridas ansetzen, die keineswegs intendiert, (sinnhafte) Strukturen
zu zerstören ( destruere ), sondern vielmehr bezweckt, eine Konstruktion offen
zu legen ( de-construere ), um auf etwas in ihr Enthaltenes, aber nicht sogleich
Erkennbares Abwesendes und Anderes (s. oben) als produktive Lücke auf -
merksam zu machen. Letzteres anzuerkennen ist umso wichtiger, als es dem
direkt Ersichtlichen wesenhaft (aber nicht zwangsläufig ursächlich) zugrunde
liegt und dementsprechend auch für sein Verständnis in seiner niemals abge -
schlossenen Vieldeutigkeit und für eine Annäherung an seine Unfassbarkeit
unabdingbar ist.
Bereits an De Keersmaekers ersten Choreografien lassen sich solche theore-
tischen Überlegungen sehr anschaulich aufzeigen: In ihrem Solo Violin Phase
(1981) zu der gleichnamigen Komposition von Steve Reich (1967) zeichnet sie
mit ihren Schritten, Drehungen, Sprüngen und Beinschwüngen einen großen
Kreis in einen Sandboden ein archi-trace ohne Anfang bzw. Ursprung und
Ende (Kessler 2012) , der sich aus detailreich durchstrukturierten, geradezu
ornamentalen Mustern ( Pattern) zusammensetzt, die ihre Fuß-Spuren hinter-
lassen. Zweifellos orientierte sie sich bei der Entwicklung ihrer Bewegungsmo-
tive, d.h., ebenso bei der Gestaltung der Körperdrehungen mit akzentuieren -
den Armschwüngen, die wiederum mit dem Schritt- Material korrespondieren,
es teilweise kontrapunktieren,
14 an kompositorischen Prinzipien, die Reichs
Musik wesenhaft kennzeichnen: Allen voran das Moment der Wiederholung
kleiner Motive ( Repetition) mit allmählichen bzw. minimalen Veränderungen
bzw. Variationen, die zu neuen Motiven überleiten sowie das der Verdichtung
(Accumulation) durch die Aneinanderreihung mehrerer Motive zu komplexen
Strukturen, zudem des Austauschs ( Substitution) von motivischem Material
und dessen Beschleunigung ( Acceleration ). Ebenso bezieht De Keersmaeker
aus der Musik Bewegungsimpulse bzw. Bewegungsenergien »a very physi -
14 | Mit kontrapunktischen Kompositionsprinzipien war De Keersmaeker nicht zuletzt
durch Musik von Bach vertraut, auf die sie laut eigener Aussage ebenso im Krea -
tionsprozess von Violin Phase zurückgriff. Auch wenn sie sich nicht mehr erinnern kann,
welche Komposition Bachs sie hierfür heranzog, dürfte dieser Zugang sehr prägend für
sie gewesen sein. Vgl. De Keersmaeker/Ceveji ć 2012: 13 bzw. in der entsprechenden
DVD-Dokumentation ( Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich) bei 12:25 min.
## Page 34
Stephanie Schroedter32
cal charge, carrying a kind of emotion« (De Keersmaeker/Cevejić 2012: 13) ,
die sie auf ihren Tanz (ungeachtet der scheinbar vorherrschenden Orientie -
rung an klaren Strukturgebungen) überträgt. Und doch verhalten sich Reichs
Musik und De Keersmaekers Choreografie bzw. deren jeweiligen Abschnitts -
bildungen (Phases) nicht deckungsgleich zueinander, ebenso wie die vier Vio -
linen der Komposition untereinander subtil zwischen einem Unisono-Spiel
und Verschiebungen von Phasen changieren (Phaseshifting ). Denn auch dieses
kompositorische Prinzip der Verschiebungen von Abschnittsbildungen, die
sich durch spezifische Bewegungsmotive bzw. deren jeweils spezifische An -
ordnung voneinander unterscheiden, überträgt De Keersmaeker auf ihre Cho -
reografie, so dass Musik und Tanz letztlich mehr miteinander konkurrieren
als kongruieren. Diese künstlerische Entscheidung ist umso konsequenter, als
die hör- und sichtbaren Bewegungen aufgrund ihrer jeweils eigenen Materiali -
tät und Medialität auch niemals zu einer Übereinstimmung kommen können
ein solcher Eindruck ist vor allem eine Syntheseleistung unseres Gehirns,
somit neuronalen Vorgängen zu verdanken.
15
Derartige Wahrnehmungsirritationen, insbesondere das Spiel mit Interfe -
renzen und Entrainement, d.h. einem raffinierten Changieren zwischen Syn -
chronisierungen und De-Synchronisierungen von Bewegungen, sind für das
Verständnis der sich in den späten 1950er Jahren herausgebildeten Minimal
Music essenziell
16 und werden von De Keermaeker minuziös in eine Tanzäs -
thetik überführt, die sich somit ungeachtet ihrer inneren Verwandtschaft
15 | Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf solche Sachverhalte näher einzuge -
hen. Eine Einführung in neurowissenschaftliche Untersuchungen zum Musikverstehen
bieten beispielsweise Spitzer 92009, Gruhn 42014 oder Levitin 2006. Das Zusammen -
spiel von Musik und Tanz bzw. körperlicher Bewegung bleibt jedoch in diesen Studien
(aufgrund seiner nochmals potenzierten Komplexität) weitgehend ausgeklammert und
gehört zu den Herausforderungen zukünftiger Forschungen, die derzeit auch von der
Systematischen Musikwissenschaft bzw. Musikpsychologie verstärkt aufgegriffen wer -
den. Vgl. hierzu z.B. Gruhn 2014b, Leman 2016, Wöllner 2017.
16
| Es kann an dieser Stelle nicht eingehender auf Hintergründe der minimalistischen
Musikästhetik eingegangen werden, obgleich sie für das Verständnis des Postmodern
Dance wertvolle Aufschlüsse bietet. Entsprechende Untersuchungen wären umso auf -
schlussreicher, als sie von einer Metaebene ausgehend aufzeigen würden, wie sehr
diese zeitgleichen, avantgardistischen Tanzströmungen ungeachtet ihrer teils vehe -
ment proklamierten Musikignoranz (jüngeren bzw. sich zeitgleich herausbildenden) mu -
sikalischen Errungenschaft verpflichtet blieben. Hier gilt es noch einem Mythos auf die
Spur zu kommen, der weiterhin viele Vorurteile (im Sinne vorschneller Urteile) schürt.
Vgl. hierzu u.a. Schwarz 1996, Potter/Gann/Siôn 2013, Gottschalk 2016.
## Page 35
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur 33
mit dem US-amerikanischen Postmodern Dance 17 und dessen latenten Ver -
weigerung musikchoreografischer Arbeit weiterhin auf eine intensive Aus -
einandersetzung mit Musik einlässt. Dennoch genügt sich das ebenso hoch -
gradig strukturierte wie relational organisierte Zusammenspiel der hör- und
sichtbaren Bewegungen in Violin Phase keineswegs selbst, sondern verweist
gerade durch seine vergleichsweise abstrakte Konzeption als ein dicht geweb -
tes Beziehungsgeflecht von Bewegungs- und Klangspuren auf etwas weit über
die Formenstrenge der Komposition und Choreografie Hinausreichendes.
Mussumi und Manning umschreiben in Anlehnung an Susanne Langer (1953)
dieses Phänomen mit dem Begriff der Ähnlichkeit ( Semblance), dem ebenfalls
Spurenelemente innewohnen.
Something more will always have to emerge, something that exceeds the concretized
space of the composition. An architecting of mobility must emerge.
In Violin Phase , it is not the drawing per se that is this architecting. What is architected
is much more subtle, much more ephemeral. The drawing is the trace [Hervorhebung
St.Sch.] of the effort of what will never quite be seen, but might be heard.
A semblance of a composition is crafted.
Brian Massumi defines semblance as the form in which what does not appear effec -
tively expresses itself, in a way that must be counted as real. A semblance is how the
imperceptible effectively appears, a curious excess of experience in the event.
A semblance of a composition is not the aftereffect of something more real or more true.
It is not less-than, or secondary. In fact, the semblance as Massumi defines it drawing
from Suzanne [sic!] Langers important work on dance is more-than.
It is the vibratory moreness, the directly felt effect of the imperceptible added on to the
event in its actuality. The semblance is the force of the event, its potential as felt. The
form of the circle, the form of the spiraling is not denied here. Semblance co-habitates,
co-agitates with form. It makes felt forms excess. The semblance in Anne Teresas Violin
Phase is the lived experience of the motifs counterpoint; the semblance is how we feel
movement become vision become sound a visionary with-visioning of sound where
movement leaves the trace [Hervorhebung St. Sch.] of what is heard in vision. (Zegher/
Manning 2011, ohne Paginierung, mit Bezug auf Massumi 2012 [Zitat])
Das Prinzip eines tänzerischen Phaseshifting, das De Keersmaeker in Violin
Phase entwickelte, erweitert sie in der kurz darauffolgenden, nun als Duo an -
gelegten Choreografie Piano Phase (1982) wiederum zu einer gleichnami-
gen Komposition von Steve Reich (1967), jedoch nun in einer Besetzung für
17 | Beispielsweise durch den Einbezug von Alltagbewegungen, der komplexen cho -
reografischen Verarbeitung eines vergleichsweise einfachen Bewegungsmaterials bei
gleichzeitiger Negierung dramatischer Entwicklungsverläufe durch Reihentechniken
oder Montageverfahren etc.
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Stephanie Schroedter34
zwei Klaviere , indem es nun nicht nur zu Verschiebungen zwischen den
Abschnittsbildungen, sondern auch den Bewegungsqualitäten kommt. Dabei
werden drei choreografische Abschnitte, denen unterschiedliche Anordnun -
gen von drei Bewegungsmotiven zugrunde liegen, auf jeweils einer Linie ge -
tanzt, die zweimal in Richtung Bühnenfront nach vorne verschoben wird, so -
mit vergleichbar dem Effekt des Heranzoomens auf drei unterschiedlichen
Ebenen des Raumes dargeboten wird. Gleichzeitig verschiebt sich innerhalb
einer Raumebene die Qualität der Bewegungen, mit der die Motive ausgeführt
werden, von »fluent« (als Grundqualität) über »suspended« (verlangsamt, d.h.,
mit zurückgenommenem Tempo) zu »attacked« (schnell und gleichzeitig ab -
rupt abbrechend, vergleichbar dem musikalischen Staccato). Nur an einer Stel-
le kommt es durch einen Richtungswechsel und eine Tempobeschleunigung
einer Tänzerin zu einem kurzfristigen Auseinanderdriften der Bewegungen,
das durch eine spezielle Lichtgebung bzw. daraus resultierenden Schattenwür -
fen auf der Bühnenrückwand, einer weiteren wichtigen Raumebene der Cho -
reografie, nochmals dupliziert wird (s. Abb. 1). Ansonsten bleiben die beiden
Tänzerinnen im Unisono, während sich die Choreografie insgesamt zur Musik
vergleichsweise unabhängig (independent), genauer formuliert: interdepen -
dent verhält, da sich die musikalischen und tänzerischen Abschnittsbildun -
gen nicht zwangsläufig kongruent zueinander verhalten, während stattdessen
die jeweiligen kompositorischen bzw. choreografischen Verfahren vor allem
auf der ästhetischen Metaebene übereinstimmen. Unter dieser Voraussetzung
wird die spezifische Materialität und Medialität der Bewegungs- und Klang -
spuren nicht kaschiert, um eine vermeintliche Deckungsgleichheit hör- und
sichtbarer Bewegungen herzustellen, sondern eigens hervorgehoben, um ihre
jeweils eigene Wirkungsintensität ungeachtet ihrer inneren Verwandtschaft
als (hör- und/oder sichtbare) Bewegungen in Raum und Zeit zur Geltung
kommen zu lassen.
18
Und während bei Violin Phase vor allem der Blick von oben, die Aufsicht
bzw. Draufsicht (Vogelflugperspektive), für den Nachvollzug der Bewegungs -
spuren entscheidend ist, ist bei Piano Phase insbesondere die Frontalansicht
ausschlaggebend, um die aus den Bewegungsspuren resultierenden Phasen -
verschiebungen (ihre Widerspiegelung durch die Schattenwürfe eingeschlos -
sen) erkennen zu können.
18 | Ein vergleichbares, wenngleich noch radikaler zugespitztes Zusammenspiel von
Musik/Klang und Tanz lässt sich auch bei der »Collaboration« von John Cage mit Mer -
ce Cunningham feststellen, vgl. hierzu Schröder 2011. Auf der wirkungsästhetischen
Ebene werden derartige musikchoreographische bzw. klangperformative Verfahren mit
Emergenzeffekten in Verbindung gebracht.
## Page 37
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur 35
Abb. 1: Von Anne Teresa De Keersmaeker in den Sand gezeichnete Bodenwege in
Violin Phase (oben) und (unten) Schattenwürfe der beiden Tänzerinnen Anne Teresa De
Keersmaeker und Michèle Anne De Mey in Piano Phase (aus: Fase. Four Movements to
Music of Steve Reich, getanzt von Rosas ). Foto: Herman Sorgeloos. P .A.R.T.S. Archive,
Brüssel.
In Drumming (1998) und Rain (2001), den nächsten beiden Choreografien von
Anna Teresa De Keersmaeker zu Kompositionen von Steve Reich erstere
## Page 38
Stephanie Schroedter36
wiederum zu einer gleichnamigen Komposition von Reich (1971), letztere zu
Reichs Music for 18 Musicians (1976) , fallen vor allem die räumlichen Dimen -
sionen zunehmend komplexer aus, da sowohl den geometrisch-mathematisch
konzipierten Bodenwegen als auch den Bewegungsmotiven Spiralbewegungen
als elementare Spurformen ( archi-trace) zugrunde gelegt werden. Zudem be -
günstigt die vergleichsweise einfache Konzeption der Bewegungsmotive ihre
umso komplexere Verarbeitung durch kanonische, kontrapunktische oder (ver-
gleichbar dem in der musikalischen Kontrapunktik beliebten Krebsgang) rück -
läufige Kompositionstechniken (hier allgemein als Techniken verstanden, mit
denen ein spezifisches Material zusammengesetzt wird: componere ).
Diese Spiralbewegungen werden in Drumming innerhalb eines Quadrats
bzw. der Zusammensetzung mehrerer Quadrate ausgeführt, deren Größenver-
hältnisse auf die Fibonacci-Reihe zurückgehen (De Keersmaeker/Cevejić 2014)
und die gleichzeitig spiegelsymmetrisch und mit einer leichten Drehung ver -
sehen (somit spiralförmig auf der Ebene des Raumes) ineinander verschoben
werden. In Rain werden diese Spiralbewegungen innerhalb eines großen Krei -
ses dargeboten, der wiederum in jene Quadratstrukturen unterteilt ist, die De
Keersmaeker in Drumming entwarf (s. Abb. 2). Allerdings basiert Drumming nur
auf einer, unisex konzipierten Phase, während in Rain den Tänzerinnen und
Tänzern zwei, jeweils genderspezifische Phases zugeordnet sind. Schließlich
ist Drumming in seiner Makrostruktur durch zwei ungleiche Teile, denen das
Verhältnis des Goldenen Schnitts zugrunde liegt,
19 asymmetrisch konzipiert
während Rain symmetrisch angelegt ist und dabei auf eine erweiterte ABA-
Form zurückgeht. Dennoch kommen in Drumming und Rain grundsätzlich
vergleichbare choreografische Verfahren zur Anwendung eben jenes für De
Keersmaekers Arbeit charakteristisches Phaseshifting (in räumlichen wie zeitli-
chen Dimensionen), zudem Spiegelungen (Mirroring in Raum und Zeit, mit der
Sonderform des Videoscratching als dessen abrupte Verkürzung), Verdichtun -
gen ( Accumulation) von Bewegungsmotiven, Tempobeschleunigungen bzw.
Verlangsamungen ( Kinoking), allmähliches Aufbauen von Phasen ( Stacking),
Partnerarbeit im Stil der Kontaktimprovisation ( Manipulations) und gewebe -
artige, gleichsam geflochtene Tänzeranordnungen mit ständigen Platzwech -
seln ( Tresses) (De Keersmaeker/Cevejić 2014). Und während in Drumming
Musik und Tanz weitgehend parallel laufen und es zu keinen auffälligen
gegenseitigen Bezugnahmen kommt, ist in Rain das Tanzgeschehen in seiner
19 | Die einfachste Definition des Goldenen Schnitts verweist auf ein ausgeglichen
proportioniertes Verhältnis von Höhe (a) und Breite (b) auf der Basis der Formel a : b
= [a + b] : a. Es muss Spekulationen überlassen bleiben, ob De Keersmaeker Gerhard
Bohners Trilogie Im (Goldenen) Schnitt (1989) kannte, der eine ähnliche Konzeption
zugrunde liegt zumal Cesc Gelabert ab 1996 mit einer Wiedereinstudierung dieser
Choreografie tourte. Vgl. hierzu Schroedter 2016.
## Page 39
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur 37
strukturellen Anlage, insbesondere in Bezug auf die formalen Abschnittsbil -
dungen, vergleichsweise penibel auf die musikalische Struktur abgestimmt.
Dieser Sachverhalt hat zweifellos seine Ursache darin, dass in Drumming das
gesamte Stück von einem gleichbleibenden Puls durchzogen ist, der De Keers -
maekers Choreografie vergleichsweise neutral und zurückhaltend grundiert,
während Reichs Music for 18 Musicians rhythmisch, aber auch harmonisch und
melodisch wesentlich differenzierter ausgearbeitet ist, zudem aus elf sehr di -
vergierenden Abschnitten ( Pulses) besteht, die in der choreografischen Struk -
tur beibehalten werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnen nicht nur rhythmische, sondern gerade
auch klangräumliche Dimensionen der Musik an choreografischer Plastizi -
tät zumindest liegt ein derartiger Emergenzeffekt nahe: Die musikalischen
Klangspuren schreiben sich durch die Bewegungsspuren der Tanzenden in
den Raum ein. Insofern weisen die Tanzspuren auch weit über das sichtbare
Geschehen hinaus und eröffnen einen architektonisch angelegten Hörraum,
der in seiner Offenheit zu Spurensuchen jenseits eindeutiger Bedeutungszu -
schreibungen einlädt wie auch Zegher/Manning (2011) bemerken und sich
dabei auf eine Äußerung von De Keersmaeker beziehen, die das strenge For -
menspiel der Bewegungs- und Klangspuren zunächst wohl kaum erahnen
lässt:
While on the surface it looks like Anne Teresa is tracing grids, holding movement to
repetitive form, she is in fact creating lines of thought, lines that plane beyond the gra -
vitational limits of their form. And in so doing, she is making a proposition: listen to the
music dance, listen to the dance compose.
It is not a form De Keersmaeker is tracing, it is a pattern. A phasing pattern? Pattern are
always semblances, always alive with the unseen in-between that makes them percep -
tible as such. A pattern is not a form, but a relational matrix. […]
The semblance of a composition is a direct experience of patterning. Patterning not
of sound, or of form, but patterning as the act of creating a constellation where sound
and mouvement are co-imbricating, where dance and environment are co-constituting,
where rhythm and body are one in a co-composing field shared by many.
Its truly my fundamental conviction that when you destroy your environment, you also
destroy yourself. You are what you see, what you hear, what you eat … So where does the
body begin or end? The air that you breathe or the visual information you obtain are all
part of your body. Your are the world, you carry the world inside you.
Here, where we begin to see sound in-forming the beyond of the figural (the figure as
line, the figure as form or body), there is a sense, a semblance, of an excess of repre -
sentation. This excess of representation, for a charged moment, challenges implicit as -
sumptions about the force of movement-moving. And here, where movement creates a
pattern for that which will always exceed the seeing-as-such, a new kind of composition
is born: an ecology of practices.
## Page 40
Stephanie Schroedter38
And so the performance ends and the process begins. (Ebd. mit Bezug auf De Keers -
maeker in Laermans 2009 [Zitat])
Abb. 2: Die durch Quadrate strukturierten Raumaufteilung bzw. Bodenwege in Drumming
(oben und unten links) und (unten rechts) in Rain , wo sie nicht mehr nur ineinander
verschoben, sondern auch in eine Kreisformation eingepasst werden. Der Größe der
Quadrate liegt das Verhältnis der Fibonacci-Reihe zugrunde. Aus: Keersmaeker/Ceveji ć
2014: 20-26 und 113.
Die im Vorangegangenen skizzierten Verfahren eines musikchoreografischen
Spurenlegens als ein Schreiben von Bewegungs- und Klangspuren in einen
Raum, der sich als solcher erst durch das Zusammen- und Wechselspiel von
Bewegungen und Kängen konstituiert, sowie deren (in ihrer Offenheit und
Reichweite) hier nur angedeuteten Hintergründe, die De Keersmaeker in ihren
frühen Arbeiten entwickelte und anschließend kontinuierlich ausdifferenzier -
te, gewinnen in ihren jüngeren und jüngsten Choreografien eine Komplexität,
## Page 41
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur 39
die sich mit bloßen Augen bzw. Ohren, d.h., allein auf der Basis des Hör- und
Sichtbaren, wohl nur erahnen lassen. Das gilt insbesondere für ihre Ausein -
andersetzungen mit der polyphon und polyrhythmisch raffiniert ausgearbei -
teten Musik der franko-flämischen Ars subtilior in En Attendant (2010) und
Cesena (2011), vor allem aber auch für ihre Choreografie Vortex temporum zu
der gleichnamigen Komposition von Gérard Grisey (1995), die sie zunächst für
die Bühne schuf (2013) und kurz darauf unter dem Titel Work/Travail/Arbeid
für Aufführungen in den Ausstellungsräumen des Brüssler Contemporary
Art Center Wiels umarbeitete (2015). Dabei mutiert die ursprünglich kontra -
punktisch angelegte Konzeption für sieben Tänzerinnen und Tänzer zu einer
neunwöchigen, getanzten Ausstellung bzw. einem Ausstellen von Tanzbewe -
gungen diese Umschreibung versteht sich als Gegensatz zu herkömmlichen
Tanzausstellungen bzw. Ausstellungen mit Tanzperformances mit ständig wech-
selnden, auch kleineren oder solistischen Besetzungen der Tanzenden und der
Instrumentalisten des auf Neue Musik spezialisierten Ensemble Ictus .
Es ist wohl kaum einem Zufall zu verdanken, dass De Keersmaeker nach
ihrer intensiven Auseinandersetzung mit der Minimal Music US-amerikani -
scher Prägung nun unversehens zu einer Liminal Music, d.h. zu einer an den
Schwellen menschlicher Wahrnehmung balancierenden Musik fand, deren
Wurzeln auf die (scheinbar) freischwebenden Zeit- und Klangkonzepte der
französischen Impressionisten zurückgeht. Als einer der Gründungsväter
der sogenannten »musique spectrale« (Spektralmusik), in deren Zentrum die
Entwicklung von Kompositionstechniken zur Darstellung liminaler Wahr -
nehmungsphänomene steht, arbeitete Grisey an einer musikalischen Zeitge -
staltung, die als »Schwindelgefühl reiner Dauer« (Haselböck 2009) menschli -
ches Vorstellungsvermögen übersteigen sollte. Sie korrespondiert unmittelbar
mit »klanglichen Gestalten « und harmonischen Spektren als klangräumliche
»Archetypen« ( Archétypes ), die intendieren, Grenzen westlich-klassischer
Musikkonzepte (bzw. entspechender Wahrnehmungsgewohnheiten) zu über -
schreiten wie Grisey selbst darlegte.
20 Rhythmische und klangräumliche
Parameter werden dabei so eng miteinander verwoben, dass herkömmliche
Unterscheidungen von musikalischer Zeit und musikalischem Raum sukzes -
siv ausgehöhlt werden.
Dementsprechend avanciert durch den tänzerisch gestalteten Zeitenwirbel
(Vortex temporum ) in De Keersmaekers Auseinandersetzungen mit Griseys
Komposition, in denen wiederum die für ihre Arbeit typischen Kreis- und Spi -
ralbewegungen in der Horizontalen (der Bodenwege) und Vertikalen (der Wir -
belsäule) zum Einsatz kommen, die Musik zu einem hochgradig durchchoreo -
20 | Der entsprechende Erläuterungstext von Vortex temporum ist u.a. auch in dem
Booklet zu der Einspielung dieser Komposition mit dem Ensemble Recherche abge -
druckt (WDR Köln/Musidisc France 1997 /2001).
## Page 42
Stephanie Schroedter40
grafierten Klangraum, der den Unterschied zwischen den Bewegungs- und
Klangspuren nivelliert.
Abb. 3: Ineinander verschachtelte Kreisformationen, denen sternförmige
Muster zugrundeliegen, aus Vortex temporum in einer Zeichnung von Anne
Teresa De Keersmaeker (oben) sowie (unten) Eintragungen zu den Tanzbewe -
gungen in Griseys Partitur von Jean-Luc Plouvier, die das relationale Verhält -
nis der tänzerischen und musikalischen Gesten (einem vielstrapazierten und
letztlich nur bedingt aussagekräftigen Begriff) skizzen- bzw. spurenhaft an -
deuten. Aus: Cveji ć 2013: 59 und 46-47.
Zweifellos war hierfür wichtig, dass sich die Mitglieder ihres Ensembles inten -
siv mit Griseys Partitur in ihrer strukturellen Konzeption auseinandersetzten
und zudem das Stück über weite Strecken gemeinsam mit den Musikern er -
arbeiteten bzw. bei den Aufführungen unmittelbar mit den Instrumentalisten
interagieren jedoch ohne deshalb willentlich auf Ursache und Wirkung ba-
sierende Interaktionen entstehen zu lassen (Filipovic 2015). Andererseits re -
## Page 43
Audio-visuellen Bewegungen auf der Spur 41
sultierte hieraus auch keineswegs ein musikalisch-tänzerisches Konglomerat,
dessen Einzelteile sich aufgrund eines geradezu symbiotischen Verschmel -
zungseffekts nicht mehr voneinander separieren lassen (wie man vielleicht an -
nehmen könnte), stattdessen zeigt sich ein permanenter Austausch hör- und
sichtbarer Bewegungsimpulse, die sich ihrer jeweils eigenen Materialität und
Medialität, letztlich der Unmöglichkeit miteinander zu einer (vermeintlich)
harmonischen Deckungsgleichheit zu kommen, durchaus bewusst sind wie
auch Jean-Luc Plouvier (2015: 46), der Pianist von Ictus , sehr anschaulich dar -
legt. Ihm soll daher das letzte Wort zur Beschreibung dieses wahrnehmungs -
ästhetischen Phänomens überlassen werden:
There you have it. We [the musicians] did not become dancers and they [the dancers]
did not become musicians and the ambiguous word gesture continued to dangle bet -
ween us like a fertile enigma. As for whether dance and music actually interact, this
would be as boring as hell. Let us say that the seek each other out, converge, want from
each other, ask for things from each other. As in love, misunderstanding is the norm,
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(ohne Paginierung).
## Page 47
Auf den Spuren der Pavane Royale
von Alexander Sacharoff
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter 1
Gemeinsamer Brennpunkt der folgenden Beiträge der drei Autorinnen der
Choreografin Rose Breuss, der Tänzerin Julia Mach und der Kunsttheoreti -
kerin Ursula Brandstätter ist das Re-enactment der Pavane Royale von Alex-
ander Sacharoff, die basierend auf einer ca. 1660 entstandenen Komposition
für Clavecin, der Pavanne in fis-moll von Louis Couperin
2 in die Geschich -
te des Tanzes eingegangen ist. Die im Rahmen des Symposions gemeinsam
durchgeführte Lecture Perfomance wird hier in lineare Texte aufgelöst, sie gibt
den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten Raum.
Am Anfang steht die Perspektive der Choreografin Rose Breuss. Sie ver -
weist auf die vielfältigen historischen Quellen, die der choreografischen und
tänzerischen Forschungsarbeit zugrunde liegen. Dazu gehören nicht nur his -
torische Tanzfotografien und Kostümbilder, sondern auch Texte und Notatio -
nen. In der Zusammenarbeit mit der Tänzerin Julia Mach wurde vor allem aus-
gewähltes Textmaterial als Inspirationsquelle für den Nachvollzug kinetischer
und motorischer Spuren genutzt. Rose Breuss beschreibt die choreografische
Tätigkeit als einen Movement Research Prozess, der die Räume der vorhande -
nen visuellen wie textlichen Archive auslotet, etwa indem sie als Anlass für
eigene Tanznotate genutzt werden. Die Suchbewegungen betreffen jedoch
nicht nur die Choreografin, sondern ebenso die Tänzerin, die über die Akti -
1 | Der vorliegende Beitrag stellt eine modifizierte Fassung eines Artikels der Autorin -
nen dar: Brandstätter, Ursula/Breuss, Rose/Mach, Julia: Auf der Suche nach verlore -
nen Bewegungsspuren … Eine Sacharoff-Interpretation aus verschiedenen Perspekti -
ven künstlerischer Forschung, in: Oberhaus, Lars/Stange, Christoph (Hg.): Musik und
Körper. Interdisziplinäre Dialoge zum körperlichen Erleben und Verstehen von Musik.
Bielefeld: transcript [im Erscheinen]. Der Wiederabdruck erfolgt mit freundlicher Ge -
nehmigung durch den Verlag.
2
| Manuscrit Bauyn, Bibliothèque Nationale Paris, Rés. Vm7 674-675, f. 73.
## Page 48
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter46
vierung gespeicherter Bewegungs- und Tanztechniken hinaus historische und
aktuelle Möglichkeiten des Tanzes erforscht.
Der Beitrag von Julia Mach ist sehr persönlich gehalten. Er gibt Einblick
in die Interessenslage und Arbeitsweise der Tänzerin. Ein wichtiger Ansatz -
punkt für die Auseinandersetzung mit Alexander Sacharoff ist das sowohl bei
Sacharoff als auch bei ihr verortbare Interesse an Fragen der Transzendenz,
das Julia Mach in Verbindung mit schamanischen Techniken bringt. Ziel ist
es, über den Tanz andere, nicht alltägliche Wirklichkeiten zu erfassen. Eine
zentrale Rolle spielt dabei die Idee des »innerlichen Vibrierens«. Analog zum
Welle-Teilchen-Dualismus in der Physik wird die Wirklichkeit des Tanzes im
Spannungsfeld zwischen innerlich vibrierenden Bewegungsformen und äu -
ßerlich sichtbaren, klar geformten Bewegungsmustern konstituiert. Im Wech -
selspiel zwischen Innen und Außen, Materialität und Transzendentalität wird
die Pavane Royale re-enacted.
Ausgangspunkt für die Überlegungen Ursula Brandstätters ist das Erleb -
nis des Tanzes aus der Perspektive einer Rezipientin. Der Textbeitrag beginnt
mit einer Momentaufnahme des Tanzes, die Leserinnen und Lesern die Mög -
lichkeit geben will, selbst Momente des Tanzes in der Imagination nachzuvoll -
ziehen. Daran schließen sich Überlegungen zum Wechselspiel von Tanz und
Musik an. Im Fokus stehen dabei weniger Gemeinsamkeiten zwischen den
beiden künstlerischen Ausdrucksmedien, sondern vielmehr Differenzen und
unerwartete Konfrontationen sie lenken das Auge, das Ohr und den Körper
auf neue Weisen der Wahrnehmung, abseits der gewohnten und vertrauten
Pfade. Der letzte Abschnitt schließlich ist grundsätzlichen Fragen der Wahr -
nehmung gewidmet: Wie arbeitet der Wahrnehmungsapparat und wie ver -
ändert sich die Wahrnehmung, wenn verschiedene Sinneskanäle gleichzeitig
aktiviert werden? Ästhetische Wahrnehmung wird in diesem Zusammenhang
als besondere Weise eines mimetischen Umgangs mit der Welt beschrieben.
Spuren Suche in den a rchiven von a le x ander S acharoff
Rose Breuss
Sich den Tänzen Alexander Sacharoffs choreografisch und tänzerisch, in
tanzpraxeologischen Studien anzunähern, bedeutet ein über ihn existieren -
des Archiv mit historischen und zeitgenössischen Materialien zu dekodieren.
In der Auseinandersetzung mit Sacharoffs Biografie, seinen Tänzen, seinen
Schriften über Tanz und den zeitgenössischen bzw. heutigen Rezensionen über
sein künstlerisches Schaffen dominiert vorerst der Blick auf den Reichtum der
Tanzphotografien und die von ihm gezeichneten bzw. gemalten Kostümbilder.
## Page 49
Auf den Spuren der Pavane Royale 47
Der Blick fällt auf phantastische Oberflächen, präzise Figurationen, theatrale
Hüllen, raffinierte Gesten und eine provokant wirkende Körperlichkeit. 3
Abb. 1: Alexander Sacharoff: Pavane fantastique, Kostüment -
wurf, um 1916/18, Collage, Städtische Galerie im Lenbach -
haus, München. Aus: Peter/Stamm 2002: 235.
Mit verschiedenen Materialien zu Alexander Sacharoff kam ich 2013 durch
Claudia Jeschke in Berührung. Sie produzierte im Auftrag des Tanzfonds Erbe,
unterstützt von der deutschen Kulturstiftung des Bundes, mit der Filmema -
3 | Alexander Sacharoff (1886-1963) kreierte vor allem Solotänze und Duos in Zu -
sammenarbeit mit seiner Frau und Tanzpartnerin Clothilde von Derp. Die beiden tourten
mit ihren Tanzprogrammen von München aus sehr erfolgreich durch die Welt. Sacharoff
provozierte und faszinierte sein Publikum mit einer »damals als riskant empfundenen
Auseinandersetzung mit Cross Gender, seinem spektakulären Kunstwillen und seiner
utopistischen und ästhetisierten Spiritualität […]«. (Jeschke 2017: 59)
## Page 50
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter48
cherin Stella Tinbergen den Tanzfilm Forschungsprojekt Sacharoff.4 Die Realisie-
rung verschiedener Tänze der Sacharoffs in Zusammenarbeit mit dem Tänzer
Rainer Krenstetter sind Annäherungen und lassen sich als embodied scores be-
zeichnen, d.h., als visualisierte, tänzerische Materialien in den kulturellen und
ästhetischen Zwischenräumen zwischen Historie, Gegenwart und Zukunft.
Claudia Jeschkes Auseinandersetzung mit Fragen zur Rekonstruktion der
Tänze inspiriert diese Movement Research Studie. Die Lektüre der teilweise
noch unveröffentlichten Schriften und Notationen erfolgt als transitorisches
Verfahren und in Strategien des Lesens, die nach Bewegungen, physischen
Aktionen, Qualitäten und nach einer Kinetik der Tänze suchen. Lesen ist zu -
gleich Schreiben, ein Mit- und Aufschreiben von Bewegungen im Nachvollzug
kinetischer und motorischer Spuren durch das Archiv der Texte.
Auf der Suche nach solchen Spuren sind die Imitation und Interpretation
des visuell erschließbaren Materials unvermittelt und scheinbar selbstver -
ständlich anwendbar. Tanzbewegungen werden beispielsweise im Griechischen
Tanz aus den gezeichneten Stellungen bzw. Posen wie aus einer Bilderschrift
ablesbar. Die »ruhigen Stellungen« des Körpers deutete Sacharoff als Bewe -
gung als eine »gleichsam erstarrte Bewegung« (Peter/Stamm 2002: 46). Er
unterschied zwischen »Zweckbewegungen, wie Laufen, Fassen, Tragen usw.«
und »Ausdrucksbewegungen, die ein Seelisches durch die Gebärde unmittel -
bar versinnlichen« (2002: 46).
Abb. 2: Ausschnitt aus dem Griechischen Tanz.
Aus: Peter/Stamm 2002: 53
Die Suchprozesse in dem verfügbaren Archivmaterial ergeben jedoch auch
Lesarten, die nicht nur das visuelle Material imitativ entschlüsseln. Auch das
ausgewählte Textmaterial lässt sich physisch, in Bewegung verhandeln und in
enactments thematisch konstruieren (in unserem Fall nicht rekonstruieren).
4 | Ausschnitte des Filmes sind einzusehen unter http:/ /tanzfonds.de/en/project/do
cumentation-2012/sacharoff-research-project (Zugriff am 12.8.2016).
## Page 51
Auf den Spuren der Pavane Royale 49
Dem streifenden, die tänzerische Physis motivierenden Blick auf das beste -
chende Bildmaterial wird ein emotives bzw. emotivierendes, nach Bewegung
suchendes Lesen des Textmaterials gleichgestellt. Die Wirkungen der Worte,
ihre Musikalität und ihr assoziiertes Bewegungspotenzial führen zu kineti -
schen und motorischen Versuchsanordnungen in den Movement Research
Prozessen. Einige Sätze bleiben wie fragmentarische Textspuren im Probe -
raum hängen. Sie werden zum Bewegungsmaterial in der syn- und kinästheti -
schen experimentellen Praxis des Tanzens und Choreografierens.
Dekodierungsspur 1 Synästhesien aus Textfragmenten
Satz 1: Dekodierung durch Verschlucken
[…] ein Gedicht, das sich sozusagen verschlucken lässt und dann tanzen […]
(Rilke 1987: 1472) 5
Satz 2: Dekodierung eines getäuschten Stiftes
Die Kronen-Naht des Schädels […] hat nehmen wirs an eine gewisse Ähnlichkeit mit
der dicht gewundenen Linie, die der Stift eines Phonographen in den empfangenden
rotierenden Cylinder des Apparates eingräbt. Wie nun, wenn man diesen Stift täuschte
und ihn, […] über eine Spur lenkte, die nicht aus der graphischen Übersetzung eines
Tones stammte, sondern ein an sich und natürlich Bestehendes […] eben (z.B.) die Kro -
nen-Naht wäre : Was würde geschehen? (Rilke 1987: 1089-1090)
Satz 3: Dekodierung durch Hören: Ohr, Retina, Epidermis hören
Hören beschreibt der Musikkritiker und Sacharoff-Biograf Emile Vuillermoz
(1878-1960) als einen Vorgang, der über das Ohr, das Trommelfell hinaus mit
dem ganzen Körper stattfinde. Unser Organismus sei »un appareil récepteur«
(Vuillermoz 1933: 74), eine Art Empfänger-Einheit: Die Frequenzen der uns
umgebenden Welt würden nicht nur durch das Trommelfell und Ohr, sondern
5 | Dass Rainer Maria Rilke mit Sacharoffs Frau und Tanzpartnerin Clothilde Sacharoff
in Verbindung stand, brachte uns zur Lektüre einiger Rilketexte. In unserer Auseinan -
dersetzung mit Sacharoffs künstlerischem Schaffen suchten wir nach Ideen, Bildern,
Formulierungen für Übersetzungsvorgänge und fanden in Rilkes sinnlich-physischen,
zwischen verschiedenen Materialitäten changierenden Übertragungen einen Ausgangs -
punkt für experimentelle Herangehensweisen mit Dekodierungsprozessen. Dekodie -
rungstechniken anzuwenden könnte heißen, den Medienwechsel nicht zu vollziehen und
synästhetisch vorzugehen. Fragen nach Dekodierungsmitteln und -techniken standen
hier im Mittelpunkt.
## Page 52
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter50
auch durch die Retina bzw. die Epidermis eingefangen. Das Leben der Sinne
sei eine Symphonie von Vibrationen. Die Sinne teilen sich die Arbeit. (1933:
74 f.)
Den Tanz, der über die syn- und kinästhetischen, experimentellen Prozes -
se mit diesem Textfragmenten entstand, machte Andreas Kurz in einem ex -
perimentellen Kurzfilm sichtbar: https://www.youtube.com/watch?v=g3rGQ
G4fgH8 vom 12.8.2016.
Abb. 3: Notationsausschnitt der Pavane Royale von Rose Breuss. 6
Dekodierungsspur 2 Musikalische Muskeln/Pavane Royale
Im zweiten Versuch arbeiten wir mit Textpassagen von Alexander Sacharoff
und Emile Vuillermoz, die ausgewählte Tänze der Sacharoffs besonders im
Hinblick auf musikalische Analysen, Bemerkungen, Aspekte thematisieren.
7
Emile Vuillermoz beobachtete und beschrieb die Tänze der Sacharoffs vor
6 | In der Tanznotation sind Zeichen aus der Labanotation verwendet. Dieses Nota -
tionssystem sieht eigentlich eine Verwendung der Zeichen in einem bestimmten Zeilen -
system vor. Hier »hängen« die Zeichen aneinander. Sie determinieren Raum und Zeit
nicht als quantitative Größe.
7
| Alexander Sacharoff sah in der Musikalität des Tanzens die Möglichkeit »die ganze
Fülle der Bewegungen zurückzugewinnen […]: »Bei einem Tanz, der nichts anderes sein
## Page 53
Auf den Spuren der Pavane Royale 51
allem anhand musikalischer Parameter. Der »aufzeichnende Stift« wird in
dieser Versuchsanordnung über jene Textpassagen insbesondere über Vuil -
lermoz musikalisch inspirierte Beschreibung der Choreografie Pavane Fantas-
tique »gelenkt« und in eine experimentelle Laban-Tanznotation übertragen.
Die Tänzerin Julia Mach benutzt diese Notate im Generieren und Komponie -
ren des Bewegungsmaterials.
Ausgewählte Bestandteile der Notation:
1.
Bestimmte Körperteile sind Vuillermoz zufolge bei Sacharoff akzentuiert
und wirken in seinem Tanz wie »elektrifziert« (Vuillermoz 1933: 49). Die
Notation übernimmt und variiert eine Auswahl.
Abb. 4: Oberflächen von rechtem und linkem Knie, rechtem und linkem Knöchel, Nacken,
linkem kleinen Finger, Schulterblättern, rechtem Mittelfinger.
2. Sacharoff tanze rhythmisch ungenau und widerstehe der gewohnten Arith-
metik der Zeit, in der alle Bewegungsabläufe in 4 und 8 geteilt sind. Er re -
agiere nicht auf die Schwerzeiten der Takte, sondern seine Muskeln greifen
auf kleinste Triolen, auf Synkopen, Vorschläge, Grupetto, Arpeggi zu (Vuil-
lermoz 1933). Die Kreise in der Tanznotation markieren einen bestimmten,
von der Tänzerin zu wählenden Ort. Der Ort kann im Raum auftauchen
oder an einen Körperteil gebunden sein; er kann sich vergrößern und ver -
kleinern. So wie Arpeggi, Vorschläge, Nachschläge usw. einen bestimmten
Ton umgeben, umspielt die Tänzerin bestimmte Orte.
Abb. 5: Die in Punkt 1 gelisteten Körperteile motivieren und führen die Bewegungen.
will als der körperliche Ausdruck der Musik, tritt eine Verarmung ein« (Peter/Stamm
2002: 46).
## Page 54
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter52
3. Umspielungen »wiederholen« gewissermaßen diese Orte.
Abb. 6: Wiederholungszeichen werden zur konstruktiven
Struktur der Notation.
Abb. 7 (links): Figur x zeigt eine vibrierende, sich fort -
setzende Bewegung.
Abb. 8 (rechts): Figur x wird von den einem oder mehre -
ren in der Pavane selektierten Körperteilen ausgeführt.
Die Zeichnung schematisiert die Vibrationsbewegung,
die am Nacken ansetzt.
## Page 55
Auf den Spuren der Pavane Royale 53
4. Umspielungen finden durch ununterbrochene Raumrichtungsänderun -
gen statt. Die Beschleunigung solcher Bewegungen erzeugt Vibrationen.
Anhand einer schematischen Bewegungsfigur lassen sich Kompositions -
vorgänge mit solchen Umspielungen exemplarisch darstellen.
Abb. 9 (links): Figur x wird gedreht.
Abb. 10 (rechts): Die Vibrationsbewegung setzt am rechten
Handgelenk und am linken Unterarm an.
Abb. 11 (links): Figur x wird gedreht, gedehnt, und verkehrt gespiegelt
aneinandergehängt.
Abb. 12 (Mitte): Figur x bildet Vibrationsflächen.
Abb. 13 (rechts): Figur x wird gedehnt, gedreht, gespiegelt, fragmentiert;
die Bewegungen laufen in schnellen Wiederholungen und in zwei Richtun -
gen auseinander.
Solche Tanznotationen konkretisieren weder Zeit noch Raum. In einer kon -
ventionellen Darstellung von Bewegung legt ein bestimmter Körperteil einen
in Raum und Zeit beschreibbaren Weg zurück. Die Bewegung figuriert eine
Raum- und Zeitlinie. Sie fusioniert Raum und Zeit.
8
8 | Siehe dazu den experimentellen Kurzfilm über Bewegungsparameter Movement
Research. Eine Skizze von Rose Breuss und Andreas Kurz: www.youtube.com/watch?v
=btt4Ck-6asI vom 18.8.2016.
## Page 56
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter54
Die experimentelle Tanznotation beschreibt Bewegung nur fragmen -
tarisch. Indem die Tänzerin mit den Fragmenten operiert, konkretisiert sie
Raum und Zeit im Tanz. Deutlich wird die Lücke zwischen dem, was in der
Tanznotation festgehalten wurde, und dem, was die Tänzerin in der Perfor -
mance kreiert. Der räumliche Verlauf der Bewegungen und die durch das Feh-
len eines Metrums »schwerelose« Zeit bilden eine Leerstelle. In dieser ereignet
sich der Tanz; in der Erschließung des Raumes und im Einschreiben von Zeit
inszeniert die Tänzerin ihre Körper- und Tanzpraxis als komplexe kognitive
Operationen.
m ovement r e Se arch p roze SS e al S S uch Be wegungen
in den a rchiven de S t anzen S
Rose Breuss
Julia Mach verschränkt die Konzeptualisierungen der Suchbewegungen mit
den senso-motorischen Erfahrungen ihrer Tanzpraxen. Sie operiert zwischen
tänzerischen Routinen und Suchrouten. Die Auseinandersetzung mit der Kör -
perlichkeit der Tänzerinnen und Tänzer kommt als Faktor in den operativen
Prozessen des Tanzens zur Wirkung. Der (tanzende) Körper ist wesentlich an
Denkprozessen beteiligt. Er operiert nicht »als Grundgröße […], noch als passi -
ve Einschreibe Instanz« (Stenzel 2010: 37). In der tänzerischen Verkörperung
ȟberkreuzen sich die kontinuierlich und stetig ablaufenden biologischen,
neuronalen Vorgänge mit komplexen Programmen des Performativen« (Jesch-
ke/Breuss 2010: 29). Tänzerinnen und Tänzer konzipieren in den zeitgenös -
sischen Tanzpraxen Suchrouten in mannigfaltige (Bewegungs-)Prozesse. Sie
experimentieren in Movement Research Praxen mit Potenzialen des Körpers
und und orten offene künstlerische Fragen in Bezug auf ihre Körper- und Be -
wegungspraxen.
Die Tänzerinnen und Tänzer benutzen in Movement Research Prozessen
gespeicherte Bewegungs- und Tanztechniken, deren Bewegungsformen sie
aktivieren und aktualisieren können. Das im Tanzkörper gespeicherte und ver-
fügbare Bewegungsrepertoire wird nicht (nur) eingesetzt, um es zu reprodu -
zieren. Es wird in den Forschungsprozessen als Instrumentarium benutzt und
verweist auch auf den tanzenden Körper selbst. Sein körperliches Potenzial
wird in Movement Research Prozessen anders aktualisiert. Der Tänzerkörper
avanciert einerseits zum Archiv und Speicher und andererseits ermöglicht er
Abweichungen, Unterscheidungen, Umwege, Aufschub, Nachträglichkeit und
Temporalität der tänzerischen Routinen.
Ausgearbeitet wurde diese Tanz- und Movement Research-Studie im IDA
Dance Lab der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz. Dort werden u.a.
## Page 57
Auf den Spuren der Pavane Royale 55
Methodiken gesucht, die eine gleichzeitige Präsenz von Tänzerinnen und
Tänzer bzw. Theoretikerinnen und Theoretiker ermöglichen sowie zulassen,
Forschung, »im Modus des Erlebens zu praktizieren« (Gumbrecht 2004: 149),
in einem »Intervall zwischen der physischen Wahrnehmung eines Objektes
und der (endgültigen) Sinnzuschreibung« (2004: 149). Es geht uns hier um
ein Intervall, einen Raum oder Zwischenraum für praktisch-theoretische Stu -
dien über die operativen und performativen Prozesse des Tanzens. In unse -
ren tanzpraxeologischen Studien über den Tänzer Alexander Sacharoff wurde
embodiment das unbewusste (Körper-)Wissen zum (interdisziplinären) Re -
lais. Medienwechsel, die Verschiebung der Begriffe und Parameter bedeuten
auch Wechsel in den bewussten und unbewussten Denkprozessen der Tänzer.
Sie stimulieren mentale Operationen im Vollzug des Tanzens. Die Suchpro -
zesse erfolgen auch über unbewusstes Assoziieren; Verknüpfungen werden
geändert; neue Fährten gelegt und Verknüpfungen für die Tanzbewegung
verändert.
Sacharoff verwendete den Ausdruck »techniques de synthèse« (Vuillermoz
1933: 58) die physische Fähigkeit der Tänzerinnen und Tänzer zu syntheti -
sieren. Synthesen, Verknüpfungen ereignen sich nicht ohne »Einschaltungen«
der Denkprozesse. Die Tänzerin Julia Mach experimentiert mit Sacharoffs
»techniques de synthèse«, indem sie Sinneseindrücke aus Licht, Farbe, Kälte,
Wärme, Töne »hörend« in ihrem Tanz subsumiert.
a uf S acharoff S S puren
Julia Mach
Was interessiert mich an Alexander Sacharoff, diesem wohl etwas exzentri-
schen Tänzer, dessen Schaffen zu seiner Zeit gewiss Bedeutung hatte, aber
dessen Spuren in unserer Zeit kaum mehr im kollektiven Gedächtnis zu fin -
den sind?
Besonders fasziniert mich seine Hingabe an das Äußerste, seine Sehn -
sucht nach dem Transzendenten und sein Wunsch, eine Brücke von jener un -
erreichbaren Welt in unsere Welt der Wahrnehmung zu schlagen. Es ist sein
Anspruch an das künstlerische Wirken, die tiefsten Themen des Seins zu er -
schließen, welche in unserem Alltag nicht oder nur selten an die Oberfläche
treten. Es ist ein höchst unmoderner Anspruch zeitlos und gerade darin vol-
ler Anziehungskraft über die Jahrzehnte hinweg. Wer würde heute in unserer
westlichen Welt von sich behaupten, in seinem künstlerischen Schaffen noch
die Transzendenz einfangen zu wollen? Dennoch können wir diese Dimension
unseres Seins nicht negieren, sie nicht abschaffen und uns ihr auf die Dauer
## Page 58
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter56
unseres Lebens nicht ganz entziehen. Vielleicht sollten wir also doch dem Ruf
Sacharoffs folgen und uns auf seine Spur begeben?
Wenn ich mich persönlich mit meinem aktuellen Zugang zu Transzen -
denz beschäftige, kommt mir in dieser Phase meines Lebens die Auseinander -
setzung mit traditionellen schamanischen Techniken in den Sinn. Die Rück -
besinnung auf solche uralten Traditionen in Nischen unserer zeitgenössischen
westlichen Welt fasziniert mich seit geraumer Weile. Hier findet sich auch
Hinwendung zu etwas, das Sacharoff als das Transzendente bezeichnen mag;
die Verbindung zu etwas, das über unseren Alltag hinausgeht und im scha -
manischen Kontext gerne als nicht alltägliche Wirklichkeit bezeichnet wird. In
diesen alten Traditionen war der Körper immer schon ein Bindeglied zu jener
anderen Wirklichkeit; Tanz war hier immer schon ein Mittel, mit den Kräften
der Transzendenz in Kontakt zu treten. Dabei geht es dem schamanisch Prakti -
zierenden nicht primär um die äußere Wirkung des Tanzes, also nicht so sehr
um seine Wirkung auf ein Publikum, als auf das innere Wirken, also seine per-
sönliche Kontaktaufnahme mit der nicht alltäglichen Wirklichkeit. In diesem
Kontext fand ich also einen Zugang zu Transzendenz, den ich auf den Spuren
von Sacharoff verfolgen wollte.
Im Dialog mit meiner Choreografin Rose Breuss fanden wir eine Bewe -
gungssprache, die sich in Anlehnung an den Zustand eines schamanisch Prak-
tizierenden entwickelt. Der Fokus ist stark verinnerlicht, der Atem darf frei flie-
ßen und im Sinne des Aufbaus von Kraft dürfen auch Laute, die sich durch
die Ausrichtung auf diesen Zustand entwickeln, frei werden. Ein innerliches
Vibrieren hat sich zum Aufbau dieser Kraft als hilfreich erwiesen. Interessant
erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass Vibration im Grunde ganz allge-
mein als die Ursprache des Lebendigen überhaupt verstanden werden kann. So
weit ich die Grundlagen der Physik verstehe, ist Vibration eine Wellenbewegung
so etwas wie die Kehrseite unserer materiellen Welt. Die Welle-Teilchen-Du -
alität scheint uns darüber in Kenntnis zu setzen, dass alles, was uns in unse -
rer alltäglichen Wahrnehmung als festes Materieteilchen erscheint, aus einem
anderen Blickpunkt betrachtet zugleich in seiner Wellenform als bewegte, vi-
brierende Energie verstanden werden könnte. In meinem Tanz auf Sacharoffs
Spuren wechsle ich daher die Perspektive von einem innerlichen Vibrieren zu
einer klaren, materiellen Form im Sinne von mehr oder weniger klassisch an -
mutenden Ballett-Zitaten; der Fokus wechselt von innen nach außen und wieder
zurück. Es ist ein Spiel zwischen archaischen Kräften und kulturell geprägter
Körperlichkeit zwischen unserem ursprünglichen, (vermeintlich) natürlichen
Sein und einem sozialisierten, kulturell entwickelten Auftreten.
Hier kommen natürlich viele fruchtbare Gespräche mit Rose Breuss ins
Spiel, denn es gilt auch die historischen Spuren der Person Sacharoff in die Er-
schließung des Bewegungsmaterials mit aufzunehmen. Bestimmte Körpertei -
le werden als besonders tragend und die Bewegung initiierend hervorgehoben:
## Page 59
Auf den Spuren der Pavane Royale 57
der kleine Finger, das Handgelenk, der Fußknöchel, das Knie, der Nacken.
Raumrichtungen wollen ausgelotet werden, Ebenen erschlossen und bewegte
Figuren oder auch Posen ausgefüllt sein. Ganz zentral ist zugleich das Ver -
hältnis zur Musik; Kritiker seiner Zeit sagen über Sacharoff, dass er sehr frei
mit der Musik umgegangen sei; sich nicht an die »Schwerzeiten« der Musik
gehalten habe. Auch wir suchen daher einen bewussten, höchst respektvollen,
aber dennoch freien Umgang mit Musikalität; der innere Rhythmus des Kör -
pers wird dem äußeren Rhythmus der Musik zuweilen auch entgegengestellt.
In anderen Momenten wiederum verbindet sich der Rhythmus der Bewegung
deutlich mit der Musik, lässt sich von ihrer Welle tragen. Auch hier ist es ein
Perspektivenwechsel zwischen dem nach innen gerichteten Fokus, der nur auf
die Dynamik des Körpers hört, und einer Projektion nach außen, worin sich
die subjektive Körperlichkeit in ein größeres Ganzes einordnen darf.
In Freude an unserem Erforschen verneige ich mich also letztlich in Dank -
barkeit vor Alexander Sacharoff, der mit seiner Leidenschaft für das Unerreich-
bare, für das Transzendente und mit seinem hohen Grad an Eigenwilligkeit
frischen Wind in meine tänzerische Recherche gebracht hat. Ich danke auch
für den fruchtbaren Dialog mit Rose Breuss, welche mit viel Offenheit meinen
Recherche-Ansätzen entgegengekommen ist und mit einem stets freundlichen
und klaren Blick von außen meine Suche mit ihrer eigenen Suche verbinden
ließ.
m omentaufnahmen de S t anze S
Ursula Brandstätter
Der Körper der Tänzerin aufrecht vor dem Publikum: gleichermaßen ent -
spannt und konzentriert. Minimale Bewegungen der rechten Hand und des
rechten Unterarmes. Wann haben sie begonnen? Zunächst nicht mehr als ein
Oszillieren, das in ein behutsames Abtasten des die Hand und den Arm um -
gebenden Luftraums, in ein Schütteln und schließlich in ein Schwingen über -
geht. Erst jetzt setzt die Musik ein.
Eine Energie, die noch vor der Musik da ist, sucht ihren Weg von innen
nach außen. Mit Eintritt des ersten Klanges wird sie auch hörbar. Sie durch -
strömt den Körper der Tänzerin und erfasst immer mehr Teile: die Arme, die
Schultern, den Rumpf, die Beine. Die Bewegungen werden ausgreifender, sie
erforschen den gesamten Raum. In Sprüngen wird die Vertikale ausgelotet.
Horizontal schwingende Bewegungen folgen. Der Raum wird als Umraum er -
fahrbar: ausgehend vom Körper der Tänzerin und ihren Bewegungen in die
Seite, nach vorne und nach hinten.
## Page 60
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter58
Immer wieder gehen die von unsichtbaren inneren Impulsen bzw. von
der Musik geleiteten Bewegungsfolgen in Sprünge und Drehungen des klas -
sischen Balletts über. Immer wieder aber brechen sie ab, stürzen gewisser -
maßen in sich selbst zusammen. Energie, die sich aufbaut und wieder in sich
zusammenbricht.
Energie tritt in vielen verschiedenen Gestalten auf. In oszillierender,
schwingender Gestalt bleibt sie in gewisser Weise auf sich selbst bezogen. Als
gerichtete Energie erscheint sie kanalisiert und gebündelt in klassischen Bewe-
gungsfolgen, die aber immer wieder in ein elementares Pulsieren der Energie
zurückgeführt werden. Im Wechselspiel zwischen ungerichteter und gerichte -
ter Energie entfaltet sich der Tanz.
Dem tastenden Suchen und Erforschen von Bewegungsmöglichkeiten folgt
ein Finden, das sich jedoch wieder verliert. Ist es die Bewegungssprache von
Alexander Sacharoff, die hier immer wieder neu tänzerisch erforscht wird? Die
vergebliche Suche nach einer Sprache, die sich in der Vergangenheit verliert?
Auf der Suche nach verlorenen Bewegungsspuren …
Der Tanz endet, wie er begonnen hat: ohne Musik, in Bewegungen, die
sich in sich selbst zurückziehen. Und gerade in diesen Momenten, da keine
Musik mehr hörbar und schließlich auch keine Bewegung mehr sichtbar ist,
schwingt die Energie in besonders intensiver Weise hörbar und spürbar bei
den Rezipierenden nach.
m u Si K und t anz im w ech Sel Spiel
Ursula Brandstätter
Die tänzerische Umsetzung der Pavane bricht mit den gängigen Erwartungen
an eine Choreografie in mehrfacher Hinsicht. Weder handelt es sich um eine
klassische Umsetzung der Pavane im Sinne des 17. Jahrhunderts, noch wird
der Versuch unternommen, die Pavane Royale im Sinne Alexander Sacharoffs
zu rekonstruieren. Darüber hinaus verzichtet der Tanz in weiten Teilen auf
eine direkte Umsetzung der Musik. Vielmehr scheint der Fokus darin zu lie -
gen, mit Differenzen zwischen Musik und Tanz zu spielen. Sie sind es, die
dem Tanz besondere ästhetische und erkenntnisfördernde Qualitäten geben.
Schreittanz versus Schwebetanz
Die Pavane des 16. und 17. Jahrhunderts ist als höfischer, feierlich-gravitätischer
Schreittanz zu charakterisieren. Zwei Einzelschritte und ein Wechselschritt
folgen aufeinander. Die tänzerische Idee des feierlichen Schreitens ist bereits
in der musikalischen Gestaltung der Pavanne von Louis Couperin künstle -
## Page 61
Auf den Spuren der Pavane Royale 59
risch-musikalisch transformiert. Noch deutlicher wird die ästhetische Trans -
formation des ursprünglich funktionell gedachten, repräsentativen Tanzes auf
der tänzerischen Ebene. Die Tänzerin scheint bewusst die Schwerzeiten zu
vermeiden. An die Stelle von metrisch gegliederten Tanzbewegungen treten
schwebende Bewegungen. Der Tanz ist gewissermaßen von Schwerpunktlo -
sigkeit bzw. von Schwerpunkten an unerwarteten Stellen geprägt: etwa wenn
sich die Tänzerin mitten in einem Taktgefüge mit dem Fuß oder mit der Hand
vom Boden abstößt und damit dem Fluss der Musik auch akustisch einen
Kontrapunkt entgegensetzt.
So wie in der Musik ein festes harmonisches Fundament es einzelnen
Stimmen erlaubt, sich mit Arpeggien, Verzierungen und Floskeln improvisato-
risch darüber hinwegzusetzen, so improvisiert auch die Tänzerin gleich einem
selbstständigen Instrument über den Fluss der Musik hinweg. Schreiten und
schweben, gliedern und fließen, feste Fügungen und freies Spielen prägen in
ihrem Spannungsverhältnis sowohl die Musik als auch den Tanz.
Immaterialität versus Materialität
Im Vergleich der Künste untereinander wird die Musik immer als die immate -
riellste Kunstform bezeichnet. Der Klang der Musik vergeht in der Zeit, er lässt
sich nicht festhalten, die aufeinander folgenden klanglichen Eindrücke werden
nur in der Vorstellung der Hörenden zu einem größeren Ganzen zusammen -
gesetzt. Mit der Musik teilt der Tanz den Charakter der Zeitlichkeit. Auch er
vergeht in der Zeit, eine Bewegung geht in die andere über, ohne dass irgendein
Moment auf Dauer festgehalten werden könnte. Allerdings tritt der Tanz im
Unterschied zur Musik körperlich in Erscheinung. Die körperliche Präsenz
der Tänzerinnen und Tänzer im Raum macht eine wesentliche Wirkung von
Tanzaufführungen aus.
In der Pavane Royale nun treffen die immaterielle Musik und die materielle
Präsenz des Körpers der Tänzerin aufeinander. Aber ist die Zuordnung dieser
beiden Erscheinungsweisen von Kunst wirklich so eindeutig? Wird nicht die
Musik durch die tänzerische Transformation intensiv körperlich erlebbar? Und
verleiht nicht andererseits die Musik dem Tanz einen immateriellen Charak -
ter?
Die Idee der Dematerialisation des Körpers spielte für Alexander Sacharoff
eine wichtige Rolle. Sie steht in Zusammenhang mit seinem Interesse für
Themen der Spiritualität und Transzendenz. So ist es wohl kein Zufall, dass in
Kritiken das Tänzerpaar Clothilde und Alexander Sacharoff als »ambassadeurs
de linvisible« (Maulnier 1965: 70), als Botschafter des Unsichtbaren, charak -
terisiert wurden. Im Tanz von Julia Mach wird dieses Immaterielle und Un -
sichtbare direkt erlebbar. Das Unsichtbare (die Musik) wird gewissermaßen
## Page 62
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter60
im Tanz sichtbar, so wie umgekehrt durch die Musik und ihre tänzerische
Interpretation der Körper immateriell zu werden scheint. 9
Der Einbruch von Atem und Stimme
Der Atem verbindet Musik und Tanz: sowohl Musik als auch Tanz sind vom
Atem getragen. In beiden Kunstformen wird der Atem jedoch künstlerisch
transformiert. In der Musik wird der Atem am direktesten beim Singen
oder beim Spielen eines Blasinstrumentes in Tönen gestaltet und damit
musikalisch hörbar gemacht. Im klassischen Tanz hingegen muss der Atem
sublimiert werden; das Training zielt darauf ab, den Atem und damit auch die
körperliche Anstrengung unhörbar zu machen.
Vor dem Hintergrund dieser Aufführungstradition des Tanzes überrascht
es, dass Julia Mach nicht davor zurückscheut, den Atem hörbar zu machen.
Die Rezipientin wird unmittelbar mit der körperlichen Anstrengung der Tän -
zerin konfrontiert. Atem- und Stimmlaute brechen in die ästhetische Welt der
musikalischen und tänzerischen Stilisierungen herein. Etwas Archaisches
Elementares sucht sich seinen Raum und kontrapunktiert damit die Welt des
elaboriert künstlich Gestalteten.
Geht es hier möglicherweise um die Gegenüberstellung verschiedener
Erscheinungsformen von Energie? Von ungerichteter, ästhetisch noch nicht
überformter Energie (wie sie in den Atem- und Stimmlauten direkt erlebbar
wird) auf der einen Seite und ästhetisch gerichteter, gefasster Energie (wie sie
in den musikalischen Phrasen und tänzerischen kontrollierten Bewegungen
zu Tage tritt) auf der anderen Seite?
Das Spannungs- und Differenzfeld eröffnet nicht nur gedankliche Räume
für vielfältige Interpretationen, sondern auch Erfahrungsräume für ein inten -
sives energetisches Erleben sowohl des Tanzes als auch der Musik.
w ahrnehmen und v er Stehen von t anz und m u Si K
Ursula Brandstätter
Was passiert, wenn in der Rezeption Musik und Tanz aufeinandertreffen?
Wie verändert sich die Wahrnehmung? Wie beeinflussen sich die Eindrücke
auf den unterschiedlichen Sinneskanälen (den akustischen, visuellen, soma -
9 | Detailliertere Überlegungen zu den Besonderheiten der Kunstformen und ihrem
Wechselspiel sind nachzulesen in Brandstätter 2008: vor allem S. 119-192 (Kapi -
tel 5: Was unterscheidet die Künste? Die Medienspezifik der Künste sowie Kapitel 6:
Transformationen ).
## Page 63
Auf den Spuren der Pavane Royale 61
to-sensorischen) wechselseitig? Um auf diese Fragen mögliche Antworten zu
finden, ist es zunächst notwendig, sich über grundlegende Mechanismen der
Wahrnehmung Klarheit zu verschaffen.
Wahrnehmung ist Bezugnahme
Wann immer wir »etwas als etwas« wahrnehmen, so beruht dieser Vorgang auf
der Zusammenfassung vieler einzelner Eindrücke zu einem größeren Ganzen,
einem Sinnzusammenhang. Schon die visuelle Wahrnehmung einer Blume
bedarf der analytischen Wahrnehmung vieler Einzelheiten, wie der Wahrneh -
mung der Kontur, der Farbe, der Materialität, der Form, der Proportionen etc.
Alle einzelnen Wahrnehmungsereignisse werden aufeinander bezogen und zu
einer Gesamtwahrnehmung bzw. einer Wahrnehmungserkenntnis (»dies ist
eine Rose«) zusammengefasst. In diesem Sinne beruht Wahrnehmung auf be-
ziehendem Denken.
Die Prozesse des Analysierens und Synthetisierens verlaufen weitgehend
unbewusst und automatisiert. Sie bedürfen nicht unbedingt der Verbalspra-
che, auch wenn diese eine wichtige Folie für die Kategorisierung von Wahr -
nehmungen darstellt und sie sowohl begleitend wie auch im Nachhinein zu -
mindest zum Teil sprachlich artikuliert werden können.
Wechselseitige Projektion von Wahrnehmungskategorien
Was passiert nun, wenn in der Wahrnehmung verschiedene Sinneskanäle
gleichzeitig angesprochen werden? Grundsätzlich nehmen wir immer aus der
Einheit der Sinne heraus wahr, das heißt Wahrnehmungsereignisse auf der
akustischen, der visuellen, der olfaktorischen Ebene werden immer aufeinan -
der bezogen. Trotzdem können jene Wahrnehmungssituationen, in denen
wie etwa im Tanz mehrere Sinneskanäle bewusst angesprochen werden, als
Sonderfall bedacht und analysiert werden.
Akustische, visuelle und kinästhetische Wahrnehmungseindrücke treffen
aufeinander und beeinflussen sich wechselseitig. Zum einen werden in diesen
Wahrnehmungssituationen übergreifende, nicht an einen einzelnen Sinn ge -
bundene Kategorien der Wahrnehmung verstärkt wirksam. Dazu gehören z.B.
Kategorien der Energie, der Kraft, der Zeit, des Raumes, die in einem überge -
ordneten Sinn sowohl auf die Bewegung der Musik als auch auf die Bewegung
des Tanzes bezogen werden können. Zum anderen kommt es aber auch zur
wechselseitigen Projektion von sinnesspezifischen Kategorien. Etwa dort, wo
Kategorien der körperlichen Bewegung, wie schreiten und schweben, auf die
Musik übertragen werden, oder wo umgekehrt musikalische Kategorien wie
z.B. Arpeggien und Verzierungen tänzerisch-körperlich interpretiert werden.
## Page 64
Rose Breuss, Julia Mach, Ursula Brandstätter62
Der Bereich der wechselseitigen Projektion von Wahrnehmungskatego -
rien eröffnet ein weites Feld von neuen Erfahrungsqualitäten. Gerade dort, wo
Wahrnehmungsgewohnheiten durchbrochen werden, wo also Automatismen
plötzlich nicht mehr greifen, da überraschende Wahrnehmungsereignisse auf -
einandertreffen, entsteht Raum für Neues sowohl für die Tänzerin bzw. den
Tänzer als auch für die Rezipierenden.
Mimetisches Verstehen
Der Begriff der Mimesis blickt auf eine lange Geschichte philosophischen
Nachdenkens zurück.
10 Mimesis hat eine doppelte Wortbedeutung: Zum einen
meint der Begriff den Vorgang des Nachahmens, des Sich-ähnlich-Machens,
zum andern steht er aber auch für grundsätzliche Möglichkeiten des Darstel -
lens und Ausdrückens. In Hinblick auf die Thematik des vorliegenden Beitrags
steht vor allem der performative Charakter der Mimesis im Zentrum der Auf -
merksamkeit. Im mimetischen Weltzugang ähneln wir uns der Wirklichkeit
an die darin enthaltene körperliche, performative Komponente bleibt auch
dort wirksam, wo sich das Mimetische in den Bereich der mentalen Vorstel -
lung zurückzieht.
Wenn Musik und Tanz aufeinandertreffen, wird in beide Richtungen eine
mimetische Beziehung hergestellt. Musikalische Prozesse werden körperlich
nachvollzogen, der Körper der Tänzerin ähnelt sich der Musik an. Dies kann
so weit gehen, dass der Körper selbst immaterielle, musikalische Dimensionen
zu bekommen scheint. Umgekehrt ähnelt sich die Musik dem Tanz an. Das
körperhafte Moment der Musik, das ihr immer schon innewohnt, wird durch
die tänzerische Umsetzung verstärkt und ins Sichtbare transformiert.
Beide Formen der Verkörperung können ihrerseits wiederum als Angebot
für den mimetischen Nachvollzug durch den Rezipierenden verstanden wer -
den. Möglicherweise unterstützt durch die (in den Neurowissenschaft inzwi -
schen nachgewiesene) Wirkweise der Spiegelneuronen, vollziehen die Rezipie-
renden sowohl die mimetischen Gesten des Tanzes als auch jene der Musik
innerlich nach. Über die nicht-verbalsprachliche, im Körper bzw. in der inne -
ren Vorstellung des Körpers verankerte ästhetische Wahrnehmung erhalten
die Rezipierenden einen intensiveren Zugang zu seinen Emotionen und zum
Unbewussten. Das mimetische Welt-Erleben stellt einen sehr ursprünglichen
Zugang zur Welt dar im Aufeinandertreffen von Tanz und Musik erfährt es
eine ästhetische Vertiefung.
10 | Zu den ästhetischen Implikationen des Begriffs siehe z.B. Gebauer/Wulf 2003
oder auch Brandstätter 2013: S. 32-43.
## Page 65
Auf den Spuren der Pavane Royale 63
l iter atur
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## Page 67
Moving Messiaen
Skizzen zu einer Lecture Performance
Maria Hector, Hanne Pilgrim, Dorothea Weise
Rhythmus, Metrik, Harmonik, Form, Syntax, Dynamik, Energie, Agogik was
bewegt sich in der Musik eigentlich? Wie können musikalische Gestaltungs -
elemente in künstlerischen Prozessen der Transformation und Verarbeitung
sichtbar oder auf andere Weise hörbar gemacht werden? Am Beispiel der ersten
Etüde der Ile de feu (1949) aus den Quatre Études de Rythme von Olivier Messi-
aen stellten sich Studierende im Bachelorstudiengang Rhythmik/Musik und
Bewegung der Universität der Künste Berlin diese Frage. Angeregt durch das
musikalische Material wurden Musik, Körper und Bewegung miteinander ver -
bunden, ineinander übersetzt und einander gegenübergestellt. Es entstanden
verschiedene gestalterische Formen, die von ausgearbeiteten Choreografien
über eine Re-Komposition bis zu improvisatorischen Ansätzen reichten. Der
in dem Symposiumsstitel eingeschriebene Begriff der Spur wurde zum Aus -
gangspunkt der Verarbeitungsprozesse, die in der Lecture Performance Mo -
ving Messiaen vorgestellt wurden.
d ie S pur
• Zeuge von etwas Vergangenem. Rudiment, Ablagerung, Abdruck, Relikt;
• Etwas Unvollständiges, Zeichenhaftes, das sich bei Kenntnis der vollstän -
digen Erscheinung ergänzt und es erneut lebendig macht;
• Hinweis, dass etwas oder jemand an einem Ort gewesen ist;
• Eine Spur ist flüchtig, sie kann verwischt oder ausgelöscht werden;
• Eine Spur zeugt von Berührung. Berührung bewirkt Veränderung.
Eine Spur entfaltet ihr Bedeutungspotenzial erst dadurch, dass sie gelesen
wird. In diesem Moment verbinden sich mehrere Zeitintervalle: Die Vergan -
genheit wird zum Träger der Spur, welche im Gegenwärtigen aufscheint und
dazu verleitet, Folgerungen für die Zukunft abzuleiten. Olivier Messiaen be -
## Page 68
Maria Hector, Hanne Pilgrim, Dorothea Weise66
schreibt ein solches Hin- und Herschwingen der Wahrnehmung zwischen
Antizipation des Kommenden und Rückbezug zu bereits Dagewesenem als
wesentliches Merkmal gelebter Zeit.
In der Gestaltung von kurzen, solistischen Bewegungseinheiten, die in Er -
innerung an markante Ausschnitte des Klavierstücks Ile de feu 1 entwickelt
und zu Beginn der Lecture Performance in spontaner Abfolge und an wech -
selnden Orten des Aufführungsraumes gezeigt wurden, treten die subjektiven
Neigungen der sechs Agierenden bezogen auf die interpretatorische und in -
szenatorische Ausdeutung des musikalischen Materials hervor. Die expressi -
ve Rhythmik einer Fußgeste, eine fein geschwungene Phrase von Arm und
Brustkorb, eine auf das Vibrieren eines Fingers reduzierte Tonrepetition die
Bewegungserinnerungen sind von großer Individualität. Der Bezug zum
Tonmaterial wurde erkennbar, als dieses nach kurzer Zeit live in die Szene ein-
gespielt wurde. Die eingangs aufgeführten Satzteile zur Bedeutung des Wortes
Spur wurden als Textsplitter in das Geschehen hinein gesprochen.
d a S m u Si KS tüc K
Der Titel Ile de Feu , übersetzt »Feuerinsel«, weist einen geografischen Bezug
zur Insel Papua Neuguinea auf. In einer Art Collage lösen sich kurze, teilweise
sogar extrem kurze Materialsequenzen in raschen, plötzlichen Wechseln ab.
Messiaen unterteilt die Gesamtform in sechs Sektionen, in denen nur zwei
Themen verarbeitet werden. Das Hauptthema taucht wiederholt auf und wird
durch wechselnde musikalische Hintergründe immer wieder neu kontextua -
lisert.
Messiaen bezog sich mit den geradezu gewaltsamen Klängen und Rhyth -
men sowohl auf die mächtige, sehr abwechslungsreiche Landschaft Papua-
Neuguinas als auch auf die martialisch anmutenden Initiationsrituale, durch
welche die jungen Männer auf Papua-Neuguinea auf ihrem Weg in das Mann-
Sein gehen müssen. Diese Rituale teilen sich in drei Phasen; in der ersten
werden traditionelle Tänze getanzt und alle Beteiligten auf die Zeremonie
eingestimmt; in der zweiten werden die Jungen von den Älteren in geheimes
Wissen eingeführt; in der dritten schließlich werden dem Initianden mit Mu -
schelscherben Muster in die Haut geschnitten, welche nach einiger Zeit Nar -
ben bilden und sehr kunstvolle Texturen darstellen. Ist der Initiand durch alle
Stufen geschritten, ist er vom Jungen zum Mann geworden.
## Page 69
Moving Messiaen 67
Abb. 1: Narbentexturen auf der Haut eines junges Mannes auf Papua-Neuguinea, mit
denen sein Übertritt in das Leben eines erwachsenen Mannes markiert wird. Foto:
Alarmy.
z ugang Se Bene 1
Die hohe Ereignisdichte des Klavierstückes und die Komplexität von wech -
selnden rhythmischen Strukturen, extremen Unterschieden in den Tonhöhen
und wechselnden Tempi stellen hohe Anforderungen an den Hörenden. Der
Wahrnehmungsvorgang selbst schien uns bereits die erste Spur zu sein, aus
der heraus dann Bearbeitungswege auf einer anderen Ausdrucks- oder Sinnes-
ebene entwickelt werden können. Zunächst stand daher im Vordergrund, auf
welcher Spur-Ebene die Musik wahrgenommen wird: Ist es ein formal-ana -
lytisches Hören, ein bildhaftes, assoziatives Hören oder das Horchen auf die
physischen Erregungszustände, die sich beim Hören einstellen?
In diesem Zusammenhang ist es von Interesse, dass Messiaen sich in sei -
nem Traité de rythme (1949-1992) mit dem Erleben von Dauer in gegenwärtiger
und vergangener Zeit beschäftigt hat und dabei der bereits von Armand Cuvil -
lier (1953) und Henri Bergson (1889) aufgeworfenen Frage nachging, ob hohe
Ereignisdichte in der Gegenwart kurz, im Rückblick aber lang erscheint, und
## Page 70
Maria Hector, Hanne Pilgrim, Dorothea Weise68
umgekehrt eine gegenwärtig geringe Ereignisdichte zu Lange-Weile führt, in
der Rückschau die Dauer aber zu schrumpfen scheint. Letztlich hängt unsere
Wahrnehmung der Zeitdauer wesentlich von der Zahl an Ereignissen ab, mit
denen sie für jeden von uns erfüllt ist: Mit auf uns einwirkenden Ereignissen,
die uns psychisch und physisch bewegen und mit Handlungen oder Tätig -
keiten, kraft derer wir Zeitdauern gestalten. In der Musikwahrnehmung ist
Zeiterleben keine chronologische Auflistung musikalischer Daten. Vielmehr
entwickeln sich im Zusammenspiel von Erwartung, Überraschung, momen -
tanem Genuss und Erinnerung multiple Zeitverläufe oder wie Claude Lévi-
Strauss sagt, paradoxe Zeitverläufe.
Unter diesen Prämissen entstanden zwei Bewegungsinterpretationen von
Ile de feu . In einem Duett wurde die maximale Übertragungsdichte von mu -
sikalischen Ereignissen in je einer der beiden Klavierstimmen gesucht. Dabei
wurden vor allem rhythmische Abfolgen, die Phrasierung des Werkes sowie
melodische Verläufe in raum-zeitliche Entsprechungen übertragen. Über die
Abstrahierung dieser Gestaltungsaspekte hinaus thematisierten die beiden
Studierenden auch ihre Bezugsebene untereinander und erfanden eine ganz
eigene, zuweilen witzige Interpretation nicht nur des Musikstückes, sondern
auch der klassischen »Réalisation«, wie sie der Musikpädagoge und Begründer
der Rhythmik Émile Jaques-Dalcroze ersann, um musikalische Vorgänge kör -
perlich erlebbar zu machen.
Abb. 2: Szene aus der Choreografie von Maria Hector und David Lima zu Quatre Études
de Rythme, Ile de feu 1 von Olivier Messiaen. Tanz: Maria Hector und Linda Schewe.
Foto: Lisa Baeyens.
## Page 71
Moving Messiaen 69
In einer darauf folgenden Bewegungsimprovisation aller sechs beteiligten Stu -
dierenden wurde die subjektiv empfundene Energie der Musik zum Motor der
Bewegung. Innerhalb der räumlichen Einschränkung einer Linie, auf der nur
eine Vor- oder Rückbewegung möglich war, sollte die Wirkung der Musik als
Schub, Widerstand, Antrieb oder Bremse wahrgenommen und spontan in phy-
sische Energie umgewandelt werden
1 . In die sich anschließende Stille hinein
erfolgte eine ebenfalls individuelle Transformation des Erlebten in ein Wort,
begleitet von einer Geste.
Abb. 3: Bewegungsimprovisation mit Philip Francisco, David Lima und Linda Schewe.
Foto: Lisa Baeyens.
e x Kur S: g ele Bte und fr agmentierte z eit
Die beiden beschriebenen Bewegungsinterpretationen zeigen zwei typi -
sche Arbeitsmodelle von Dalcroze auf: Einerseits die präzise Übertragung
musikalischer Dauern und Spannungen in räumliche Ausdehnung, andererseits
die empfindungsbetonte und mehr dem Ausdruck der Musik folgende Trans -
formation in Bewegung der plastique animée , die sich zu Dalcrozes Zeiten, d.h.
1 | Das unter dem Stichwort »UdK Rhythmik youtube« bzw. auf https:/ /www.youtube.
com/watch?v=1zhfi4WseS8&feature=youtu.be einzusehende Video zeigt diese Impro -
visation mit der Vorgabe, sich nur zwischen den Raumebenen oben Mitte tief hin
und her zu bewegen. Diese Änderung war den Raumverhältnissen des Aufführungsortes
geschuldet.
## Page 72
Maria Hector, Hanne Pilgrim, Dorothea Weise70
Anfang des 20. Jahrhunderts, vermutlich nicht in so freier Form wie hier be -
schrieben hätte zeigen können.
Analog zu diesen beiden Transformationsmodellen können die von Henri
Bergson beschriebenen Konzepte der temps espace , die im Raum gemessene,
fragmentierte Zeit, und der temps durée , der gelebten Zeit gesehen werden. Die
Zeit, vor allem die der lebendigen Dinge, ist für Bergson nicht in Abschnitte
teilbar; sie ist wesentlich die unteilbare Bewegung selbst, das ständige, un -
vorhersehbare und irreversible Anders-Werden, oder: Die Dauer als »unmittel-
bare Gegebenheit des Bewusstseins« (Messiaen zit.n. Rathert/Rickenbacher/
Schneider 2012: 10).
z ugang SS e Bene 2
An die unmittelbare Übertragung musikalischer Prozesse und ihrer Wirkung
auf Bewegung schlossen sich zwei weitere Arbeiten an, deren Entstehung ein
Zwischenschritt voranging. In einer Re-Komposition mit Mini-Instrumenten
wie Toy piano, 1/8-Geige, Piccolo-Flöte, Melodica wurden die für das Stück
charakteristische Rigorosität und Heftigkeit herausdestilliert. Die zugrunde
liegende Idee geht auf den verhaltenstherapeutischen Handgriff zurück, angst-
einflößende Personen oder Situationen vor dem inneren Auge zu verkleinern
und damit zu entschärfen. Die einzelnen Sektionen bzw. Teile des Klavier -
stücks wurden im Hinblick auf die Parameter Klangfarbe, Dynamik und Ener -
getik untersucht und die entsprechende Instrumentierung ausgewählt. Die
Form des Stückes wurde, angelehnt an das Original, als Collage zusammen -
gesetzt.
Der letzte Beitrag ging auf das Studium des Notenmaterials zur Ile de feu
zurück. Dieses wurde im Hinblick auf die zur Hervorbringung der Musik er -
forderlichen Spielbewegungen insbesondere mit Bezug auf die Aspekte Ener-
gie, Handspannung, Tempo, Bewegungsrichtung und Impulsart analysiert.
Die Faktoren wurden in vergrößerte Gesten übertragen und eine Auswahl da-
von in ein Gestenduett choreografiert.
## Page 73
Moving Messiaen 71
Abb. 4: Komposition mini-musik mit Marthe Howitz, Tobias Müller, Linda Schewe und
Maria Hector. Foto: Lisa Baeyens.
Abb. 5: Aus einer Spielbewegung der Notierung zur Ile de feu 1 entwickelte Geste. David
Lima, Tobias Müller. Foto: Lisa Baeyens.
r efle xion einer S tudierenden
Es war für mich sehr faszinierend zu beobachten, wie das Stück durch Umsetzung in
Bewegung oder durch musikalische Verarbeitung seinen inneren Rhythmus offenlegte.
Zuvor war ich etwas verloren in der zeitlichen Struktur, welche nicht durch ein festes
## Page 74
Maria Hector, Hanne Pilgrim, Dorothea Weise72
Metrum geordnet ist, sondern scheinbar durch zufällig aneinandergereihte Ereignisse
bestimmt wird. Selbst die Passagen, die »gezählt« werden können, sind aus ungeraden
Zählzeiten zusammengesetzt. Im Verlaufe der Arbeit an dem Projekt konnte ich jedoch
langsam erahnen, dass der Rhyhtmusbegriff von Messiaen viel weiter gefasst wurde;
die Aneinanderreihung der musikalischen Ereignisse und die Überlagerung verschiede -
ner »Rhythmusschichten« sind nicht zufälligen Charakters sondern stellen eine äußerst
durchdachte Ordnung in der Zeit dar, in welche man sich nach längerer Auseinander -
setzung mit dem Stück ohne weiteres ebenso einschwingen kann wie in einen leicht
zugänglichen ¾-Takt. (Maria Hector)
Ein Video mit den beschriebenen Bewegungssequenzen lässt sich über das
Stichwort »UdK Rhythmik youtube« bzw. den unten abgebildeten QR-Code
rasch auffinden. Beteiligt waren: Hansol Cho (Klavier), Philip Francisco, Marthe
Howitz, Maria Hector, David Lima, Tobias Müller, Hanne Pilgrim, Marie Seu -
fert, Linda Schewe und Dorothea Weise.
l iter atur
Bergson, Henri (1889): Essais sur les Données immédiates de la conscience (Dis -
sertation), Paris (1920 in Jena unter dem Titel Zeit und Freiheit. Eine Ab -
handlung über die unmittelbaren Bewußt-Seins-Tatsachen erschienen).
Cuvillier, Armand (1953): Précis de philosophie, Paris: Colin.
Jaques-Dalcroze, Émile (1921): Rhythmus, Musik und Erziehung, Basel: Schwabe.
Lévi-Strauss, Claude (1971): Das Rohe und das Gekochte , Frankfurt a.M.: Suhr -
kamp.
Rathert, Wolfgang/Rickenbacher, Karl Anton/Schneider Herbert (Hg.) (2012):
Olivier Messiaen Texte, Analysen, Zeugnisse (Bd 1: Texte aus dem Traité de
rythme, de couleur et dornithologie), Hildesheim: Olms.
## Page 75
Sprechende Gesten, farbig malende Klänge,
tanzende Gewänder
Auf den Spuren der Entwicklung einer intermedialen Ästhetik
im russischen Theater des frühen 20. Jahrhunderts
Swetlana Lukanitschewa
Wenn man Musik in ihrem vollen Umfange begreifen
will, ist es notwendig, auch die Gesten und Bewegun -
gen des menschlichen Körpers zu sehen, durch die sie
hervorgebracht wird. (Igor Stravinskij)
e ine h ymne an t erp Sichore
Die Übersicht über die tonangebenden russischen Kunstzeitschriften und Ta-
geszeitungen der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts lässt exakt den Zeitpunkt
bestimmen, an dem im russischen Theater die Neudefinition der Körperbilder
und Bewegungsmuster ansetzt. Das geschieht im Dezember 1904, an dem Tag
des ersten Auftritts Isadora Duncans im Festsaal der Adelsversammlung in
St. Petersburg. Die hauptstädtische Presse bereitete das Publikum bereits seit
Monaten auf ein Ereignis vor, welches seine Sehgewohnheiten sprengen sollte.
Der erste ausführliche Bericht über einen der Auftritte der Duncan in Europa,
der im Kreise der russischen Bühnenpraktiker und Theaterliebhaber nicht zu -
letzt dank der Prominenz seines Autors, des Dichters und Malers Maximilian
Vološin, für ein großes Aufsehen sorgte, erschien am 7. Mai 1904 in der Peters-
burger Zeitung Rus [Russland]. »Isadora Duncan«, schrieb Vološin (1904: 30
f.) über einen Abend in dem riesigen Saal des Pariser Trocadéro, bei dem er
einige Tage zuvor anwesend gewesen war,
bringt im Tanz zum Ausdruck alles, worüber andere Menschen sprechen, singen, schrei -
ben, oder was sie spielen und malen. Sie tanzt die Siebte Symphonie und die Mond -
scheinsonate von Beethoven, sie tanzt Primavera von Botticelli und Gedichte von Horaz,
[…] und auch Gemälde von Tizian und Orpheus von Gluck.
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Sie verzichtet auf jegliche Bewegung einer Balletttänzerin. […] sie beugt sich unter den
Schlägen der Musik wie geschmeidiges Gras unter Windstößen.
Die Musik hört man nicht. Die Musik löst sich auf, sie verhallt in ihrem Körper wie in
einem magischen Kristall.
Der Schönheitskanon, der von europäischen Malern geschaffen wurde, ist ihr absolut
fremd. In der Ekstase des Tanzes strahlt sogar der unschöne Körper die Begeisterung
aus.
Die Artikel, die zwei Vorstellungen der Duncan im Dezember 1904 in St. Pe -
tersburg und ihre Auftritte in Moskau im Januar 1905 kommentieren, stellen
bemerkenswerte Zeugnisse der Geburt eines neuen Tanzverständnisses in
Russland dar. Die Panegyrika der Anhänger von Duncan und die kritischen
Ausführungen ihrer Opponenten treffen sich in einem Punkt: In den Fokus
der Aufmerksamkeit der Verfasser rückt abwechselnd mal die Bühne, mal der
Zuschauerraum, wobei die Frage, wie die Darbietungen beim Publikum an -
kommen, gleiche, wenn nicht sogar eine größere Bedeutung als die Bewertung
der Performance gewinnt.
In der Vorstellung, die die berühmte Tänzerin Isadora Duncan am 13. Dezember im Saal
der Adelsversammlung gegeben hatte, galt mein Hauptinteresse den Zuschauern.
So beginnt der Petersburger Ballett- und Theaterkritiker Valerian Svetlov sei-
nen Artikel:
Alle Plätze und alle Gänge waren besetzt. Dieses so zahlreich erschienene Publikum
wartete ungeduldig auf den Auftritt der Barfüßerin . Dann spürte man nach den ersten
Nummern eine allgemeine Verblüffung, nach der Mazurka As-Dur brach ein Sturm der
Begeisterung aus und die Pause wurde mit heftigen Streitigkeiten und lebhaften Gesprä -
chen ausgefüllt. Den einen hatte es gefallen, den anderen nicht, und niemand wusste
dabei, was er von dieser fast entblößten Tänzerin, deren Körper mit einer durchsichtigen
Seidengaze bedeckt war, halten sollte. (1904: 48)
Der Philosoph Nikolai Berdjaev (1874-1948), der Zeitzeuge des russischen Sil -
bernen Zeitalters 1 , in dem meine Ausführungen angesiedelt sind, spricht von
der Ausrichtung des russischen Denkens auf die Verwandlung der Wirklich -
keit (Berdjaev 1983: 50). Ganz oben auf der Liste der unterschiedlichen utopi-
schen Entwürfe zur Vervollkommnung der Gesellschaft und der Erschaffung
1 | Dieser Begriff bezeichnet die »russische Kulturrenaissance« (Nikolai Berdjaev) zwi -
schen den 1890er und den 1920er Jahren.
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eines neuen Menschen, welche die Gemüter der russischen Künstler und Intel-
lektuellen um die Jahrhundertwende erhitzten, stand die religiöse theurgische
Kunst mit ihrer gewaltigen kathartischen Wirkung. Und auch die Errettung
der Welt kraft der Schönheit wurde in Anlehnung an die berühmte Sentenz
2
Dostoevskijs und an die ästhetischen Schriften eines weiteren wichtigen Im-
pulsgebers des Silbernen Zeitalters Vladimir Solovëvs
3 auf ihre Fahne ge -
schrieben. Die einen, wie Maler der Künstlervereinigung Die Welt der Kunst ,
suchten die Manifestationen dieser Schönheit in den vergangenen Epochen,
in der russischen Archaik oder im galanten 18. Jahrhundert. Die anderen, wie
symbolistische Dichter, warteten auf die mystische Offenbarung der Schönheit
Gottes in der Gestalt der vollkommenen Weiblichkeit der Sophia.
Die Sehnsucht nach der welterlösenden Schönheit liest sich auch zwischen
den Zeilen der meisten Reflexionen über die szenischen Darbietungen der
Duncan. Wenn man bedenkt, dass Russland sich im Dezember 1904, als Dun -
can zum ersten Mal in Petersburg eintraf, mitten in einem Krieg mit Japan
(1904-1905) und am Vorabend der Revolution vom Januar 1905 befand, so ver -
wundert es nicht, dass viele Rezipienten dem Gastspiel der Duncan eine sym -
bolische Bedeutung beigemessen hatten. An dieser Stelle soll noch einmal auf
Berdjaev verwiesen werden, der seinen Landleuten »eine außergewöhnliche
Fähigkeit zum ideellen Enthusiasmus« (Berdjaev 1983: 48) und einen daraus
resultierenden Hang, sich für westeuropäische Ideen mit einem fast religiö -
sen Fanatismus zu begeistern, attestierte. Diese Beobachtung Berdjaevs findet
ihre Bestätigung in den Reaktionen auf die Darbietungen der Duncan im La-
ger der Apologeten ihrer Kunst, dem Tanz- und Theaterschaffende, Literaten,
Kunstkritiker, Musiker und Maler angehörten. Isadora wurde von ihren Be -
wunderern als eine Tabubrecherin begrüßt, die »Kraft und Schönheit« (Dun -
can [1903]/2008: 49) sowie die erotische Ausstrahlung des nackten Körpers
auf der Bühne in einer Zeit propagierte, als sogar das Betreten der Bühne mit
den nackten Füßen sowohl in den Inszenierungen von Dramen, Oper und Bal-
letten als auch in den Farcen und Operetten in der Gesellschaft als ein Ver -
stoß gegen die guten Sitten angesehen wurde (Evreinov 1998: 293), von der
Vorführung des nackten Körpers einmal ganz zu schweigen. So symbolisierte
Duncan, die auf der Bühne halbnackt und barfüßig »mit den Beinen, Händen,
Augen« (Svetlov 1904: 54) sang und sprach und die sich auch in ihrem Lebens-
stil nicht an die gängigen Moralvorstellungen zu halten vermochte, für viele
Zuschauer die Befreiung von Konventionen in dem als reformbedürftig emp -
fundenen Tanztheater wie auch im Leben.
2 | »[…] die Welt wird durch die Schönheit erlöst werden […]. Was ist das für eine Schön -
heit, die die Welt erlösen wird?« (Dostojewskij 1983: 588).
3 | Vgl. hierzu Lukanitschewa 2013: 31-49.
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In der Flut von Rezensionen, deren Autoren Duncan als »Schliemann der
antiken Choreographie« (Svetlov 1904: 49), als »eine Bacchantin« (Šebujev
1904: 42), als »einen Engel in einem Bild des Fra Angelico« (Solovëvs 1905: 86)
und als Venus (Gornfeld 1908: 99) apostrophieren, erscheint von besonderer
Bedeutung der Essay Musik und Plastik von Aleksandr Benois, dem tonange -
benden Kunstkritiker, Maler und einem der Gründer der Künstlervereinigung
Die Welt der Kunst. Benois (1904: 60) leitet seine Ausführungen mit einer Pro -
phezeiung ein: Die Kunst der Duncan, heißt es, »muss allerorten sprießen.
Ihr muss die Reform der meist vernachlässigten Lebensform des Tanzes
entspringen.« Benois sieht in Duncan eine Vorbotin »der ästhetischen Erre -
gung, die nach und nach die ganze westliche Welt erfasst hatte« (1904: 60).
Zugleich bemängelt er die Herangehensweise der Duncan an die klassische
Musik. Obwohl Benois die Idee, die klassische Musik mit Mimodramen zu
kommentieren, per se begrüßt, zeigt er sich mit den Illustrationen der Dun -
can unzufrieden, weil es der Tänzerin misslinge, das in der Musik Verborgene
durch ihren Körper sichtbar zu machen. Bewertet Benois die Duncanschen
Illustrationen der klassischen Musik als unzulänglich, so verdienen die Posen,
welche Duncan »den antiken Skulpturen und der Malerei der Renaissance«
(1904: 64) entlehnt, sein höchstes Lob. Interessant ist in diesem Zusammen -
hang die Passage, in der Benois versucht, den Plagiatsvorwurf, der im Falle des
Kopierens stichhaltig gewesen wäre, vorzubeugen. Dabei verweist er auf große
Maler, wie etwa Raffael da Urbino, Peter Paul Rubens oder Anthonis van Dyck,
die sich von den Gemälden ihrer Kollegen inspirieren ließen, die aber in ihren
eigenen Werken immer einige Schritte weiterzugehen wussten. Benois ver -
weist darauf, dass Duncan in ihren Mimodramen die gleiche Methode bedient.
Ihre Darbietungen soll man schon allein deshalb nicht als Kopien verstehen,
weil Skulpturen, die sie nachahmt, visuell wahrgenommen werden, während
sie sich an die kinästhetische Wahrnehmung der Rezipienten richtet. »Miss
Duncan nimmt nicht nur verschiedene Posen ein«, so Benois,
sondern sie tanzt, d.h. sie demonstriert eine ununterbrochene Bewegung. Dabei ist zu
betonen, dass nicht nur jede ihrer Bewegungen schön ist, sondern auch deren Wechsel,
sozusagen das durchdachte Ineinanderfließen der Bewegungen, ihre harmonische Va -
riation. (1904: 64)
Was Benois an den Darbietungen der Duncan in erster Linie interessiert, ist
das Verhältnis zwischen der Musik als Zeit-Kunst und dem Tanz als Zeit-
Raum-Kunst sowie zwischen der Raum-Kunst Skulptur und der Körper-Raum
Bewegung. Aus Benois Ausführungen wird ersichtlich, dass seine Gedanken
um ein synthetisches Raumerlebnis kreisen. Er ist wie viele seiner Künstler-
kollegen der Wagnerschen Idee des Gesamtkunstwerkes verhaftet, deshalb
geht es ihm bei der Bewertung der Darbietungen der Duncan um die Frage, in-
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wieweit es ihr gelingt, die Klangmaterie ins Körperliche zu übertragen und wie
diese Übersetzung auf die Rezipienten wirkt. Mit diesen Überlegungen steht
Benois im Dezember 1904 am Anfang der Diskussion über die Umsetzung
in die Praxis der Idee von der Aufhebung der Grenzen zwischen den Küns -
ten, die in Russland in wenigen Jahren entfachen wird und die zu Beginn der
zweiten Dekade kräftige Impulse aus dem Gedankengut von Vasilij Kandinskij
und Aleksandr Skrjabin, genauer gesagt, aus der in die klingenden Farben der
gegenstandslosen Bilder umgesetzten Farbenlehre des einen und aus den als
ekstatische synästhetische Farb- und Lichtsinfonien komponierten musikali -
schen Dichtungen des anderen, empfangen wird. Isadora Duncan trug auch,
wie es der umfangreiche Pressespiegel zu ihrem ersten und zu den weiteren
drei Gastspielen in Russland
4 belegt, mit ihrem Ausdruckstanz, aus dem nicht
nur die Tanzschaffenden wie Aleksandr Gorskij, Michail Fokin oder Kasjan
Golejzovskij, sondern auch die Bühnenbildner und Kostümdesigner wie Lev
Bakstoder Aleksandra Èxter, um nur wenige von vielen Namen zu nennen,
wichtige Impulse beziehen, zu der Reform des Tanztheaters bei.
Auch die Spuren, die Gastspiele der Duncan sowie ihr längerer Aufent -
halt in Moskau in den frühen 1920er Jahren im Bewusstsein der Reformer
der dramatischen Bühne hinterließen, dürfen nicht unterschätzt werden. Die -
ser Einfluss zeigt sich deutlich bei einer Durchsicht der Spielpläne der russi -
schen experimentellen Bühnen, auf denen in den letzten Jahren der ersten
Dekade des 20. Jahrhunderts sehr intensiv an der Entwicklung einer neuen
intermedialen Theatersprache gearbeitet wurde, wobei der Ausdruckskraft des
Körpers in diesen Experimenten die zentrale Rolle zugewiesen wird. Während
für die zu »intelligenten Vorleser[n]« (Meyerhold 1979: 202) mutierten Schau -
spieler der illusionistischen Bühne von Stanislavskij die Fragen, wie man das
Verborgene der Spielvorlage mittels der Körpersprache zur Geltung bringt
und wie man die Ausdruckskraft des Körpers durch andere Elemente einer
Inszenierung, wie Musik, Kostüme, Licht und der Raum, steigert, irrelevant
waren, so stand die von den Theatermachern der Avantgarde in Gang gesetzte
Entliterarisierung und Retheatralisierung des Theaters im Zeichen der Bewe -
gung. Die »Bewegung als Material der Kunst ist anderen Materialien wie Far -
be oder Ton ebenbürtig« (Volkonskij 2012: 181), bringt Sergej Volkonskij, der
Kunstkritiker, Schauspielpädagoge und begeisterte Förderer der rhythmischen
Gymnastik von Émile Jaques-Dalcroze, 1911 in einem Essay die Ausrichtung
der Theaterexperimente jener Zeit lapidar auf den Begriff. Symptomatisch für
die ausgehende erste und beginnende zweite Dekade ist die Wendung der füh-
renden Theateravantgardisten wie Vsevolod Mejerchold und Nikolai Evreinov
4 | Das zweite Gastspiel in den beiden russischen Hauptstädten findet im Dezember
1907 und im Januar 1908 statt. Zwei weitere Male gibt Duncan Vorstellungen im Som -
mer 1909 und im Januar 1913. Und 1921 lässt sie sich in Moskau für zwei Jahre nieder.
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hin zur Pantomime, »weil sich in diesen stummen Stücken«, wie Mejerchold
betont, »den Schauspielern und Regisseuren die ganze Kraft ursprünglicher
Elemente des Theaters die Kraft der Masse, der Geste, der Bewegung und
der dramatischen Handlung erschließt« (1979: 202). Bereits aus diesem Satz
aus dem Balagan , dem programmatischen Artikel Mejercholds, wird ersicht -
lich, worum es der Theateravantgarde bei ihren Experimenten geht. Ihr Ziel ist
die Überwindung der Rampe und die Partizipation des Publikums an der sze -
nischen Handlung. Paradigmatisch erscheint in diesem Zusammenhang die
gleichzeitige Auseinandersetzung beider bereits erwähnter Regisseure mit der
Salome, dem skandalträchtigen Stück von Oscar Wilde, über die Leidenschaft,
den Tabubruch und die ekstatische Wirkung des Tanzes auf die Zuschauer.
»Das erotische Moment ihres Tanzes«, schreibt der Kunstkritiker Aleksej Sido-
rov über die Protagonistin des Stücks 1915,
ist der Sündenfall der Menschheit […]. Das ist der Augenblick der Verführung des Zu -
schauers […]. Die Sünde der Salome besteht darin, dass sie ihren Tanz zur Schau ge -
stellt hatte. (2011: 192)
Man kann Sidorov, der die Wildsche Salome zu einem Symbol des neuen Tan-
zes erklärt, zustimmen, wenn man einen Blick zurückwirft, auf die ersten Ver -
suche das Stück auf die russische Bühne zu bringen. Die russische Erstauffüh-
rung dieses Stücks fand am 19. Dezember 1903 am Petersburger Literaturnyj
Theater [Literarisches Theater] von Nekrasova-Kolčinskaja statt. Bereits dieser
Inszenierung gingen ziemlich komplizierte Verhandlungen mit der Zensurbe -
hörde voraus, in deren Folge die Übersetzung des Textes nur mit zahlreichen
Streichungen unter dem Titel Pljaska semi pokryval [Tanz der sieben Schleier]
aufgeführt werden durfte. Grund zur Sorge gab den Zensoren die Tatsache,
dass dem stark erotisierten Stück eine neutestamentarische Legende zugrunde
liegt, deren zentrale handelnde Person Johannes der Täufer ist. Anscheinend
konnte die erste szenische Umsetzung des Stücks die Bedenken der Zensoren
nicht zerstreuen, denn die Inszenierung wurde sofort nach der Premiere vom
Spielplan abgesetzt. Ebenfalls nicht genehmigt wurde das Projekt von Stanis -
lavskij, der 1907 Salome am Moskauer Künstlertheater aufführen wollte. Das
gleiche Schicksal erwartete auch die Inszenierung von Salome unter der Regie
Vsevolod Mejercholds und in der Choreografie von Michail Fokin mit Ida Ru-
binstein in der Titelrolle am Petersburger Kaiserlichen Michajlovskij Theater,
deren Premiere für den 3. November 1908 vorgesehen war. Nikolai Evreinov
bereitete seine Interpretation von Salome unter dem Titel Die Zarentochter im
Herbst 1908 auf einer privaten Petersburger Bühne am Theater der Schau -
spielerin Vera Komissarževskaja vor und brachte das Stück zur Generalprobe
am 27. Oktober 1908.
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t anz der Sie Ben S chleier
»Jedem, der dieses Theaterstück fleißig durchgearbeitet hat«, schrieb Evreinov
in seinem Essay anlässlich seiner Inszenierung von Salome ,
wird bewusst, dass wir es hier mit einem eigenartigen synthetischen Stil zu tun haben:
Hier findet man die raffinierte Künstlichkeit des Rokoko und den bezaubernden helleni -
schen Lakonismus, hier findet man die würzige Farbenpracht des Orients und die erlese -
ne Umgänglichkeit Louis XVI., hier findet man die rein modernistische Seltsamkeit und,
schließlich, etwas, was man nicht vermitteln kann und was ich als Wildsche Dreistigkeit
bezeichnen würde. So muss auch für die Darstellung dieses Stücks auf der Bühne ein
harmonischer Mischstil gefunden werden. (1913: 26)
Die Vision Evreinovs auf der Bühne ein Universum der ästhetisch vollkom -
menen Bilder zu schaffen, in denen das Verborgene des Textes apperzipiert
wird, sollte ihre Umsetzung »in den Farben, Stoffen, in der Choreographie
der Körper, in den Posen, Lichteffekten etc.« (Vajkone 1908: 764) finden. Bei -
spielweise schwebte es Evreinov vor, die Bühne bei der Exposition der Hand -
lung mit kaltem saphirblauem Licht anzustrahlen. Während des Tanzes von
Salome sollte der Bühnenraum flammendrot werden, weil in Salomes Gehirn,
das von Leidenschaft entzündet ist, Blut pulsiert. Und wenn Herodes den
»Mantel des Hohepriesters für die Rettung des Propheten opfert« (Evreinov
1913: 27), sollte die Bühne in beunruhigendes gelbes Licht getaucht werden. Die
mystisch-erotische Atmosphäre der Inszenierung wurde durch den Bühnen -
hintergrund verstärkt, auf dem der Bühnenbildner Nikolai Kalmakov in An -
lehnung an die Zeichnungen von Aubrey Beardsley die Balustrade des Palastes
des Tetrarchs und einen dunkelblauen Himmel »mit wenigen Sternen von bi -
zarrer Form und einer riesengroßen Mondsichel, die in sich die verschwom -
mene Gestalt einer nackten Frau birgt […]« (Vajkone 1908: 764), gemalt hatte.
»Die Größe dieses Mondes«, bemerkte ein Rezensent nach der Generalprobe,
»ist antirealistisch. Dadurch kommt aber sehr gut die Vorahnung des Blutver -
gießens und des Todes zum Ausdruck, welche die unheimliche Mondnacht
entstehen lässt.« (Anonym 1908: 3)
Die zentrale Rolle in der Inszenierung spielten neben der raffinierten
Lichtregie auch die Körper der Darsteller, die dem Publikum in Anlehnung an
die Darbietungen Duncans in ihrer »nackten Wahrheit« präsentiert wurden:
Sowohl Kostüme der Krieger, Juden und Nazarener, die aus Lendentüchern
bestanden, als auch die fleischfarbenen, den Eindruck eines nackten Körpers
vermittelnden Trikots der Sklavinnen von Salome brachten effektvoll die Kör -
per der Darsteller zur Geltung und betonten ihre erotische Ausstrahlung. Die
ästhetizistischen Bilder, die Wilde mittels der im Text der Tragödie verstreuten
Metaphern entstehen lässt wie etwa die Bemerkung des Syrers Narraboth, dass
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Salome »wie eine weiße Rose in einem Spiegel von Silber« (Wilde 2000:12)
aussehe, oder die Äußerungen Salomes, dass der Prophet Jochanaan »einer
dünnen Statue aus Elfenbein« (19), »einem Bild aus Silber« (19), »einem Mond-
strahl« (19) und »einer silbernen Lanze« (19) gleicht, setzte Evreinov mithilfe
der Kostüme, des Lichtes und der Choreografie der Körper effektvoll in Sze -
ne. Die Darsteller bekamen die Aufgabe, nicht die handelnden Personen zu
verkörpern, sondern »jene unmittelbaren Eindrücke, die diese Personen in
unserer Seele hinterlassen« (Evreinov 1913: 28), darzustellen. So wurde jeder
Schauspieler zu einer bestimmten Note, die in eine auf der Bühne komponier -
te Symphonie der Farben hineinfloss. Der Prophet hatte einen »schlanke[n]
wie Schilfrohr« (Vajkone 1908: 764) hellgrün gefärbten Körper und dunkellila
Haare. Der wie aus Marmor gemeißelte Körper des Pagen der Herodias war
schneeweiß und bildete den beeindruckenden Kontrast zu dem pittoresken
schwarzen Körper des Henkers Naaman und dem braunen Körper des Syrers.
Der wohlbeleibte »tierähnliche« (Vajkone 1908: 764) Tetrarch Herodes, des -
sen Kostüm »aus irgendwelchen bunten Quadraten zusammengestellt wur -
de« (Mgebrov 1929: 376), hatte einen grauen Körper, schwarzen Bart und rote
wollüstige Lippen. Als ein blauer Fleck schimmerte durch die Bühne Herodes
Frau Herodias »eine schroffe Gestalt mit langen blauen Locken«, »scharf -
geschnittenen Gesichtszügen« (Vajkone 1908: 764) und aufgelegten »an zwei
Bergeerinnernden nackten Brüsten aus Watte, von deren jede mit einem Rubin
geschmückt war« (Blok 2000: 39). Der in das weiße fließende Gewand ver -
hüllte Körper von Salome war blass fliederfarben und ihre Haare waren hellrot.
Sowohl Rezensionen als auch die Memoireliteratur verweisen fast einstim -
mig auf die hohe Wirksamkeit der von Evreinov und seinem Bühnenbildner
entworfenen Bilder. »In dieser Inszenierung übertraf Evreinov sich selbst«,
schrieb der Darsteller der Rolle des Syrers Narraboth Aleksandr Mgebrov in
seinen Erinnerungen.
[…] Irgendwelche riesigen, vom Mondschein beleuchteten Bäume, vor deren Hinter -
grund, ebenfalls im Licht des phantastischen Mondes, die groteske gruselige Figur von
Herodes […] sowie […] die Gestalten der Krieger und Juden agieren und, schließlich, der
grüne Jochanaan, mit dem tatsächlich grün gefärbten Körper, auf dem die Rippen ge -
zeichnet wurden. Während des Tanzes von Salome flammte auf der Bühne das blutrote
Licht auf und verlosch wieder. Herodes und alle beim Festmahl anwesenden Gäste quit -
tierten den Tanz mit furchtbarem Geschrei, das crescendo stieg. […]Schließlich wurden
alle ganz rasend. In diesem Augenblick schien es, dass Peitschen durch die Luft pfeifen
und menschliche Gesichter sich in Tierschnauzen verwandeln, an denen Leidenschaft
und ungeheure Gier nach dem menschlichen Leib abzulesen waren. (1929: 375 f.)
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Wie ein Rezensent berichtet, wurde die Szene des Tanzes von Salome vom
Publikum lebhaft aufgenommen.
Man hörte Aufschreie der erregten Zuschauer und Applaus. Lichtblitze. Bald ist es so
weit, und die Zarentochter wird den letzten, siebten Schleier herunterwerfen. Ein greller
Lichtblitz. Man ist geblendet, wie es bei der Zündung von Magnesiumpulver vorkommen
kann. Es wird dunkel. Wenn die Bühne wieder beleuchtet wird, ziehen die Sklavinnen
Salome an. (Vajkone 1908: 764)
Aus den Artikeln zu der Inszenierung, die von der Erregung im Zuschauer -
raum berichten, folgt, dass die erotische Komponente des Stücks trotz zahl -
reicher von der Zensur verordneter Streichungen der Spielvorlage stark zur
Geltung kam und sich auch als sehr wirksam erwies. Beeindruckend ist dabei
die Zusammensetzung des Publikums bei der Generalprobe. Unter den Zu -
schauern befanden sich sowohl Künstler und Literaten wie Aleksandr Benois,
Aleksandr Blok, Fëdor Sologub, Vasilij Rozanov und Leonid Andreev als auch
zahlreiche Mitglieder der Staatsduma und der Heiligen Synode sowie Vertre -
ter der Gendarmerie und der Zensurbehörde. Die Zensoren waren, wie später
die Zeitung Reč [Die Sprache] berichten wird, beauftragt zu prüfen, »welchen
Eindruck das von der Zensur genehmigte Stück bei dessen szenischer Um -
setzung macht« (Roznatovskaja 2000: 38). Deswegen überrascht es nicht, dass
die Inszenierung wenige Stunden vor der Premiere, die am 28. Oktober 1908
stattfinden sollte, verboten wurde (Evreinov 1913: 16).
Zieht man die missglückten Versuche anderer russischer Theatermacher,
die Aufführungsgenehmigung für das Stück zu bekommen, in Betracht, so
kann man mit Sicherheit behaupten, dass sich Evreinov bei der Umsetzung
seiner Visionen von Anfang an bewusst war, dass die von ihm angestrebte
Enttabuisierung von Sexualität sowie seine Hommage an die Befreiung des
Körpers auf der Bühne, die im Kontext sowohl des Tanz- als auch des dramati -
schen Theaters der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts ebenfalls einem Tabu -
bruch glich, zu dem Verbot der Inszenierung führen werden.
Im März 1909 wird Evreinov noch einmal versuchen, seine Überlegungen
zu der Wirkung des nackten Körpers auf der Bühne in seiner Inszenierung des
Stücks Nočnye pljaski [Nachttänze] von Fëdor Sologub an der im Januar 1909 er-
öffneten Petersburger Kleinkunstbühne Litejnyj Theater umzusetzen. An der
Inszenierung, die von Michail Fokin choreografiert wurde, nahmen als Dar -
steller die bekannten symbolistischen Dichter wie Maximilian Vološin, Alek -
sandr Blok, Michail Kuzmin und Aleksej Remizov, die Maler aus der Künst -
lervereinigung Die Welt der Kunst wie Lev Bakst, Konstantin Somov, Mstislav
Dobužinskij und Ivan Bilibin sowie die aus zwölf Frauen und Schwestern der
erwähnten Literaten und Maler bestehende Gruppe von Barfußtänzerinnen
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teil. Allerdings wurde diese Inszenierung, in der die Darsteller halbnackt tanz -
ten, nur zweimal und nur vor geladenem Publikum gezeigt.
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Alexander Truslits Bewegungsspuren
Hans Brandner
Bereits in den 1930er Jahren zeichnete Alexander Truslit (1889-1971) Linien -
spuren zu Musikwerken und wollte damit ihren körperlichen Ausdrucksgehalt
fassen und vermitteln. Seine weitreichende Lehre der musikalischen Bewe -
gung verbindet musikalische mit körperlichen Spannungsverläufen und zielt
auf eine gesunde Körperlichkeit sowie ein ganzheitliches, kinästhetisches Mu -
sikerlebnis ab. Er unterrichtete mit seiner Methode unterschiedlichste Instru -
mentalisten und wirkte im Umfeld des Duncan-Tanzes, in dem er versuchte,
diese Bewegungsgehalte im Tanz wiederzugeben.
Dieser Beitrag ist eine komprimierte Einführung in Truslits Methode und
stellt meine diesbezügliche musikpraktische Forschung vor. Er versteht sich
als Einladung, mithilfe der von mir entwickelten iPad-App Music Moves selbst
musikalische Bewegungsspuren zu zeichnen und mit ihnen an einem laufen -
den Experiment teilzunehmen.
g e Schichtliche S
Alexander Truslit wurde 1889 in Riga geboren. Er studierte Jura, Klavier und
Medizin und arbeitete als Musikpädagoge in Berlin und München. Er war der
bedeutendste Schüler der Berliner Pianistin Elisabeth Caland (1862-1929), die
als Pionierin der physiologisch-anatomischen Klaviermethodik bekannt ist. Zu-
sammen mit dem Physiologen René du Bois-Reymond (1863-1938) beschrieb sie
die zentrale Rolle der Schulter- und Rumpfmuskulatur für ein ganzheitliches
Klavierspiel. Nach ihrem Tod leitete Truslit die Elisabeth-Caland-Schule und das
daran angeschlossene Forschungsinstitut für künstlerisches Klavierspiel.
1938 veröffentlichte er das Buch Gestaltung und Bewegung in der Musik und
1942 drehte er den knapp 45-minütigen Studienfilm Musik und Bewegung über
seinen musikpraktischen Ansatz (Uraufführung 1946). Obwohl Truslit nach -
weislich in Opposition zum Nationalsozialismus stand (Brandner 2016b: 70 f.),
schaffte er es nach dem Krieg nicht, mehr Aufmerksamkeit für seine Methode
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Hans Brandner86
zu erlangen. Er gehörte schon zur alten Generation und erblindete bald. Zu -
dem war das Thema Bewegung und körperliche Gesundheit durch das Dritte
Reich zu sehr belastet, um damit in der unmittelbaren Nachkriegszeit größere
Erfolge erringen zu können. Truslit unterrichtete bis 1971 nach seiner Bewe -
gungsmethode und war ein besonderer Spezialist in der Heilung von Musiker-
krankheiten. Viele Orchestermusiker konsultierten ihn.
1936 lernte Truslit Elizabeth Duncan (1871-1948), die Schwester der welt -
berühmten Isadora Duncan (1872-1927), kennen und bereicherte mit seiner
praktischen Bewegungslehre bis 1968 den Unterricht an der Duncan-Schule.
Schon Isadora Duncan hatte mit Truslits Äußerungen vergleichbare Ansichten
über Musik und Bewegungsspuren:
Ich h öre die Linien, die die Musik macht. Ich glaube fest, dass jede Musik graphisch dar -
gestellt werden kann, nicht etwa bloß ungefähr, nach einer pers önlichen Willkür, sondern
ganz exakt, ganz genau, mathematisch genau. Also jede Melodie enthält eine Linie, die man
aufzeichnen kann. […] Nun musste es mir noch gelingen, mich so beherrschen zu lernen,
dass mein Körper auf meinen Impuls hin vollkommen zu dieser Linie werden könnte. Ich
zweifle nicht, dass es möglich wäre, vollkommen zur Linie zu werden. (Niehaus 1981: 23 f.)
Im letzten Abschnitt wird ein wichtiger Aspekt deutlich. Ihr Körper soll zur
Linie werden. Er ist das »Organ«, das die Musik und deren Bewegung wahr -
nimmt. Duncan spricht damit aber noch etwas anderes deutlich aus. Sie will
sich in ihrem Tanz von ihrer »Person« lösen und vollkommen zur »Linie«
werden. D.h., sie stellte sich die Linie und das, was diese ausdrückt als etwas
Objektives vor, weshalb sie auch behauptet, die Linie könne »mathematisch«
genau aufgezeichnet werden.
Wie eng die Beziehung zwischen dem Duncan-Tanz und Truslits Methode
war, belegt eine Annonce der Duncan-Epigonin Bettina Hamilton in der Zeit -
schrift Dancing Times von 1939, in der sie »creative dance based on the dun -
can-technique established by Isadora Duncan and Alexander Truslits theory
of movement in music« (Dancing Times 1939: 675, 828) anbietet. Die Tänzerin
Irmgard Vollmer, die auch den Unterricht von Elizabeth Duncan und Alexan -
der Truslit besuchte, bestätigt ebenfalls einen Zusammenhang:
Da die Musik Grundlage f ür den Duncan-Tanz ist, sollten wir durch die Kurventheorie
befähigt werden, die Eigenbewegung der Musik besser zu erkennen, um sie in der t änze -
rischen Interpretation sichtbar zu machen. (Brandner 2016a: 69)
Truslits Methode hat auch viele Bezüge zur heutigen Musikforschung. Nach
langer Vergessenheit wurde Truslit 1993 von dem amerikanischen Musikpsy -
chologen Bruno Repp wiederentdeckt und inspiriert bis heute viele Studien
im Kontext der Performance Research, einem Zweig der empirischen Musik -
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Alexander Truslits Bewegungsspuren 87
psychologie, der die Interpretationsleistungen von Musikern untersucht. Der
neurowissenschaftlich orientierte Musikpsychologe Neil Todd von der Univer -
sität Manchester stellt in einem Aufsatz von 2015 fest:
From a neurobiological perspective such motional percepts may almost literally be cre -
ated as was predicted by Truslit, i.e. by either indirect associative links of sound shapes
to vestibular centres in the body maps or by direct vestibular activation of body maps by
sound above the vestibular threshold. (Todd/Lee 2015: 42 f.)
Musik ist in der Regel nicht laut genug, um das Gleichgewichtsorgan direkt zu
stimulieren, aber auf der Ebene der Hirnforschung hält Todd es für erwiesen,
dass Musikwahrnehmung immer auch eine Vestibularwahrnehmung ist. Dies
stärkt nicht nur die Grundlage von Truslits Theorie, sondern die generelle Ver-
bindung von Musik, Bewegung und Körper.
Jörg Langner und Werner Goebl haben die Tempo- und Dynamikgestal -
tung verschiedener Interpretationen untersucht und in Diagrammen abge
-
bildet, wodurch ein sogenannter Performance Worm , eine sich bewegende
Spur der zeitlichen Entwicklung dieser beiden grundlegenden musikalischen
Parameter, entstand. Es stellte sich heraus, dass Interpretationen, die in ihrer
Abbildung eine »rundere« Gestalt haben von musikalischen Experten als aus -
drucksvoller eingestuft wurden (Langner/Goebl 2001). Wie von Truslit be -
hauptet, scheint es einen Zusammenhang zwischen musikalischer Expressivi -
tät und runden Bewegungsspuren zu geben.
w ringen
Die zentrale Körpertechnik in Truslits Methode ist das sogenannte Wringen .
In seinem Studienfilm führt er eine wringende Armbewegung anhand eines
anatomischen Modells vor und schreibt:
Dr. August Weinert hat wohl als erster auf Grund der Form des Knochenbaues auf das
Wringen als eine der natürlichen und ursprünglichen Funktionen des tierischen wie auch
des menschlichen Organismus hingewiesen. (Truslit 1942)
Heute wird die Bewegungsart des Wringens vor allem in Tanzkreisen stets
auf Rudolf von Laban (1879-1958) zurückgeführt. Truslit nennt in seinem Film
vermutlich die ursprüngliche Quelle des Wringens, den am Bauhaus wirken -
den Facharzt und Chirurgen Dr. med. August Weinert (Brandner 2016a: 46).
Die Bewegungen, die Truslit den Tanzenden und Musizierenden erschließen
wollte, nannte er wie vor ihm schon Isadora Duncan »freie und natürliche
Bewegungen«. Im Wringen sieht er ihre Grundlage: »Jede freie, natürliche Be-
## Page 90
Hans Brandner88
wegung ist durch das dreidimensionale Wringen […] nie geradlinig oder eckig,
sondern stets kurvenartig. […]« (Truslit 1942)
Labans Beschreibung von 1948 gibt keine anatomische Erklärung des
Wringens, aber er nennt nochmals wichtige Eigenschaften wringender Bewe -
gungen, bringt sie mit Richtungsänderungen und Windungen in Verbindung,
die typisch f
ür Truslits Kurven sind, und bestätigt wichtige Merkmale der Kör -
pertechnik von Truslit:
Geschieht das Wringen des Körpers oder seiner Teile ohne jedes Objekt, so treten be -
stimmte zusätzliche Muskelgruppen in Aktion und erzeugen den in der Verwindung not -
wendigen Gegenzug. Auf diese Weise kommt es zu einer starken Spannung, die sich im
ganzen Körper ausbreiten kann, so dass sogar dann in Beinen, Rumpf und Hals eine
Gegenspannung vorhanden ist und somit ein Gefühl kontrollierter Flexibilität hervor -
gerufen wird. Komplizierte Richtungs
änderungen, die gewundene Bewegungsformen er -
geben, unterstreichen den Charakter flexibler Aktionen. (Laban 1981: 83 f.)
Abb. 1 (oben): Truslits offene, geschlossene und gewundene Grundbewegungen
gezeichnet von seiner Schülerin Hanna Struck. Aus: Brandner 2016a: 131.
Abb. 2 (unten): Alexander Truslit bei der Ausführung einer gewundenen Bewe -
gung. Aus: Truslit 1938: 174.
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Alexander Truslits Bewegungsspuren 89
(Abb. 1 links) Offene Bewegung:
Beide Hände nebeneinander, die Handinnenseiten zeigen nach oben,
Schleuderbewegung aus dem Rumpf mit kurzer Kontraktion der Bauchmuskulatur,
der schnelle Anfang wird nach oben hin und in der Schlaufe etwas abgefangen,
abwärts wieder schneller;
entsprechender musikalischer Charakter: z.B. schnell, leicht
(Abb. 1 Mitte) Geschlossene Bewegung:
Beide Hände nebeneinander, die Handrücken zeigen nach oben,
das Tempo nimmt im großen oberen Bogen ab, abwärts wieder schneller;
entsprechender musikalischer Charakter: z.B. kraftvoll, eher langsam
(Abb. 1 rechts und Abb. 2) Gewundene Bewegung
Handinnenseiten mit etwas Abstand flach aneinander halten,
ja nach Ausführungsrichtung führen entweder die Daumen oder die kleinen Finger die
Bewegung an,
a) als schräg stehende Acht (wie in Abb. 1 rechts),
der Oberkörper soll bei der Ausführung mit nach untern gehen,
starke Verlangsamung im Höhepunkt;
musikalischer Charakter: z.B. strahlend, kraftvoller als die geschlossene Bewegung
b) als horizontal liegende Acht
etwas langsamere Höhepunkte, dazwischen beschleunigend;
musikalischer Charakter: z.B. ausgeglichen, schwingend
Abb. 2: Alexander Truslit bei der Ausführung einer gewundenen Bewegung.
(Truslit 1938: 174)
Be wegung Sü Bungen
Truslit behauptet, dass es nur drei Typen körpermusikalischer Bewegungen
gibt: offene, geschlossene und gewundene (Abb. 1 von links nach rechts). Diese
sogenannten Ur- oder Grundbewegungen können in ihren Proportionen va-
riieren und gedreht werden. So kann die gewundene Bewegung auch gespie -
gelt oder als horizontal liegende Acht vorkommen. Alle Bewegungen können
an verschiedenen Stellen kleinere Schlaufen in sich haben und ineinander
übergehen. Aus diesen Variationsmöglichkeiten setzen sich komplexe Abläufe
und ganze Choreografien von Musikstücken zusammen.
In Truslits Kursen wurden diese Bewegungen in speziellen Übungen aus -
geführt, um eine gesunde und ganzheitliche Bewegungsdisposition zu ent -
wickeln (Abb. 2). Bei einer guten Beweglichkeit in den Gelenken und gut ent -
wickelter, nicht verkürzter Muskulatur haben die Bewegungen spezifische
Wirkungen in der Rumpfmuskulatur, was als körperliche Durchlässigkeit
bezeichnet werden kann. Zugleich werden durch den Schwung des Körper -
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Hans Brandner90
rumpfes auch das Gleichgewichtsorgan und die gesamte Haltungsmuskulatur
angeregt.
Im Folgenden wird ein Überblick zur Ausführung der Grundbewegungen
und die körperlichen Wirkungen der Bewegungsabläufe gegeben: Die Bewe -
gungen werden im lockeren Stand mit leicht gestreckten Armen, gesenkten
Schultern und die Beweglichkeit fördernden Handstellungen ausgeführt. Die
Körperachse soll im Rhythmus der Bewegung zu Schwingen beginnen und
mit der Höhe der Arme steigt die muskuläre Spannung im Rumpf, besonders
in den Rückenmuskeln und der Bauchgegend, die auch als Hara-Bereich oder
Stütze bekannt sind (Rüdiger 2007: 65). Abwärtsbewegungen sind Phasen der
Entspannung. Bei gut entwickelter Rumpfmuskulatur verbinden sich die Auf -
wärtsbewegungen mit dem Einatmen und die Abwärtsbewegungen mit dem
Ausatmen. Grundsätzlich sollen die Bewegungen im und gegen den Uhrzei -
gersinn geübt werden.
An der gewundenen Bewegung in Form einer liegenden Acht kann man das
Prinzip des Wringens gut nachvollziehen. Wenn man z.B. mit dem rechten
Arm die Acht rechts oben entgegen dem Uhrzeigersinn startet und der Dau -
men die Bewegung anführt, haben Unterarm und Oberarm auf dem Weg vom
Höhepunkt nach links unten den gleichen Drehsinn nach innen. Auf dem
nun folgenden Weg nach oben vollzieht sich die Verwringung. Der Unterarm
geht etwas früher in die Außenrotation über als der Oberarm. Dieser Bewe -
gungsablauf setzt sich zeitlich versetzt fort, da dann auch der Oberarm in der
Schulter seinen Drehsinn ändert. Schließlich wirkt die Verwringung in die
tiefe Rumpfmuskulatur und darüber hinaus. Die Ursache und Bedingung des
Wringens sind für Truslit kleine gegensätzliche Drehsinne in verschiedenen
Gliedern. Hier, im Beispiel mit der liegenden Acht, dreht sich der Arm, als
würde er im Ellenbogengelenk leicht ausgewrungen.
Körpermu Si K alität
Der Zusammenhang dieser Bewegungen mit musikalischen Verläufen zeigt
sich, wenn sie zu erklingender oder vorgestellter Musik ausgeführt werden.
Dabei werden die Bewegungsempfindung von runden Linienschwüngen und
der körperliche Spannungsverlauf mit dem Spannungsverlauf einer musika -
lischen Phrase in Verbindung gebracht. Anhand von Beispielen zeigte Truslit
seinen Schülern, dass nicht jede Verlaufsform zu jeder Musik passt. Er ver -
mittelte einen kinästhetischen Sinn für musikalische Gestaltung und lehrte,
Musik als körperliche Bewegung zu Hören. Speziell Musizierende entwickeln
durch die körpermusikalischen Übungen einen ganzheitlichen Funktionszu -
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Alexander Truslits Bewegungsspuren 91
sammenhang, durch den muskuläre Spannungen und Bewegungen des Kör -
perrumpfes ideal in das Musizieren eingebracht werden können.
v ideo Bei Spiele von t ru Slit -K urven
Ich will nun ausgewählte Linien von Truslit sowie eigene vorstellen und dabei
aufzeigen, wie die Bewegungen mit der Musik und dem Körper in Verbindung
stehen. Dabei beziehe ich mich auf meine Erfahrung mit Truslits Bewegungs -
übungen und auf mein darauf basierendes Klavierspiel.
Richard Wagner: Tristan und Isolde , Ende der 1. Szene des 2. Aufzuges
Video: goo.gl/OaaIha
Für Truslit entsprechen die Takte mehreren offenen Bewegungen. Natürlich
stimmt die Anzahl der Kurven mit den Wiederholungen des Motivs überein,
aber die offene Bewegung passt ideal, weil ihr rascher Ablauf der schnellen
dynamischen Entwicklung des sprunghaften Motivs entspricht.
Der zweite Grund, weshalb die offenen Kurven hier passen, besteht darin,
dass sich diese Passage am besten mit der Bewegungsempfindung und der
körperlichen Einstellung der offenen Bewegung spielen lässt. Die körperlichen
Impulse bei der Ausführung am Klavier sind dieselben wie diejenigen, die
man bei der Bewegungsübung der offenen Kurven erlebt.
Richard Wagner: Das Rheingold , Anfang der 4. Szene
Video: goo.gl/hgyQoH
Wie beim Tristan-Beispiel beruht die Passung hier wieder auf dem gleichen
Bewegungscharakter der Musik und der geschlossen Bewegungen. Die dyna-
mischen Wellen der Motive entsprechen dem breiten Verlauf geschlossener
Kurven. Auch das Spiel am Klavier ist wieder von sehr ähnlichen Spannungs -
verläufe im Rumpf begleitet. Mit der körperlichen Einstellung der offenen Be -
wegung wäre es unmöglich oder zumindest sehr kompliziert diese Passage zu
spielen. Die geschlossene Bewegung gibt hier die nötige Kraft und den passen-
den Klang.
Guiseppe Verdi: La Traviata , Vorspiel zum 1. Akt, Takte 17-24
Video: goo.gl/ylH7pS
Die verschiedenen Bewegungscharaktere werden hier sehr klar durch den
Wechsel zwischen gewundenen, offenen und geschlossenen Kurven wieder -
gegeben. Beim Spiel am Klavier ist die Körpermusikalität der gewundenen
## Page 94
Hans Brandner92
Kurven des Anfangs deutlich erlebbar. Wie es für schräg stehende gewunde -
ne Kurven typisch ist, liegt in der Aufwärtsbewegung zu den Höhepunkten
tatsächlich der beste Moment einzuatmen. Die Lebendigkeit der punktierten
Achtelfiguren findet sich in den beiden offenen Kurven wieder. Nach einer
großen geschlossenen Spannungskurve leiten zwei kleinere geschlossene Kur -
ven zum letzten Anstieg am Schluss über. Mit einer in der Rumpfmuskulatur
verankerten Spieltechnik sind all diese Spannungsbewegungen bei einem aus -
drucksvollen Spiel der Musik am Klavier sehr deutlich erlebbar.
Erstaunlich an allen Beispielen ist, dass ein Bewegungsverlauf, der zu
einer Orchestermusik passt, auch eine ideale körperliche Grundlage für das
Spiel der Musik auf dem Klavier vermittelt. Natürlich ist die Ausführung von
klavierspezifischen Spielbewegungen überlagert, aber zugleich sind deutliche
Spuren von Truslits Kurven im Rumpf und in den Armen beobachtbar. Das ist
m.E. ein Indiz dafür, dass es sich bei Truslits Methodik, wie von ihm behaup -
tet (Truslit 1938: 184), nicht um eine instrumentenspezifische Körpertechnik
handelt, sondern um eine Körperlichkeit, die in der Musik impliziert zu sein
scheint.
Truslits Körpertechnik resultiert beim Spiel in eine ideale und angenehme
körperliche Durchdringung der Musik. Ich erforsche die Möglichkeit einer auf
Truslit aufbauenden Notation dieser körpermusikalischen Phänomene und
will hier zwei eigene Beispiele vorstellen.
Bohuslav Martinů : Val čík sentimentální loutky, H 92, Takte 1-16
Video: goo.gl/gkg91y
Das zweitaktige Anfangsmotiv beginnt mit einem langen Melodieton. Wür -
de er einfach im piano aufsteigen und wieder verklingen, entspräche seine
Klangentfaltung einer geschlossenen Bewegung. Im zweiten Takt macht die
Melodie aber einen kurzen Ausbruch nach oben und kehrt dann wieder zum
Ausgangston zurück. Diesem Beginn mit dem folgenden raschen Anstieg und
der Rückkehr entspricht hervorragend eine schräg stehende gewundene Bewe -
gung mit einer kleinen oberen Wendung. Die dynamische Entwicklung dieser
Kurve deckt sich auch mit dem vom Notentext geforderten crescendo und decre-
scendo (< >). Zudem entspricht die körpermusikalische Erfahrung dieser Kurve
ziemlich genau der Bewegungsempfindung beim Spiel des Motivs.
Anschließend wiederholt sich das Motiv, um aber diesmal nicht zum Aus -
gangston zurückzukehren, sondern in einer Tonleiter schnell zu einem Gipfel-
ton der Spitze einer gewundenen Bewegung anzusteigen und von dort aus
auf einem verschlungeneren Weg wieder zum Anfang zurückzukehren.
Frédéric Chopin: Mazurka, Op. 30 No. 2
Video: goo.gl/S1K8ks
## Page 95
Alexander Truslits Bewegungsspuren 93
Der erste Teil der Mazurka schwingt ruhig in liegenden gewunden Kurven.
Der zweite Teil beginnt als eine in kleineren Schlaufen ansteigende Entwick -
lung einer geschlossenen Kurve. Ihre sich entwickelnde Dramatik findet aber
einen schnellen Höhepunkt, wodurch dieser Teil insgesamt als gewundene Be-
wegung mit einer kleineren oberen Schlaufe rasch in den dritten Teil führt, der
wieder in liegenden gewundenen Kurven, ähnlich dem ersten Teil, schwingt.
Kriti K an t ru Slit S a n Sat z
Häufig wird Truslits Ablehnung von eckigen Bewegungen kritisiert, denn
spätestens seit der Moderne und dem Bauhaus sind Ecken und gerade Linien
ästhetisch gewollt. Für die Tradition der klassischen Musik ist Truslits Be -
schränkung auf runde Verläufe sicherlich bis heute nicht falsch. Brüchige oder
monotone Gestaltungen gelten in ihr nach wie vor als nicht sehr kunstvoll.
Anatomisch und spieltechnisch ist seine Beschränkung in jedem Fall sinnvoll,
da es ihm um einen gesunden, sich geschmeidig bewegenden Körper ging.
Eckige Bewegungen ähneln oft Schreckbewegungen und sind beim Musizie -
ren ein deutliches Zeichen von verfehltem Fluss, Fehlern oder falscher Tech -
nik.
Eindeutige Bewegungskurven Truslit spricht sogar von Urbewegungen
von Musikwerken werden heute oft als Einschränkung künstlerischer Freiheit
empfunden. Schon Truslit bemerkte, dass individuelle Ausführungen von Be -
wegungen niemals gleich sind oder gleich sein sollen (Truslit 1938: 179), doch
diese Feststellung scheint das Unbehagen hier nicht ganz aufzulösen. Das
Problem der Urbewegungen verschwindet, wenn seine Methode nicht fälsch -
lich als der Versuch verstanden wird, eindeutige Musterinterpretationen fest -
zuschreiben, sondern ihr wertvoller pädagogischen Beitrag zur Entwicklung
einer körpermusikalischen Kompetenz in einer musikalischen Bewegungs -
lehre gesehen wird.
Music M oves z eichene xperimente
In seinem Studienfilm Musik und Bewegung demonstriert Truslit Bewegungs -
linien anhand einer damals sehr innovativen Trickfilmanimation, bei der eine
synchron zur Musik geführte Linienspur zu sehen ist. In Anlehnung daran
habe ich die iPad App Music Moves
1 entwickelt, mit der es sehr einfach ist,
Linien zu einer beliebigen Musik zu zeichnen und als Video zu speichern. Die
App ist in Apples App Store verfügbar und beinhaltet neben einigen Beispiel -
1 | https:/ /itunes.apple.com/de/app/music-moves/id827823761
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Hans Brandner94
animationen auch die Möglichkeit an einem Zeichenexperiment teilzuneh -
men. Gezeichnete Bewegungsspuren zu den Musikbeispielen STM-1.mp3 und
STM-2.mp3 können durch die Auswahl von »Participate in a Study“ eingereicht
werden. Bei den Fragen, welche die App vor dem Versand einer Animation
stellt, bitte ich aus statistischen Gründen alle, die diesen Artikel gelesen haben,
als Research code STM2017 anzugeben. Herzlichen Dank!
l iter atur
Brandner, Hans (2016a): Bewegungslinien der Musik. Alexander Truslit und seine
Lehre der Körpermusikalität, der Kinästhesie der Musik , Augsburg: Wißner-
Verlag.
Brandner, Hans (2016b): Erlebte Urbewegung. Der Musikpädagoge Alexander
Truslit und sein Studienfilm MUSIK UND BEWEGUNG (1942), in: Film -
blatt, Jg. 21. Nr. 60, S. 67-72.
Hamilton, Bettina (1939): Annonce, in: Dancing Times, Jg. 29, S. 675 und S. 828.
Langner, Jörg/Goebl, Werner (2001): Was kennzeichnet die Interpretation eines
guten Musikers? Vortrag auf der Tagung des Arbeitskreises f ür Musikpäda-
gogische Forschung (AMPF), Regensburg.
Niehaus, Max (1981): Isadora Duncan. Leben Werk Wirkung, Wilhelmshaven:
Henschelverlag
Repp, Bruno H. (1993): Music as Motion: A Synopsis of Alexander Truslits
(1938) Gestaltung und Bewegung in der Musik, in: Psychology of Music, Jg.
21, S. 48-72.
Rüdiger, Wolfgang (2007): Der musikalische Körper , Mainz: Schott.
Todd, Neil/Lee, Chris (2015): The sensory-motor theory of rhythm and beat in -
duction 20 years on: a new synthesis and future perspectives, in: Frontiers
in Human Neuroscience, Zugriff am 15.03. 2017 unter http://journal.frontier-
sin.org/article/10.3389/fnhum.2015.00444/full
Truslit, Alexander (1938): Gestaltung und Bewegung in der Musik , Berlin (Re -
print hg. von Hans Brandner und Michael Haverkamp 2015), Augsburg:
Wißner-Verlag.
Truslit, Alexander (1942): Musik und Bewegung, Bundesfilmarchiv Berlin.
DVD in: Hans Brandner/Michael Haverkamp (Hg.) (2015), Gestaltung und
Bewegung in der Musik, Augsburg: Wißner-Verlag.
## Page 97
Geräuschhafte Körper
Klangliche Materialitäten bei Karol Tyminski
Daniela Hahn
Bewegungen erzeugen Geräusche. 1 Im Tanz ist die Quelle dieser Geräusche
zumeist der sich bewegende Körper und seine Interaktionen mit verschiede -
nen Oberflächen und Objekten. 2 Das Schleifen, Rollen oder Reiben von Kör -
perteilen auf und über den Boden, das Aufsetzen, Gehen, Trippeln, Schieben
und Drehen der Füße, das Quietschen von Turnschuhen, die Berührungen
zwischen und das Aufeinandertreffen von Körpern, ihr Fallen, Stützen und
Heben, Atemgeräusche, das Rascheln oder Rauschen von Stoff. Diese »Ge -
räuschhaftigkeit des tanzenden Körpers« (Arend 2014:  141) macht uns eine
hörbare Materialität des Körpers bewusst, die Roland Barthes »Rauheit« ge -
nannt hat (Barthes 1972: 271). Aber der Geräuschhaftigkeit des Körpers wohnt
auch eine Ambivalenz inne: Sie kann beiläufig, ungewollt und sogar störend
sein, sodass versucht wird, diese bewusst zu reduzieren, wie etwa im klassi -
1 | Anders als Klänge stellen Geräusche Schallereignisse dar, die nicht auf regelmäßi -
gen, periodischen Schwingungen beruhen und unterschiedliche Frequenzen ohne spe -
zifisches Frequenzverhältnis umfassen. Geräusche bestimmen das Alltagsleben und
sind etymologisch und zugleich lautmalerisch an Bewegung gebunden ( rauschen ). Die
Entstehung der Kategorie Sound ist historisch an die Möglichkeit der mechanischen
Aufzeichnung von Klang und dessen Widergabe gebunden. Sie hebt die geräuschhafte
Dimension von Klang hervor, sodass Sound die Emphase nicht darauf legt, was hörbar
wird, sondern wie etwas hörbar wird. Im Theater ist Sound nicht nur von Musik, sondern
wesentlich auch durch eine inszenierte, zuweilen unkontrollierbare Geräuschkulisse
(erzeugt durch die Performerinnen und Performer sowie die Zuschauenden) bestimmt,
die der Aufführung ihr jeweiliges Gepräge verleiht (vgl. Pavis 2011).
2
| Aus Perspektive einer posthumanen Erweiterung des Choreografie-Begriffs ließe
sich hinzufügen, dass auch die Bewegung nicht-menschlicher Aktanten, wie sie etwa
Mette Ingvartsen in ihrer Artificial Nature -Trilogie evaporated landscapes (2009),
Speculations (2011), Artificial Nature Project (2012) in Szene setzt, Geräusche
produziert.
## Page 98
Daniela Hahn96
schen Ballett, wo die Herstellung des Effekts einer schwebenden Leichtigkeit
der Tanzenden auch auf der Vermeidung von Geräuschen des Kontakts mit
dem Boden, auf einer Lautlosigkeit des Körpers basiert. Oder sie kann in ihrer
Besonderheit und Eigenartigkeit betont und als choreografisches Element ein -
gesetzt werden. Als solches können Geräusche als kommunikative cues und
Impulsgeber zwischen den Tanzenden fungieren, sie können die Wahrneh -
mung des Publikums lenken, indem Visuelles und Akustisches aufeinander
Bezug nehmen oder voneinander entkoppelt werden, und eine Atmosphäre
schaffen, die positive wie negative Emotionen, Erinnerungen und Stimmun -
gen bei den Zuschauenden und Zuhörenden aufrufen kann. Anstatt die Bewe -
gungen in einer Performance als akustische Ebene ihres Erscheinens nur zu
begleiten, kann die Geräuschhaftigkeit des Körpers aber auch zum originären
Klangraum einer Performance werden und diesen vor allem als Hörraum er -
fahrbar machen.
Geräusche in diesem Sinne als choreografische Elemente zu begreifen,
wirft die Fragen auf, auf welche Weisen das Choreografieren von Bewegung
und das Komponieren von Sound auf der Bühne miteinander interagieren
und danach, wie die Beziehung zwischen der geräuschhaften Materialität
des Körpers und der Körperlichkeit von Geräuschen und Sound in Tanzper -
formances untersucht wird. Im Kontrast zu einer von der Psychoakustik bzw.
Wahrnehmungspsychologie informierten tanzwissenschaftlichen Perspekti -
vierung von Geräuschen, mit dem Ziel, durch die Untersuchung von Tanz -
geräuschen auf Konzepte des Tanzstils zurückzuschließen (Arend 2014), soll
hier ein aufführungsanalytisch-materialistischer Zugang zur Relation von Be -
wegung und Geräusch sowie zur Interaktion zwischen Choreografie und Kom-
position entworfen werden. Dieser ist nicht an der Frage nach der bedeutungs-
generierenden Dimension von Geräuschen als Hörreizen orientiert, sondern
zielt anhand zweier ausgewählter Arbeiten des polnischen Tänzers und Cho -
reografen Karol Tyminski auf die Körperbilder, die durch die mit und vom
Körper erzeugten Geräusche entworfen werden und die Tanzwissenschaft um
eine hörende Forschung erweitern.
a temr au Schen
Wie wird Erschöpfung hörbar? Welche Geräusche produziert ein erschöpfter Kör -
per? Kann Hören und Sehen selbst erschöpfend sein? Mit diesen Fragen konfron-
tiert uns die Performance BEEP von Karol Tyminski, die während des Festivals
Warsaw Dance Stage im Mai 2013 zum ersten Mal aufgeführt wurde. Zuvor
hatte Tyminski, während und nach seiner Ballettausbildung und seines Stu -
diums bei P.A.R.T.S. in Brüssel (2004-2006), als Tänzer mit verschiedenen
Choreografen zusammengearbeitet (unter anderem mit Nigel Charnock) und
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Geräuschhafte Körper 97
begonnen, eigene Solo-Arbeiten zu schaffen wie etwa Orlando (2008) und Doll
House (2011), in denen er bereits die physischen wie emotionalen Identitäten
und Grenzen des Körpers und deren gesellschaftliche Normierungen zu desta-
bilisieren suchte. BEEP ist ebenfalls eine Solo-Performance, die beginnt, noch
bevor die Zuschauenden im Saal ihre Plätze eingenommen haben.
Tyminski steht in der Mitte des mit schwarzem Tanzteppich ausgelegten,
aber ansonsten leeren Raums. Der Zuschauerraum ist noch erleuchtet, ein
Spot ist auf den Performer gerichtet. Bekleidet mit nur einer schwarzen kurzen
Hose, hält er, in einem festen hüftbreiten Stand positioniert, die Hände seit -
lich in Höhe der Leistengegend an die Oberschenkel gepresst und beginnt mit
einer lauten Ausatmung den Oberkörper in Richtung der Knie zu führen. Die -
se Bewegung, die in ihrer kraftvollen Dynamik einem federnden Werfen äh -
nelt, wird er nun im Sekundentakt wiederholen, jedes Mal begleitet mit einer
stoßartigen Ausatmung. Gleichzeitig hört man Stimmengewirr und Lachen
aus dem Vorraum, sich nähernde Schritte. Langsam finden sich die Zuschauer
und Zuschauerinnen im Saal ein, suchen ihre Plätze. Nach ein paar Minuten
geht das Saallicht aus. Tyminski führt seine Verbeugungen unbeirrt fort, bei
denen er jedes Mal, auftauchend, den Kopf leicht in den Nacken wirft. Sein Ge-
sicht nimmt dadurch nur verschwommen Gestalt an. Neben den stoßartigen
Ausatmungen wird mit der Zeit ein lauter werdendes Keuchen hörbar Geräu-
sche, die aus den Eingeweiden zu kommen scheinen. Das Bühnenlicht wird
langsam hochgefahren, sodass die Konturen des Raums sichtbar werden, und
fällt nun von hinten auf den Performer, wodurch sich vor ihm die Bewegun -
gen doppelnd sein Schatten auf und ab bewegt. Das Geräusch des Keuchens
und Röchelns erfüllt mehr und mehr den Raum. Was für ein Körper ist das, der
sich diesem streng getakteten Regime wiederholter Bewegungen unterwirft? Wie las-
sen sich die Veränderungen und Eigentümlichkeiten der Atemgeräusche mit Worten
beschreiben? Was treibt die Choreografie an die Bewegungen oder das keuchende
Rauschen des Atems?
Nach und nach beginnt sich die Wahrnehmung des Körpers in der Re -
petition von Bewegungen zu verschieben und aufzulösen. Der Performer er -
scheint nicht mehr als Tänzer, der eine Choreografie darbietet, sondern wie ein
Organismus, der sich einem Stresstest unterzieht. Diesen Eindruck legt auch
der Text zur Ankündigung der Performance nahe:
Beep refers to a sound signal, taken from the terminology of a beep test. The test is
made to assess possibilities of resisting exhaustion and abilities to keep working on a
long-lasting task. The main aspect of the test is confronting an individual with its resis -
tance limits, where the correlation between emotional and physical state is excessively
high.
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Daniela Hahn98
Der so genannte Beep-Test, auf den der Titel von Tyminskis Performance an -
spielt, ist ein Performance-System, das die motorische Ausdauerleistungsfä -
higkeit und somit die Belastbarkeit eines Körpers misst, indem Sportler zwi -
schen zwei, im Abstand von 20 Metern befindlichen Markierungen hin- und
herlaufen, und zwar synchron zu einem aufgezeichneten, in Intervallen erfol-
genden Tonsignal. Da die Intervalle zwischen den Signalen nach jeder Minute
kürzer werden, müssen die Laufenden ihre Geschwindigkeit anpassen und
steigern, bis zu dem Punkt, an dem sie nicht mehr fähig sind, sich synchron
zu den Tonsignalen zu bewegen.
Diese Synchronisierung von Bewegung und akustischem Signal findet bei
Tyminski zwischen seiner, aus dem Bauchraum heraus initiierten Vorwärts -
beugung und seinen Atemgeräuschen statt, die akustisch verstärkt werden.
Performance wird hier in ihrer Doppelheit als Tätigkeit des Aufführens und
Ausführens erfahrbar: als theatrale Form des Vollzugs choreografierter Bewe -
gung und als ökonomische Performance (Van Eikels 2013), als Arbeitsleistung
eines sich bewegenden Körpers, im Sinne einer biopolitisch lesbaren Körper-
und Bewegungsökonomie, deren physiologische Erforschung im Zeichen der
Entstehung der Arbeitswissenschaft im späten 19. Jahrhundert bereits mit dem
Problem der Ermüdung bzw. Erschöpfung verkoppelt war (Hahn 2015). Anders
als bei einem externen Signal befinden sich Tyminskis körperliche Bewegun -
gen jedoch in sync mit der Ein- und Ausatembewegung. Dennoch begleiten die
Atemgeräusche die Bewegungen im strengen Sinne nicht, sondern sie lenken
diese, setzen Impulse, verstärken sie, kommen ihnen zuvor oder folgen ihnen
in ihren Verschleifungen nach. Auf diese Weise werden Mikroverschiebungen
zwischen Bewegung und Geräusch in Hinsicht auf die Länge und Artikula -
tion der Atemgeräusche hörbar. Unweigerlich drängen sich Assoziationen zu
Formen einer performativen Reflexion von Geräuschen in der experimentellen
Musik auf, wie etwa in John Cages 45 for a Speaker (1954), die Tyminski nun ins
Medium zeitgenössischer Bewegungsforschung transponiert.
Der Atem, so wird deutlich, ist Zeitlichkeit und Prozess und kein einfaches,
abgegrenztes Tonsignal wie ein einzelner Beep. Die Spuren der Veränderun -
gen des über die Dauer dieser Sequenz zunehmend erschöpften Organismus
werden somit vor allem auf der akustischen Ebene vernehmbar. Was Tymins -
kis Performance vorführt, sind gleichsam die hörbaren Zustände der Materie,
des Organismus, seiner Widerstände und Veränderungen. Die produzierten
Geräusche sind Artikulationen des Körpers, die Tyminski wie Bewegungen
choreografiert. Nicht die Bewegungen steigern sich, sondern die Geräusche,
die akustisch verstärkt vom Körper produziert werden. Es ist die rigide Wie-
derholung der Konstellation aus Bewegung und Atemgeräusch, sein strenger,
fast schon schlagender Rhythmus, der diese subtilen Differenzen in der Wahr -
nehmung hervortreibt. Zugleich schiebt die Wiederholung die Frage nach
einer Ästhetik von Bewegung zugunsten ihrer Akustik auf und führt zu einem
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Geräuschhafte Körper 99
ekstatischen Zustand, der durch einen Prozess der Entsubjektivierung, einer
Destruktion der Subjektivität des Performers durch exzessive Entgrenzung,
durch Hyperventilation hervorgerufen wird.
Im Spiel mit der Belastungsgrenze des Körpers produziert der hörbar
gemachte Prozess der Verausgabung der physischen Kräfte des Performers
eine Entgrenzung, insofern als das Innere des Körpers nach außen gekehrt
wird. Der Atem und die Stimme, so schreibt Richard Schechner in seinem
Buch über das von ihm realisierte Environmental Theater , das wesentlich auf
einem spezifischen körperlich-sensorischen Training der Performer basiert,
sei Teil des »Bauchsystems«. Diese beginne mit dem Mund und ende am Anus
und den Genitalien, während das Training diese beiden Extreme des Systems
verbinde und im Zentrum des Körpers zusammenführe.
The performer senses that his breathing is a way of getting the outside into the center
of the body, and that vocal production of sounds or words or songs is a way of letting
the outside know what is going on inside the body. The first vocalizations are versions
of gut-sounds: gurgles, sobs, heaves, gags, vomits, spits […]. (Schechner 1994: 134)
Das Atemrauschen wird hier zu einer Art der Kommunikation mit der Um -
welt, einem Mitteilen, das nicht auf Worten, sondern auf vegetativen, phy -
sisch-akustischen Artikulationen beruht. In diesem Sinne stellen Tyminskis
Atemgeräusche vorsprachliche Vokalisationen dar, eine »stoffliche Sprache«
im Sinne Antonin Artauds, die dieser als Basis eines neuen, magischen Thea -
ters an die Stelle einer artikulierten Sprache des Dialogs und eines an den Ver -
stand gerichteten Gebrauchs von Worten setzte. Die körperliche »Sprache aus
Klängen, aus Schreien, aus Lichtern und onomatopoetischen Lauten« soll ge -
mäß Artaud Organe »einklemmen«, »einengen«: »Sie gebraucht stimmliche
Schwingungen und Eigenschaften. Sie lässt Rhythmen rasend auf der Stelle
treten. Sie stampft Laute ein. Sie zielt darauf ab, die Sensibilität zu steigern, zu
betäuben, zu bestricken, abzuschalten.« (Artaud 1979: 97) Dieses Theater zielt
auf einen Riss in der Repräsentation durch die Ausstellung einer Ex-zentrik,
eines Außer-sich-Seins des Performers, um die Zuschauenden und Zuhören -
den in den Stand »vertiefter und verfeinerter Wahrnehmungsfähigkeit« (1979:
97), einer körperlichen Erkenntnis zu versetzen und sie zu ent-setzen, d.h., die
Verdrängungen und Widerstände als das Leben doubelnde Schatten aufzustö -
ren anstatt, wie das traditionelle Theater, diese beseitigen , um dadurch dem
»Theater den Begriff eines leidenschaftlichen, konvulsivischen Lebens zurück -
zugeben« (1979: 131).
In Tyminskis Performance richtet sich das Zuhören demnach nicht auf
das Entziffern eines Sinns. BEEP provoziert vielmehr ein auskultierendes Hö -
ren, so als ob man sein Ohr an einen Körper legt, um dessen Organgeräu -
sche und ihre Veränderungen wahrzunehmen ein intimes Hören, das uns
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Daniela Hahn100
gleichsam unsere eigene geräuschhafte Fleischlichkeit zu Gehör führt und
uns paradoxerweise zugleich auf Distanz hält. Denn die Verausgabung pro -
duziert einen rauschhaften Zustand, in dem der Performer ganz bei sich und
zugleich entrückt ist. Was sich ereignet ist demnach ein Riss, der durch den
Performer selbst geht, in dem die Formen sprachlicher Repräsentation zerstört
werden und durch den hindurch sich Verdrängtes und Undarstellbares zeigen
kann (Mersch 2008). Dies bringt die Zuhörenden in die ambivalente Position
eines voyeuristischen Hörens zwischen Angezogensein und Abstoßung ,
und zwar insofern als die Performance auch eine Überschreitung gemäß Jerzy
Grotowskis Konzept des »armen Theaters« vollzieht, in welchem die Hervor -
kehrung der »intimsten Schichten des Seins und seiner Instinkte« durch den
Körper des Performers und die Eliminierung der Widerstände des Organis -
mus zu einer bis zum Exzess betriebenen Bloßstellung der eigenen Intimität
führen soll (Grotowski 1986: 15). »Es [das Theater] ist fähig«, so formuliert Gro-
towski in seiner programmatischen Schrift zum armen Theater,
sich selbst und sein Publikum herauszufordern, indem es akzeptierte Stereotypen des
Sehens, Fühlens und Urteilens verletzt, umso unangenehmer dadurch, daß diese Ver -
letzung durch den Atem, den Körper, die inneren Impulse des menschlichen Organismus
bildlich gemacht wird. (1986: 17)
Mit seiner radikalen Reduktion aller theatralen Elemente und der Konzentra-
tion auf den Performer und die geräuschhafte und rauschhafte Transforma -
tion seines Atems evoziert Tyminskis BEEP die Begegnung mit einem Körper,
der changierend zwischen Fragilität und Brutalität, Atmen und Hyperventi-
lieren im extremen physisch-emotionalen Performen außer sich gerät. Ein
herzschlagähnlich pulsierender elektronischer Sound, der den Rhythmus
von Tyminskis keuchenden und röchelnden Geräuschen aufnimmt und die -
se nachhallen lässt, setzt ein, nachdem er plötzlich nach fast einer halben
Stunde seine Bewegung stoppt und eine Weile mit gesenktem Kopf ruhig
steht. Stille.
Langsam holt Tyminski das Mikrofon aus seiner Hosentasche, wickelt das
Kabel auf und legt es vor sich auf den Boden. Dann zieht er auch seine Hose
aus und legt diese ebenfalls auf den Boden, ganz so als wolle er sich nun aller
Hilfsmittel entledigen. Er geht in die rechte, hintere Ecke des Raums; ruhig
stehend beginnt er den Kopf in Zeitlupe auf die Brust zu senken und, zunächst
im Brustkorb einsinkend und die Arme lose am Körper herunterhängend, sich
nach vorne zu beugen. Wieder faltet sich die Bewegung um den Bauchraum
als Körperzentrum. Seine Knie beugen sich langsam und beide Hände wan -
dern von den Kniekehlen an den Oberschenkeln nach oben bis zum Po. In
dieser Stellung bewegt er sich auf den Boden zu, kniet und beugt sich mit dem
Oberkörper nach vorn, bis er mit dem Kopf auf dem Boden ankommt. In dieser
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Geräuschhafte Körper 101
Stellung kriecht er vorwärts, rollt ab und begibt sich in eine Variation von Yoga
Nidrasana (die Schlafstellung des Yogis). Sein verschwitzter Körper quietscht
auf dem Boden; wieder atmet er schwer. Tyminski beginnt sich aufzurich -
ten, geht zu der den Zuschauenden gegenüberliegenden Wand und stemmt
sich nach vorne gebeugt und mit den Händen die Pobacken spreizend mit
Kopf und Rücken dagegen. Dann entfernt er sich ein paar Schritte von der
Wand, um wiederum auf sie zuzulaufen und mit dem Rücken gegen sie zu
prallen ein knallendes Aufprallgeräusch wird hörbar. Wieder und wieder:
ein paar Schritte, Aufprall an der Wand, Zusammensinken, Aufrichten, ein
paar Schritte auf die Wand zu, Aufprall. Nach einer Weile geht das Licht im
Zuschauerraum an, und die ersten Zuschauer beginnen den Saal zu verlassen.
In ihrer Radikalität ermöglicht BEEP eine existenzielle Erfahrung, basie -
rend auf Überschreitung. Im Anrennen gegen eine kulturell kodierte Ästhetik
des Körpers entwirft die Performance auf diese Weise ein zeitgenössisches
Theater der Grausamkeit im Artaudschen Sinne:
Man kann sich sehr wohl eine reine Grausamkeit, ohne Zerreißung des Fleisches vorstel -
len. Und was ist denn, philosophisch gesprochen, Grausamkeit? Vom Standpunkt des
Geistes aus bedeutet Grausamkeit Unerbittlichkeit, Durchführung und erbarmungslose
Entschlossenheit, nicht umkehrbare, absolute Determination. (Artaud 1979: 109 f.)
Der Performer ist dabei nicht nur unerbittlich zu sich selbst, sondern auch
zu seinem Publikum, indem er durch das Hörbarmachen der Materialität des
Körpers den Zuschauenden und Zuhörenden mit seinen eigenen körperlichen
Widerständen, Obsessionen und Grenzen des Hörbaren konfrontiert.
Sound -a natomien
Die am Beispiel von BEEP aufgeworfene Frage der geräuschhaften Materialität
des Körpers und der Körperlichkeit von Geräuschen stellt sich auch angesichts
der aktuellen Allianz zwischen zeitgenössischem Tanz und elektronischer
Musik. Dass Tänzerinnen und Tänzer sowie Choreografinnen und Choreogra -
fen eng mit Klangkünstlerinnen und Klangkünstlern kollaborieren oder selbst
als Musikerinnen bzw. Musiker tätig sind und dabei Geräusche und Sounds
in Verbindung mit Bewegungen in spezifischer Weise produzieren, inszenie -
ren und durch den Einsatz von Audiotechnologien manipulieren, lässt sich bis
zu den historischen Avantgardebewegungen der 1910er und 1920er Jahre, hier
insbesondere den bruitistischen Experimente der Futuristen, zum Postmo -
dern Dance und seinen Vorläufern wie etwa bei Merce Cunningham seit den
sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Die Verschiebung des
Verhältnisses von Tanz und Musik, welche Letztere aus der Rolle des die Be -
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Daniela Hahn102
wegung lediglich begleitenden Mediums befreite und beide Künste in ihrer je
eigenen Ereignishaftigkeit miteinander interagieren ließ sowie die technische
Reproduzierbarkeit von Klangereignissen bilden den kultur- und medienhisto -
rischen Hintergrund dieses Experimentierens mit Geräuschen und Sounds in
Choreografien.
Die aktuelle Verbindung zwischen zeitgenössischem Tanz und elektroni -
scher Musik bringt dabei zwei, mit Blick auf ihre Materialität höchst unter -
schiedliche Phänomene zusammen: Der Körperlichkeit von durch Bewegun -
gen erzeugter Geräusche steht die »Entkörperlichung in der elektronischen
Musik« gegenüber (Weissberg/Harenberg 2010: 10). Denn mit der Entwicklung
der elektronischen Musik und synthetischer Verfahren der Klang- und Ge -
räuschproduktion ist die Erzeugung auditiver Ereignisse nicht mehr zwangs -
läufig Ausdruck einer klanggenerierenden Bewegung, sei diese menschlich
oder mechanisch; Bewegung, Instrument und Klang werden in der elektroni -
schen Musik vielmehr voneinander entkoppelt (2010: 7). Welche Rolle kommt
dem Körper im zeitgenössischen Tanz bei der Entstehung von elektronischem Sound
zu? Wird der Körper hier selbst zu einer elektronischen Fantasie und Choreografie
zu einer Komposition von Sound durch Bewegung? Wo gehen Geräusche in Sound
über?
Ein Rechteck aus Licht ist an die der Zuschauertribüne gegenüberliegende
Wand im sonst dunklen Hochzeitssaal der Berliner Sophiensaele projiziert.
Von links hinten betritt Tyminski die Bühne, mit kurzer Hose, Sportschuhen,
Hoodie und über den Kopf gezogener Kapuze. Stand dem Publikum zunächst
nur eine leere Projektion vor Augen, wird jetzt der Körper des Performers, der
sich im Licht des Projektors langsam windend am Boden bewegt, zur Projek -
tionsfläche. Bis auf einen Notenständer und zwei Mikrofone ist der Raum leer.
Mit seinem kahl rasierten Kopf tastet Tyminski den Boden ab und versucht
wiederholt, ohne Arme in den Kopfstand zu springen. Immer wieder fällt er.
Eine spielerisch-akrobatische Kraftprobe gegen die Schwerkraft oder ein bewusst ris -
kanter Kontrollverlust?
Das Fallen oder Fallenlassen des Körpers auf den Boden, das Tyminski im
Folgenden aus verschiedenen Positionen immer wieder durchexerziert, produ -
ziert Geräusche, die er, wie auch in BEEP , durch eine stoßartige Ausatmung
verstärkt. Der Performer presst den Atem im teils heftigen Aufschlagen seines
Körpers förmlich aus seinem Körper heraus. Dann fährt Tyminski die Oberflä-
che seines fast komplett nackten Körpers mit dem Mikrofon ab oszillierend
zwischen Streicheln und Masturbieren. Ein Rauschen wird hörbar, über das
stöhnende und vibrierende Geräusche gelegt werden, die er dadurch erzeugt,
dass er das Mikrofon in den Mund nimmt.
Der Körper und seine Materialität werden auf diese Weise in die räumliche
Materialität von Sound transformiert: eine akustische Anatomie des Körpers,
die Tyminski mit dem Mikrofon registriert und die am Mischpult geloopt und
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Geräuschhafte Körper 103
übereinandergeschichtet wird. Auf diese Weise entsteht ein schlagender, sich
steigernder und in seiner Lautstärke anschwellender viszeraler Sound, der die
Zuhörenden und Zuschauenden auf der akustischen Ebene die Härte des Kör -
per-Kontakts mit dem Boden und den Kontakt des Mikrofons zum Körper des
Performers fühlen lässt. Choreografieren wird hier zu einem zeitgleich statt -
findenden Komponieren von Sound; Bewegung wird zur Geräuschproduktion
und über die Transformation durch technische Verfahren zur Produktion
von Sound. Im hämmernden und zitternden, ohrenbetäubenden Sound wirft
Tyminski seinen Körper in den Ring, schreit, gestikuliert wild, tanzt wie in
einem Club, schlägt um sich und das Mikrofon gegen Mund und Anus und
steigert bis zur Erschöpfung die Heftigkeit seiner Bewegungen zum Boden
hin. Wieder erzeugt er einen rauschhaften Zustand, wahnsinnig und brutal
zugleich. Als der Sound verschwindet, wird in der plötzlich eingetretenen
Stille nur noch das Herzschlagen des Performers hörbar, das den Beat für
eine neue Soundcollage vorgibt. Tyminski lacht, wimmert, miaut und schreit
ins Mikrofon: »I need your meat«, »Fuck me«, »I spit on him«, während im
Hintergrund erneut eine leere Projektionsfläche erscheint. Ins Bild tritt nun
Tyminskis digitaler Doppelgänger, zieht sich die Hose herunter und wedelt
mit seinem Penis. Auf der Bühne zerbersten Gefäße mit Konfetti. Der Perfor -
mer verlässt die Bühne und auf der Projektion erscheint jetzt eine Großaufnah-
me seines Gesichts, das beginnt, sich vor Lust (oder Schmerz?) zu verzerren.
Die tanzende Selbst-Erregung geht nun über in einen explizit sexuellen Akt:
das Penetriert-Werden durch einen Partner.
Wie bereits in BEEP setzt sich Tyminski ebenso lustvoll wie brutal unse-
ren Blicken, Erwartungen und Zuschreibungen aus und setzt uns zugleich
Bildern und Sounds aus, die provozieren, berühren und aufrühren. Statt seich-
ter Unterhaltungsshow zeigt diese Performance mit dem Titel This is a musical
(2016) den sexuell expliziten Fall des Körpers. Hierin treibt Tyminski seinen
Körper in einer radikalen Weise in einen Zustand des Außer-Sich-Seins. Die -
sen Zustand erreicht Tyminski durch eine Dramaturgie der physischen wie
akustischen Steigerung und Verausgabung, die zum einen auf den Verfahren
der Schichtung und Wiederholung von Soundelementen basiert und in der
Projektion eines pornografischen Fantasmas und Sperma auf Tyminskis Ge -
sicht endet. Der in exzessiven, akustisch verstärkten Ausbrüchen hin- und
hergeworfene Körper wird hier zu einer Formation aus voyeuristischen Pro -
jektionen und sexuellen Praktiken, die die zugleich brutale wie fragile Ma -
terialität des Körpers hervortreiben und spürbar werden lassen. Bewegungen
und Sound verstärken sich dabei wechselseitig und lassen eine Atmosphäre
entstehen, die eine machtvolle Wirkung auf die Zuschauenden und Zuhören -
den entfaltet, eine Wirkung, die als »intrusive sonic effect« (Rost 2011: 45) be -
schrieben wurde:
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Daniela Hahn104
[…] it has or obtains the power to touch the listener in a direct physical way and to cap -
ture the audiences attention, with or against their will. Furthermore, instead of being a
momentary effect it affects the way in which the whole performance is experienced and
how meaning is constituted within that performance. (Rost 2011: 45, Hervorh. D.H.)
This is a musical stellt einen erregbaren Körper aus, einer taktilen wie akus -
tischen Berührung dargeboten, die sowohl Lust als auch Schmerz bereiten
kann. »Der Körper genießt es, berührt zu werden«, schreibt Jean-Luc Nancy.
»Lust und Schmerz sind Gegensätze, die sich nicht widersprechen. Ein Körper ist auch
im Schmerz erregt […]. […] Diese unteilbare Aufteilung des Genießens durchbohrt das
Denken und bringt es um den Verstand. Das wahnsinnige Denken schreit oder lacht. […]
Der Körper im Genuß ist gleich dem reinen Zeichen-von-sich, nur daß er weder Zeichen
noch Sich ist.« (Nancy 2003: 101 f.)
In diesem Sinne setzt This is a musical mit Nancy gesprochen ein Entschrei-
ben des Körpers in Szene: »Entschreiben« meint ein Schreiben, das sich »von
der Bedeutung entfernt «:
Das Entschreiben vollzieht sich im Spiel eines un-bezeichnenden Zwischenraums: das -
jenige, das die Wörter stets aufs neue von ihrem Sinn löst und sie ihrem Ausgedehnten
überläßt. Ein Wort, solange es nicht restlos in einem Sinn aufgeht, bleibt im Wesent -
lichen zwischen den anderen Wörtern ausgedehnt, derart angespannt, daß es sie be -
rührt, ohne jedoch zu ihnen zu gelangen: und dies ist die Sprache als Körper. (2003: 63)
Die Operation des »Entschreibens« produziert einen Körper, der bis an die
Grenze zwischen Freude und Schmerz getrieben wird, an der das Bezeichnen
aufgehoben ist und der Körper statthat, d.h., zu einer »plastischen Materie des
Raums« (2003: 63) wird. Mit Nancy gesprochen geht es hier um den Entwurf
einer Ästhetik der Bewegung, in der die Körper »nicht in erster Linie bezeich -
nend sind« (denn unsere Ästhetiken tendieren in seinen Augen zum über -
bezeichnenden Körper), in der die Dialektik von Denken und Körper in einer
Berührung von Körper und Sinn aufgeht, »der gleich den Sinnen der Wahr -
nehmung offen ist« (2003: 62). Ein Körper kann dann nicht mehr geschrieben
und gelesen, sondern nur getastet und gehört werden. Der Körper geht dem
Sinn nicht voran, »er gibt ihm Statt, absolut […]. Man kann sagen: Der voll -
endete Sinn, unter der Bedingung, daß Vollenden und einen Orgasmus haben
dasselbe sind.« (2003: 62) Sex, wie er bei Tyminski vollzogen und ausgestellt
wird, stellt einen »Imperativ zu berühren« (2003: 37) dar, und die Berührun -
gen von Körpern erzeugen Geräusche, die Tyminski elektronisch steigert. Als
Zuschauende und Zuhörende werden wir somit zu Tastenden und Hörenden,
die an die nicht-schriftliche Existenz des Körpers und seine sinnliche Materia-
## Page 107
Geräuschhafte Körper 105
lität rühren. Wie in BEEP stellt Tyminski auch in This is a musical durch Ver -
ausgabung und Intensivierung von Bewegung und Geräusch einen affektiven
Zustand her und übertragt diesen auf das Publikum, durch den die gemäß
Foucault an den Sex und an den Körper und seine Existenz gerichtete Frage,
wer wir sind bzw. wer wir sein werden, auf neue Weise gestellt werden kann
(Foucault 1977). Tyminski unterwandert in seiner offen ausgestellten Homo -
sexualität nicht nur eine heteronormative Ordnung des Theaters, sondern ins -
talliert auch eine Ökonomie des Begehrens, die nicht mehr auf die Aktivierung
von Fantasien setzt, sondern ein porno-akustisches Fantasma als Sinnbild des
zeitgenössischen Körpers in Szene setzt.
t anz wi SS en Schaf t al S hörende f or Schung
Mit der hörenden Aufmerksamkeit für die Geräuschhaftigkeit des Körpers und
deren Transformation in Sound, wie sie am Beispiel der Performances BEEP
und This is a musical von Karol Tyminski untersucht wurde, stellt sich abschlie-
ßend die Frage, welchen Beitrag die Sound Studies für die Tanzwissenschaft
als zwei junge wissenschaftliche Felder leisten können und umgekehrt. Die
sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus der Wissenschafts- und Technikge -
schichte entwickelnden und später durch die Cultural Studies theoretisch und
methodisch angereicherten Sound Studies haben vor allem die historisch sich
wandelnde technische Materialität von Klang, medienarchäologische Rekon
-
struktion von Hörumgebungen und der daraus hervorgehenden Hörerfahrung
sowie in der Soundscape-Forschung den situativ und körperlich gebun -
denen individuellen Hörweisen in der Alltagskultur erforscht (Schulze 2014).
Aus Letzterem, also dem Fokus auf einen »sonischen Materialismus« (Schulze
2016: 413), der die Körperlichkeit des Hörenden und dessen Einbettung in eine
konkrete Hörumgebung betont, erwächst auch für die Tanzwissenschaft ein
Potenzial, das die Klage über die Ephemeralität von Bewegungen überführt in
einen ortssensitiven, empirisch-materialistischen Zugang zu Bewegung durch
die Erforschung somatischer Bewegungskonzepte und des Wechselverhältnis -
ses von Körper und Umwelt im Sinne einer tänzerischen Ökologie.
Anstatt gegen die Flüchtigkeit von Klangereignissen anzuschreiben, ha -
ben die Sound Studies vielmehr die Materialitäten von Klangerzeugung und
-wahrnehmung in den Mittelpunkt ihrer Forschungen gestellt, um Hören als
erkenntnisfähigen Prozess herauszustellen, und zwar unter Betonung der
Resonanzfähigkeit, der »Schwingungsfähigkeit unserer körperlichen Mate -
rialitäten« (2016: 419). Vor allem mit Blick auf Prozesse künstlerischer For -
schung im Tanz hat auch in der Tanzwissenschaft situiertes, aus Praktiken
hervorgehendes Wissen und die körperliche Teilhabe an Bewegungsvollzügen
als Forschung in der letzten Dekade an Bedeutung gewonnen (Gehm/Huse -
## Page 108
Daniela Hahn106
mann/von Wilcke 2007; Peters 2013; Klein 2017) und damit auch dazu geführt,
unterschiedliche Formen und Weisen der Generierung von Wissen zu diffe -
renzieren und produktiv zu machen. Diesen Bezug auf Erfahrung und die Kör-
perlichkeit von Erkenntnis, also die Aufwertung von körperlich-sensorischen
Vollzügen als epistemische Praktiken, können sowohl die Sound Studies als
auch die Tanzwissenschaft im Sinne einer Methodenkritik überkommener
Ansätze wissenschaftlicher Wissensproduktion stark machen.
In diesem Kontext kann die Tanzwissenschaft ihre durch rezeptions- wie
produktionsästhetische Verfahren gewonnenen Erkenntnisse in Bezug auf die
physischen wie akustischen Materialitäten des sich bewegenden Körpers bei -
tragen.
Was können wir über die Erforschung von Geräuschen über Bewegung er -
fahren?
• Welche erkenntnistheoretischen Dimensionen eröffnet ein Hören von Be -
wegungen?
• Welche Bedeutung kommt der materialen Erfahrung durch den Körper der
Forschenden zu?
Wie verhalten sich Bewegungen und Geräusche/Klänge zueinander?
• Wie nehmen Zuschauende die Konfigurationen von Bewegungen und
Klängen wahr?
Welche Körperbilder ergeben sich aus diesen Konfigurationen?
Darin liegt nicht zuletzt eine weiter gefasste und aktuell dringliche anthropo -
logische Fragestellung in Hinsicht auf eine sensibilisierte Wahrnehmung von
materiellen Umwelten und deren Veränderungen durch und in Bewegung (so-
wie durch Hören und Lauschen), auf eine Ökologie von Bewegungen zwischen
Natur und Kultur, d.h., die konkrete Erfahrung der Verflochtenheit des sich
bewegenden, geräuschhaften Körpers mit seinen Umwelten.
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Körper-Hören
Zu klanglichen Bewegungsspuren
auf und in den Zuschau(-/hör)enden
Katharina Rost
Hören ist per se ein körperlicher Vorgang. Nicht nur, weil es sich um den Ef -
fekt von Schallwellen auf Ohrmuschel, Trommelfell und Gehörknöchelchen
handelt, sondern weil es auf und mit dem gesamten Körper stattfindet im
Extremfall zeigt sich dies z.B., wenn das Rattern eines LKWs ganzkörperliche
Anspannung auslöst, noch bevor der Wagen ins Blickfeld gerät. Dann werden
die Geräusche eher gespürt, als dass sie über die Ohren vernommen werden.
Dieses Spüren ist eine spezifische Ausprägung der als Körper-Hören zu bezeich-
nenden Dimension des Hörens, die sich bei jedem Hörvorgang vollzieht, aber
dabei im Grad ihrer Auswirkung und bewussten Registrierung durch die Hö -
renden stark divergiert. Im Folgenden möchte ich mich dieser Dimension des
Hörens in ihren vielfältigen Ausprägungen anhand zweier Beispiele aus dem
zeitgenössischen Tanz widmen. In Meg Stuarts und Damaged Goods VIOLET
(2011) und Anne Teresa de Keersmaekers und Rosas THE SONG (2009) ist die
Frage nach klanglichen Bewegungsspuren meines Erachtens wesentlich. Dabei
geht es vor allem um die Sphären von Bühne und Publikum, deren vermeint -
liche Separation durch die Sounds überschritten, wenn nicht gar aufgehoben
wird. Klangliche Bewegungsspuren umfassen gleichermaßen Gehörtes und
Gespürtes, Bewegtes wie In-Bewegung-Versetzendes. Dabei beziehe ich mich
vorrangig auf den Spurenbegriff der Philosophin Sybille Krämer, bei der die
Spur durch ein paradoxales Verhältnis von An- und Abwesenheit geprägt ist:
Anwesend ist die Spur mit der ihr eigenen Materialität, während das Spur-Ver-
ursachende abwesend und vergangen ist (Krämer 2007). Erst durch den deu -
tenden Zugriff wird das Erscheinende zur Spur gemacht, wobei die Spur einer-
seits gesucht und interpretiert, andererseits aber auch von sich aus dadurch
auffällig werden kann, dass sie eine bestehende Ordnung unterbricht. Nach
Krämer zeichnen sich Spuren zudem durch Unmotiviertheit aus: Sie sind un -
beabsichtigt entstanden, »anderenfalls handelte es sich nicht um eine Spur,
## Page 112
Katharina Rost110
sondern um ein bewußt als Spur inszeniertes Zeichen« (1998: 79). Mit klang -
licher Bewegungsspur ist demnach im Kontext der folgenden Ausführungen
eine durch akustische Ereignisse bewirkte leibliche Empfindung gemeint. Es
ist nach der besonderen Materialität und Medialität dieser Art von Spuren zu
fragen, denn sie ereignen sich im subjektiven Erleben, wo sie möglicherweise
anders in Erscheinung treten als Spuren in der Bedeutung des alltäglichen
Wortgebrauchs wie z.B. Fußabdrücke im Schnee.
Körperliche S h ören
Meg Stuart bezeichnet VIOLET als eine Arbeit zu »energetic patterns in na -
ture«1 , zu der sie von Francis Alÿs Tornado 2 (2000-2010) inspiriert wurde.
Diese Videoarbeiten vermitteln den Eindruck, der Filmende laufe direkt auf
das Zentrum eines Tornados zu. Die gewaltige Kraft dieses Naturereignisses
manifestiert sich neben dem aufgewirbelten trockenen Wüstenboden primär
in der lautlichen Dimension, denn der Tornado erzeugt ein starkes Rauschen
aus vielzähligen Zisch- und Pfeifgeräuschen. Ähnlich kraftvoll klangen die
Sounds in VIOLET, die der Musiker Brendan Dougherty mit Computer, Misch-
pult und Schlagzeug in einer zumeist ohrenbetäubenden Lautstärke live auf
der Bühne hervorbrachte. Demzufolge waren auditive Spuren der Tornado -
Lautlichkeit in der Soundscape von VIOLET enthalten, doch die dissonanten
Soundschichten klangen nicht natürlich im Sinne eines pfeifenden Tornados,
sondern machten eher ihre elektronische Verfasstheit deutlich und verwiesen
darin auf die Kraft elektrisch aufgeladener Ströme und Spannungszustände.
Die fünf Tänzer bewegten sich analog zur akustischen Dynamik mal stärker,
dann wieder ruhiger.
3 Sie schwenkten einzelne Körperteile energisch, aber
kontrolliert hin- und her, wobei sie den Radius ihres Ausgreifens stetig ver -
größerten, bis der gesamte Körper mitschwang. Es waren hier keine Figuren
auf der Bühne zu erleben, sondern mit Spannung aufgeladene Instanzen, die
über ihren Bewegungsradius ausgedehnte Felder in der Umgebung mit dieser
Energie belegten.
Die klanglichen Bewegungsspuren finden sich hier in zwei verschiedenen,
aber miteinander verflochtenen Dimensionen: Zum einen handelt es sich bei
1 | Im Interview online unter https:/ /www.youtube.com/watch?v=FyuJjD-xH9w vom
10.11.2012 (letzter Zugriff: 09.05.2017).
2 | Vgl. online unter https:/ /www.youtube.com/watch?v=6nHlkB7nsRI (letzter Zugriff:
09.05.2017).
3
| Aktuell wird diese Arbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern Marcio Kerber Canabarro,
Varinia Canto Vila, Renan Martins de Oliveira, Kotomi Nishiwaki und Roger Sala Reyner
performt.
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Körper-Hören 111
den auf der Bühne durch die Tänzer ausgeführten Bewegungen um kineti-
sche Spuren der von ihnen auditiv rezipierten Energieströme und somit um
Verkörperungen einer vergangenen Krafteinwirkung. Zum anderen sind die
Bewegungen aber auch insofern als Spuren zu verstehen, als das Wahrnehm -
bare nicht lesbar ist wie gestische Zeichen. Vielmehr manifestiert sich in den
schlenkernden Bewegungen der Überschuss der Spur, der sich »im und am
Material« (Krämer 2007: 15) zeigt und um den sich die vielfältigen Ausdeu -
tungsversuche bemühen müssen. Dabei ist aber nicht unbedingt die Bewe -
gung an sich, nicht die konkrete Art und Richtung der einzelnen Gebärde als
Spur einzuschätzen, sondern vielmehr der energetische Impuls der einzelnen
Bewegung, ihre Dynamik, die durch ihren energetischen Grad auf das ursäch -
liche Moment verweist.
Darüber hinaus kreierten die Tänzer mit ihren Bewegungen ebenfalls wie -
derum Energieströme und Spannungszustände, die simultan zu den Sounds
einen Effekt auf die Zuschauenden haben. Wirksam wird das von Sabine
Huschka im Tanz verortete, »eigentümliche Wissen, […] Energetisierung ver -
schiedenster Stofflichkeit und Qualität qua Bewegung, unterscheidbar nach
Grad und Motivik, bewirken zu können« (Huschka 2012: 202). Dass die Mu -
sik von Brendan Dougherty hieran ihren Anteil hat, wie Huschka erwähnt,
möchte ich an dieser Stelle unterstreichen. Denn die dauerhaft brachialen
Soundströme versetzten Tänzerinnen und Tänzer sowie Zuschauerinnen und
Zuschauer in permanente Vibrationen und griffen auf diese Weise in die leib -
liche Dynamik aller Anwesenden ein. Nach Hermann Schmitz wirke Musik
auf die Hörenden ein, indem sie »auf Leiber überspringen und ihnen speziel -
le Bewegungen eingeben« (Schmitz 2011: 13) könne. Er führt dies auf die in
der Musik verkörperten Bewegungssuggestionen zurück, worunter er die mit
Richtungen verknüpften Prozesse »Sinken, Schwellen, Erhebung, Ausladen,
Schweben« (2011: 34) fasst. Qualitäten dieser Art wirkten sich grundlegend auf
Leiblichkeit aus, indem sie leibliche Dynamiken in Gang setzen, die einem
stärkeren Enge- oder Weite- bzw. Spannungs- oder Schwellungszustand ent -
sprächen. Geräusche des Rauschens und Dröhnens zeichnen sich primär
durch ihre über längere Zeiträume anhaltende Konstanz in der Tonhöhe und
Lautstärke aus (Augoyard/Torgue 2005). Dabei wirken sich tiefere und höhe -
re Dröhn-Geräusche unterschiedlich auf Hörende aus. Tiefe Sounds wirken
eher einhüllend, da sie die Hörenden von allen Seiten zu umfassen scheinen,
was häufig mit einer beruhigenden Wirkung einhergeht. Hohe Dröhn-Sounds
können das Gefühl auslösen, bedrängt, wenn nicht gar durchbohrt zu werden,
d.h., sie scheinen aus einer räumlichen Distanz her spitz auf die Hörenden
zuzukommen und wirken eher störend. In VIOLET sind beide Arten zu hören,
wobei die vom tiefen Rauschen möglicherweise bewirkte Ruhe übertönt wird
vom quietschenden Dröhnen, das körperliche Alarmzustände auszulösen ver -
mag. Ein Rückzug ist den Zuschau(-/hör)enden unmöglich, es sei denn, sie
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Katharina Rost112
würden das Theater verlassen. Bleiben sie, werden sie vom Erklingenden in sei-
ner Hochspannung und energetischen Ladung erfasst und in einen Aufmerk -
samkeitszustand höchster Anspannung, in einen Körperzustand minimalster
Vibrationsbewegungen auf der Haut, versetzt.
Vibrationen können als Spuren begriffen werden, die von energetischen
Kräfteverhältnissen zeugen, die selbst nicht in Erscheinung treten zumin -
dest nicht innerhalb des Bereichs menschlicher Wahrnehmungsmöglichkei -
ten. Steve Goodman betont daher, dass Sound als viel mehr zu bestimmen
sei als nur das Klangliche oder die Klangursache (Goodman 2010). »Vibra
-
tions always exceed the actual entities that emit them. Vibrating entities are
always entities out of phase with themselves.« (2010: 83) Das Außer-sich-Sein
bestimmt Goodman demnach als markantes Merkmal von Vibrationen, und es
scheint, als könnte dies auch für die in VIOLET erlebbaren leiblich-affektiven
Spuren gelten, insofern sie zu einer Verschiebung der Selbstwahrnehmung
hin zu einer eigenartigen Fremd-Selbst-Wahrnehmung führen können: die
Anspannung ist äußerlich verursacht, wird aber als eigenleibliche Befindlich -
keit erlebt, wobei die durch Vibrationen bewirkten Empfindungen aufgrund
ihrer anhaltenden Dynamik schwer zu lokalisieren sind. Goodman geht von
einer so zerstörerischen Kraft zielgerichteter Soundströme aus, dass er von
»sound bombs« (2010: xiii) spricht. Zur destruktiven Waffe umfunktioniert
wird die kulturelle Bedeutung von Vibrationen, die als Spuren energetischer
Kräfte häufig mit Lebendigkeit assoziiert werden, ins Negative gekehrt. In die -
sem Fall bedeuten Vibrationen Tod, nicht Lebendigkeit, und auf Spuren be -
zogen erzielen sie Desorientierung anstatt, wie es Krämer (2007) als Funktion
des Spurenlesens herausstellt, Wegweisung. Die Erfahrung in VIOLET lässt
erahnen, welche Kraft den akustischen Vibrationen zukommt und welches
Ausmaß deren Wirkung auf das leiblich-affektive Empfinden der Hörenden
haben kann.
Körper hören
Anders ist die Lautlichkeit in THE SONG gestaltet, einer 2009 kreierten ge -
meinsamen Arbeit von Anne Teresa de Keersmaeker, Ann Veronica Janssens,
Michel François und der Tanzcompagnie Rosas. Neun Tänzer bewegen sich
über die leere Bühne und alles, was dabei zu hören ist, sind die durch ihre
Bewegungen verursachten Geräusche wie das dumpfe Poltern vielzähliger
Schritte, das Rascheln von Stoff, das Quietschen von Gummi oder das Klat -
schen von Fußsohlen auf dem Tanzboden. Im Verlauf der Aufführung entsteht
in der auditiven Wahrnehmung der Eindruck einer Musikalität dieser Laute,
die noch verstärkt wird durch die geräusch-synchronisierenden Vorgänge am
Rand der Bühne. Hier erzeugt die Geräuschemacherin Céline Bernard mit
## Page 115
Körper-Hören 113
ihrem Körper und diversen Gegenständen u.a. Schuhen, Stoffen und einem
Springseil, synchron zu den Bewegungen der Tänzer verschiedene Geräusche,
die mal realistisch genau zum Bühnengeschehen passen, mal aber auch auf -
fällig andere Klanglichkeiten aufweisen als die erwarteten. In einer Szene dre -
hen sich zwei Tänzer am Boden, wozu Bernard ihre Hände vor einem Mikro -
fon stark auf den Tanzboden drückt und dreht, so dass verschiedene gedehnte
Quietsch- und Knarzgeräusche entstehen, die in Bezug auf die beobachtbaren
Tanzbewegungen in ihrer akustischen Vergrößerung eher komisch als realis -
tisch wirken. Es scheint, als würden die sich biegenden und aneinander rei -
benden Knochen der Tänzer hörbar gemacht oder als würde die Dynamik ihrer
plötzlichen Bewegungen auf diese Weise akustisch verkörpert werden; als
machten die Geräusche auf etwas aufmerksam, das ansonsten unsichtbar bzw.
unhörbar bliebe.
Ich denke, dass all die in THE SONG zu hörenden Geräusche auf verschie-
dene Weisen als Spuren aufzufassen sind in dem Sinne, dass sie zunächst wie
die unbeabsichtigten Nebenprodukte des die Aufführung eigentlich Ausma -
chenden, nämlich der Bewegungen, präsentiert werden, und dann aber im Ver-
lauf der Aufführung durch den in Gang gesetzten Prozess des Spurenlesens
stärker musikalisch und als zentrale und intendierte akustische Komponente
rezipiert werden. Die deutliche Ausstellung des Geräuschemachens verstärkt
diese Vorgänge noch. Spuren sind die Geräusche zum einen als Verweise auf
die stattfindenden Bewegungen der Tänzer. Zum anderen sind die Geräu -
sche aber auch Spuren sich ereignender Prozesse der Berührung verschiede -
ner Materialien. Der Sound-Designer und Sound-Theoretiker William Gaver
unterstreicht, dass beim Geräusche-Hören Ereignisse zu hören sind, und zwar
»interactions of materials at a location in an environment « (Gaver 1993: 6). Die
Kraft des Aufpralls, die Art der Materialien, die Widerständigkeit in der Rei-
bung, die Dauer des Rutschens, die Größe und Materialität des Umgebungs -
raums sind solche Ereignisse oder Komponenten der geräuscherzeugenden
Ereignisse, die wahrnehmbar, aber nur schwer in Worte zu fassen sind. Dass
beim Hören mehr wahrgenommen wird als ein bestimmter Ton, unterstreicht
auch der Phänomenologe Don Ihde, indem er davon ausgeht, dass Formen,
Oberflächen, Texturen, Konsistenzen und Hohlräume auditiv wahrgenommen
werden können (Ihde 2007). Diese phänomenologisch orientierte Herange -
hensweise ist zu ergänzen um aktuelle neurologische Forschungsergebnisse
zur Geräuschwahrnehmung, die Hinweise geben auf eine spiegelneuronale
Aktivierung derjenigen Hirnareale, die für die Motorik der solchen Geräu -
schen zugeschriebenen Körperteile zuständig sind (Lepage et al. 2010). D.h.,
dass beim Hören von Geräuschen, die mit einer Hand hervorgebracht werden
können, genau die Hirnareale aktiviert werden, die für Handbewegungen zu -
ständig sind. Somit zeigt sich die klangliche Bewegungsspur hier auch noch
an einem anderen Phänomen und zwar im Registrieren des »Mitgehens« der
## Page 116
Katharina Rost114
Zuschau(-/hör)enden, das vielleicht nicht bewusst empfunden wird, aber den -
noch als grundlegende Aktivierung gespürt werden kann. Das Körper-Hören
nimmt hier die Form eines Hörens von Körpern an, die sich über die zerebra -
le Rezeption der Geräusche vermittelt. Das Spurhafte wäre hier demnach als
das fast Unmerkliche zu verzeichnen, in dessen Wirkung sich anzeigt, dass
die Körper der Hörenden über die Wahrnehmung und das Gehirn noch ein -
mal auf andere Weise in Bewegung versetzt werden können. Die klangliche
Bewegungsspur ist in diesem Fall die am eigenen Leib wahrnehmbare, aber
zumeist nicht bewusst registrierte Anspannung und Wachsamkeit, die auf die
vorherige Einwirkung der Geräusche hinweist. Die Zuschau(-/hör)enden tan -
zen neuronal mit, dabei zwar für die anderen Anwesenden unsichtbar, aber
im Grad ihrer Aktiviertheit mit Sicherheit nicht vollkommen unmerklich. Die -
se Merklichkeit zeigt sich spurhaft auf eine Weise, die sich vergleichen ließe
mit der Art, wie das White -Album der Beatles in den Produktionsprozess von
THE SONG eingeflossen ist. So tauchen während der Aufführung einzelne
Fragmente dieses bekannten Albums auf, Schnipsel einzelner Songs, Teile von
Melodien und Passagen der Texte, aber vor allem sind es zeitliche Strukturen,
die als organisatorische Prinzipien wirksam werden. Der Tänzer Mark Lorimer
beschreibt in einem Interview den Einfluss der Musik folgendermaßen: »We
knew that this section falls on obladi-oblada, or this section falls on Julia, and
little by little we erased almost any trace of the album, it still remained like a
kind of a […] like a ghost.«
4 Das Beatles-Album schreibt sich mit seinen Struk -
turkomponenten in die Anlage der Tanzperformance ein, genauer gesagt akti -
viert jede einzelne Aufführung von THE SONG gewisse Regeln, die nur durch
diese Verkörperung und nur an ihr zur Erscheinung kommen. Die Zuschau(-/
hör)enden erfahren dieses Verhältnis indirekt über die Materialität der Auf -
führung. Es sind diese Spuren, die zunächst zwar absichtlich gesetzt und in -
szeniert wurden, doch die zugleich in ihrer Erscheinungs- und Wirkungsweise
während der Aufführung nie vollständig kontrolliert werden können. Ungreif -
bar und flüchtig, wie es die Metapher des Geisterhaften nahelegt, scheinen
kurze Momente gewisse Zusammenhänge auf, ohne sich eindeutig erkennen
zu geben. Die Metapher des Geistes ist in Bezug auf Sound keine Ausnahme;
vielmehr verdeutlicht sich darin eine insbesondere Geräuschen und Sounds
zugeschriebene Dimension des ambivalent Präsenten. So charakterisiert Salo -
mé Voegelin das Hören als geisterhaft, was sie mit der Fluidität und Formlosig-
keit des Gehörten begründet.
4 | Das Interview mit Anne Teresa de Keersmaeker und Mark Lorimer wurde von Sad -
lers Wells am 19.10.2010 hochgeladen. Es ist online unter https:/ /www.youtube.com/
watch?v=gRhOYQx2kNQ zu finden (letzter Zugriff 09.05.2017).
## Page 117
Körper-Hören 115
Sounds are like ghosts. They slink around the visual object, moving in on it from all
directions, forming its contours and content in a formless breeze. The spectre of sound
unsettles the idea of visual stability and involves us as listeners in the production of an
invisible world. (Voegelin 2010: 12)
Die Materialität von Sound ist durchsetzt von Immaterialität und lässt das her -
kömmliche Verständnis von Materie fraglich erscheinen. Denn trotz dieser
ambivalenten Anwesenheit können Sounds eine dichte Materialität besitzen,
der eine starke Wirkung auf die Hörenden zuzuschreiben ist.
m aterialität und m edialität lei Blich -affe K tiver S puren
Die Überlegungen zum Geisterhaften von Sound führen abschließend zur
Frage nach der besonderen Qualität leiblich-affektiver Spuren, wie sie in VIO -
LET und in THE SONG zu erleben waren. Zu unterscheiden sind die Beispiele
daran, dass in VIOLET die Kraft der starken Einwirkung in ihrer Energie und
Gewalt erfahrbar ist, während in THE SONG eher die Dimension des nahezu
Unmerklichen entfaltet wird. Beide Aufführungen bewirken auf ihre Weise
eine Aktivierung der Zuschau(-/hör)enden, bei VIOLET lässt sich aber eher
von bewusstwerdender Bedrängnis, bei THE SONG eher von unbewusstem
Mitvollzug ausgehen. Die Herangehensweise über ein Verständnis der Emp -
findungen als Spuren macht deutlich, inwiefern sich im Rezeptionsvorgang
bestimmte Dichotomien auflösen, da sie für die Spur ebenso wie für leibli -
che Empfindungen keine Geltung haben. Mit dem Begriff »vital materiality«
(Bennett 2010: viii) verdeutlicht Jane Bennett, dass die Bewegung der Schwin -
gung wesentlich für alles Bestehende, auch des vermeintlich Unbeweglich-Ob -
jekthaften, ist. Es bedürfe nur eines Perspektivwechsels, um zur Einsicht zu
gelangen, dass auch Objekte eigentlich konstant in Bewegung seien und damit
die klare Trennung zwischen vermeintlich lebendigen und unlebendigen Ob -
jekten fraglich werde. Körper und die Gegenstände ihrer Umgebung greifen
also ineinander; sie haben eine gegenseitige Wirkung. Als »Einleibungen« be -
schreibt Hermann Schmitz die sich zwischen Körpern und ihrer Umgebung
abspielenden Prozesse, bei denen Kräfte auf die leibliche Befindlichkeit der
Erlebenden einwirken (Schmitz 2011: 29 f.). Der Begriff erinnert an das Wort
Einverleibung, doch betont er gerade im Auslassen einer Silbe, dass das Ge -
schehen keineswegs durch das erlebende Subjekt kontrolliert wird. Vielmehr
handelt es sich um einen Prozess der Begegnung, der Verflechtung oder Ver -
schmelzung verschiedener Instanzen. Hier ließe sich der Spurbegriff mit dem
Affektbegriff von Melissa Gregg und Gregory Seigworth verknüpfen, insofern
die Prozesse der Affektion im Sinne eines Schimmerns, nicht als spektakuläre
und klar bewusste, sondern eher untergründig sich vollziehende Phänomene
## Page 118
Katharina Rost116
eingeschätzt werden (Gregg/Seigworth 2010). In der Affektion zeigen sich die
auf Körper einwirkenden Prozesse, Kräfte und Intensitäten als Resonanzen,
Übergänge und als subkutane Eindringlichkeit in den Worten der Autorin
und des Autoren als »visceral forces beneath, alongside, or generally other than
conscious knowing« (2010: 1). Diese sich in einem Spektrum von gewaltigen
bis hin zu unmerklichen Effekten ereignenden Krafteinwirkungen können
Handlungen oder Empfindungen auslösen, zumeist jedoch ein Innehalten, Er-
staunen und Überwältigtsein ob der »worlds apparent intractability « (2010: 1).
Mit dem Begriff intractability kann zweierlei gemeint sein: Zum einen lässt es
sich mit Widerständigkeit übersetzen, was sich in den Konflikten eines Kör -
pers mit ihm widerstrebenden Kräften zeigt. Zum anderen beinhaltet er das
Wort trace für Spur und kann insofern auch auf die erschwerte Deutbarkeit
der wahrgenommenen Spuren zielen. Diese Spuren sind nicht auf herkömm -
liche Weise lesbar, sondern erfordern es, ihnen nachzugehen, förmlich nach -
zuspüren, und leiblich-affektive Zustände von heftiger Bedrängnis bis leichter
Anspannung ernst zu nehmen als Spuren sich real ereignender Begegnungen
zwischen Körpern, Objekten und Kräften. So stellt sich auch die Frage nach
der Medialität von Spuren mit größerer Virulenz, da in den angeführten Bei -
spielen eher die Folgeerscheinungen von Spuren, also die Spuren der Spur,
erlebbar werden. Die akustischen Vibrationen in VIOLET sowie die durch Rei-
bung verursachten Geräusche in THE SONG werden nicht selbst, sondern als
leibliche Empfindungen spürbar, für welche bei den Wahrnehmenden mög -
licherweise ein implizites Wissen besteht, doch ist dieses in Bezug auf die
klanglichen Bewegungsspuren über das grundlegende Lexikon sonischer
Effekte von Jean-François Augoyard und Henri Torgue hinaus noch kaum je
expliziert worden. Gerade das Spurhafte dieser Erscheinungen und Empfin -
dungen scheint die Analyse und Interpretation zu erschweren und tritt damit
selbst als das zu Analysierende ins Zentrum der Überlegungen. Worauf die
Arbeiten von Stuart sowie von Keersmaeker/Janssens/François hinweisen, ist,
dass das Spurhafte vor allem Grenzen aufweichen, Trennungen aufheben und
als fest umrissen konzeptualisierte Körper in ihrer Dynamik, Offenheit und
Transitorik verdeutlichen kann. Im Modus des Körper-Hörens in VIOLET wie
des Hörens von Körpern in THE SONG wird dies auf markante Weise heraus -
gestellt und erfahrbar gemacht.
l iter atur
Augoyard, Jean-François/Torgue, Henri (2005): sonic experience. A Guide to
Everyday Sounds , Montreal/Kingston/London: McGill Queens University
Press.
## Page 119
Körper-Hören 117
Bennett, Jane (2010): Vibrant Matter. A Political Ecology of Things , Durham:
Duke University Press.
Gaver, William (1993): What in the world do we hear? An ecological approach
to auditory source perception, in: Ecological Psychology Jg. 5 Nr. 1, S. 1-29.
Goodman, Steve (2010): Sonic Warfare, Sound, Affect, and the Ecology of Fear ,
Cambridge, MA: MIT Press.
Gregg, Melissa/Seigworth, Gregory (2010): The Affect Theory Reader , Durham:
Duke University Press.
Huschka, Sabine (2012): Low Energy High Energy. Motive der Energeti -
sierung von Körper und Szene im Tanz, in: Barbara Gronau (Hg.), Szena -
rien der Energie. Zur Ästhetik und Wissenschaft des Immateriellen , Bielefeld:
transcript, S. 201-221.
Ihde, Don (2007): Listening and Voice. Phenomenologies of Sound, Albany, New
York: SUNY Press.
Krämer, Sybille (2007): Was also ist eine Spur? Und worin besteht ihre episte -
mologische Rolle? Eine Bestandsaufnahme, in: Sybille Krämer (Hg.), Spur.
Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst , Frankfurt a.M.:
Suhrkamp, S. 11-33.
Krämer, Sybille (2000): Das Medium als Spur und als Apparat, in: Sybille Krä-
mer (Hg.), Medien Computer Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue
Medien, 2. Aufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 73-94.
Lepage, Jean-François/Tremblay, Sara/Nguyen, Dang Khoa/Champoux, Fran -
çois/Lassonde, Maryse/Théoret, Hugo (2010): Action related sounds induce
early and late modulations of motor cortex activity, in: NeuroReport Jg. 21 Nr.
4, S. 250-253.
Schmitz, Hermann (2011): Der Leib , Berlin/Boston: de Gruyter.
Voegelin, Sarah (2010): Listening to Noise and Silence: Towards a Philosophy of
Sound Art, New York: Bloomsbury.
## Page 121
Bewegungsspuren im Konzert der Medien
## Page 123
Audible and Inaudible Choreography
Atmospheres of Choreographic Design
Johannes Birringer
1. h e aring dance heur Schpiel
Protocol no. 1: as an obscure beginning a reference to OuLiPo 1 and Georges
Perecs radio play Die Maschine, imagined in French but first written in Ger -
man with translator Eugen Helmlé, the broadcast released by Saarländischer
Rundfunk in November 1968. Corresponding with the translator, Perec refers
to the radio play as an Ohrspiel (ear play) or heurschpiel, in his wonderful homo-
phonic spelling. The theme of my presentation is closely related to such corres
-
pondences and transpositions in the realm of choreography and scenography,
as I invite you here
2 to listen to sound of movement, to movement of sound
the inaudible and the choreosonic. My questions revolve around listening per-
ception of choreography. One part of this performance lecture dwells on sonic
arts theories and how they refer to sonic objects . The greater part is inspired by
dance practice, leading us to choreographic objects . I address matters of design
composition, acousmatics, audio-vision, film, and architecture, and at the end
briefly show some of the sounding wearables we create in the DAP-Lab.
1 | OuLiPo is the name of the literary group Ouvroir de Littérature Potentielle, founded
in Paris in 1960 by the useless researchers of the Collège de Pataphysique that inclu -
ded conceptual artists (Marcel Duchamp), mathematicians (Claude Berge), chemical
engineers (François Le Lionnais), poets and writers such as George Perec, whose most
well known oulipian writing is his novel La Disparition (an entire novel scripted without
using the letter »e«). See Hugill 2012.
2
| This chapter is the score of a performance-lecture presented with a film that in -
termittently plays visual and aural tracks, separated from one other, representing or
alluding to some of the movement or sound examples under discussion. The tracks are
indicated in the score. The films preface displays a silent image of Robert Morri s Box
with the Sound of Its Own Making (1961).
## Page 124
Johannes Birringer122
Film sequence: Ivana Müller, While we were holding it together , 2006 (visual track).
Maschine das heurschpiel . After discovering it last year, I have listened to it
ever since. The voices of the polyphonic recording now haunt me, they appear
in my dreams and on my travels, I walk with them in my walks, they seem in -
side me, reverberating. They are also part of the soundtrack for my new film
project Sisyphus of the Ear
3 in which I perform a difficult climb up the steep
hills of a quarry.
These voices are invisible, and perhaps also inaudible to you. The phantasma -
goric invisibility of Stimme , of voice and sound, fascinates me but in my cho -
reographic work I am equally interested now in perceptual or affective issues
of Stimmungen, the atmospheric, and thus architectures of immanence, tiny
sounds, air, breath, exhalation, roaming through, diffusion, silence, corporeal
movement and stillness, vibration, sensorial, emotional and symbolic flows oc -
curring between bodies and environment, touch, air, scent, light.
How can movement flows be audible just think of Deborah Hays no -
tion of cellular movement? How are they more, or less, audible? How do you
hear fog? How do you hear what you sense in an atmosphere? Touch and being
touched how do you hear skin? How do you imagine a membrane? Does it
flutter, like in a loudspeaker? Yet sound is also conducted through bones. Do
your bones flutter? How do you feel color? How do sounds, always ephemeral,
evanescent, and immaterial or formless, to use one of Rosalind Krauss favored
terms from her notorious essay »Sculpture in the Expanded Field« (1985: 276-
290) how do they connect into visuality and the legible (thus also into music if
we consider music a legible/notated medium)? How is sound not subsumed to
the visual and becomes something else as the heard? Can you separate hearing
from seeing (or the other overlapping sensing impressions)? And how can you
separate your sense impressions from technologies of the self, the muscles,
3 | Sisyphus of the Ear premiered in Ufa and Moscow (Russia) in October 2016, and
was created after I experienced hearing loss during the summer. Fabrizio Manco re -
cently completed his PhD thesis on Ear Bodies: Acoustic Ecologies in Site-Contingent
Performance (University of Roehampton 2016). His enquiry into ear body a bodied
experience of sound and listening where the whole body becomes an ear derives from
his own experience of chronic tinnitus and provocatively addresses hearing/listening in
contexts of performance practice where sound and body move and perform by relating
to the constantly changing acoustic environment. Sisyphus of the Ear is such a contin -
gent performance: it takes in the sound of the quarry.
## Page 125
Audible and Inaudible Choreography 123
glandular mechanics, bones, organs, molecular receptors, and neurons, from
mediating conditions and apparatuses? 4
Film sequence: Kathy Hinde, Tipping Point , 2016 (audio track).
Regarding these questions, I turn to several sound theorists. My first reference
is to Salomé Voegelins book Listening to Noise and Silence:
Sound fleshes out the visual and renders it real; it gives the image its spatial dimension
and temporal dynamic […] This impulse to subsume sound into the visual is so ingrained
as to blight music criticism and the discourse of sound art […] Vision, by its very nature
assumes a distance from the object […] Seeing always happens in a meta-position,
away from the seen. And this distance enables a detachment and objectivity that pre -
sents itself as truth. (2010: xi-xii)
No such truth, then, for the aural. I am less worried about the subsuming of
sound to the visual, and more curious about the stretching of our bodies into
listening to something we may or may not know, the noise or mysterious ten-
sion that makes acousmatic sound compelling since we do not fully compre -
hend or realize where it comes from.
Ivana Müller: While we were holding it together , 2006 (audio track).
The kinaesthetic and muscular senses are not addressed by the sound critic.
We should keep them in close proximity to sonic experience of course, perhaps
also bringing into our awareness the important anthropological aspect of mul -
timodal perceptual experience in fluid environments, in temperaments of being ,
as they are called by Tim Ingold in his reflections on the »weather-worlds« of
movement and cognition (2011: 130-131).
5
4 | For a comprehensive artistic and theoretical reflection on inter-sensory percepti -
ons, see the catalog (Jones 2006) for the exhibition Sensorium: Embodied Experien -
ce, Technology, and Contemporary Art , List Visual Art Center, MIT, Cambridge, Oct. 12,
2006 April 8, 2007.
5 | See also his evocative chapter on »Four Objections to the Concept of Soundscape«
(136-139) where he coins the notion of being »ensounded« (139), arguing that what
applies to wind applies to sound: »Sound, like breath, is experienced as a movement
of coming and going, inspiration and expiration. If that is so, then we should say of the
body, as it sings, hums, whistles or speaks, that it is ensounded . It is like setting sail,
launching the body into sound like a boat on the waves or […] like a kite in the sky« (139).
## Page 126
Johannes Birringer124
2. Protocol no . 2 : w e ather -w orld S
After a particular dance performance and as I am trying to reconstruct some
of the movement in my mind or draw out the tactile memory, moving after the
kinaesthetic impressions left in me (we might call them traces or imaginary
transpositions) I often ask myself whether I can still hear the dance? Can I
recall the score, the aural trajectories, retrace the acoustical dynamics, timbres,
dynamic shapes, colors, phrasings, tonal blips, ruptures, the noise? Do rhythm
and sonorities constitute particular traces like the »traces of dance« as Lau -
rence Louppe (1994) called the various notations of choreography with which
we can associate the music of dance? Is musicality of dance, and whatever this
might mean, dependent on a particular understanding of the organon and or -
ganology of western music (tonality, harmony)?
Pina Bausch: Café Müller , 1978 (audio track).
What was it in a particular performance that motivated me, affected me, to hear
the choreographic and become attuned to the ways in which the dancers bodies
and their movements made sound and vibrated in the environment, through
the environment? Do I hear different from you, do I listen differently to the
instruments, the performers, thus how do I share my listening, how do I make
it available to others?
6
Pina Bausch: Café Müller , 1978 (visual track).
What I am addressing here is perhaps a question first asked, historically, when
choreography is no longer bound to music, that is to say, when the perfor -
mances are not created for and with music but live independently from musical
composition and generate their own open score. With open score I mean that
the choreographic is generative, it is its own instrument (the passage in Pina
Bausch Café Müller you just saw involves a dancers body smashing into the
wall: you hear a thumping sound, you also remember hearing the sound of
chairs constantly being moved out of the way). To recall the constraints in Perec
and the Oulipian writers who worked with particular poetic operations the
choreographic, in this sense, would be its own (sound) machine.
6 | On the matter of sharing sound listening, see Szendy (2001) who develops his thesis
about the ecstatic structure of listening, claiming that listening is a practice whose es -
sence always requires the presence of another (another listener, another work, another
performer, another instrument); listening is not reduced to sensory stimuli, or a percep -
tual phenomenology but its investigation is philosophical in nature.
## Page 127
Audible and Inaudible Choreography 125
Bill Bojangles Robinson: Stair Dance , 1934 (visual track). 7
William Forsythe: I dont believe in outer space , 2011
(audio track of imaginary table tennis scene).
kaum einen hauch
die vögelein schweigen
im walde
warte nur balde
du
[umkehrung]
schweigen
stop
fehler
spüren
zurück
Georges Perec: Die Maschine, Protocol no. 2 , 1968 (audio track).
3. t he w e ather : e ar Bodie S
I replay this episode from Perecs Ohrspiel because all summer I was preoc -
cupied with a project that involved my working on shooting film and editing,
without that I had received any word yet from the composer. My silent film cho-
reography stimulated historical research following some visual flashes taking
me back to the early 20
th century. I imagined Loïe Fullers billowing costume
when she danced her serpentine light and colors. A spectral being, ghost of
fluid motion. How did she step up? From the historical evidence we know that
Fuller practiced her serpentine dance an evolving genre of the skirt dance that
had become big entertainment in vaudeville theatres and music hall revues in
the 1890s as a multi-sensory experience in which her whirling fabrics interac-
ted with colored light, magic lantern projections and other optical stage devices
(for devices to the music she used cf. Lista 1995: 143-151).
Conceived practically in parallel with the birth of cinema, the serpentine dance has a
unique legacy as a phenomenon which is at once proto-cinematic and cinematic, and,
more radically, one which foreshadows expanded cinema and multi-media shows. To
early filmmakers, the organically whirling silk fabric offered itself as an ideal medium
7 | The reference to tap dance as its own machine is so obvious that I dont wish to
comment on it. The film makes clear these undercurrents and cross-references.
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Johannes Birringer126
through which to assert motion and time as cinemas two vital properties. (Uhlirova
2015: 21)
I looked for early Fuller dances on film, and the shorts I found are silent, so
I can only imagine what was implied by audience responses at the time, for
example when a New York Herald reporter who went to the Folies-Bergère wrote
about the theatre »in complete darkness, the audience very still, a violet light
then shining upon Fuller entering in her outstretched wings of silk, the music
[…] dramatic, weird, sensuous, and dreamy by turns« (Hindson 2015: 77).
Loïe Fuller: Serpentine Dance, 1897 (visual track).
Dance philosopher Laurence Louppe claims that
very early in the history of dance modernity the traditional association between dance
and music became intolerable at least in terms of the received norms as, for example,
the idea of bending dance reductively to specialised musical forms. (2010: 220-21)
She goes on to say »we owe it to Isadora Duncan to have dissociated dance from
so-called ballet music«, and then suggests that
the great periods of radicality in dance and modernity (1910-30, 1960-70) have thus
given rise to works danced in silence, a practice of Wigman as well as Jooss and Leeder
in Germany in Labans wake or by Doris Humphrey and José Limón in the United States.
(2010: 220-21)
I wondered why I had not come across a history of silent dance, or a history of
danse concrète . Louppes examples are somewhat paradoxical, as she mentions
Humphreys Water Study (1928) pointing to the dancer s breathlessness or use
of audible breathing, and also to Labans and Wigmans effort to break the do-
minance of music by replacing it, not just with silence, but with sounds from
other sources, including groans, voice, language. Louppe implies that it was
necessary to un-mute dance, therefore
The ritual and sacred character attached to silent movement had to be profaned in fa -
vour of an open expressivity […] This confers on the presence of language in current con -
temporary dance works a particularly unsettling role that of an elsewhere to received
codes and traditional definitions. (2010: 224)
It is clear today that language, voice, breath can play many different roles on
the choreographic stage, not only that of reparation and retrieval of something
ruptured from the body or of something unbearable or embarrassing. In this
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Audible and Inaudible Choreography 127
context Michel Chions comment on sound in cinema is fascinating: he argues
that sound was used in the beginning to cover up the unpleasant sound of the
projector (Chion 1990), whereas Louppe implies that dancer s noise on stage
was considered ugly or indiscreetly visceral.
Fig. 1: Loïe Fuller in Serpentine dance costume, 1898. Reproduced from Birds of
Paradise: Costume as Cinematic Spectacle, 2015.
Early physical transformations of the modern dancing body through the use
of technologies are discussed in Rhonda Garelicks book Electric Salome: Loïe
Fullers Performance of Modernism , pointing to Fuller as one of the pioneers of
early modern dance and stage technologies. Her Serpentine Dance and danses
lumineuses such as Fire Bird presented innovative movements of body and
lighting technologies so powerful that she left her audiences at the Folies-Ber -
gère breathless. Fullers captivating effect is attributed to a specific way of mo -
ving with her tools and materials, the combination of her body, costume and
lighting instruments, the disembodied rising and falling of silken shapes (see
Garelick 2007: 4-5). The design features of Fullers danse concrète are developed
in direct relation to the movement and resultant bunraku-like floating shapes of
the dance Fuller as floating image-apparition and hidden manipulator of the
animated costume. What the recent film exhibition Birds of Paradise: Costume
as Cinematic Spectacle (London and New York, 2010-2011) fore-grounded was
the extraordinary manner in which Fuller overturned the relationship between
dance, space/place, and sound by making her own body a screen for the image
(and thus film and early 20
th century moving image/capture technologies). She
danced her inaudible choreography receiving the light projections, animating
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Johannes Birringer128
them with the »billowing folds of cloth whose undulating secrets her arms«
(Louppe 2010: 226).
What Birds of Paradise does not reveal is early films attitude vis-à-vis in -
audible choreography, and of course one could imagine silent film perfectly
tuned to the deferral of sound towards its inaudible boundary, to the delays and
returns the phenomenon of how we are performed and subjected by sounds
ungraspability. As Manco suggests in his writings on »ear bodies« we need to
become aware of how much sound, bodies and their movements are intermingled
and mutually generating. From lost places, an auditory layered work of listen -
ing through veils of raucous splendid silence, sounding folds of space are slowly
enhanced perhaps, bridging the impossible. In a synaesthetic sense, we may in
fact hear Fullers ghost.
4. g ho Stcatching /o hrenblick
Bill T. Jones/Shelley Eshkar/Paul Kaiser: Ghostcatching , 1999 (visual track).
Taking this cue from Fullers inaudible spectral dances, I move forward a hun-
dred years to Bill T. Jones and his collaboration with Shelley Eshkar and Paul
Kaiser on the creation of Ghostcatching (1999). The poster of the symposium
documented in these proceedings had as its visual motif an image of a motion
captured dance avatar created from the captured data (through software) and
thus it seems pertinent to speculate briefly on these digital traces of movement.
They are clearly data visualizations; motion capture does not deal with sound.
Yet I also refer you to Joness voice, transmitted on the audio track of this audio-
visual installation, almost as if to tease us with a kind of testimony, grain of the
voice, material evidence of the disappeared, dematerialized body.
Bill T. Jones/Shelley Eshkar/Paul Kaiser: Ghostcatching, 1999 (audio track),
Transition: Merce Cunningham/John Cage, Variations V , 1965 (visual and audio track).
Without going into a discussion of this familiar milestone of early motion cap -
ture dance-technology, except noticing that it is a rare example of a digital voi -
ce-over dance, I wish to reflect briefly on another assumption made by many
of us when we learnt about the early Cunningham, Cage and Rauschenberg
collaborations in the 1960s, which also, along with the Judson Church, prece -
ded the more recent movement of dance and technology. Whereas Joness voice
may have been recorded while he danced (or created during postproduction),
listening to and looking at Variations V , the sound of the tape machines and
radios appears entirely unrelated to the movement.
## Page 131
Audible and Inaudible Choreography 129
In her very brief section on music and choreography, Louppe however sug -
gests that Cunningham does not separate dance from music, as is often clai -
med:
[He] never eschews sound in his works […]. But in an exact inverse of Wigman, he does
not accept that the relation between dance and music temporalities should be made
on the dynamic level precisely where musical energy is too powerful not to dominate
the dance. It is on the contrary on the notion of an absolute time clock time foreign
to experience that he has built a possible relation to music as a pure accident of simul -
taneity , proving thus that from Laban to Wigman to Cunningham the breach in dance-
music relation is always made through the rejection of an element judged particularly
undesirable within than relation. (2010: 221)
Turning to Cunningham Dance Companys BIPED (1999), I want to refer to the
composers notes on such »accidents of simultaneity«, and the generative score
that is manifested for the dance which uses Eshkar and Kaisers extraordinary
hand-drawn digital images of the dancers as projections onto the spatial-cho -
reographic architecture. The digital data traces complement, ghost and echo
the real dance. Here is what Gavin Bryars says about the music he composed:
BIPED was […] one of the first new musical compositions commissioned
by him since the death of John Cage in 1992 […] I had worked with John in the
late 1960s and his work had been a key factor in my decision to move away
from improvised music towards composition. Indeed, seeing the Cunningham
company in London in 1966 represented a key moment in my artistic develop -
ment. The very first piece I saw was a solo called Nocturne [… ] Merce wore a
white costume, there was a white gauze behind which he danced, and pure
bright while light on the gauze, behind it and in front of it, produced a stun -
ning effect. In BIPED, just as, with the visual element, there is live dance and
its digital shadow through the projected video animation (curiously, like the
very first piece I saw, projected on to a front gauze), so I chose to have a form of
digital replication within the music. The live instruments (electric guitar, cello,
electric keyboard, acoustic double, violin and percussion) being reinforced by
their electronic equivalents. The sampled material is played by members of my
ensemble, who are also the live performers.
8
What Bryars indicates in his composers notes is the conceptual idea of
replication which, in todays sonic terms of processing we would compare to
sampling and real-time synthesis. The sound samples re-generate their own
algorithmic patterns of evolution: the music is a kind of drone that hovers in
8 | See: www.gavinbryars.com/Pages/biped.html. Instrumentation: violin, cello, elec -
tric guitar, double bass, electric keyboard, pre-recorded tape.
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Johannes Birringer130
the space of emergence movement and sound playing off each other without
necessarily knowing each other.
Gavin Bryars, with Merce Cuningham/Shelley Eshkar/Paul Kaiser: BIPED, 1999 (aural
track).
Playing back the sampled recording, playing with refractions, however, also re -
fers us to the generative articulations in Alvin Luciers famous work I am sitting
in a room (1969) in which he modulated thirty-two cycles of repetition of his
voice recordings played back through the resonant architecture and material
properties of a room, re-recording each playback over loudspeakers and thus
processing the spatial vibrations in the »sonorous envelope« (LaBelle 2007:
130). I have always considered Luciers work very inspirational for my own com-
positional understanding of audible choreographies that are not stochastic as
much as they are flowing from and with the resonances and sound movement
the dancers (and their sounding costumes) create with the spatial environs.
Reflecting back on Cages chance operations and his collaborations with
Cunningham, many dance works today pose the question, from a visual-music
standpoint, how does the viewer construct meaning when image and sound
relationships are orchestrated by chance operations or by an interactivity not
based on simple cause-and-effect mapping (as we noted in the earlier exam -
ple of Tipping Point )? How do chance operations or randomizing algorithms
change the interpretation of sound and image and affect awareness of visual
and aural elements? What experience is derived from such an approach of ac -
cidental simultaneity?
In contemporary sonic art theory, I find of particular interest some of the
approaches to expanded sound practices, sound objects, acoustic ecologies and
interculturalisms, psychoacoustics, affects and sensations, as they might in -
form choreographic design and somatic and biocontrol practices. Seth Kim-
Cohen (2009), for example, favors a conceptual (non-cochlear) framework, and
while examining Pierre Schaeffers musique concrète, John Cages compositio-
nal non-intentionality, and blues and rock recordings (Muddy Water s I feel like
going home ; Bob Dylans mad version of Like A Rolling Stone ) in great detail,
he faults them for being too concerned with perceptual properties (sound-in-
itself). Kim-Cohen is less interested in sonic materiality than in the sound-out-
of-itself (there is no Ohrenblick), indifferent to medium, expanded out to social,
institutional or contextual situations of the work.
I take it that this implies understanding sound (form) as relational, as a
spreading out from material form, as post-medial. Salomé Voegelin, in Listen -
ing to Noise and Silence , favors a more phenomenological, perceptual approach,
being with the heard, becoming immersed in the auditory object (her ontology
of sound capitalizes on the observation that sounds can be emitted from objects
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Audible and Inaudible Choreography 131
in ways that their look, or visual attributes, cannot thus attention becomes
focused on the formless auditory which, through the listener, is produced).
»The sonic thing«, Voegelin argues, »is not perspectival […] neither formed
nor deformed, but formless unless it meets the hearing body. In that sense the
thing is intersubjective and only starts to sound in the ears of the thing that is
the body encountering it.« (2010: 19) The hearing body is responsible, in other
words, for forming the aural object.
DD Dorvillier: No Change, or, »freedom is a psycho-kinetic skill«, 2004 (visual track).
Anthropologist Tim Ingold, on the other hand reflecting on the terms visi -
bility, visual, audibility, aural reminds us that the environment we experience
and move around in cannot be sliced up along the lines of the sensory pathways
by which we enter into it. In ordinary perceptual practice, all sensory registers
overlap. Ingold then proposes that just as light is another way of saying »I can
see«, so sound is another way of saying »I can hear« (2011: 137-138). Sound is not
what we hear; neither light nor sound can, strictly speaking, be an object of our
perception. Sound is what we hear in. Ingold now invokes the notion of the we-
ather, suggesting that weather (or atmosphere) is fundamental to perception.
We do not perceive it; we perceive in it. We do not touch the wind, but touch in it; we
do not see sunshine, but see in it; we do not hear rain, but hear in it. Thus wind, suns -
hine and rain, experienced as feeling, light and sound are essential to our capacities,
respectively, to touch, to see and to hear. In order to understand the phenomenon of
sound (as indeed those of light and feeling), we should therefore turn our attention sky -
wards, to the realm of the birds […]. The sky […] is not an object of perception any more
than sound is. It is not the thing we see. It is rather luminosity itself. But it is sonority
too. (Ingold 2011: 138)
The notion of the atmosphere, using the sky, will guide my concluding exam -
ples of contemporary dance and installations »choreographic objects«, as Wil-
liam Forsythe has called the latter. 9 The questions I want to raise refer to the
interactional scores and generative programming of sound, to the use of the
»soundstage«, and of sounding wearables. So finally I will also refer briefly to
my own work with the DAP-Lab and our design-in-motion practice,
10 to what we
9 | See, for example, the dialogue between Forsythe and Mario Kramer in the exhibition
catalog for William Forsythe: The Fact of Matter , Museum for Moderne Kunst Frankfurt
(17 October 2015 13 March 2016).
10 | Wearable designs and sounding garments for DAP-Lab productions are created
by fashion designer Michèle Danjoux who co-directs the company with me. See www.
danssansjoux.org.
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Johannes Birringer132
have learnt about sound of costumes worn in performance, investigating wea-
rable textures and the manner in which they enable or constrain movement,
touch body, extend body and physical shape into sounding instruments.
My proposition is that such wearables can amplify movement and perfor -
mance environment through audible or inaudible dimensions; they can be tou-
ched and felt in the atmosphere; they can alter relations between performer and
audience too, shifting focus on other sensory processes, and thus disorganize
what we perhaps assume to be the main choreographic form or impact (visually
affective movement). I begin by showing two brief examples of the soundstage
DD Dorvillier, Saburo Teshigawara which demonstrate both logical and
illogical relations between the visual and the aural as well as the difficulty of
reading barely imaginable sensorial demands derived from function or use of
material objects in the sonorous space (such as the fallen microphone stands,
cables and buckets in Dorvilliers piece, or the heavily electronically proces -
sed and distorted sound of breaking glass in Teshigawaras solo), followed by
a soundstage which combines dance with the acoustic and electronic live im -
provisation by musicians (Akram Khans Until the Lions ) who compose spatial
intensities in the sense in which Iannis Xenakis worked with sonic architectu -
res (for example the Montréal Polytope or the Philips Pavilion).
DD Dorvillier: No Change, or, »freedom is a psycho-kinetic skill« , 2004 (audio track),
Saburo Teshigawara: Glass Tooth , 2008 (visual track).
Khans deconstructions and transformations of the codified languages of kat -
hak are well known. He now inspires a younger generation of artists to poli -
ticize their ethnic or racial bodies and to push the creative potentials of their
multi-corporeally trained instruments, blurring all boundaries between codes
and abstractions, between classical, modern and contemporary performance
idioms. Khan has refined his aesthetic of collaboration, paying much atten -
tion to formal experimentation with multiple movement vocabularies as well
as cross-cultural musical languages which I would consider very challenging,
especially in light of recent critiques of world music, appropriation, and casu -
al intercultural tokenism (the »schizophonic mimicry« analyzed by Tan 2012:
209), which, for example in the late »world series« productions of Pina Bausch
led to quite deplorable, sentimental profanations of her choreography.
Akram Khan: Until the Lions , 2015 (visual and audio track).
The dance in Until the Lions is a trio, Khan partnering Ching-Ying Chien and
Christine Joy Ritter but the work features seven performers. The choral pre -
sence of four instrumental and vocal musicians, placed in four corners of the
circular stage (inside the massive London Roundhouse where I saw the piece)
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Audible and Inaudible Choreography 133
and moving around the circle as well, is substantial for the overall choreogra -
phic, kinetic and aural atmospheres of the work. The sensual atmospherics
are noticeable even before the dance. Upon entering the space a fine sawmill
dust seems to hang in an air suffused with a strange scent. In front of us, the
round stage designed by Tim Yip resembles the stub of a 30-foot-wide tree-
trunk, sawn through just above the ground. There are cracks, which later open
upward to create uneven mesa. Through them mist trickles up, filling our eyes,
while Michael Hull s lighting culls out luminous enclosures and clearings.
The clearing is for the gods that populate this dance drama, for the ances -
tors on the other side of the ritual curtain. The production is an adaptation of
Until the Lions: Echoes from the Mahabharata , a retelling in verse of the Maha -
bharata by Karthika Naïr, which is here danced in an elliptical manner practi -
cally impossible to follow if one does not know the tale. Khan chooses the story
of Amba, a princess abducted from her wedding ceremony by the powerful and
obdurately celibate Prince Bheeshma, who then takes revenge on him by kil -
ling herself and assuming the form of a male warrior. Taiwanese dancer Chien
portrays the fierce Amba, Khan takes on the role of Bheeshma while Ritter
(who trained at the Palucca School in Dresden) is a kind of animal presence,
skittering and slithering around the clearing with intensity, a possessed figure
of destiny who becomes the spirit driving Ambas revenge.
Fig. 2: Ching-Ying Chien, Akram Khan in Until The Lions , The Roundhouse, 2016. Photo:
Jean Louis Fernandez.
Throughout the performance, bathed in a shimmering, sand-colored light on
the giant tree trunk, I envision the world as a living organism and a continuum,
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Johannes Birringer134
my eyes travel with an inner and outer wind, as if rustlings and movements
of plants, trees, things, landscapes, living beings, kangaroos galloping on all
fours and supernatural actors combined into a collective whole. The trunk,
with rings and bark, becomes an amplified platform for a strangely erotic ma -
ting ritual during which Chien and Khan embody Ambas attempt to persuade
Bheeshma to marry her. She reaches to touch him and grasp him, yet he al -
ternates between pushing her off and reciprocating, increasingly confused by
transactions that we can also imagine as internal transformations. Later, the
trunk becomes the battleground on which Amba, Bheeshma and their invisible
armies rage against each other.
After this bracingly physical, multisensorial dance, it is the sounding that
lingers prominently. A low electronic drone score by Vincenzo Lamagna under-
lines the action, with whirlwind percussion from Yaron Engler and impressive
vocals from Sohini Alam and David Azurza who prowl the perimeter of the
stage environment, joining the action from time to time. Most importantly,
they use the audiophonic tree trunk (contact-miked) itself as percussion instru-
ment, making it as ritually threatening and earthly as the pounding rhythms
in Stravinskys Sacre du Printemps . Or they shift into lyrical, melancholy re -
gisters with soft Gaelic love songs (accompanied by guitarist Lamagna). Azur -
za surprises us with his remarkable countertenor voice, enriching the pieces
gender fluidity. I cannot describe the sound of this dancework any closer, but it
touches me on levels of experience that exceed the semantic or syntactical di -
mensions of the epic narrative or the movement enunciations. This is no longer
kathak, but distributed choreosonics, diversified assemblage and vibrant matter
through the interactions between dancers, musicians, voices and reverberant
architecture in an expanded embodiment.
5. c horeo Sonic e n Sounding :
a tmo Sphere S of c horeogr aphic d e Sign
Dap-Lab: metakimosphere no. 3 , 2016 (audio track).
Metakimosphere is the title of the DAP-Labs immersive dance installations
(2015-2016), composed to test the idea how performance materials produce at -
mospheres, and how habitats can be redesigned into sounding wearables. The
first instantiation happened in London in early 2015. All I remember now is a
poem sent to me by an audience member a few weeks later. It evoked an au -
dience members tactile-auditory reaction, and encouraged us to build a new
prototype based on this resonance.
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Audible and Inaudible Choreography 135
Fig. 3: metakimosphere no.3 , created by DAP-Lab at Metabody Forum 2016, London,
Artaud Performance Center. The four partially visible dancers are Vanessa Michielon,
Elizabeth Sutherland, Azzie McCutcheon, Yoko Ishiguro. Photo: Michèle Danjoux/
Johannes Birringer.
And resonance is a form of memory, inside our bodily architectures. Kimosphe -
re (kinetic atmosphere) I imagine to be a Gefühlsraum, a choreographic environ-
ment created for dancers and visitors exploring/sensing a very intimate sonic
space which envelops and acts as a suspended transparent veil and encum -
brance hiding-revealing, allowing light and graphic writing to flow through,
affording variable tactile orientations, colors, tones, glissandi, scents, shapes,
positions, and sensations, affecting bodies forming a single-body inside a co -
coon-like gauze texture or multiple-bodies that become discombobulated. La -
ter, one would perhaps remember traces left on the body, interior and periphe -
ral sensations, curvilinear, intestinal tremors.
But first I remember the breath … this small sound coming from within,
a tiny speaker attached to fibres near the floor. How to think such a wearable
architecture gauze that spreads out across the floors, breathes, a wall at the
other end that moves towards us, changing color and responding to our beha -
vior, the audience huddled around or walking, watching how the dancer in the
origami dress unfolds and folds back her body as the wall begins to move and
make strange motoric noises? The motors must be what moves the pulleys and
strings over there … we here, on the other side of the marionette space?
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Johannes Birringer136
Fig. 4: Blind audience member touches dancers costume in metakimosphere no. 3 ,
2016. Photo: Michèle Danjoux/Johannes Birringer.
Fig. 5: Aggeliki Margetti dancing with Beakhand speaker (left), metakimosphere no. 3 .
Photo: Michèle Danjoux/Johannes Birringer.
Then I remember the white gauze beginning to heave; vaguely one makes out
contours of a body that is crouched, slowly, slowly rising until the fabric of
bodys elongated dress stretches all across, now a third dancer appears from
nowhere, gently stepping through the crouched audience, with a hand that is
like a birds beak, and from the beakhand a voice of a shaman sounds out, a
high pitched chant evoking spirits (in 한국어 ), I recall the guttural sounds of
this (male) voice delicately transforming into gesture the woman dancer now
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Audible and Inaudible Choreography 137
becoming a shaman herself pointing her beak to the audience, jerking the hand
backward and forward, slashing across air, while the body under the gauze
has meanwhile stretched space. Tiny particles dance on the floor, activated by
sensors that capture fleeting moments of 3D contours of the woman in origami
dress. Of course there are cameras, sensor, the whole space is under capture …
Weathering and wearing, I sense slow space, and decelerated movement, we
are caught somehow.
Then the shamanic voice seems suddenly dispersed, bouncing off walls
and corners and slowly disappearing, like an airplane that withers off into far
distance leaving behind only a soft, disintegrating vapor trail, sublimely simple
telekinetic trace, of sensations that had been spatially discharged.
6. t r an Sceiver S
Dap-Lab: metakimosphere, no. 3 , 2016 (audio track).
DAP-Lab: for the time being , 2014.
TatlinTower Headdress and RedMicro duet (audio and visual tracks).
Our dancers are tranceivers, they can receive sound and they can transmit
sound. Rehearsal questions: How do you move with a costume equipped with
sensors, microphones, and small speakers? How do you control your sensorti -
zed wearable outfit in order to generate sound or manipulate projection in en -
vironment? How is your awareness, attunement to the environment affected?
And thus how do you participate share with audience your own intimate per -
ceptional relation to environmental data, invite them to sense being ensounded
through generative processes programmed into the virtual spectrum of possi -
bilities, this ecology of becoming?
From the point of view of composition, the kimospheres we compose are
neither based on scripts (text) nor scores (music). They are choreographies in
the making, versions of manifestations developed through a longer process of
laboratory research. Choreography here means intra-action with the folds of
real-time processes and materials, during which performers enact scenes in a
nervous environment of currents (where capture systems or microphones ac -
tuate data transmission via sensors worn on the body or in the costume).
Composing hybrid creatures might be the best way to describe our design
work. We are interested in teasing out various strands of inspiration (usually
we depart from a motif or a question that drives the research, and this question
could originate from an image or a historical incident or a technical proposition
as much as it might be derived from an object, a poem, a sound phenomenon
or a garment concept). In earlier phases of my work (the late 1980s and 1990s),
I sought to link film to movement, combining silent moving images with cho -
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Johannes Birringer138
reography. With the growing availability of software to assist in the programm -
ing of performance systems, I began to work with the concept of interactivity. I
now feel that interactive systems are too limiting. We break away from them to
explore noise, cracked media, malfunctions, and dis-alignments.
Historically minded, and aware of earlier analog visions for a »new theatre
of the scientific age« (Brecht), remembering Artaud, Gertrude Stein, Schlem -
mer, the Russian Constructivists, Brazilian tropicalia and Japanese butoh, we
look towards new concatenations of movement and landscape plays, new old
investigations of body weather and the sensory engagement of the environ -
ment. Working in Tokyo led to a collaborative dance installation, UKIYO [Mo -
veable Worlds], and Michèle Danjoux fashioned a series of ever more complex
garments that were partly interactive (digital sensors woven into the fabric of
the costumes) and also partly organic, for example accelerometers stitched into
a dress made of real Ginkgo leaves we collected in Tokyo.
Fig. 6: Katsura Isobe dancing the 3D creation scene in Ginkgo LeavesDress in UKIYO ,
Sadlers Wells, London 2010. Photo: DAP-Lab.
The dancers move in close proximity to the audience who witness close-up the
manipulations of sound generated by the costumes. The environment thus
becomes a sounding space, intermingling noise created by dancers and their
expanded bodily instruments (microsound) with music spatialized through the
amplification system. The DAP-Lab sound artists work closely with the perfor -
mers and Danjouxs sound-generating costumes in a polyphonic ensemble of
improvised choreography. The latter slowly evolved over many months, in dia -
logue with the Japanese butoh dancers who came with us on the European tour,
inspiring fine-tuned attention to the metamorphic qualities of subtle move -
ment, somatic resonance, the slow motion of interspaces, vibrations, morpho -
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Audible and Inaudible Choreography 139
logies (what Sandra Fraleigh (2010: 12) describes as »alchemy in motion«). The
alchemy, for me, lies is the particular consciousness of wearing the sensortized
garments, moving them in a sensographical way that encourages the audience
to listen to motion.
Fig. 7: Helenna Ren with TatlinRadioTower Headdress
(incorporating motors, rotating spring, piezo [for the
conversion of mechanical to electrical data], recei -
ver and transmitter) and black box (housing amplifier,
speaker & battery pack) wears productivist white suit
and manipulates sensor. Design and concept by Michè -
le Danjoux. for the time being, London 2012. Photo:
Brigitt Angst.
In a recent production, for the time being, we take this concentration on sonic
morphology to the next level. Using the 1913 futurist opera Victory over the
Sun as our template, we challenged our ensemble to push the idea of soun-
ding garments further, creating costumes that are like architectures in motion,
geometric abstractions, small apparatuses. Following El Lissitzkys brilliant
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Johannes Birringer140
re-drawings of Malevichs original designs for the fantastical futurian charac -
ters Kruchenykh and Khlebnikov created for the libretto, Danjoux built costu-
mes which stimulate the dancers to invent actions or gestures that delineate a
strangely hallucinatory poetics of noise, light projections and sonic irritations,
onomatopoeia and zaum interventions beyond sense and yet sensory an expe-
riential Ganzfeld of synaesthetic events.
In other words, my proposition here relates to how movement creates au -
dibilities, in the intersections of design and movement technology, and how
design concepts can accentuate the dynamics of the weather, the choreographic
using the sky.
For our dancers, the question then might become how to balance a Tatlin -
RadioTower on the head, with a black box emitting radio noise held in front of
the chest. How can hands gently bend the sensor that activates a spiral metal
piece inside the tower? The dancer is transmitter actuating the metal spiral in
the tower which begins to spin; the crackling sound is picked up by micropho -
nes and sent to the speaker box. The microsounds are also picked up by onstage
mics that send the input to a software that samples, then processes amplified
transmissions until the stage begins to reverberate.
Fig. 8: Helenna Ren as Gravedigger in sarcophagus garment made of heat resistant
material stencilled with enamel spray paint, protective sunhat, glasses and gloves.
Design and concept by Michèle Danjoux. for the time being, London 2012. Photo: Brigitt
Angst.
After the eclipse of light (the sun), darkness descends, and we created a solo
for a dancer wearing solar lights that began to glow in the dark. During the
## Page 143
Audible and Inaudible Choreography 141
construction of the new world in Act II, Yoko Ishiguro, Aggeliki Margeti and
Ross Jennings join Helenna Ren and Vanessa Michielon in a choreographic po-
lyphony. There is no prerecorded music: all of the sound is created live on stage
and processed in real-time, and this is a clear example of audible choreography .
Motion becomes sound, the animation of the garments is generative. Amidst
the hieroglyphics of the non-objective geometric abstractions on stage, the dan-
cers in white overalls in an early scene we developed in remembrance of the
Fukushima disaster examine the space like engineers measuring radiation in
the electromagnetic spectrum. In the final scene, the sounding of the space is a
choreographic effect produced through the articulation of kinetic cos
tumes and
inter-actions between the dancer wearing the ChestplateSoundDress (emitting
sound using proximity sensors on guitar strings) and the dancer wearing Red -
MicroDress, a dress with small microphone built into the shoulder pad. The
wearers and receivers are also transceivers.
This transceiving duet implies treating spatial proximity as a generative
open score, drawing attention to ways in which the performing bodies wear or
articulate space and process environmental information in the sonorous enve -
lope. Intelligent-costume design, mobile media transmission and computation
thus combine to create processual architectures that can ceaselessly readjust
relationships between collected data in real-time. Performance within such a
Raumpartitur (spatial score) involves subjective experiences of a continuously
re-generating system, a virtual architecture of listening/composing through
participating in the dynamic potentials of such a tactile theatre. Not every
thing
will be heard (perceived), nor are all sources intelligible or knowable in an
acousmatic sense. And this is of course the beauty of noise dance it allows the
ear body to become entangled in rough immersive synaesthetic experiences.
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## Page 145
Unequal Twins, Asymmetrically Coupled
Creating and Performing an Interactive Movement-
and Sound-Piece
Jan Schacher, Angela Stoecklin
The piece Moving Music is a collaboration between a dancer and a musician
with the goal of investigating the principles underlying movement-sound re -
lationships. The central method for this endeavour is artistic creation with a
special focus on reflection and analysis. The aim is transformation of experien -
ce by exposing established artistic methods of dance- and music-making to the
constraints of technical coupling.
Performing arts, in particular non-theatrical work with movement and
sound, poses a unique set of questions regarding process, work, and reflec -
tion. In a configuration intending to investigate the intersections and relations
between fundamental elements of sound and movement that bridge the dis -
ciplines of music and dance, idiomatic conventions must be set aside and un -
derlying principles uncovered and worked with. The use of movement-sensing
technologies inverts the conventional interdependence between music and
dance, and interrogates processes that occur when intersecting the two disci -
plines.
Artistic research methodology postulates the generation of »insight and
understanding« (Johnson 2011: 150) through an extended practice within an
artistic discipline. In order for this to happen, it is necessary to add a dimension
of reflection and analysis not just after the experience (the doing), but as an
integral part of the process. Interwoven into practice it needs to be part of each
step in the artistic work.
The present article investigates the validity of examining the fundamentals
of movement to sound relationships with research carried out through artistic
practice. It addresses ways in which the performative and the reflective comple-
ment each other and enable a particular kind of insight that cannot be reached
in either of the two domains. The artistic process becomes an experimental
device (Rheinberger 1992), or dispositive (Foucault 1980; Agamben 2009), as -
## Page 146
Jan Schacher, Angela Stoecklin144
sembled in order to address underlying questions through a mixture of per -
spectives.
The intention that we put down in our project notebook in April 2015 is
to make a piece of music, where the dancer is the interpreter, without neces -
sarily being/becoming a musician, but where the (musical) form, energy and
dynamics originate from the performer. The core issue is how this connec -
tion influences the creation of choreography, musical composition, and dance
performance. Can the dancer simultaneously be composer and choreographer?
Can a relationship be established that is perceived as unified by the audience?
How does perception of movement and sound change when the two are cou -
pled through technical means? How can qualities be translated from move -
ment to sound? And finally, how can the sensation of listening to movement
be achieved?
The two disciplines only share a limited set of fundamental characteristics
and principles. Whereas dance and movement is inherently multi-dimension -
al, multi-modal, and based to a high degree on human factors (Kozel 2011),
technical processes of electronic sounds are based on models of mathematical
abstraction and formalisation (Xenakis 1992).
Moving Music is embedded within a practice of electronic music that lever -
ages interaction technologies as well as real-time sound generation. It is also
situated in the fields of interactive dance with technological means, as well as
compositional and choreographic practices in open forms. The development
and scoring process for this piece is based on shared experiences and agree -
ments rather than notation and prescriptive instructions. It starts with an open
exploration using motion sensors and movement tracking with a camera and
looks for qualitative differences in effort and dynamics in a single, fixed move -
ment phrase. These initial sketches serve as a basis for testing subsequent map-
pings between movement and sound.
A method is established that oscillates between exploration and reflection.
By iterating this cycle, the advances in concepts, ideas, and insights lead to
the realisation that only real-life play situations may condense sketches into
full, multi-layered experiences. Bringing all of the elements into action in these
test-performances, sometimes with a small audience, enables evaluation and
further dialogue. Post-performance discussions are essential for this method
and inform decisions on how to modify the process, the interaction modalities
and parameters, as well as the musical and choreographic approaches. Mem -
bers of the test-audiences, researchers and artists themselves, provide valuable
feedback to central questions, for example by pointing out the difficulty in read-
ing the technological link.
## Page 147
Unequal Twins, Asymmetrically Coupled 145
The first part of Moving Music1 focuses on temporal units and dynamics. In
the body, peripheral movements initiated from the arms or legs best express
the theme of time. It manifests in rhythmical modulation of movement, and
more or less accentuated impulses. In order to connect to sound, movements
are captured with wireless sensors placed on wrist and ankle. The mapping
applies this data to amplitude-envelopes that increase and decrease the volume
of sound in function of the motion energy (see upper left of Fig. 1). In order to
smooth out and extend the sometimes abrupt, instantaneous energy peaks,
inertia is introduced, which results in sounds that fade out more slowly than
the movements. Two sensor-sound pairs operate in parallel and generate a poly
-
phonic sound reaction. The fact that one arm and one leg remain un-tracked
allows for dance movements that play with silence. A set-up of accumulating
movements is decided: a, a+b, a+b+c, a+b+c+d. Eventually, this structure is
loosened and the material gets modulated more freely. Phrasing provides a
strong link and is possibly the realm where movement and music come closest.
Figure 1: Mapping strategies for Moving Music . Graphics: Jan Schacher.
The second part focuses on spatial relationships, movements, and placement.
The theme of space, for the body, is implemented by exploring topographical
space. In the horizontal dimension this means playing with the borders be
-
tween the different sound areas, tracing paths from one to the other. In the
vertical dimension it leads to the use of different levels. In order to obtain the
dancers position, the stage is observed by a depth-camera located in the front
centre of the stage at floor level. Precision of information needs to be balanced
with the size of the covered area, which can reach up to seven meters (see right
part of Fig. 1). The limited, fan-shaped camera view divides space into active
and inactive zones, which become important for controlling sound densities
1 | For a video of the piece see https:/ /www.researchcatalogue.net/view/254382/
318754 (URL accessed 21. February 2017).
## Page 148
Jan Schacher, Angela Stoecklin146
and silences. The corporeal presence within overlapping sound-zones genera -
tes a polyphony that needs to be negotiated by the dancer.
The third and longest part of the piece mixes the interpretations of time
and space and gives more freedom in how to shape the choreography and com-
position. The dancer is simultaneously creating, listening, and letting herself
be surprised by the outcome. Her focus shifts from the corporeal to the audi -
tive, continuously alternating between sound and movement, between actions
as triggers and actions as modulation. In addition, she needs to maintain a
sense of the developing dramaturgic arc. Her attention shifts through differ -
ently shaded states between the corporeal and the auditive, sometimes closer to
sound, sometimes closer to movement. This brings about specific psychophys -
ical and mental-kinetic states of sounding-moving or listening-moving . By simul-
taneously choreographing and composing she enters into of a kind of dialogue
with herself. To trigger a sound through movement while listening to it, then
to immediately react by modulating the movement that again produces sounds,
leads to a unique cycle of interconnectedness. Independent musical decisions
by the musician provide an extra element of direct interaction. Thus the piece
creates a field of connections between movement and sound, which are at times
so tightly interwoven, that they fuse into a unified sensory perception.
When performing in this way several threefold principles are active: the past
informs the approach in the present, which already anticipates the future. The
mode of improvised creation (Lampert 2007) generates a constant juggling be -
tween past, present and future, as well as a shift between doing, listening, and
reflecting. The very first action being influenced by previous explorations, the
current state of the actors, the atmosphere of the given venue, the publics pres-
ence sets the direction for the piece, for the story to develop. The performers
awareness is oriented towards elaborating what arises from an inner impulse.
At the same time, the flow of the piece requires a readiness to alter intentions
at any moment, reacting to impulses from outside. These conditions produce a
threefold kind of presence: coming from, living with, and inviting associations
and expectations; they feed into what is happening on stage.
The same threefold division also occurs throughout the development and
investigation process. The original framing lingers on in the actualisation dur -
ing the test-performances, providing the basis for evaluation and reflection,
which inform the next actualisation. This cycle has interesting consequences
for determining artistic autonomy, agency, and decision taking between the
two artists. It becomes evident that within the overall development process of
this piece moments of decision occur at different times: the musician deter -
mines the structures and relationships before the performance, whereas the
dancer shapes them during the performance. Once the piece has been per -
formed, the experiences created and lived, the roles of both become equivalent
and the translation can be completed. A proper balance between the musicians
## Page 149
Unequal Twins, Asymmetrically Coupled 147
and dancers agency may only be achieved in a third phase following those of
composition, development, and performance: that of reflection.
The dualistic distinction between art works and perceivers has given way to the analysis
of the interaction between production and reception. The perception and interpretation
of art works has come into focus as a contingent process led by specific interests and
conditions (Ursprung 2010: 91, our translation).
In the process of developing and performing this piece, the change in status de-
scribed by Ursprung does indeed occur. The »contingent process« of perception
and interpretation can be traced through the various phases of the project, both
for audiences and artists. Even during a performance there is no distinction
between production and perception: through hyper-reflection (Kozel 2007) the
artists take up both points of view. Likewise, the public is not only perceiving
passively: it is their presence, which enables the moment of performance in the
first place. The public is being carried through different states of perception, of
empathetic listening and kinaesthetic co-moving, of listening to movement and
seeing sounds. Perception and interpretation occur simultaneously with the per -
formance, making each person part of the circumstances. By partaking and ex -
periencing the actions, decisions, and dynamics of the piece, they co-construct
the piece for themselves. This enactive participation (Dewsbury 2000) even if
merely on a sub-personal and pre-reflective level (Gallagher 2014) creates the
sense of play (Di Paolo et al. 2008; Huizinga 1955) and engagement (Gallagher/
Lindgren 2015) that is central to performing (arts).
The dispositive put in place for this piece endows technology with a specific
mediating role. In particular it inshapes the relationship between composer
and performer, choreographer and musician, instrumentalist and mover. In the
intertwined dependency of the technical link, the roles of musician and dancer
do not conform to conventional patterns. Consequently, the dancers task be -
comes a dual one: she shapes the piece as a choreographer through movement
and her actions provide impulses to the sound. At times she is a choreographer
who also creates the sound-scape, focusing on how her movement is shaped
in time and space. At other times she is a composer playing the instrument by
means of her body, focusing on the rhythm of sounds, the phrasing, and the
musical arcs.
The musical composition is not located on the same level as the open-form
choreography developed during the performance. Given that the electronic
sound processes, which are set in motion, must be defined beforehand, once the
performance begins compositional choices have already been made. According-
ly, the musical domain functions on at least two levels.
On the one hand, the choice of sensors, processes, sound materials, and
diffusion system, as well as the mapping that connects movement to sounds
## Page 150
Jan Schacher, Angela Stoecklin148
represents a complex instrument. 2 These aspects cannot be completely rede -
fined in the course of the performance. Built on the capabilities, limitations,
and affordances for moving, this instrument may be considered to extend to
the edge of the movement domain. Its outermost layer is located at the wearable
sensors on the skin of the dancer and through the camera covering the space
of the stage. Even if the dancer may be considered a part of the musical instru -
ment, she remains the subject who also plays it.
Figure 2: The asymmetrical cycle of influence and shared but constrained
control. Graphics: Jan Schacher.
The composition, on the other hand, resides in the movement decisions, the
choice of interaction modalities used in the different sections, and the overall
dramaturgic arc that was developed in the cyclical process discussed earlier.
2 | This may also be regarded as an instrumentation that is necessary for experimental
processes, a technological thing (see Rheinberger 1992).
## Page 151
Unequal Twins, Asymmetrically Coupled 149
The choice of musical processes and the ordering in pools of sound-materials
according to specific musical characteristics only form part of the composition.
The movement syntax becomes an intrinsic part of the composition because
the sound generation mechanisms depend on it.
The circular dependency between movement and sound actions blurs the
boundaries between musician and dancer. Musical structures, rhythms, mix -
tures, and developments emerge from the relations between movements that
are oriented towards, or avoid, certain responses from the sound system. These
responses are in turn optimised to a certain degree for specific movement
qualities, thus reinforcing their use. In contrast, some of the sound systems
behaviours are deliberately left indeterminated, in order to open up a space for
surprise and the need to continuously adapt to the unpredictable. The crystalli -
sation of these relationships represents one of the core benefits of the repeated,
iterative development process.
In the space of the performance, the bodys presence and the sounds pres-
ence are by no means equal. The dancer is being perceived as the sole agent of
the piece and occupies the focal point of attention. The dancers state is mate -
rial, embodied, and fully intersubjective (Merleau-Ponty 1962) and creates a
denser kind of presence than the immaterial emissions of electronic sounds.
As a consequence, the two domains cannot fuse completely. However, the agen-
cy in sound cannot always be attributed to the dancer, mainly because changes
and evolutions operate in the sound, which are not perceivable as the conse -
quence of her actions. This is where the musicians presence and co-perform -
ing with musical elements comes into play and produces ambiguities.
This leads to the questions about agency, autonomy, individuality, and sub -
jectivity. The configuration of Moving Music produces an asymmetrical interde-
pendency between the dancer and the musician, a cycle of shared but limited
control, of shared responsibility (see Fig. 2). While during the performance,
both dancer and musician are active, the main responsibility for generating
the energy of the piece lies with the dancer. The musician seems not to partake
in shaping the piece because his principal decision concerning the sound ma -
terial have already been taken. During the evolution of the piece he does not
fundamentally change the interrelationships and dependencies put in place,
even though he chooses sound elements and modulates predetermined musi -
cal relations. But then again, his active judgements during performance, while
guiding the system and taking additional musical decisions, are part of the
process and constitute the dialogue with the dancer.
The unequal, asymmetrically coupled agency which is present while per -
forming is a consequence of the way the piece was originally framed, of the
questions that were set out at the beginning of the process, and particularly of
the choice to base interaction on the technical link between motion and sound.
When taken literally, the paucity and limited dimensions provided by motion
## Page 152
Jan Schacher, Angela Stoecklin150
sensing technology lead to rigid relations and equally limited expressivity. The
constraint, however, has the potential to produce a type of tension and modes
of interaction that are unique to working with technical tools in performance.
This inherent contradiction can provide a productive base for artistic investiga -
tions and exposes some of the fundamental principles that connect movement
to sound. It also reflects the conflict that is implicit to living with technology,
which is a common state of being today.
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Vermessene Körper, digitale Musikinstrumente
Drei Spurensuchen mit Gestischen Controllern
Andi Otto
A musical instrument should be understood in its fun -
damental meaning as an instrument which is used to
make music. (Kvifte 1989: 91)
Es klingt pragmatisch und verdächtig tautologisch, was Tellef Kvifte zu Mu -
sikinstrumenten bemerkt: Sie sind, was wir benutzen, um Musik zu machen.
Man vermutet zunächst, dass man sich hier mit der Erklärung, was instru -
mental bedeuten kann, die viel größere Frage einfängt, was denn Musik sei.
Der Sinn zeigt sich erst, wenn man die Fokussierung auf die playing technique
beachtet, die Kvifte als Bedingung seiner Überlegungen zu einem aktuellen
Begriff des Musikinstruments 1989 formulierte (Kvifte 2007). Nachdem Klas -
sifikationsansätze von Musikinstrumenten im 20. Jahrhundert fast ausnahms -
los bei der Klangerzeugung ansetzten, rückte bei Kvifte der musizierende Kör -
per ins Zentrum. Dies geschah im Kontext von elektronischen und digitalen
Klangerzeugern der 1980er, als der MIDI-Code
1 sich etabliert hatte und unend-
liche neue instrumentale Kombinations- und Konfigurationsoptionen am Ho -
rizont erschienen, wie man zukünftig als Musiker mit Klang umgehen würde.
Die Bewegung eines Körpers in Relation zum so gestalteten Klang erkannte
Kvifte als kleinsten gemeinsamen Nenner des Instrumentalen, ganz gleich in
welcher Medienepoche.
1 | 1983 wurde der MIDI-Standard eingeführt, um digitale Geräte im Tonstudio und auf
der Bühne herstellerübergreifend miteinander kommunizieren zu lassen. MIDI steht für
»Musical Instrument Digital Interface«, im Protokoll werden u.a. Informationen wie No -
tennummer (Tonhöhe), Velocity (Anschlagsstärke) und kontinuierliche Parametersteue -
rung übertragen, der Code folgt damit im wesentlichen den Paradigmen der Klaviatur.
Der MIDI-Standard ist bis heute weit verbreitet, um Synthesizer, Sampler und Musik -
software anzusteuern.
## Page 156
Andi Otto154
In elektronischer Musik bieten sich im Gegensatz zur traditionellen, mech-
anischen Instrumentalität Möglichkeiten etwa der Automation, Reproduktion,
Verräumlichung und Programmsteuerung von Sound, die sich heute tief in
die unterschiedlichsten Bereiche der Musikpraxis integriert haben. Die im vor-
elektronischen Zeitalter sich stets im blinden Fleck des Instrumentalkonzepts
befindliche Aktivität eines Musikers rückt damit in den Fokus, indem sie ent
-
weder konterkariert oder bewusst inszeniert wird. Dass eine Trommel oder
eine Klarinette nur klingt, wenn jemand sie spielt, ist selbstverständlich. Dass
aber in der Tradition von Selbstspielklavieren und Spieluhren elektroni
-
sche Musik auch ohne eine körperliche Bewegung erklingen kann, stellte im
20. Jahrhundert verschiedenste Herausforderungen an musikalische Bühn -
ensituationen. Zwischen der reinen Medien-Inszenierung im Acousmonium
oder Lautsprecherkonzert und einer Aufführungspraxis (mindestens) zweiter
Ordnung bei DJs sind die Kategorien dessen, was als »live« angekündigt wird,
heute weit aufgefächert. Vor diesem Hintergrund gewinnt Kviftes strange loop
zwischen Musik und Instrument an Schärfe: Sobald eine Körperbewegung
Musik hervorbringt, erkennen wir ein Musikinstrument als etwas, das zwi
-
schen Bewegung und Klang präsent sein muss. Es wird medial. Die Unterschei -
dung von elektronischen Musikinstrumenten und simplen Play-Knöpfen liegt
nicht in technischen Schaltungen, Oberflächen oder im Material begründet,
sondern in ihrem Gebrauch.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Körperbewegung und Klang gehen
in elektronischen, insbesondere in digitalen Instrumenten eine symbolische
Verbindung ein, die musikalisch funktionieren muss, damit wir von Instru -
menten sprechen, wenn Computer auf der Bühne stehen. Die ästhetische
Funktion einer Bewegung muss immer erst im arbiträren Gefüge einer Soft -
ware definiert werden, damit sie zu Klang werden kann. Diese Medialität birgt
ein neues Potenzial für aktuelle Musikinstrumente, wobei sie eigene Ästheti
-
ken und Historizität mitbringt, denen dieser Beitrag auf die Spuren kommen
möchte.
g e Sti Sche c ontroller
Der Eingabeteil eines digitalen Musikinstruments, das Interface, das für sich
genommen keinen Klang erzeugt, wird Gestischer Controller genannt, wenn
damit die Daten potenziell freier Körperbewegungen erfasst werden. Konkreter
bestimmt wird ein Gestischer Controller, indem man seine Nähe zu existen -
ten Instrumenten untersucht (Miranda/Wanderley 2005) oder die physischen
Eigenschaften in der Interaktion (Tanaka 2000). Generell gilt: Damit eine Ges-
## Page 157
Vermessene Körper, digitale Musikinstrumente 155
te zu Code werden kann, der im zweiten Schritt des Mappings 2 zu Klang wird,
müssen die Körperbewegungen durch Sensoren zunächst vermessen und digi-
talisiert werden. Dabei werden Sensoren eingesetzt, welche die Bewegung und
Lage eines musizierenden Körpers vermessen, etwa Gyroskope, Accelerome -
ter, Distanz- und Drucksensoren oder Kameras. Ein Beispiel für einen Gesti -
schen Controller habe ich auf dem Symposium der gtf mit meinem mit Senso-
ren erweiterten Cellobogens Fello gezeigt. Die Bewegungen des Bogens in der
Luft werden in Geschwindigkeit, Fingerdruck und Lage erfasst, digitalisiert,
drahtlos an den Rechner gesendet und dort zu musikalischen Steuerdaten pro-
zessiert, die das live verstärkte Cello modulieren, indem sie etwa seine Töne
dynamisch wiederholen und verändern. Das eigentliche Spiel beginnt oft erst,
wenn der Bogen die Saiten verlässt und in der Luft mit dem komplexen Echo
dessen interagiert, was das Mikrofon im Cello an Klang erfasst. Anstatt hier je -
doch das Konzept meines eigenen Instruments auszubreiten, möchte ich mich
auf eine Reflexion der Eigenschaften von Gestischen Controllern im Kontext
des Themas des Symposiums konzentrieren. Zwischen Klang und Bewegung
bilden sich Spuren aus, Klangspuren in Bewegung oder andersherum. Diesen
mittleren, vermittelnden Begriff der Spur möchte ich hier hinterfragen, in -
dem ich ihn medientheoretisch und historisch auffasse und ihn auf das Feld
Gestischer Controller und digitaler Musikinstrumente anwende. Traces span-
nen sich, geschrieben und gelesen, zwischen den gestalterischen Polen Sound
und Moves eines digitalen Musikinstruments. Im Begriff der Spur steckt ein
besonderer Blick auf das Verhältnis von Körper und Klang, ein medienspezi -
fischer Blick auf Speicherung und Aufzeichnung, um die flüchtigen Aktionen
der Musizierenden in der Zeit oder der Tanzenden im Raum festzuhalten und
ihnen nachzuspüren.
Es erscheinen im Konzept Gestischer Controller drei Bedeutungsfelder der
Spur zwischen Bewegung und Klang:
1.
Medienästhetische Spuren. Zunächst ist da die Vermessung eines musizie -
renden Körpers, bei der Sensoren Daten bereitstellen, die in den Algorith -
men des Mappings musikalisch interpretiert werden. Die Bewegung des
Musikers wird in Code repräsentiert, der sich dann im Klang abbildet. Die
Aufzeichnung hinterlässt Spuren, deren medientheoretische Differenz zu
den erzeugten Mapping-Daten hier interessant ist.
2.
Technische Spuren. Sowohl solche Steuerinformationen als auch Audiodaten
laufen durch die Puffer und Speicher des Rechners, werden gleichzeitig
geschrieben, ausgelesen, übertragen und prozessiert. Das eröffnet zeitba -
2 | Mapping bezeichnet die Verknüpfung von Input- und Outputdaten in einer Soft -
ware. Bei digitalen Musikinstrumenten ist dies die Verbindung von Interface und
Klangsynthese.
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Andi Otto156
sierte Gestaltungsoptionen wie Repetition, Reversibilität und Rekonfigura -
tion, die in traditionell instrumentalen Umgebungen ohne elektronische
Medien unmöglich wären.
3. Historische Spuren. Die Pionierarbeiten rund um das SensorLab des STEIM
(Studio for Electro-Instrumental Music) in den 1980er Jahren lassen histori -
sche Spuren Gestischer Controller erkennen. Eine Archäologie dieser Spu -
ren erhellt die ästhetischen Strategien und Techniken aktueller digitaler
Instrumente.
m edienä Sthe ti Sche S puren
Das Symbolische, das in die Kette musikalischer Aktionen zwischen Hand
und Ohr einzieht, ist das Besondere am Gestischen Controller im Vergleich
zu traditionellen Musikinstrumenten. Indem im Digitalen die Erfassung und
Rasterung einer Geste und die Klangerzeugung durch beliebig zu konfigu -
rierende Mappings verbunden werden, ist die Frage, was klingt, wenn etwa
eine Hand sich hebt, ein vollständiger Aspekt künstlerischer Entscheidung ge -
worden. Die gestaltete Verknüpfung von Geste und Klang ist arbiträr, so das
Schlagwort der Semiotik zum Symbolischen im Digitalen. Zeichen und Be -
zeichnetes sind ausschließlich über kulturelle, soziale oder ästhetische Kon -
ventionen verknüpft (Withalm 2010). Materielle Bedingungen des Instrumen -
talen lösen sich tendenziell auf bzw. rücken in den Bereich von Metaphorik
und Inszenierung, können dynamisch umgedeutet werden, gelten nur für den
Moment oder zerschmelzen schon wieder, während man sie zum ersten Mal
wahrnimmt. Die Handbewegungen eines Musikers werden zur Zahlenfolge,
die auf Interpretation angewiesen ist, um sinnlich zu werden. Man ahnt, dass
das musikalische Funktionieren eines Instruments, also Kviftes Bedingung
zum Erkennen eines Instruments, im Digitalen nicht trivial ist.
Interessant für den Begriff der medialen Spur, den die aufgezeichnete Be -
wegung darstellt, ist ihr sinnhafter Überschuss jenseits der Bedeutung eines
konkreten Zeichensystems. Sibylle Krämer erläutert die Spuren, die im Medi -
engebrauch entstehen, über das Verhältnis von Rede und Stimme. Während
die Bedeutung einer Rede erst durch die Stimme aktuell wird, indem sie aus -
gesprochen wird, erzeugt die Stimme selbst weitere Bedeutungen und Nuan -
cen, die sich zusätzlich um die sprachlichen Zeichen der Rede herum ereig -
nen. Dieses Surplus an Bedeutung neben dem bezeichneten Inhalt ist durch
Spuren im Medium verursacht.
Auf dieses Phänomen der Spur im Unterschied zum Zeichen kommt es hier an. Auch
Spuren werden interpretiert, doch sie gelten als ein […] vorsemantisches Phänomen.
Spuren sagen uns nichts, sondern sie zeigen uns etwas. Vor allem aber: das, was sie
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Vermessene Körper, digitale Musikinstrumente 157
zeigen muss beiläufig, also unbeabsichtigt entstanden sein anderenfalls handelt es
sich nicht um eine Spur, sondern um ein bewusst als Spur inszeniertes Zeichen. (Krämer
1998: 79)
Krämer fokussiert mit diesem Spurbegriff ganz im Sinne von McLuhans Slo -
gan The medium is the message nicht die übertragenen Zeichen eines Mediums,
sondern weist auf diejenigen Eigenarten des Kanals hin, die sich zum Inhalt
vorsemantisch verhalten. Festzuhalten ist hier, dass die Spuren des Mediums
von den in ihm transportierten Zeichensystemen zu unterscheiden sind und
dass sie sich tendenziell im blinden Fleck des Mediengebrauchs abspielen.
Was leistet dieses Modell im Hinblick auf digitale Musikinstrumente? Man
kann über Krämers Illustration der Differenz von Rede und Stimme eine Un -
terscheidung von sprachlichen und nichtsprachlichen Aspekten des instru -
mentalen Systems vornehmen.
Musik ist nichtsprachlich, sie ist reich an Spuren, das zeigt uns der Gesang,
den die Stimme gestaltet, ohne einer Semantik zu folgen. Im Spiel mit Ges -
tischen Controllern sind die Spuren der Sensor-Interfaces somit alles, was sich
in einer Spielgeste neben ihren formalisierbaren Aspekten ereignet, denn die
Formalisierung, das Mapping, ist sprachlich. Hier liegt ein wesentlicher Unter-
schied zwischen traditionellen Instrumenten und digitalen: Die symbolische
Architektur rund um einen Gestischen Controller ist (programmier-)sprach -
lich strukturiert. Wenn es beim Musizieren beispielsweise nur darauf ankäme,
welche Taste am Klavier zu welchem Zeitpunkt gedrückt wird, verhielte sich
die gesamte Peripherie der Gestik eines Pianisten ornamental zum Zweck
und wäre in der Programmiersprache eines digitalen Systems, welches das
Klavierspielen sensorisch erfasst, überflüssig. Dennoch braucht jeder Musiker
mehr Bewegungen als jene, welche die Spielgesten effektiv an das Instrument
übermitteln. Die kreisenden Arme von Rockgitarristen, die verzerrten Posen
der Jazz-Saxofonisten oder das Stöhnen von Keith Jarrett sind, so könnte der
Programmierer sagen, überschüssige Inszenierungen des Spiels. Um die klan-
grelevante Spielgeste zu reproduzieren, kann sie aus dem Datenstrom gekürzt
werden. Diese Bewegungen sind jedoch für den Musiker nicht zu subtrahie
-
ren, da in ihnen das Körperwissen steckt, in dem sich die spezifische Praxis,
Stil und Genre der Livemusik ausbilden. Welche Rolle spielt dieser Überschuss
im Setting digitaler Instrumente?
Eine reduktionistische Perspektive, die das Instrumentalspiel alleine durch
die Sprache der Mapping-Algorithmen betrachtet, lässt diese Spuren außer
Acht. Das Besondere an der sensortechnischen Erfassung einer Spielgeste ist,
dass sie alle diese Spuren unabhängig von der Bedeutung von Bewegungen am
Instrument aufnimmt. So wie ein Mikrofon (das auch ein Sensor ist) Spuren
der Schallereignisse mitschneidet und nicht Sprache, da diese erst im Anhören
und Verstehen der phonographischen Mitschnitts entsteht (Großmann 2013),
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Andi Otto158
registriert etwa der Accelerometer am Cellobogen alle Bewegungen zunächst
unabhängig von ihrer Funktion und musikalischer Bedeutung. Erst durch das
Mapping entsteht programmiersprachliche Bedeutung im musikinstrumen -
talen System.
Diese Perspektive auf die technischen Repräsentationen von Spielgesten als
Spuren begreift die Komplexität der Körpermotorik als Realität instru
mentalen
Handelns, die in der Digitalisierung zwar gerastert, aber nicht zwangsläufig re-
duziert wird. Die Kanalisierung des Datenstroms in Algorithmen entlang Ent -
scheidungen zur Inszenierung des symbolischen Instruments ist mit Krämer
die Rede, deren Zeichen im Code zu finden sind. Der vermessene Körper ist
die Stimme dieser Rede.
t echni Sche S puren
Mit den beschriebenen medienreflexiven Spuren gehen auch technische Spu -
ren einher. Als Computer in Musikinstrumente integriert wurden, eröffneten
sich neuen Komplexitäten in den Bedingungen des Musizierens. In analogen
elektronischen Instrumenten waren diese wohl schon strukturell angelegt,
konnten sich aber erst im Digitalen massiv manifestieren: Ausgestattet mit
dem Potenzial der Simulation können sämtliche Epochen von Musiktechnolo -
gie in Audiosoftware zur simultanen Anwendung kommen (Collins 1993) und
sie sind nahezu beliebig kombinier- und kaskadierbar.
Die Tatsache, dass die Steuerdaten eines Gestischen Controllers genau wie
die Audiodaten der Klangerzeugung durch Speicher und Puffer laufen, lässt
sie Spuren schreiben, auf die zurückgegriffen werden kann. Die musikali
sche
Performance bewegt sich, ausgestattet mit zahlreichen Puffern, mit einem
metaphorischen Ariadnefaden (Serres 2015) durch das Labyrinth musikali
-
scher Zeit. Eine Undo -Funktion beim Musizieren, sogar live auf der Bühne,
kann es ohne digitalen Speicher nicht geben. Und Klänge können wiederholt
werden, sie bilden Loops und Echos und damit neue Rhythmen, Pulse und
Texturen, die sich aus dem Verklungenen speisen. Die Entwicklung einer
Komposition oder Improvisation mit Zeitachsen-Manipulationen in digitalen
Medien ist somit eine Ent-Wicklung des Fadens als technischer Spur. Reversi -
bilität lädt nicht nur zum Probehandeln ein, lässt Experimente entstehen, die
sich scheinbar nur als Test in die Gegenwart ausstrecken und jederzeit zu -
rückgenommen werden können. Sie eröffnet Strukturen der Postproduktion,
die in den Moment der Aufführung verlegt werden können. Damit werden die
gewohnten Kategorien des Instrumentalen als einer unmittelbaren Klangge -
staltung ausgehebelt. Die spezifische Medialität des Instruments wird hier be -
sonders deutlich. Als Kontrast zu einem Phantasma des Un-Mittelbaren, also
einem als direkt und medienfrei imaginierten musizierenden Umgang mit
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Vermessene Körper, digitale Musikinstrumente 159
Klang, wie er sich häufig hinter dem Begriff der Expressivität verbirgt, wird die
Mittelbarkeit der Klanggestaltung mit Gestischen Controllern gerade durch
die zeitliche Collage von Speicherspuren evident.
h i Stori Sche S puren
Avantgarde und Pionier sind in der Kunst die Begriffe, die das Erste, das Vor -
auslaufen illustrieren. Bei aller Kritik an der kaum reflektierten und fast alter -
nativlosen Verwendung dieser Metaphern militärischer Strategien im Bereich
der Ästhetik (cutting edge oder Speerspitze sind nicht weniger martialisch) steckt
darin auch das Bild Spur: Erst wenn die Vorhut den neuen Weg markiert, ge -
spurt hat, können andere folgen und das Explorierte weiter ausbauen. Was Ges-
tische Controller und digitale Musikinstrumente betrifft, lässt sich eine solche
Pionierrolle in den Arbeiten im Studio for Elektro-Instrumental Music (STEIM)
in Amsterdam in den 1980er Jahren erkennen. Als der MIDI-Standard 1983
als Code zur Kommunikation digitaler Interfaces und Klangerzeuger etabliert
wurde, gehörten die Künstler und Techniker des STEIM zu den Ersten, die
diesen Code aus Körperbewegungen mittels Sensoren und entsprechenden
Wandlermodulen jenseits der Standard-Interfaces generierten.
Aber es ist unmöglich, auf ein Erstes zu zeigen, ohne dahinter eine His -
torizität zu sehen. Die SensorLab -Arbeiten am STEIM, die gleich detaillier
ter
erläutert werden, fielen nicht vom Himmel, sie bauten auf Entwicklungen und
Ideen des 20. Jahrhunderts auf, in denen der musizierende Körper als Spieler
neuer Instrumente nicht mehr als den Rang eines Operators besaß, der die
Konfiguration bediente. Es galt schon in anderen elektronischen Instrument -
en des vergangenen Jahrhunderts, dass das spezifische Wissen des Körpers
sich im Klang abbilden kann, wenn das instrumentale System entsprechend
gestaltet wird. Mit dem Theremin, das bald seinen 100. Geburtstag feiern
wird, zog ein auditiver Distanzsensor als Urahn technisch-gestischer Klang -
gestaltung in die Welt der Musikinstrumente ein. Vor allem wegen sei
ner
spektakulären Spielweise hat das Theremin weite Wellen geschlagen, die bis
in die Gegenwart reichen. Die Gestik der Hände im elektrischen Feld zweier
Antennen bildet sich berührungslos im Klang ab, eine Hand steuert die Laut -
stärke, eine andere die Höhe des ansonsten statischen Tons. Die Virtuosität,
die das Spiel des Instruments erfordert, ist legendär und ließ den technischen
Apparat, der mit seinen Mess-Schaltkreisen und Schwebungssummern im
Grunde ein modifiziertes Radio war, umstandslos als Instrument erscheinen,
weil es erlernt und gemeistert werden musste. Das Neue war hier der Tanz
des Musikers, der einerseits auf die Unsichtbarkeit des elektronischen Medi -
ums aufmerksam machte: die Klänge aus der Luft rekurrierten auf die spiritis -
tischen Technikmetaphern und Äthertheorien des 19. Jahrhunderts, so wurde
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Andi Otto160
das Instrument auch Ätherophon genannt. Andererseits wies die Spielweise in
die Zukunft und eröffnete Utopien für neue Instrumente. Diese betrafen nicht
nur, wie Busoni es formulierte, neue Klangfarben, die den Komponisten von
den fesselnden Beschränkungen des Orchesters befreien sollte (Hagen 2008),
sondern versprachen als neue Körpertechniken das Finden noch unbekannter
Klangästhetiken und somit auch neuer Musik. Der Dirigent, Komponist und
Technikeuphoriker Leopold Stokowski beschrieb diese Idee 1943:
Today we are at the verge of one of the greatest steps in the evolution of musical instru -
ments that perhaps can ever take place that is, the invention and development of mu -
sical instruments in which the tone is produced electrically, but is played and control -
led through a musicians feeling, technical skill, and intuitive understanding. […] Some
types of melodies, where tones glide to another with a curved motion, will possibly be
played on a wire somewhat like a cello string or by electrical instruments similar to those
invented by the Russian Theremin or the French Martenot. (Stokowski 1943: 169-70)
Leon Theremin erweiterte sein Instrument zum Terpsiton , das als Musical
Dance Stage 1932 in der New Yorker Carnegie Hall präsentiert wurde (Ploebst
2011). Das Konzept übernahm John Cage in Variations V , die er 1965 für die
Merce Cunningham Dance Company komponierte: David Tudor baute die be -
wegungsreaktive Klangarchitektur aus Theremin-artigen Antennen und Foto-
zellen.
Während in diesen Beispielen Körperbewegung und Klangmodulation
noch analog verlaufen, also ebenso verknüpft sind wie etwa die Lage des Po -
saunenzugs mit der Tonhöhe, leistet die Digitalisierung der Bewegungen mit
Gestischen Controllern den Schritt ins Symbolische. Ein Datenstrom steht zur
Interpretation bereit, befreit von Mechanik und Material realer Klangerzeuger.
The Hands von Michel Waisvisz gilt als erster Gestischer Controller, der MI -
DI-Code ausgeben konnte. Waisvisz wählte den Yamaha DX7-Synthesizer als
Klanggenerator und entlockte der FM-Synthese Klangfarbenvariationen, die
mit dem Standardinterface, dem Keyboard, nicht spielbar waren (Otto 2017).
Seine physische Präsenz in der Improvisation mit elektronischem Klang in
seinen offen angelegten Kompositionen wie Touch Monkeys (1986) oder The
Archaic Symphony (1988) ließen zahlreiche internationale Künstler auf diese
Forschungen am STEIM aufmerksam werden und selber mit Sensoren ar -
beiten (2017). Jon Rose erweiterte seinen Geigenbogen, Michael Barker die
Klappen einer Bassblockflöte, Joel Ryan und Michel Waisvisz entwarfen The
Web als ein taktiles Spinnennetz, in dem eine Handgeste immer zahlreiche
Parameter auf einmal variiert, um die Komplexität der instrumentalen Klang -
farbengestaltung ins Technische zu übertragen. Als schließlich zu Beginn der
1990er das internationale Artist-In-Residence-Programm am STEIM anlief,
war bereits so viel Erfahrung mit individuellen Sensor-Interfaces gesammelt
## Page 163
Vermessene Körper, digitale Musikinstrumente 161
worden, dass das STEIM SensorLab als Baustein zur Analog-Digital Wandlung
von Sensordaten in MIDI-Code in Serie gefertigt wurde. Über 200 Projekte hat
das STEIM in den 1990er Jahren mit dem SensorLab unterstützt.
Sich diese frühen Arbeiten Gestischer Controller genauer anzusehen, ver -
spricht Einblicke in die historischen Grundlagen der heutigen Arduino-Kul -
tur.3 Diese USB-Boards zur Wandlung von Sensoren sind kostengünstig und
relativ einfach zu konfigurieren, so dass es heute zum Standardrepertoire von
Kunsthochschulen gehört, Einsteigerkurse für Sensor-Interfaces anzubieten.
Ein Bewusstsein für die medienreflexiven und historischen Spuren dieser
Praxis hilft, Trivialität in aktuellen Projekten musikalischer Interfaces zu ver -
meiden. Frühe Herausforderungen der instrumentalen Anwendung digitali
-
sierter Bewegungsdaten auf Klang waren etwa das Live-Sampling Anfang der
1990er, als Rechner kaum Audiodaten in Echtzeit verarbeiten konnten, oder
die Fragen nach der Sinnhaftigkeit von Ergonomie und Automation im Inter -
facedesign (Ryan 1992). Diese sind in den 1990er Jahren in künstlerischen
Forschungsprojekten am STEIM ausgelotet worden. Die Notwendigkeit der
Sichtbarkeit von Archiven der Performancekunst ist ein Faktor für die Quali
-
tät aktueller Klangkunst rund um Gestische Controller. Ursprünglich außer -
musikalische Technologien wie Sensoren und Mikroprozessoren werden
musikalisch interpretiert und erweitern so den Begriff des Musikinstrumen -
talen. Technologie wird benutzt, um Musik zu machen. Sobald dies ästhetisch
funktioniert, beobachten wir Musikinstrumente.
l iter atur
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3 | Seit einem guten Jahrzehnt sind Arduino-Boards ein preisgünstiger und relativ ein -
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## Page 164
Andi Otto162
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## Page 165
Tracing White Noise
Eine Annäherung an medienchoreografische Verfahren am
Beispiel von »Nine Evenings: Theater and Engineering« (1966)
Anna-Carolin Weber
1. e inleitung
My piece begins with an authentic tennis game with rackets wired for transmission of
sound. The sound of the game will control the lights. The games end is in the moment
the hall is totally dark. […] Tennis is movement. Put in the context of theatre it is a formal
dance improvisation. The unlikely use of the game to control the lights and to perform
as an orchestra interests me.
Robert Rauschenbergs Ankündigung der Performance Open Score im Pro -
grammheft der 1966 aufgeführten Nine Evenings: Theater and Engineering
(Lippard 2006: 66) ist nicht nur für das erwartungsvolle (Tanz-)Publikum
provozierend und herausfordernd zugleich: Laut dem bildenden Künstler Rau-
schenberg wird ein Tennis-Match im Theater-Kontext zur Tanz-Improvisation.
Eine solche Verortung irritiert Erwartungen, Konventionen und Kategorien
von Theater, Tanz und Sport sowie sie gleichzeitig die Perspektive auf Theater,
Tanz und Sport als Dispositive eröffnet.
Folgt man Rauschenberg und begreift Open Score als Tanz, so stellen sich
zum einen Fragen nach den Regeln dieser spezifischen, medienübergreifen -
den Bewegungs-(An)Ordnung und zum anderen nach den Prinzipien der
choreografischen Verfahren, mit denen operiert wird. Wird die Relation von
Sound Traces Moves als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit
der medienübergreifenden choreografischen Struktur in Open Score gesetzt,
so gelangen medienchoreografische Verfahren in den Blick. Medienchoreo -
grafische Verfahren versammeln Methoden, Prinzipien und Konzepte, die in
medienübergreifenden Choreografien die Bewegungsordnung strukturieren.
In diesem Beitrag erörtere ich den Begriff des medienchoreografischen Ver -
fahrens als Grundlage für die Auseinandersetzung mit medienübergreifenden
## Page 166
Anna-Carolin Weber164
Choreografien in Mediendispositivanalysen. In einer solchen Analyse kann
z.B. gefragt werden, wie sich das Verhältnis von Sound und Bewegung gestal -
tet sowie sich audio-visuellen Bewegungsspuren und den hieraus resultieren -
den Sinneseindrücken auf die Spur kommen lässt. Welche Herausforderun -
gen erwachsen aus der Interaktion von Bewegungs- und Soundspuren für die
Zuschauenden, wenn sich diese Interaktionen vornehmlich in einem Feld des
Non-Verbalen, jenseits naheliegender Bedeutungszuweisungen oder deutlich
hervorstechender Narrationsstränge vollziehen?
Für die Beschreibung der Klang-, Laut- und Geräusch-Ebene in den In -
szenierungen nutze ich im Anschluss an Wolf-Dieter Ernst et al. (Ernst/Niet -
hammer/Szymanski-Düll/Mungen 2015) Sound als relationalen Begriff um
den hörbaren Vollzug, die Performance von elektronischer Klangmodulation
und Geräusch mit Bezug zu den Bedingungen ihrer Hervorbringung, ihrer
Wahrnehmung und ihrer strukturierenden Funktion im Kontext mediencho -
reographischer Verfahren zu thematisieren.
2. f or Schung Sper Spe K tive
Meine Perspektive als Tanz- und Medienwissenschaftlerin bringt ein beson -
deres Interesse für spartenübergreifende Schnittstellen mit sich, so dass die
Perspektive von Sound Traces Moves einen fruchtbaren Ansatzpunkt zur
Beleuchtung meiner derzeitigen Forschung verspricht. Im Mittelpunkt mei -
nes Forschungsprojekts stehen medienübergreifende Choreografien und die
Herausforderung diesen methodisch beizukommen. An spartenübergreifen -
den Choreografien faszinieren mich die medienchoreografischen Verfahren,
die diesen zugrunde liegen, um verschiedene Medien wie Tanz, Musik, Licht,
Projektionen (Video oder Bild) in Auseinandersetzung miteinander zu in -
szenieren. Gleichzeitig gehe ich davon aus, dass medienchoreografische Ver -
fahren über Momente der Störung erst wahrnehmbar und damit analysierbar
werden. Meine tanzwissenschaftliche Auseinandersetzung ist geleitet von
einer medienkulturwissenschaftlichen Perspektive, die das Mediendispositiv
methodisch als Analyseansatz nutzt.
Im Folgenden argumentiere ich, dass Störung als Zugang zu medien -
choreografischen Vorgehensweisen verstanden werden kann sprich: Stö -
rungen funktionieren als Spur der jeweils spezifischen Funktionsweise
medienchoreografischer Verfahren. Voraussetzung für diese Argumentation
ist meine Auffassung, spartenübergreifende Choreografie als Mediendispositiv
zu denken.
## Page 167
Tracing White Noise 165
3. m edienchoreogr afi Sche v erfahren
und m ediendi Spo Sitivanaly Se
Mediendispositivanalysen lenken den Blick auf die strukturellen Bedingun -
gen, die Konventionen und Hierarchien, auf die institutionellen Praktiken und
Akteure sowie auf die medialen Apparaturen, die dem Mediendispositiv zu -
grunde liegen (Bührmann/Schneider 2008) und die in der Produktion und
Rezeption von Performances immer mitkonstituiert werden. Für die tanzwis -
senschaftliche Analyse medienübergreifender Choreografien bietet die Dis -
positivanalyse mit ihrem weiten Medienbegriff die weiterführende Perspekti -
ve, Tanz ebenso wie Film, Video, Licht, Musik etc. als Medium zu denken.
Um Mediendispositivanalysen zu konzeptualisieren, muss zunächst der Be -
griff Mediendispositiv dargelegt werden.
Mit dem Mediendispositiv lassen sich Normen, Konventionen, Erwartun -
gen, Praktiken etc. quasi die (mit Foucault gesprochen) vollzogene Institu -
tionalisierung von Erwartungen hinsichtlich dem, was zu einem bestimmten
Zeitpunkt unter dem (Theater-)Tanz oder dem Kino verstanden wird (bzw. das
Wissen darüber) fokussieren. »Eben das ist das Dispositiv: Strategien von
Kräfteverhältnissen, die Typen von Wissen stützen und von diesen gestützt
werden.« (Foucault 1978: 123) Das Dispositiv geht dabei mit dem Einbezug von
z.B. Praktiken, architektonischen, räumlichen und apparativen Anordnungen
über die Ebene des Diskurses hinaus und eröffnet den Blick auf die historische
Wandelbarkeit und Konstruktion der Zuschreibungen an das Mediendispositiv
Tanz oder das Mediendispositiv Kino.
Das Dispositiv als Netzwerk, Formation und relationaler Begriff bietet eine
produktive Perspektive für die Beobachtung, Beschreibung und Analyse me -
dienchoreografischer Verfahren. Denn: Das Dispositiv als Beschreibungsper -
spektive und Analysemethode ermöglicht es, Medienchoreografien in Bezug
auf ihre Funktionsweise(n) hin zu untersuchen. Mediendispositive konstituie -
ren sich über ihr mediales Setting, die apparative und architektonische Anord -
nung, dem Spiel mit Erwartungen sowie über die Verfahrensweisen, die aus
der Relation der einzelnen Parameter zueinander (Netzstruktur) entstehen.
Die Analyse eines Dispositivs zielt ab auf die Sichtbarmachung dieser Netz -
struktur und auf das Aufzeigen der Mechanismen, die ein Dispositiv als wahr -
nehmbare Struktur in Unterscheidung zu anderen Dispositiven konstruieren
und konstituieren. Dispositive organisieren, strukturieren und determinieren
bedingt durch ihre Apparatur und ihre mediale Funktionsweise die Wahr -
nehmung ihrer Rezipienten (Deleuze 1991). Gleichzeitig konstituieren aber
auch die Rezipienten durch ihr Rezeptionsverhalten, ihre Gewohnheiten und
Erwartungen dem Dispositiv gegenüber die Konventionen und Normen des
Dispositivs mit. Sprich: Die Konstitution, Steuerung und ggf. die Subversion
## Page 168
Anna-Carolin Weber166
von Wahrnehmungskonventionen müssen als wechselseitiger Prozess sowie
als historisch und kulturell wandelbar gedacht werden.
Dispositive und die mit ihnen verbundenen Konventionen, Ordnungs -
strukturen und Verfahrensweisen werden sichtbar, wenn im Prozess ihrer
Wahrnehmung Irritationen oder Störungen auftreten. Störung, Irritation und
veränderte Konventionen machen auf Dispositive als strukturell spezifisch
angeordnete Formationen aufmerksam, die die Wahrnehmung der Rezipien -
ten steuern bzw. diese geordnet wahrnehmen und Erwartungshaltungen auf -
grund einer bestimmten Rahmung produzieren lassen.
3.1 Störungen und deren Spuren
Störungen, Störpotenzial, Rauschen und Noise von Claude Shannon und
Warren Weaver 1949 als »nicht intentionales Hindernis in der Kommuni-
kation zwischen Sender und Empfänger« (zit.n. Gansel/Ächtler 2013: 7) und
somit als unproduktiv und negativ für zielgerichtete Kommunikation erklärt
bieten der Mediendispositiv-Analyse einen produktiven Ansatzpunkt. Denn:
Die Störung macht die Medialität von Medien sichtbar. Mit der Kategorie der
Störung rückt eine Dimension des Mediendispositivs in das Blickfeld der Äs -
thetik: »Rauschen ist das, was den Künstler fasziniert und den Nachrichten -
techniker stört« (Hiepko/Stopka 2001: 11).
Die produktiv-konstruktive Komponente, die Störungen zugesprochen
wird Ludwig Jäger bezeichnet diese als »grundsätzliche innere Planungs-
und Performanzdefekte« (Jäger 2004: 45) besteht im zentralen Verfahren
von Sinnproduktion:
Störungen markieren jenes Moment medialer Kommunikation, in dem sich die struktu -
relle Parasität als wie man weiter mit Derrida formulieren könnte differance, d.h.
als Spur und Aufschub habitualisierter Iteraktivität zur Geltung bringt. (2004: 60)
Mit der Störung, die die Stetigkeit und Kontinuität der Performanz stört (und
nicht unterbricht!), wird die Operationsweise des Mediums wahrnehmbar.
Dem Aggregatzustand der Störung stellt Jäger die Transparenz gegenüber,
er benennt Störung und Transparenz als mediale Zustände, die »alle Prozesse
medialer Sinn-Inszenierung durchlaufen« (2004: 59) und konstitutiv für die
mediale Performanz sind. Störung und Transparenz funktionieren nach Jäger
als zwei Modi der Sichtbarkeit, die sich in der Regel ausschließen: die Sichtbar-
keit des Mediums und des Mediatisierten (2004: 60). Als Effekt von Störungen
im Kontext von Mediendispositiven können nach Jäger »Normwechsel« ein -
treten, die dann zur »Erosion habitualisierter Bezugsrahmen« (2004: 61) füh -
ren. Störungen machen die Medialität von Medien sichtbar. Störungen zeigen
auf, wie Medien und Dispositive funktionieren. Denn: Medien und Dispositive
## Page 169
Tracing White Noise 167
funktionieren grundsätzlich so, dass sie die eigenen Operationslogiken verber -
gen. Nur im Moment einer Störung wird das Medium sichtbar (Mersch 2012).
Die Fokussierung von Performances unter dem Aspekt der Störung er -
möglicht unter einer kulturwissenschaftlichen Perspektive, Performances als
künstlerische Figurationen der Störung zu fassen, die Beobachtungen zweiter
Ordnung provozieren. Niklas Luhmann zufolge funktionieren Künste als Me -
dium der Beobachtung zweiter Ordnung. Die »polyvalente Dialektik von künst-
lerischer Form und Referentialität eröffnet eine Perspektive auf die Wirklich -
keit, die im Akt der Rezeption wiederum kritisch hinterfragt werden können«
(Luhmann zit.n. Gansel/Ächtler 2013: 12). Störungen bilden den Ansatzpunkt,
um medienchoreografischen Verfahren auf die Spur zu kommen sprich: Stö-
rungen sind der Ansatzpunkt in der Analyse medienchoreografischer Verfah -
ren und Störungen hinterlassen Spuren in Mediendispositiven.
3.2 Medienchoreografische Verfahren
Medienchoreografien konstituieren sich durch medienchoreografische Verfah-
ren. Mit medienchoreografischen Verfahren bezeichne ich die (an-)ordnenden,
organisierenden, gestaltenden Prinzipien , über die die performative Interak -
tion von verschiedenen Medien in Performances vollzogen wird. Weiterge -
hend verstehe ich die Medienchoreografie einer Performance als das ordnen -
de Prinzip, das die Verfahrensweisen der Interaktion von Tanz und anderen
Medien strukturiert. Als exemplarische Beispiele für medienchoreografische
Verfahren lassen sich Deborah Hays Solo sowie Robert Rauschenbergs Open
Score der Nine Evening s Performances heranziehen. Beide Stücke arbeiten mit
den Bewegungen von Performern und der (steuerbaren) Bewegung von Ob -
jekten und Materialien. In den medienchoreografischen Verfahren von Hay
und Rauschenberg werden die Bewegungen unterschiedlicher Medien und die
der Performer miteinander verschaltet. Solo initiiert ein Antennen-Orchester,
in dem 16 Performer auf fernsteuerbaren, rollenden Kisten von acht Musikern
in Interaktion mit den Bewegungen von steuerbaren Objekten per UKW-Sig
-
nal dirigiert werden. Im Verlauf von Open Score wird über ein aufgeführtes
Tennisspiel der Saal schlagweise dunkel choreografiert. Das Treffen des Balls
mit den präparierten Tennisschlägern löst mittels elektronisch übertragener
Vibrationen an die Lautsprecher einen Sound aus, der wiederum dafür sorgt,
dass ein Teil der Beleuchtung bzw. jeweils eine Flutlichtlampe, die das Spiel
beleuchten, erlischt.
Anhand der beobachtbaren Bewegungsstruktur innerhalb wie zwischen
den beteiligten Mediendispositiven können medienchoreografische Verfahren
analysiert werden. Verfahren definiere ich als eine spezifische Vorgehensweise,
die durch eine oder mehrere Methoden strukturiert ist. Methoden wiederum
konkretisieren sich in ihrer Anwendung. Methoden basieren auf bestimmten
## Page 170
Anna-Carolin Weber168
Grundannahmen oder Prämissen bzw. Paradigmen, die den Grundstein für
die Vorgehensweise bilden. Diese Grundsteine lassen sich auch unter dem Be -
griff Verständnis z.B. im Sinne von Tanzverständnis subsummieren. Unter
medienchoreografischen Verfahren fasse ich die methodisch strukturierten
Verfahren, die Tanz mit anderen Medien im Prozess der Choreografie in Inter-
aktion treten lassen.
Medienchoreografische Verfahren zeigen auf, wie
a.
Medienchoreografie unterschiedliche Prinzipien, Methoden und Verfah -
rensweisen versammelt.
b. Medienchoreografie die Strategien der Interaktion unterschiedlicher Me -
dien miteinander sichtbar macht.
c. Medienchoreografie einen Zugang zum Kunstverständnis von Tanzschaf -
fenden zu einem bestimmten Zeitpunkt bieten kann.
d. Medienchoreografie das jeweils geltende Tanzverständnis wie auch das
Verständnis über die anderen beteiligten Medien reflektiert.
e.
Medienchoreografie einen Bezug zu den herrschenden gesellschaftlichen
Diskursen und damit zu den Machtverhältnissen herstellt.
f.
Medienchoreografische Verfahren verorte ich im relationalen Gefüge des
Dispositivs als manifeste, über Inszenierungsanalysen beobachtbare Ele -
mente.
4. t r acing w hite n oi Se n ine e vening S p erformance S
Die Stücke der Performance-Reihe Nine Evenings: Theatre and Engineering ,
die im Oktober 1966 in der 69 th Regiment Armory in New York City gezeigt
wurde, eignen sich geradezu paradigmatisch dafür, dem komplexen medien -
choreografischen Wechselverhältnis von Sound und Bewegung analytisch
nachzugehen und danach zu fragen, welche spezifischen Formen einer Be -
wegungsordnung in den spartenübergreifenden Choreografien durch Sound
konstituiert und durch Störungen wahrnehmbar werden. Frances Dyson ver -
weist im Kontext von Nine Evenings darauf, dass
sound and technology became something of a metaphor for art and technology, and
provided another cohering element in the series of performances. Many of the artists
involved used sound as a starting point, and sound provided a means to actualize many
of their ideas without involving impossible technical requirements. (2006: 9)
An der von Billy Klüver und Robert Rauschenberg initiierten interdisziplinä-
ren kollaborativen Konzeption und Realisation von zehn Stücken, die zwischen
Aufführungs- und Installationssituation oszillieren, sind zehn Kunstschaffen -
## Page 171
Tracing White Noise 169
de aus den Bereichen Tanz/Choreografie, Musik/Komposition sowie Bildender
Kunst und rund 30 Ingenieure der Bell Laboratorien beteiligt. Die spezifische
Ästhetik der medienübergreifenden Choreografien dieser hybriden Auffüh -
rungs- und Installationssituationen erschließt sich mit Bezug zu den Arbeits -
weisen und Diskursen zum Kunst- und Technologieverständnis im Kontext
des Aufbruchs der Kunst-Szene in New York City in den 1960er Jahren. Unter
dem Eindruck einer sich verändernden Zugänglichkeit zu Technologie verfolgt
Klüver ein Aufführungsereignis, das die weitgehend dichotom wahrgenom -
menen Bereiche von Kunst und Technologie verbinden und dem Publikum
Zugang zu einem neuen Verständnis von Performance, Kunst, Theater und
Technologie bieten soll (Büscher 2002).
Wahrnehmbare Störungen in Nine Evenings auf den verschiedenen Ebenen
von institutioneller Rahmung und programmatischer Einordnung, der Auffüh-
rungssituation, der architektonisch-räumlichen Ordnung sowie der Anordnung
der Rezeptionssituation bieten Ansatzpunkte für eine Mediendispositiv-
Analyse. Zum einen wird die Aufführung immer wieder durch Unterbre -
chungen, technische Fehler und lange Pausen gestört. Bedingt durch die
Anordnung von Bühnenraum, Zuschauern und Apparatur werden einerseits
Erwartungen, Normen und Konventionen des Theater-Kontextes aufgerufen.
Andererseits werden eben diese Erwartungen durch z.B. die Ausstellung der
Technik auf der Bühne sowie dem offenen Agieren der Ingenieure während
der Aufführung unterlaufen. Diese Störungen lassen das Spannungsfeld von
Konvention und Entgrenzung in Nine Evenings sichtbar werden. Mit der dis -
kursiven Eingrenzung durch das Labeling der Performance-Reihe als Theater
sowie der gleichzeitigen Entgrenzung Theater and Engineering wird eine Dop -
pelbewegung von Bestätigung und Herausforderung des theatralen Rahmens
und dessen Kommunikation im Vorfeld der Veranstaltung vorgenommen. Im
Theaterraum findet die Anordnung des Publikums zunächst in der Konvention
des klassischen Theaters durch die Trennung von Zuschauenden und Perfor -
menden statt dies begründet sich im räumlichen Aufbau der Armory sowie
in der Erwartung, ein sehr großes Publikum zu beherbergen. Das Publikum
findet Sitzplätze auf drei Tribünen sowie auf der Empore vor. Zugleich ist der
Bühnenraum jedoch nicht durch einen Vorhang abgegrenzt oder räumlich auf
eine Spielfläche hin beschränkt. Die Anlage der Szenografie mit Leinwänden,
Projektionsflächen, unterschiedlich bespielbaren Orten, Requisiten, Materia -
lien und Objekten entspricht den Seh-Gewohnheiten und der konventionellen
Blick-Ordnung des Theaters in dem Sinne, dass die Zuschauenden von ihren
Sitzplätzen aus sowohl auf die Leinwände schauen können als auch die Spiel -
orte mit dem Blick erfassen können. Im Bühnenraum sind zudem technische
## Page 172
Anna-Carolin Weber170
Apparaturen wie die Proportional Control Unit 1 und das TEEM-System (Thea -
tre Elcetronic Environmental Modulator), das als Schaltstelle für die eingesetz -
te Radio- und Telefontechnologie funktioniert, für das Publikum sichtbar auf -
gebaut. Mit der sichtbaren Ausstellung der Technologie, die als (eine) Technik
des Theaters (normalerweise) im Verborgen funktioniert, wird eine Konven -
tion des Theaters maßgeblich verschoben. Hier ist die Ästhetik des Bühnen -
raums untrennbar mit der Arbeitsweise im Bühnenraum verbunden. In allen
Stücken operieren die beteiligten Ingenieure als Performer und die beteiligten
Performer zugleich als Ingenieure. Im Verlauf der Performance-Reihe erhält
das Publikum die Möglichkeit bzw. wird aufgefordert, den Bühnen- und Aus -
stellungsraum zu betreten und in Interaktion zu treten, um den interdiszipli -
nären Experimenten aus verschiedenen Perspektiven beizuwohnen.
5. z u Sammenfa SS ung und a u SB lic K
Der Blickwinkel der Störung ermöglicht methodische Zugänge zu den Spuren,
die Sound und Bewegungen in den Medienchoreografien spartenübergreifen -
der Performances wie denen der Nine Evenings hinterlassen. Die Perspektive
auf den Aspekt Störung wirft Fragen danach auf, wie medienchoreografische
Verfahren in der Inszenierung mit der Medialisierung des Wahrnehmungs -
raums operieren und wie sie in Bezug auf die mit der Dispositiv-Formation
verbundenen Konventionen und Erwartungen agieren.
Die Betrachtung von Medienchoreografien über eine Dispositivanalyse
ermöglicht es, medienchoreografische Verfahren zu beschreiben und aus
der Perspektive der Tanzwissenschaft zu analysieren. »Tracing White Noise«
meint somit: über die Störung medienübergreifenden Beziehungsgeflechten
wie Sound Traces Moves auf die Spur zu kommen und medienchoreografi-
sche Verfahren über Mediendispositivanalysen zu erschließen.
l iter atur
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Über den Zusammenhang von Performance und zeitgenössischen Technologien,
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1 | Die »Proportional Control Unit« entwickelt von Fred Waldhauer bildet ein Inter -
face, über das Lautsprecher, Motoren und Projektoren mittels eines elektronischen Si -
gnals angesteuert werden.
## Page 173
Tracing White Noise 171
tionsschrift an der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaf -
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## Page 175
Grenzen überschreitendes Spurenlegen
und Spurenlesen
## Page 177
Trace of Force: Lin Hwai-mins
Water Stains on the Wall
Chieh-ting Hsieh
t r ace of f orce in s hu -fa
Drawing inspiration from the tradition of shu-fa, i.e. the Chinese art of writing,
Taiwanese choreographer Lin Hwai-min has choreographed a series of dances:
Cursive (2001), Cursive II (2003, later renamed as Pine Smoke), and Wild Cursive
(2005). Water Stains on the Wall (2010) is the last work in the series. Although
shu-fa is often translated as Chinese calligraphy it is different from the Western
concept of calligraphy, of which the etymological meaning is beautiful (calli-)wri-
ting (-graphy) and which is therefore more related to »decoration« (Billeter 1990:
11ff.). In Chinese, shu-fa in which shu means writing and fa means law or way
means the law or the way of writing. In the tradition of shu-fa, the law of writing
is concerned with the ways of manoeuvring the forces that bring forth the dyna-
mics, which make shu-fa so adored by the Chinese literati as the art of writing.
In one of the most important treatises about the art of writing, Array for
the Ink Brush , Wei Shuo, the shu-fa artist in the Eastern Chin dynasty, clearly
indicated, »to let the brush fall onto the paper to write the strokes, one must
use the force of the entire body to bring them forth« (Huang Chien 1981: 22)
1 .
Wei Shuo explained the different ways of manoeuvring the force to write dif -
ferent strokes with the different imagery. For example, she mentioned writing
the horizontal stroke should be like »the clouds emerging in array that ranges
into the distance«, writing the dot stroke should be like »the rocks falling from
the mountain«, and writing the turning stroke should be like »the heavy bows
being released« (1981: 22). Nonetheless, it is important to note that the imagery
is not concerned with the figure of the stroke but the way of manoeuvring the
force. In other words, when the shu-fa artist writes the stroke with the imagery
in mind, it is not about making the figure of the stroke like the outer form of the
things in the imagery but about making the force that one uses to write like the
1 | All the translations in this article are mine.
## Page 178
Chieh-ting Hsieh176
force in the imagery, i.e. the force of emerging, falling, releasing etc. As the title
Array for the Ink Brush , implies, the way to manoeuvre the force is like the way
to array the battle force. This analogy is significant. It is important to note that
the battle array is never formed for itself. Rather, it is intended to forge more
advantageous conditions in the battle. The battle array and the battle conditions
are never still. They are intended for the changes. Therefore, when one uses the
force in one particular way to write, that force does not predetermine only one
figure of the stroke. For example, when one writes with the force of falling, the
force of falling can still bring forth different figures of the dot stroke.
2
Since it is through the use of force that the figure of the stroke emerges, the
stroke as the ink line in shu-fa is not only the line but also the trace of forces.
In the tradition of shu-fa , the work of shu-fa is also termed shu-chi , in which
shu means writing and chi means trace .3 According to an ancient Chinese dic -
tionary, trace means »the place where one steps« (Hsu Shen 1981: 70). Ancient
Chinese thinker Chuang-tzu also mentioned that »trace comes from the steps«
(Wang Shu-min 1999: 546). In the anthology Chuang-tzu , there is one story
in which the editor Chuang-tzu made up a conversation between Confucius
and Lao-tzu: Confucius complains to Lao-tzu that he has been researching the
works of the ancient sages for his life and that he thinks he has grasped the
principles of their works but the kings never accept his ideas; Lao-tzu answers
that the works of the sages are only the traces and that »the trace comes from
the steps. Trace is, nonetheless, not the steps«; in the end, Lao-tzu emphasizes
that what is more important than researching the traces, i.e. the works of the
ancient sages, is to grasp tao , i.e. the way the things change in the universe
(1999: 546). This story implies that Chuang-tzu considers what left the trace as
more important than the trace. Chuang-tzus argument is inspiring, but in my
interpretation, it does not mean that the trace is not important at all. Rather,
the trace is only referred to as the trace because it is regarded as something left
over by something else. What left the trace is important because it is what left
the trace that defines the trace. In other words, there is no trace in and of itself;
the trace must be and can only be the trace of something else.
I argue that the force of writing in shu-fa is often left out when the ink line
in shu-fa is not regarded as the trace but only as the line. What does it mean to
regard it only as the line? It means that the configuration of the line in shu-fa is
regarded only as the composition of white and black.
4 From this perspective, the
work of shu-fa is only like an image. Although one can still sense the dynamics,
the sense of the dynamics comes more from the composition of white and black
rather than the force that brings forth the line. The line in itself does not ask
2 | For different figures of the dot and the other strokes, see Billeter 1990: 58-59.
3 | See also Obert 2013: 533 f.
4 | For research on the composition of shu-fa , see Chiu Chen-chung 2005: 10 f.
## Page 179
Trace of Force 177
one to trace back to the force. Therefore, the sense of the force is often left out.
Only when one regards the ink line in shu-fa as the trace of the forces does the
line ask one to trace back to the forces that bring forth that line. In other words,
to regard them as the trace of force is also to trace the force.
Se and the S en Se of w eight
In the tradition of shu-fa , the most fundamental principle in manoeuvring
the force is se , which means the sense of roughness. Nonetheless, what does
it mean, what is writing with the sense of roughness, what is the way to ma -
noeuvre the force while writing with the sense of roughness? As Tsai Yong, the
shu-fa artist in the Han dynasty, explained, to write with the sense of roughness
is to manoeuvre the force as though »forging on while fighting against« (Huan
Chien 1981: 5). Nonetheless, fighting against what? For Liu Hsi-tsai, the shu-fa
artist in the Ching dynasty, it means »to move the ink brush forward but as if
there is some resistance force and so one has to use more force to fight against
it« (1981: 710). Liu His-tsais explanation indicates that when writing with the
sense of roughness, one must not only exert the force to move the ink brush on
the paper but also sense the resistance force into which the brush runs when it
goes over the paper. What one has to fight against is the resistance force. While
writing, one must let the resistance force interact with the force being exerted.
Nonetheless, to let in the resistance force does not mean to become stagnant.
Rather, the resistance force must be overcome so that the ink brush can be
moved forward. It is important to note that this overcoming of the resistance
force here must be like fighting against it. How to have the sense of overcoming
like fighting against? For me the answer is in the sense of weight. I argue that it
is important to let in the weight of the writers body. To let in the weight means
to let in the weight as the gravitational force that can bring on more resistance
force so that one has more sense of fighting against. When one is indifferent
about the gravitational force and writes only with the exertional force, there is
still a resistance force, but that resistance force is only the indispensable one.
When the resistance force is completely overcome, there is no fight. To write
with the sense of roughness, it is important to let in the weight of the body.
The sense of the weight is also implied in the term luo-pi , which indicate
the movement of beginning to write. In Chinese, this term means to let the brush
(pi) fall (luo). It implies that the weight of not only the brush but also the writers
body must be let in as the gravitational force in or before the beginning of writ -
ing. This is related to the posture of the hand that holds the ink brush. In the
tradition of shu-fa , the hand is often suspended in the air while writing. This
gives the wrist and the hand more space to move around while writing. None -
theless, to suspend the hand in the air means to suspend the weight at the same
## Page 180
Chieh-ting Hsieh178
time. As the term luo-pi implies, to suspend the weight is intended to let the
weight fall as the brush is let fall onto the paper when one begins writing. In
short, to sense the weight of the body is important to the way of manoeuvring
the force in the tradition of shu-fa.
t r ace of f orce in l in h wai -min S Water s tains on the Wall
Having traced the force and explained the sense of weight in shu-fa, I argue that
it is also important to regard Lin Hwai-mins dances, which are inspired by shu-
fa, as the trace of the forces. In other words, it is important to trace the forces.
How are the forces in the dance and music in Lin Hwai-mins works inspired by
shu-fa? Being inspired by shu-fa , Lin Hwai-min also noticed the importance of
the forces. While he was choreographing the first dance inspired by shu-fa , he
asked the dancers to learn shu-fa and to forget the outer form of their body and
the Chinese character while dancing. Whether the dancer forgot the form or not
for me the choreographer did not. The dance in Cursive (2001), which is the first
work inspired by shu-fa, is still rather based on the outer form of the Chinese cha-
racter. As the dancers wearing black clothes dance against the white background
on the lighted stage, they are like the Chinese characters. The figure of the dan-
cers body is changing like the figure of the Chinese character is changing while
being formed. In a scene in Cursive, the dancer dances in front of a screen on
which the ink trace emerges at the same time. Since the dance movement corre-
sponds to the movement of the ink trace, from which the Chinese character yung
is formed, the dance is like writing. In a later scene, the dancer wearing clothes
with long sleeves dances to the side of and in front of one Chinese character on
the screen. The long sleeves swaying and circling in the air are also like the ink
lines of the character. It is clear that these scenes are intended to make the figure
of the dancers body like the figure of the Chinese character.
Although these scenes are often mentioned in the research to argue for
the correlation between the dance and writing,
5 these scenes are somewhat
limited by the outer form of the body and the Chinese character. As I have
argued, when one regards the ink line only as the line in itself and regards the
configuration of the lines in shu-fa only as the composition, the sense of force
is often left out. It is the same with the dance. The correlation of the dance
and writing for which the researchers argued with these scenes is based more
on the outer form rather than the force, which is important to the tradition of
shu-fa. How are the forces used in the aforementioned dance scenes? In the
scene in which the dance movement corresponds to the movement of the ink
trace on the screen, since the dancer faces the audience instead of the Chinese
5 | For example, see Szeto 2010: 424-425; Schwan 2015: 137.
## Page 181
Trace of Force 179
character on the screen, the movement of writing, the stroke going downwards
from right to left, becomes the movement going downwards from left to right
in the dance. The dancers movement is opposite of the writing movement. In
the scene in which the dancer wears black clothes with long sleeves, although
the dancer faces the character on the screen in the beginning, her movement
is not the same movement as writing that character on the screen. Instead,
her movement is intended to make the figure with the long sleeves swaying
and circling in the air like the figure of that Chinese character. Therefore, the
correspondence between the figure of the dancers body and the figure of the
Chinese character should not be regarded as an indication of the correspond -
ence between the force of the dance and the force of writing.
It is in Lin Hwai-mins Water Stains on the Wall that the sense of weight,
which is important to the tradition of shu-fa , becomes more manifest because
of the unusual stage setting: the stage is slightly inclined to the downstage. The
inclined stage requires the dancer to sense their weight to retain the balance
while dancing. The weight is let in more often as the gravitational force with
which the dancer retains the balance. As the dancer springs, the sense of weight
is often still retained. The weight is overcome, but the weight is not overcome
as if one can completely escape from the weight so that one can dance lightly
without the weight. Rather, the weight is only being suspended. It reminds me
of the posture of the hand that holds the ink brush in the shu-fa tradition: to
suspend the weight is intended to let the weight fall. The force in the dance in
Water Stains on the Wall is closer to the sense of roughness in the tradition of
shu-fa. In another scene, the dancers spring was imposing because of the sense
of weight it manifests. The dancers spring there is not intended to manifest the
lightness in the air but the heaviness of landing on the ground. Although the
ground is slightly inclined, when the dancer lands after that spring, she is not
once in danger of losing her balance. The weight falls on the stage but it falls to
retain the balance. The force of the dancers landing reminds me of the imagery
in Wei Shos treatise, which describes the force of writing the dot stroke: »rocks
falling from the mountain, clonking while falling down« (1981: 22). Here the
dancers landing is like the rocks falling. It also results in a sound of »clonk«.
It is not only the falling that is indispensable because of the weight. Rather,
the weight is let in as the gravitational force that results in the landing that is
like anchoring down or, more precisely, beating down to the stage. The weight is
suspended to be let fall to retain the balance.
The music in Water Stains on the Wall is composed by the Japanese contem-
porary composer Hosokawa Toshio. As Hosokawa mentioned, it is the Western
contemporary music, which is concerned with not only the harmonic relation
of the tones but also, and more importantly, the existence of the tone, that
makes him re-listen to Japanese traditional music, which praises the transience
of the tone (Hosokawa 2015). In Japanese traditional music, there are continu -
## Page 182
Chieh-ting Hsieh180
ous changes of the tones, which make one take note of how the tones emerge
and die out and therefore sense the existence of the tone. Hosokawas music is
inspired by Japanese traditional music in this respect. In his works, the tran
-
sience of the existence of the tones is also emphasized through the continuous
changes of the tones that emerge through different performing techniques. I
argue that the music in Water Stains on the Wall should also be regarded as the
trace of forces.
The music in the scene in which the dancers weight is emphasized through
the dancers spring is Hosokawas composition Fragmente I (1988), which is com-
posed for the traditional Japanese instruments shakuhachi (the flute), koto (the
zither with the bridges) and sangen (the plucked lute). Although the music is con-
temporary, it relates to the tradition of these instruments, in which the different
performing techniques are intended for the different changes of the tones. For
example, in one of the most ancient Japanese scores of koto music, Jinchi Yoroku,
there are already indications of the different performing techniques, including
the techniques to pluck the string outward or inward with the thumb or the
forefinger of the right hand, the techniques to slide along the string or to do a
circling movement with the finger of the left hand while pressing the string etc.
(Yeh Tung 2001, 78ff.). In Hosokawas Fragmente I, the performing techniques
are clearly not limited to the traditional techniques. As the music has broken
away from the traditional harmonic relation and rhythm, the changes of the to -
nes have also become more drastic. Through these drastic changes of the tones,
one can also sense how drastic the forces that the musicians used to perform are.
There are the forces such as slashing, gliding etc. Most of these forces in music
are strong and harsh, and the sense of the forces in the music is often influenced
by the sense of the force in the dance. For example, when I hear the strong and
harsh tones of the sangen along with the subtle tones of the koto right after I
hear the »clonk«-sound of the dancers landing with the fall of weight, I have the
sense that those strong and harsh tones in the music also come from a fall, as if
there was also a fall of weight in the music. While I sensed the roughness in the
dance in which the sense of weight is retained, the roughness of the tone of the
shakuhachi, which often begins so quiet and becomes louder, was also like the
roughness I sensed in the dance. In short, as I regard the dance and music as the
trace of forces and trace those forces, I find myself becoming immersed in those
forces that correspond to each other.
w ater S tain S a S t r ace of w eight
Water Stains on the Wall , the name of Lin Hwai-mins dance, is the imagery
mentioned in a conversation between Huai Su and Yen Chen-ching, the shu-
fa artists in the Tang dynasty: After listening to Huai Sus explanation that
## Page 183
Trace of Force 181
he learned shu-fa from »the cloud in summer that often merges and surges
in the form of the strange mountain« and that writing has to be like »the way
the wall ruptures«, Yen Chen-ching said in the end, »how about being like the
rain leaking into the room?« Huai Hsu rose from his seat and said, »you have
grasped it [the essence of shu-fa]«. (Huang Chien 1981: 283) It is important to
note that although the imagery is translated as Water Stains for Lin Hwai-mins
work, in Chinese it is actually the trace of the rain leaking into the room ( wu-luo-
hen). Here the imagery of the trace of the rain is not concerned with the form of
the trace. Instead, it is concerned with the unpretentiousness of the trace of the
rain leaking into the room. Leaking, as I see, also implies the weight, and what
can be more unpretentious than the act of the weight?
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## Page 185
Der Rhythmus der Madonna/e
Sound und Moves als kulturelle Spuren
kampanischer Frühlingsriten
Josephine Fenger
Der Mensch begleitet mit seinem Gesang den Klang
seiner Trommel, die den Rhythmus des Herzschlags für
einen gewaltigen, allumfassenden Tanz vorgibt, den
Tanz in den Tänzen aller Dinge. (Rossi in Tedoldi 2014:
16).
1
d er r hy thmu S der m adonna
Seit der Zeit der Magna Graecia finden in der Metropolitanstadt Neapel be -
sonders zu Beginn der fertilen Jahreszeit Marienpilgerfeste statt. Deren ritu -
elle Volksmusik- und Volkstanztradition, die tammurriata, steht exemplarisch
für eine besonders enge Symbiose aus Klang, Tanz und Kultur. Die tammurri -
ata ist ein Tanz, der das gesamte halb religiöse, halb profane Festritual symbi -
otisch verkörpert und eine ganze Ideologie widerspiegelt:
[…] Tammurriata […] ist Gesang, Tanz, und Gebet, Klang, Rhythmus und, symbolisch,
Ekstase. All diese Aspekte sind unlösbar miteinander und mit den zeremoniellen und
rituellen Zeitpunkten bestimmter religiöser Feste verbunden. (Ferraiuolo 2015: 2)
Der aus dem neapolitanischen Dialekt adaptierte Terminus tammurriata
wurde erst im Diskurs der ethnomusikalischen Forschung von Roberto De
Simone für den »ballo ò tammurro«, den Tanz zur großen Trommel, der Tam-
morra, geprägt. Das Instrument ist das zentrale Medium zwischen dem »Ge -
sang für den Tanz« und dem »von Gesang begleiteten Tanz«. Der Ritus, und
mit ihm die Kultur (der »allumfassende Tanz«), zerfällt, wenn seine Faktoren
voneinander und vom Fest der Madonnen und ihrer Gemeinden der Lebens-
1 | Alle Übersetzungen aus italienischen Originalen stammen von mir (J.F.).
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Josephine Fenger184
und Festgemeinschaft isoliert werden. Mit der Auflösung der Integrität des
Ritus und der symbiotischen Beziehung verwischen die kulturellen Spuren
und aus gelebter Kultur wird Folklore. Oder?
Wie ein Großteil süditalienischer Volkskultur erleben die komplexen syn -
ästhetischen Festrituale zu Ehren der kampanischen Madonnen in den letzten
Jahrzehnten eine Wiederbelebung, die von Nostalgie, retrospektiver Kultur -
suche und politisch-touristischer Kommerzialisierung geprägt ist. Zugleich
finden die religiösen Pilgerfahrten und -feiern weiterhin statt. So treffen zu
den Marienfesten zwei kulturelle Communities aufeinander, die nur der om -
nipräsente Rhythmus der tammurriate verbindet. Rhythmus, altgriechisch
Fluss, bezeichnet neben der Ordnung der Bewegung auch die Strukturierung
des Zeitflusses. Der Rhythmus der Madonna umfasst also neben der symbio -
tischen Klang- und Bewegungsstruktur auch den durch die Periodizität der
Feste indizierten Verlauf der Jahreszeiten und der Lebenszeit.
Die tammurriate sind traditionell ein gemeinsames sich-rhythmisches-Syn-
chronisieren für den kosmischen Lebensabschnitt der Fruchtbarkeitsperiode,
eine Konfirmation der Kontinuität. Ein Tanz, der als Festritual alle materiel -
len, klanglichen und bewegten Elemente, die museale und musikalische Erin -
nerung und die aktuelle Performanz beinhaltet, zitiert und fortführt dem di -
onysischen Prinzip der Kommunikation miteinander und mit dem Göttlichen
im Tanz entsprechend. Aufgrund dieser Synthese aus Festtanz, Volksreligion
und ländlicher Subkultur wird die tammurriata das »Lied der Erde« (Ferraiu -
olo 2005) genannt ein Anklang an die »große Trommel«, die Strawinskys
Tanz der Erde mit einem Wirbel einleitet, oder Heines »Mutter mit der großen
Trommel«, die in den Florentinischen Nächten als Symbol eines »lebensspen -
denden Sterbens aus einer verschlingend-gebärenden Erde« den Tanz begleitet
(Schwamborn 1998: 16).
Anders als die ihr eng verwandte, salonfähig evolutionierte tarantella blieb
die tammurriata ein ländlicher Tanz und den Marienfesten verhaftet. Die ge -
tanzten Dialektgesänge sind Gebet und Alltagsbilanz, Rapport an die Gott -
heit; ihre starken sexuellen Konnotationen von Text und Körpersprache stehen
für die Suggestion von Lebenskraft, Potenz und Fruchtbarkeit. Der Tanz ist,
aufgrund seiner Symbolik kosmischer Kontinuität, potenziell unendlich und
kann, bei optionalen Wechseln aller Mitwirkenden, Stunden dauern. Der tam -
murriata geht oft der Solo- a capella- Gesang einer fronna voraus; auf ein Zei -
chen der Sängerin oder des Sängers setzt der binäre Perkussionsrhythmus von
tamburello und Kastagnetten ein, die Tanzpaare bilden sich gleich- oder gegen -
geschlechtlich und synchronisieren durch ihre Armbewegungen die Klang
-
erzeugung der Kastagnetten. Die gleichmäßigen Schwingungen der Tanzen -
den, die sich im Kreis aller Beteiligter ihrerseits umkreisen, gegengleich oder
synchron einander annähern und voreinander entfernen, werden von den
votate unterbrochen. Diese Figuren werden von Sängerin oder Sänger durch
## Page 187
Der Rhythmus der Madonna/e 185
einen langgezogenen Vokalklang indiziert, auf den die Tanzenden mit beson -
ders energetisch getanzten Schrittfolgen gegen den Uhrzeigersinn gedreht
reagieren, wobei sie einander mit Körperextremitäten berühren, oft begleitet
von ekstatischen Schreien; die Trommel schlägt rhythmisch eintaktig. Nach
diesem Chaos und Katharsis suggerierenden Ausbruch kehren alle zu Grund -
rhythmus und -schritten zurück. Die gemeinsame Performanz des Kontrasts
von Kontinuum und Katharsis, der Rhythmus von Festen der wiederkehren -
den Veränderung und der Bilanzierung und Wiederordnung des Lebensalltags
ist so in der Struktur der tammurriata reflektiert. Varianten von Choreografie
und Gesangsversen stammen aus einer gemeinsamen Enzyklopädie. Die tam -
murriata bildet also in Sound und Move dialogisierend die Spur des Lebens -
rhythmus einer verschwundenen Kultur, die » […] heute traurig verfälscht in
den zerfleischenden Noten der tammurriate heraufbeschworen [wird], die die
Zelebrierung dieser Abwesenheit repräsentieren […], ein Requiem der urtüm -
lichsten, ebenso leidenschaftlichen wie schmerzvollen Kultur« (Ragione 2014:
60).
s ound b ody , S ound t r a /n /ce S
Zentral für die Betrachtung der tammurriata mit dem Fokus Sound Traces
Moves ist ihre dreifache Bedeutung als Tanz, Gesang und Musik, und die
so gemeinsam performativ erzeugte kulturelle Soundtra nce der rituellen Fest -
atmosphäre. Diese kann als Resultat eines rhythmisch synchronisierten Ge -
meinschaftsrituals definiert werden.
De Simone spricht vom Verlust des alten kultischen Bewegungswissens in
modischen Folklore-Tanzevents, von den »alten Volkssprachen, in denen der
menschliche Körper in seinem musikalischen Agieren, der Sound Body das
Tamburin zum Schwingen brachte und nicht vice versa« (De Simone 2005:
9). Anstatt dass die Musik den Körper bewegt, ist sie ihrerseits eine Konse -
quenz des Körperrhythmus und -klangs.
Neben der Vorstellung vom Körper als Klang beinhaltet die Idee des Sound
Body seine Funktion als rhythmizomenon (Rhythmusträger/-medium nach
Aristoxenos, s. Maróthy 1993-1994: 421) und, kleingeschrieben, auch den As -
pekt des Purifikationsritus in dem buchstäblichen Gleich-Klang von Klang
und »gesund, solide, intakt«. Definiert man Ritus als »strukturierte, also
rhythmisch organisierte komplexe Verhaltensmuster« (1993-1994: 426), so re -
sultiert die Verbindung von Rhythmus und Ritus aus derjenigen der Einheit
von »äußerer« räumlicher Ordnung von Bewegung und »innerer« musikalisch-
rhythmischer, dem Platonischen Prinzip von »akustischer Transformation«
entsprechend (1993-1994: 427). So produziert der Rhythmus ekstatische Zu -
stände durch die gemeinsame innere und äußere Periodizität, die »Neuronen,
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Josephine Fenger186
tanzende Füße, tanzende und klangerzeugende Geste etc. in eine Art gleich -
mäßige Metrik zwingt« (Rouget 1985: 201 f.). Die Reaktion auf den Rhythmus
jenseits des Hörens mit Muskeln, Nerven, und Sinnen ist, lange vor Studien
zeitgenössischer Neurowissenschaftler, z.B. von Emile-Jacques Dalcroze und
bereits von Plato dahingehend reflektiert worden. Letzterer beschrieb die heil -
same Wirkung eines » ordnenden« äußeren Rhythmus auf innere »wahnsin -
nige« Unruhezustände zugunsten eines »sound state of mind« (1985: 201 f.).
2
Der Sound Body ist auch ein kollektiver Fest-Körper, der sich außer
der Musik und der Bewegung aus den Geräuschen der Verkäuferrufe und
Kinderschreie, der liturgischen Klänge wie Glocken und Hymnen, und der
Feuerwerkskörperexplosionen zusammensetzt. Die kollektive Animation le -
bendiger und animierter »Dinge« umfasst auch Elemente des natürlichen
Makro-Rhythmus, wie die frisch geernteten Artischocken, deren Geruch auf
dem Grill mit dem Rhythmus der tammurriata amalgamiert. Es resultiert ein
Ritual, in dem die Gemeinschaft, der Festraum und der (traditionell kalen -
darisierte) Zeitpunkt synchronisiert und zu einer »ephemeren Temporalität«
konzentriert werden (Ferraiuolo 2015: 7). Diese liegt zwischen dem ersten und
dem letzten Klang: »In the tammurriata, the hic et nunc does not exist: it is a
temporality that happens on a metahistoric horizon. This is what makes the
tammurriata a performance unavoidably ecstatic in its etymological meaning
of displacement of the soul« (2015: 7). Die rituelle Trance funktioniert als Me -
dium kollektiver Erinnerung, gelebter, praktizierter musikalischer Tradition.
In Konsequenz wirkt die tammurriata als »Körpereinheit« der Gemeinschaft,
in der sich deren Energie materialisiert (Tedoldi 2006: 331), als Möglichkeit
»Stimme, Körper und Seele einer Tradition zu verleihen, die noch heute ein
Ritus für Erneuerung und Schutz des Einzelnen, der Gemeinschaft, und des
Lebens der Natur ist«
(2006: 327).
Der unitäre Rhythmus verbindet die Faktoren des allumfassenden Tanzes .
In ihm und durch ihn kommunizieren auch die Ausführenden mit den Ins -
trumenten, die ihn in ihrer Materialität symbolisch repräsentieren: die ver -
längerten Klangfinger der Kastagnetten, die Trommel als zentrales Medium
und tradiertes Symbol der kulturübergreifend beschworenen Erd- und Lebens -
gottheiten in (Kreis-)Form und Klang, zwischen dem das Chaos bedeutenden
Schellenrasseln und den Herzrhythmus der Ordnung versinnbildlichenden
Schlägen. Im Gemeinschaftsrhythmus
der Tanz- und Festgemeinschaft sind
alle Teilnehmenden zugleich »Musikanten und Musizierte«, Erzeuger, Fakto -
ren und Affektierte der Musik (Rouget 1985: 102 f. ). Wenn auch der narrative
Inhalt dieser Kommunikation miteinander und mit der Madonna in einem
ekstatischen Moment, einer »Zeit außerhalb der Zeit« mit der »Deplazierung«
2 | Zu zeitgenössischen Forschungsansätzen über den therapeutischen und neuropsy -
chiatrischen Einsatz von populären Tänzen s. V.A. Sironi et al. 2015.
## Page 189
Der Rhythmus der Madonna/e 187
(Ferraiuolo 2015: 2) der tammurriata aus ihrem ideologischen Kontext faktisch
verschwunden ist, bleibt die Sensation des Gemeinschaftsrituals als ihre kul -
turelle Spur, die sich durch den omnipräsenten Rhythmus der tammurriate als
Soundtra/n/ce in die Atmosphäre gräbt.
d er K ampani Sche m adonnen Kult al S Kultur - und t anzer Be
Die sieben wichtigsten kampanischen Madonnen stehen für lokale Ikonen und
Feiern und entsprechende musikalische und choreografische Varianten der
tammurriata . Einige der Heiligtümer haben seit Jahrhunderten Tradition als
überregionale Pilgerziele, andere sind vom dörflichen Fest durch Besuche lo -
kaler Immigranten größere Veranstaltungen geworden. Im Gefolge der Festi -
valkultur des Neotarantismus
3 der 1990er Jahre sind Tanz und Pilgertum nicht
mehr die traditionelle Symbiose oder auf die Dorfgemeinschaft beschränkt.
Die rhythmische Eventgemeinde ist international und Interaktionen von reli -
giöser und populärmusikalischer Aktivität, kulturanthropologischer Feldfor -
schung, Pilgertum und Partytourismus sind individuell.
Die tammurriata war die Sprache einer kollektiven Erinnerung und der li -
turgischen Innerlichkeit verpflichtet, eine Kommunikation in einer Sprache
außerhalb der Zeit in einer allen gemeinsam bekannten, metahistorischen
Präsenz, die die Vergangenheit einbezog und die Zukunft plante also eine ri-
tuelle und zugleich mythische Zeit (Ragione 2014: 59). Inzwischen werden zu
den religiösen Festtagen Tänze »in den Masken antiker Feste« organisiert, oft
von Tourismusbehörden oder pseudokulturellen politischen Agenten. Junge
Leute mit tamburello bewaffnet und Studentinnen in langen exotischen Röcken
tanzen die historischen Tänze mit dem einzigen Ausdruck von Energieüber -
schuss oder Freiheitsbedürfnis, so die Kritik (De Simone 2010: 9), als seien die-
se »Ektoplasmen« von tammurriate und tarantelle nichts als »sinnlose Spieß -
bürgerlichkeit als linkspolitischer Aufguss« (2014: 59) oder »kontrakultureller
Dionysismus« (de Rosa 2016: 74).
Allerdings kamen Infiltrationen städtischer Tanz- und Festkultur in nost -
algisch verklärte Dorffeste bereits im Europa des 16. Jahrhunderts vor (McNeill
1995: 75) und besonders die Marienfeste Kampaniens waren im Reiseboom
des Übergangs der Grand Tour zum Massentourismus als Attraktionspunk -
te Vorläufer des Event-Tourismus. Gerade durch die konfirmative Überliefe -
rung während der Grand Tour hat die traditionelle Devotion bis mindestens
nach dem zweiten Weltkrieg ununterbrochen überlebt und moderne Festriten
beeinflusst (Niola 2002). Auch die Kritik an den Madonnenfesten als kom -
merzielle Spektakel für bildungsferne Klassen, in dem lärmendes Musik- und
3 | Zur Renaissance süditalienischer Volkskultur vgl. z.B. Nacci 2004.
## Page 190
Josephine Fenger188
Tanz-Vergnügen, Kitsch und Konsum eine charakteristische Synthese mit Spi -
ritualität und Devotion bilden, ist keinesfalls neu (Anon 1871).
d a S l ied der e rde
Neben dem Einfluss der antiken Vorbilder der Region, die vom Isis-, Demeter-
und Kybele-Kult die Erdgottheiten, die Tanzriten und die Instrumente über -
nahmen, ist die Intensität des Madonnenkults in diesem Teil Kampaniens
auch durch die Nähe des Vulkans, zugleich fruchtbares wie lebensbedrohen -
des Umfeld, bedingt. Zahlreiche wundersame Ereignisse erzählen vom Schutz
der Madonnen bei einem der größten neuzeitlichen Ausbrüche im Dezember
1631. Noch heute gelten die Purifikationsriten der Pilgerreisen zu den Berg-
heiligtümern, oft mit Feuern und Fackeln verbunden, auch als symbolische
Prophylaxe vor einem Ausbruch des Vesuvs.
Die Volksreligion, der rituelle Charakter und die Merkmale des bäuerli -
chen Aberglaubens kennzeichneten die tammurriata grundsätzlich als Tanz
einer ländlichen Armenkultur. Seit der Antike ein versöhnender Ritus für die
Fruchtbarkeit der Erde, imitiert die Gestik in der impliziten symbolischen Be -
wegungssprache der tammurriata das Säen und Ernten. Nach einigen Theo -
rien ist das Erbe der Bacchanten in der cheironomia , der Bedeutung der Arm -
bewegungen in den antiken Fertilitätsriten, erkennbar (Ferraiuolo 2015: 7).
Die »Nachahmung« der traditionellen Tanzgesten der Bäuerinnen wird
jedoch inmitten eines »mergers aus Volkskulturen« zu einer »Darbietungs -
marmelade« (De Simone 2010: 9), ebenso wie die Gesangstexte aus dem Dia -
lekt und aus dem Lebensumfeld inspirierte stroppole , sexuelle Witze und Me -
taphern, ohne den gemeinsamen Erinnerungsschatz bedeutungslos werden,
wie »archäologische Funde, Fragmente eines verlorenen Mosaiks« (2010: 19).
a uf der S uche nach einer
»analy ti Schen und re Stituierenden n o Stalgie «4
Die Bildung von Fest-Communities ist eine menschliche Gewohnheit wobei
die gemeinsame Basis durch die räumliche Nähe und vor allem den Rhythmus
erzeugt wird (Apolito 2014: 267 f.): Eine »Schlüsselgewalt […] magnetischer
Anziehungskraft« ist der interne Festrhythmus, der sich in/aus der Gemein -
schaft entwickelt (2014: 33 f.). Dass aus der Proxemik und der gemeinsamen
Klangwahrnehmung und Bewegung dieser Rhythmus entsteht, ist elementa -
4 | Tito Veti, »Figure e paradossi della nostalgia«, Vortrag am 29.07.2016 beim Festival
Felici & Conflenti für lokale Volkstanz- und Volksmusiktradition in Conflenti, Kalabrien.
## Page 191
Der Rhythmus der Madonna/e 189
rer für das Fest als der Gegenstand der Zelebrierung die Tammurriata Com -
munity ist also prinzipiell weder religiöse noch Party-Gesellschaft, sondern
eine rhythmische Gemeinschaft:
Jeder Moment, in dem eine auch noch so kurze rhythmische Gemeinschaft entsteht, be -
tont diese musikalische Charakteristik menschlicher Beziehungen. Die Musik der Körper
wird nicht gehört, sie wird gemacht! Die Partitur der Gesten, Worte, Handlungen, und
Klänge strömt über die Tasten eines unsichtbaren Klaviers, das wir gar nicht bemerken,
solange nicht eine Taste nicht klingt, oder jemand aus dem Rhythmus kommt. (Apolito
2015: riassunto/Résumé: 2, Hervorhebung J.F.)
Da klingen sie wieder an, der Sound Body und der »allumfassende Tanz« des
Gemeinschaftsrituals im Rhythmus des kosmischen Kontinuums. Die Perfor -
manz des kollektiven Wissens eines gemeinsamen kontinuierlichen Lebens -
rhythmus in Form einer rhythmischen Synchronisation, die die Festivals der
Madonna/e beschwören, ist mit dem Verlust dieser Kontinuität von der Kon -
firmation zur Nostalgie geworden. Das Sich-Synchronisieren ohne Bestandteil
des kollektiven Gedächtnisses zu sein, spricht für utopische Sehnsuchtsorte,
die in solchen überzeitlichen Strukturen präsent werden (Brost/Wefing 2016:
17). »Place memories« als Suche nach einer gemeinsamen Erinnerungskultur
stellen eine bezeichnende Sinnverschiebung in der Globalisierung dar: Der
kollektive Sehnsuchtsort kann nur ein Nicht-Ort wie der Bereich der Trance im
lokalen Folklorekostüm sein (Arcidiacono et al. 2011: 365).
Glühwürmchen blinken simultan, und sogar unbelebte Objekte wie Schalt-
kreise in gewisser Proxemik synchronisieren ihre Bewegung. Ebenso entwi-
ckeln menschliche Kulturen ihren individuellen Körper- und Sprechrhythmus;
das Gehirn erlernt den Gemeinschaftsrhythmus, der zusammen mit einem
»musikalischen Erinnern« natürlich Opiate freisetzt und das Hirn in Trance-
Bereitschaft bringt (Becker 1994: 50).
Der synchron rhythmisierte Kollektivkörper der tammurriate besteht in -
zwischen aus Personen, deren Alltag heterogen und sehr verschieden von dem
der bäuerlichen Pilger und Pilgerinnen ist. Das bezeichnet den Rhythmus der
Madonna als letzte Spur des Rituals. Kirchenglocken im binären 4/4-Takt, der
Klang der Kastagnetten und Trommeln in scheinbar verlassenen Wäldern des
Vulkans, der von den Festfeuern zu den Tänzen brennt und rhythmisch pul -
siert: In der Festatmosphäre materialisiert sich der Rhythmus. Die verlorene
Ästhetik traditioneller Tänze als Narration und Reflexion von Erinnerung wird
vom Archiv gemeinsamer Erfahrung zur kollektiven temporären Utopie.
Im Zeichen einer gegen Ende des 20. Jahrhunderts nicht neu entstandenen,
sondern für die Gegenwart rekonstruierten »Invention of Tradition« (Hobs -
bawm & Ranger 1983) wird die archaische Vergangenheit betont, ohne die ge -
wachsene Volkskultur der Neuzeit mit zeitgenössischen Inhalten zu reflektie -
## Page 192
Josephine Fenger190
ren. Eine »pathologische, restituierende, analytische und kritische Nostalgie«,
also eine Neureflexion der Vergangenheit auf der Suche nach der verlorenen
Einheit von Musik, Tanzbewegung und Spuren kultureller Erinnerung, bleibt
ebenso utopisches Projekt wie die Darstellung einer Kontinuität der Tanz-
riten von der Antike zu den neuzeitlichen Volksbräuchen und der Entwicklung
der populären Musikkultur aus der kollektiven Erinnerung als »ungebroche -
ne Tradition, so uralt wie eine Geologie des Imaginären, die überlebt, weil ihr
ständig Neues zugeführt wird«,
idealtypisch ist (Niola 2002: 47, Hervorhebung
J.F.). Solange sich keine ästhetische Tendenz zu einer zeitgenössischen Adapta-
tion entwickelt, bleibt eine nicht nur deplazierte, sondern ideologisch sinnent -
leerte tammurriata (De Simone 2010), die die Gemeinschaftsrituale beschwört,
ohne ihnen entsprechen zu können. Inzwischen ist jedes Madonnenfest »ein
Theater für diverse tammurriate « verschiedener Madonnen, und ein »ethno -
choreutisches Nomadentum« (Gala 1991: 6) in dem die originären Varianten
verschwimmen, charakterisiert die zeitgenössische Überlebensform des Tan-
zes (Ferraiuolo 2015: 4). In einer pluralistischen Gesellschaft und einer globa -
lisierten Festkultur verführt der Rhythmus der Madonna als ein Medium, das
 scheinbar über kulturelle Spurensuche hinaus ermöglicht, diese Spuren
selbst weiterzuschreiben.
Ob als Requiem einer aussterbenden Volkskultur oder als letzte Spur eines
»absoluten« Tanzes zwischen Profanem und Spirituellem, der sich als kontra -
kulturelle Praxis zu globalisierter Musikkultur für eine veränderte Community
modifiziert im Diskurs des aktuellen Tanz- und Forschungsinteresses haben
die Frühlingsriten beiderseits Konjunktur. So kann es, nach über 2000 Jah -
ren, noch dauern, bis die tammurriata aus dem Rhythmus kommt.
l iter atur
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## Page 195
Grafische Komposition
Zwischen Idee und Inszenierung
Heide Lazarus
g r afi Sche v i Suali Sierung SS tr ategien nach 1945
Mich interessiert im Folgenden ein kleiner Ausschnitt der zeitgenössischen
tänzerischen Arbeit am »Werk« (Louppe 2009) und zwar die Benutzung einer
Grafik als Ausgangspunkt von Choreografien in inter- und transdisziplinärem
Zusammenhang. Dabei grenze ich eine Grafik von einer Notation oder Partitur
als jeweils unterschiedliche Möglichkeiten zur Visualisierung von Ideen ab, da
sie verschiedene Zielsetzungen beim Spuren legen und Spuren aufzeichnen
verfolgen.
1
Aus Gründen der Abgrenzung und interdisziplinären Vergleichbarkeit
beziehe ich mich auf eher enge, traditionelle Begriffskonzepte, die auf den
Materialien und nicht auf einer Erweiterung durch immaterielle Gestaltungs-
prozesse fußen. Notationen sind »Entwurf, Anweisung zum Spiel, Kommu -
nikationsmittel oder autonome Werke« so die Definition in einer Ausstel -
lung des ZKM Karlsruhe und der Akademie der Künste Berlin (http://zkm.
de/media/video/notation). Sie werden für diese Zwecke auf der Basis eines de-
terminierenden Zeichensystems, eines spezifisch zu entschlüsselnden Codes
entwickelt, denen ein Inszenierungskonzept zugrunde liegt. In einem für die
performativen Künste typischen Übersetzungsprozess wird hierdurch bei -
spielsweise ein Bewegungsverlauf verschriftlicht (Jeschke 1997; Brandstetter
2010a). Es entstehen so zusammenhängende und zu lesende »Texte«; John
Cage spricht in Notations von »Manuskripten« (1968: o.S.). Das Spiel mit Fest-
1 | Literatur in Bezug auf Notationen und Partituren im zeitgenössischen Tanz ist zu fin -
den unter: http:/ /motionbank.org/content/wissensfundus. Siehe auch zur Auseinan -
dersetzung mit grafischen Bildern als Notation oder Partitur in Thomas/Dahlhaus 1965;
Frank 1985; Josek 1998, Schröder (o.D.); Louppe 2009; Brandstetter 2010b; Van Im -
schoot/Van den Brande/Engels 2012; Bücher/Cramer 2015; Weibel 2015; Schellow
2016; Brüstle 2016.
## Page 196
Heide Lazarus194
legungen, einem zeitlichen Ablauf, der Verwirklichung und Wiederholbarkeit
ist bereits im Notat mitzudenken. Oft werden Notationen in Aufführungszu -
sammenhängen auch als Bewegungs-, Raum- und Ablaufpläne und damit als
Partituren funktionalisiert. Sie gelten als notierte Vorlagen für musikalische
oder tänzerische »Werke«, deren Repräsentanzen oder beides zugleich. Als
multimediales Notationskonglomerat integrieren zeitgenössische Partituren
über eine eher traditionell ausnotierte Komposition hinaus häufig ein Storybo -
ard bzw. Regiebuch und eine ergebnisoffen zu interpretierende Grafik im Sin -
ne einer musikalischen Grafik in der Neuen Musik oder einer choreografischen
Grafik
2 im zeitgenössischen Tanz. Peter Frank (1985) spricht im Inszenierungs-
zusammenhang von einer »visuellen Partitur«, Forsythe, Shaw und Palazzi
(2009) von einem »Synchonous Object«. Im Gegensatz zu Notationen liefern
Grafiken die Dimension der zu verwirklichenden Interpretation nicht mit. Es
sind bildnerische Werke, die als offene Inszenierungsangebote gestaltet wur -
den bzw. dafür benutzt werden können oder aber nachträglich synchron zum
Stück entwickelt wurden. Als Aufführungsvorlagen eingesetzt, muss von den
Interpreten zunächst ein Übersetzungssystem entwickelt werden.
In den Begriffen Notation , Grafik und Partitur ist jedoch die performative
Dimension des Davor und Danach von Gestaltungsprozessen nicht einbezo -
gen. Bei einem diesbezüglichen dualen produktionsästhetischen Verständnis
verweist erst der Begriff der Komposition auf die vorgängige Ebene, auf die
Sphäre des Komponisten bzw. Choreografen in Abgrenzung zu der des Inter -
preten und der Inszenierung bzw. Aufführung.
3 Wenn ich mich im Folgen -
den auf Kompositionen und idealtypisch auf Grafiken beziehe, ermöglicht mir
diese analytische Differenzierung, über den spezifischen produktiven »Raum
des Möglichen« (Bourdieu 2001: 371) von grafischen Kompositionen in einer in -
ter- und transdisziplinären Arbeitsweise und deren Bedeutung im zeitgenössi -
schen Tanz nach 1945 nachzudenken.
Das Entwickeln von und das Arbeiten mit symbolisierenden und initiieren-
den grafischen Modellen für Inszenierungen verstärkte sich erst im 20. Jahr -
hundert sowohl in der Bildenden Kunst (Frank 1985: 445), in der Neuen Musik
(Brüstle 2016: 474-476, Cage 1968, Thomas/Dahlhaus 1965) und im moder -
nen Tanz (Jeschke 1997: 242, Louppe 2009). Zeitlich beziehe ich mich auf
Produktionszusammenhänge nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Durch
die gesellschaftlichen Ereignisse waren die Menschen nach 1945 geradezu ge -
zwungen, sich mit der Praxis von Freiheit und Fixierung, Standardisierung
und Selbstentscheidung auseinanderzusetzen. In der Kunst und insbesondere
2 | Zu diesem Begriffsmodell, das in der Musik auf György Ligeti (1965) zurückgeht,
siehe unten.
3 | Ich verstehe hier den Begriff der Komposition in einem allgemeinen kunstproduk -
tiven Sinn.
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Grafische Komposition 195
in der Musik entstand so ein großes Experimentierfeld. Dies betont auch Die -
ter Schnebel (1978: 51), einer der Väter der zeitgenössischen Komponistenszene
in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich mit grafi-
schem Komponieren im Kontext eines Experimentellen Theaters beschäftigen,
wenn er John Cage zitiert: »Ich muß einen Weg finden, die Leute freizusetzen,
ohne daß sie albern werden. Solchermaßen, daß ihre Freiheit sie adelt. Wie ich
das schaffe? das ist die Frage«. Grafische Kompositionen zwingen geradezu
zeitgenössische Interpreten die immer auch schöpferisch als Co-Autoren im
Aufführungsprozess mitwirken müssen dazu, in diesem Bezugsrahmen zu
arbeiten. Wie vollzieht sich diese Praxis?
g r afi Ken al S K ompo Sition Spr a xi S in der n euen m u Si K
Als Ausgangspunkt zu meiner Sicht auf grafische Kompositionsmöglichkeiten
beziehe ich mich zunächst auf konkrete Beispiele aus der Praxis der Neuen
Musik, die von der Dresdner Komponistin Agnes Ponizil (*1968) stammen.
In ihrem Œuvre befinden sich verschiedene Ansatzpunkte, die für eine Aus -
einandersetzung mit der zeitgenössischen choreografischen Praxis fruchtbar
gemacht werden können. Die Kompositionen zeigen sowohl Einflüsse aleato -
rischer wie bildkünstlerischer Möglichkeiten. So wird die Rauminszenierung
grafisch festgehalten, da sie in der Neuen Musik einen wesentlichen Gestal -
tungsaspekt darstellt, der kompositorisch nicht vernachlässigt werden darf.
Oft werden Grafiken auch direkt in die Partituren integriert. Besondere Expe -
rimente stellen musikalisch interpretierbare Zeichnungen dar, zu denen kein
Regelwerk existiert, deren Realisationsparameter relativ unbestimmt sind und
die besonders weit von traditionell eindeutigen inszenierungsrelevanten Zei -
chensystemen entfernt sind.
So umfasst Ponizils Musiktheaterpartitur zu Wassaria , auf drei Seiten
komprimiert, eine grafisch-textliche Spiel- und Szenenanleitung sowie einen
räumlichen und zeitlichen Ablaufplan. Es handelt sich um ein Kabarettstück
mit bekannten Wasser-Arien, die »ertrinken« und damit den Untergang der
Umwelt thematisieren sollen. Grotesk inszeniert und aufgeführt wurde das
Werk im Freien innerhalb des Umwelt-Kunst-Projekts Mnemosyne 1995.
Von der Komponistin mehr als vergängliche Performanceinspiration denn
als zeitlose Partitur intendiert, existiert von dem Stück Improvisation für ein
Solo-Instrument kein Material mehr. Aufführungsort war die Blaue Fabrik, ein
sich nach 1989 in Dresden etablierender Experimentier-, Begegnungs-, Auf -
führungs- und Galerieraum, der eng mit der örtlichen Performance- und Free -
jazz-Szene verbunden ist. In meiner Erinnerung handelte es sich um etwa 50
einzelne Blätter mit sehr sparsamen Zeichnungen. Die Grafiken funktionie -
ren sowohl als Bilder als auch als visuelle Muster für musikalische Aufführun -
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Heide Lazarus196
gen. Die Blätter wurden auf dem Fußboden ausgelegt und von einer Flötistin
in loser Reihenfolge sozusagen abgegriffen. Da sie virtuos spielte, konnte man
sich bei der Aktion einfach nur auf ihr Spiel konzentrieren und sich überra -
schen lassen, welches Piktogramm sie zu welcher Tonfolge inspirierte und wie
sie die Vorlage musikalisch übersetzte und als Stück arrangierte. Es war er -
kennbar, dass es keine Beliebigkeit gab. Wie bei allen Spielen waren offenbar
vorab Regeln und Verabredungen getroffen worden. Welcher Spielanleitung
die Flötistin jedoch folgte, blieb unklar: Experimentierte sie spontan nach eige -
nem Regelwerk? Folgte sie einer in der Konzeptionsphase der Aufführung zu-
sammen mit der Komponistin fixierten Spielpartitur? Richtete sie sich nach
Anweisungen der Komponistin?
Das mit dieser Aufführungspraxis zusammenhängende Werkverständnis
formulierte Ponizil im Vorwort der Partitur O virtus sapientiae mit Grafiken
und Notenfolgen über ein Thema von Hildegard von Bingen. Dieser Grundsatz
gilt zwar allgemein für die zeitgenössischen performativen Künste, jedoch ist
er für ein grafisches Komponieren als der eigentliche Antrieb zu verstehen:
Das Original gibt diesen [klanglichen Situationen] Struktur und beeinflusst unter me -
lodischem, rhythmischem, gestischem und harmonischem Aspekt. Dass die komposi -
torischen Keimzellen wie in mittelalterlicher Aufführungspraxis unter Einbeziehung von
IMPROVISATION klanglich lebendig werden, sind mir besonderes Anliegen und Freude.
[…] Es geht dabei nicht um eine wortwörtlich notengetreue Interpretation des Wer -
kes, sondern um eine kreative Umsetzung des Inhaltes […]. Die Notation der Partitur
[…] ermöglicht eine offene, den Interpreten an schöpferische Prozesse beteiligende
Arbeitsweise […]. (1998: o.S.)
g r afi Sche K ompo Sitionen al S r aum de S m öglichen
Bourdieu (2001: 371) entwickelte sein von mir favorisiertes Begriffsmodell vom
»Raum des Möglichen« explizit als einen Kontrastbegriff zum Begriff der Epis -
teme im Sinne einer »kulturelle[n] Ordnung« einer als »kulturelle[n] Einheit
einer Epoche und einer Gesellschaft« gedachten historischen Situation (2001:
317-318). Bourdieu widerspricht dieser Denkformel in dreifacher Perspektive: Er
widerspricht als Historiker dem Einheitsgedanken, als Kunstwissenschaftler
einem Lart pour lart-Denken und als Soziologe einem Argumentieren in der
unspezifischen Kategorie von »Zeitgeist« (2001: 320). Für meine Argumenta -
tion in Bezug auf grafische Kompositionen als Grundlage von Bühnenrealisie -
rungen ist die Übertragung des Modells vom »Raum des Möglichen« sinnvoll,
weil es verständlich macht, warum Grafiken als poetische, künstlerisch selb -
ständige Realisierungsvorgaben im Bereich der performativen Künste sinnvoll
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Grafische Komposition 197
und nicht beliebig sind, auch wenn sie keine konkreten Übersetzungshinweise
für Klang, Bewegung oder Inszenierung mitliefern.
Dieser »Raum des Möglichen« war bereits 1965 bei den Darmstädter Kur -
sen für Neue Musik Thema. In dem Tagungsband zur »Notation Neuer Musik«
(Thomas/Dahlhaus 1965) wird beispielsweise von »musikalischer Grafik« (Li -
geti 1965) oder »grafischer Vorlage« (Kagel 1965) gesprochen. Im Sinne einer
neuen Produktionsästhetik sind es gerade diese Grafiken, die das Spannungs -
feld zwischen einerseits thematischer Idee, Inszenierungskonzeption, Produk -
tionsweise und andererseits Visualisierung bzw. Vorlage sowie Sound, Cho -
reografie, Regie, Probe, Training und Bühnenperformance also den Raum
der Realisierungsmöglichkeit weit öffnen, aber auch zielrichtend ordnen und
öffentlich machen. Es sollen synästhetische Prozesse, die Intellektualisierung
des Interpreten als Co-Autor und damit ein stets eigensinniger, einmaliger,
quasi biografischer Prozess initiiert werden, der in seiner Einmaligkeit nicht
kopiert werden kann. Mit den Grafiken wird zudem kein Anspruch auf eine
formale oder technische Reproduzierbarkeit erhoben. Der Komponist, Cho -
reograf und Interpret agiert jeweils an der Schnittstelle von Vorlage und Rea -
lisierung. Als mögliche Arbeitsweisen aktueller Kunstproduktion werden so
idealtypisch Individualität und Kultur verbunden und als kollektiv oder anti-
kollektiv im Moment der Aufführung rezipierbar. Mauricio Kagel sprach in
dem Tagungsband darüber hinaus die urheberrechtliche Konsequenz eines
kompositorisch solcherart provozierten »Raum des Möglichen« auf das Ar -
beits-, Hierarchie- und Werkverständnis einer Inszenierung, ihrer Dokumen -
tation und Wiederholbarkeit an. Sie ist auch für den zeitgenössischen künstle-
rischen Tanz relevant:
Die Interpretation gegenwärtiger Partituren hat so stark kompositorischen Charakter,
daß die Rolle des Autors oft nur mit der Funktion eines Aufforderers zum Spiel ver -
glichen werden kann. Wird der Spieler gezwungen, über seine normale Tätigkeit als Her-
ausgeber/Interpret hinaus […] eine klangliche Ausarbeitung der graphischen Vorlage
zu unternehmen, die eindeutig Arrangementcharakter hat, dann sollte sein Name ent -
weder gleichberechtigten Platz neben dem Namen des Autors finden, oder es müßten
beide Beteiligte anonym bleiben. (1965: 63)
g r afi Sche K ompo Sition im zeitgenö SS i Schen t anz
Der Vorbereitungsprozess ist in den performativen Künsten entscheidend.
Beim Arbeiten mit grafischen Kompositionen ist dieser Prozess besonders of -
fenkundig und fragil. Denn trotz eines sichtbaren Materials als Vorlage lie -
gen hier keine standardisierten Übersetzungsvorgaben jenseits des eigenen
Wissens, Studiums, Könnens und Erinnerns vor. Die traditionell nur einer
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Heide Lazarus198
künstlerischen Leitung autoritär zuerkannte Konzeptionsphase wird damit
auch von dem Interpreten erwartet, wie dies z.B. William Forsythe bei der Er -
arbeitung von Hypothetical Stream  (1997) auf der Basis mit Linien bearbeiteter
Zeichnungen des barocken Malers Tiepolo 4, Simone Forti oder Trisha Brown
(Louppe 2009:305) getan haben außer der Choreograf oder Dirigent okku -
piert diese Phase für sich und schafft eine Spielpartitur unter Ausschluss des
Interpreten, wie es z.B. bei Merce Cunningham der Fall war. Diese Kreations -
prozesse setzen ein Wissen um die eigenen praktischen Möglichkeiten bei
den Interpreten voraus. Während jedoch der Musiker im Dialog mit seinem
Instrument und dem bekannten Klangspektrum, dessen Erweiterungen und
dynamischen Kommunikationsmöglichkeiten steht, die alle erlernt, geübt und
mittels Repetition eintrainiert werden, bedeutet es für den zeitgenössischen
Tänzer eine nahezu wissenschaftliche Forschung mit sich selbst zu gestalten
(Matzke 2016).
Grafische Kompositionen bieten für diesen imaginären Dialog auch im
zeitgenössischen Tanz ein starkes distanzierendes und gleichzeitig rezeptions -
bezogenes Moment. Sie eröffnen so vor allem die Möglichkeiten, Spuren zu
finden und zu kreieren. Das Interesse an dieser Praxis nimmt seit den 1990er
Jahren im künstlerischen Tanz zu (Schellow 2016). So hat sich die Performerin
und Choreografin Antonia Baehr in ihrem Projekt Rire Laugh Lachen (2008)
mit diesem Produktionsprozess im Spannungsfeld von Idee bzw. Konzept Vi-
sualisierung Inszenierung auseinandergesetzt. Dabei bat sie Verwandte und
Freunde, ihr jeweils eine Komposition für einen Teil ihrer Performance zum
Thema Lachen zu schreiben. Die so entstandenen Partituren wurden anschlie -
ßend von ihr umgesetzt. Zudem wurden diese vom mitproduzierenden Zent -
rum Les Laboratoires dAubervillies veröffentlicht. Alle Vorlagen sind im Sinne
einer Partitur bereits zweckgebunden und zumeist multimedial visualisiert.
Einige Kompositionen wurden zuvor von Baehr selbst auf der Grundlage eines
von ihr entworfenen Zeichensystems übersetzt. Nur wenige ihrer Co-Kompo -
nisten bzw. Co-Choreografen arbeiteten grafisch. Eine davon war Steffi Weis -
mann (Baehr 2009: 64-65). Sie wendete in ihrer »grafischen Vorlage« (Kagel
1965) die Verbindung von grafischer Inspiration und Anweisung am deutlichs-
ten an. Weismann notierte ein Konglomerat von Grafik, Assoziation, Regietext
und Ablaufplan und verwendete dabei beispielsweise zwei Ganzkörperskizzen
4 | Siehe Einf ührung und Beispiel unter http:/ /olga0.oralsite.be/oralsite/pages/
Whats_the_Score_Publication/ , Link: William Forsythe. Projektiert und herausge -
geben von der belgischen Gruppe Sarma (http:/ /sarma.be) und ihrem Onlineprojekt
Oral Site (http:/ /oralsite.be) unter der Kuration von Myriam Van Imschoot, erstellt mit
der Software Olga für ein offenes Archiv für die performativen Künste. Hier finden sich
auch weitere Beispiele u.a. von Antonia Baehr, Amos Hetz oder Trisha Brown (letzter
Zugriff: 25.04.2017).
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Grafische Komposition 199
in der Form fotografischer Überblendung sowie die Bewegungsassoziation
eines Vogels. Wie in der Neuen Musik ist hier die Partitur gleichzeitig Reprä -
sentant des Stücks sowie ein Vorschlag, der bei jeder Aufführung neu konkre -
tisiert werden muss, sofern die Choreografie von Baehr nicht fixiert wurde. 5
Indem sich Baehr für das Stück Rire Laugh Lachen auf Kompositionen bzw.
Partituren bezog, trat sie in einen Dialog mit einem »choreografical object«,
wie Forsythe (2011: 91) es nennt und was Deborah Hay (2010: 11) im zeitgenös -
sischen Performance-Verständnis nicht als »object«, sondern als »choreogra-
phic tools« (2010: 7) versteht.
6 Baehrs inszenatorische Arbeitsweise umfasste
damit nicht nur die Produktion eines Stücks, sondern einen choreografischen
Dialog, den sie kuratierend initiierte, mittels Notationen und Partituren for -
malisierte und offenlegte. Eine abstrakte choreografische Grafik jenseits einer
(codierten) Notation wurde von Baehr nicht veröffentlicht.
Mit dieser inter- und transdisziplinären Visualisierungsstrategie beschäf -
tigt sich beispielsweise Amos Hetz ein bekannter israelischer Choreograf,
Tänzer und Pädagoge. Auch er arbeitet dialogisch zwischen Komposition und
Inszenierung. Als Grafiker, Choreograf und Interpret bezieht er beide Medien
direkt aufeinander. Gabriele Brandstetter (2010a) hat die grafischen Kompo -
sitionen in seinem Stück I am drawing you are dancing. You are drawing I am
dancing auf die Möglichkeit befragt, ob die prächoreografischen Kalligrafien
auch als »Signaturen« bzw. »Notationen« zu verstehen sind. Sie kommt zu
dem Schluss, dass es sich vielmehr um eine »Schwebelinie« (2010: 53) handelt.
»Es ist noch eine Bewegung vor dem Gesetz, in der die Grenze zwischen
Körper und Schriftzug offen ist. Eine Bewegung […] vor dem Code« (2010a:
53). Ähnlich wie Trisha Brown formuliert Hetz dazu (Van Imschoot 2012: Link
Amos Hetz o.S.):
I need the two aspects of the process: the very formal and analytical, and the freedom
to read the form in a fresh way each time I dance it being open to the blank page and
letting the gesture create the signs on the paper without any preconceived image. This
5 | Weismann arbeitet u.a. in der Gruppe Maulwerker mit dem Komponisten Dieter
Schnebel zusammen und kreiert eigene Performances. Sicherlich flossen Erfahrungen
und Wissensbezüge zwischen komponierter Vorlage und Performance aus diesem Kon -
text in die Gestaltung ihrer grafischen Partitur ein.
6
| Da Forsythe sich nicht nur auf Visualisierungen bezieht, sondern auch installative
Umgebungen kreiert, versteht er den Begriff des Objekts in einem materielleren Sinn
als Hay, was vermutlich zu dieser Differenz führt. Auch Forsythe sieht vor allem den
initiierenden, motivierenden Charakter von Vorlagen: »A choreographic object, or score,
is by nature open to a full palette of phenomenological instigations because it acknowl-
edges to body as wholly designed to persistently read every signal from its environ -
ment.« (Forsythe, 2011: 91)
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Heide Lazarus200
meandering between action and waiting, between gesture and drawing, between the
image and its evaporation, still haunts me […].
f a zit
Es ist bekannt, dass sich das performative Verständnis aktueller Produktions -
ästhetiken auf die Seite der Produktion und auf den Austausch zwischen Vor -
lage und Realisierung verschoben hat. Hierbei initiieren besonders grafische
Kompositionen für die Interpreten einen hohen Grad von zu entscheidenden
Realisierungsmöglichkeiten und legen diese Praxis in einem trans- und in -
terdisziplinären Austausch offen. Sie stellen das assoziative Moment in der
Werkerstellung in den Vordergrund und visualisieren alle Interpretations- und
Inszenierungsschichten den »Raum des Möglichen« simultan. Nicht die
Komposition, das Können der Interpreten oder die syn- und kinästhesischen
Vorstellungen der Prozessbeteiligten ermöglichen dann das konkrete Werk,
sondern erst dessen dialogische Realisierung für immer nur eine spezifische
Aufführung. Die Vervielfältigung flexibler produktionsästhetischer Parameter
stellt aber in Bezug auf die Qualität, Realisierung und Weitergabe einer zeit -
genössischen Choreografie sowie die Anforderungen an grafische Kompositio -
nen und damit auch an Grafiken und Partituren noch viele Fragen.
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Musikalisch-tänzerische Gestaltungsprozesse
als kooperativer Akt
Anna Maria Kalcher
a u Sge wählte K onzep te zur K re ativität
Seit Beginn der Kreativitätsforschung, der meist mit dem Jahr 1950 datiert und
mit Guilford in Verbindung gesetzt wird, stehen individuelle Zugänge im Vor -
dergrund, die Fragen nach der kreativen Persönlichkeit und ihren Charakte -
ristika oder nach dem kreativen Prozess favorisieren (Urban 2014 und Runco
2014). Hier soll gezeigt werden, dass eine individualisierte Betrachtungsweise
nicht ausreicht, um Kreativität zu begreifen. Es wird vorgeschlagen, kreative
Gestaltungsprozesse vor allem im musikalischen und tänzerischen Bereich
als soziales Geschehen, als einen kooperativen Akt zu begreifen. Bevor dies
näher ausgeleuchtet wird, folgt ein kurzer Blick auf den Begriff Kreativität .
Denn, so allgegenwärtig er auch ist, so unterschiedlich sind die Definitionen
und Konnotationen.
Merkmale des Kreativen, die häufig betont werden, sind Neuheit und Wer -
tigkeit. Sternberg und Lubart (1999) zufolge ist etwas dann kreativ, wenn es
zwar originell, aber auch passend bzw. nützlich im Sinne der Problemlösung
ist. Guilfords (1950) Konzeption folgend wird in empirischen Studien meist
das divergente Denken gemessen. Viele Kreativitätskonzepte beziehen sich zu -
dem auf unterschiedliche Ausprägungen von Kreativität (Kozbelt/Beghetto/
Runco 2010). Doch, wie verhält es sich mit sozialen Aspekten kreativer Pro -
zesse? Mehrfach werden soziokulturelle Faktoren als wichtige Bedingungen
und Motoren für das Zustandekommen kreativer Leistungen akzentuiert.
Diese sogenannten Individuum-Umwelt-Ansätze verweisen auf das für kreative
Hervorbringungen erforderliche Zusammenspiel individualer, physischer und
soziokultureller Komponenten (Sonnenburg 2007). Auch Urban vertritt die
These, Kreativität sei nur in der Interaktion von Person, Prozess, Problem und
Umwelt zu verstehen (Urban 2014 und 2004). Er beschreibt das spezifische
Verhältnis dieser Faktoren und bettet sie in die Mikro-, Meso- und Makrowelt
ein und thematisiert damit die Spannbreite an Einflussgrößen von der unmit -
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Anna Maria Kalcher204
telbaren bis zur globalen Umwelt. Csikszentmihalyi (1999) zeigt in seinem
Systemmodell die Verwobenheit von Individuum, dem Fachbereich, in dem
jemand kreativ tätig ist, und der Gesellschaft. Seiner Auffassung zufolge ist
eine Arbeit erst dann als kreativ zu bezeichnen, wenn sie von Experten der
jeweiligen Domäne, jedoch zumindest des Feldes, als kreativ bewertet und ge -
würdigt wird. Er bezieht jedoch seine Überlegungen auf große Kreativität , also
bahnbrechende Leistungen. Runco (2014) weist darauf hin, dass selbst indi -
viduelle kreative Leistungen nie in völliger Isolierung erbracht werden. Viel -
mehr werden Personen in ihrem kreativen Prozess von Anderen und deren
künstlerischen Arbeiten beeinflusst, indirekt durch die Rezeption und direkt
durch die Zusammenarbeit, etwa innerhalb des Kulturbetriebes. Kreativität
entsteht weder aus dem Nichts noch im Vakuum. Bevor Kunstschaffende Wer-
ke kreierten, die Generationen faszinierten, haben sie sich meist intensiv mit
Arbeiten anderer auseinandergesetzt, diese analysiert, studiert und sich ange -
eignet. Doch wie verhält es sich mit kreativen Akten von Kindern, die spontan
Bewegungsfolgen oder Lieder erfinden, ohne zuvor jahrelang Tanz und Musik
studiert zu haben? Burnard (2006), die sich um Fragen sogenannter kleiner
Kreativität bemüht und dabei vor allem Kinder in den Blick nimmt, setzt das
Individuum in Beziehung zu seiner familiären, freundschaftlichen und kultu -
rellen Umgebung und erklärt aus diesem Gesamtgefüge heraus Erfindungen
von Kindern und Laien.
Bei all diesen Konzepten sind bereits soziale Aspekte erkennbar, es steht je-
doch nach wie vor das Individuum im Mittelpunkt und dessen kreative Einzel -
leistungen. Wird Kreativität als sozialer bzw. kooperativer Akt verstanden, so
werden die Interaktionen zwischen einzelnen Personen beleuchtet. Im Fokus
steht dann das gemeinsame Generieren kreativer Produkte, etwa in Gruppen.
u nter Suchungen zur g ruppen Kre ativität
Fragen zur Gruppenkreativität werden erst seit etwa 1990 verstärkt themati -
siert und beispielsweise auch unter den Begriffen »Social Creativity« (Montuo -
ri/Purser) oder »Swarm Creativity« (Gloor) diskutiert (zit.n. Sonnenburg 2007:
51). Bereits in den 1970er Jahren hat Ammon (1974: 9) die Gruppendynamik
eines kreativen Prozesses beschrieben und festgehalten, dass in der kreati -
ven Gruppe die Teilnehmenden je nach vorhandenen Möglichkeiten aus der
»Symbiose mit der Gruppe« heraustreten, »sich in die psychische und soziale
Umgebung der Gruppe hinein entwerfen« und eben gerade dadurch kreative
Funktionen innerhalb und für die Gruppe übernehmen. Dieses Risiko, das
mit dem Heraustreten aus der Gruppe verbunden ist, fasst Ammon als »den
eigentlichen schöpferischen Akt auf« (1974: 9). Burow (1999) bemerkt, nicht
durch Einzelunternehmungen, sondern nur in Zusammenarbeit mehrerer In -
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Gestaltungsprozesse als kooperativer Akt 205
dividuen, sind gesellschaftlich notwendige kreative Leistungen möglich. Die
Orte bzw. Räume dieser kreativen Zusammenarbeit bezeichnet er als »Kreative
Felder« (Burow 1999: 123). Charakteristisch dafür ist der Zusammenschluss
verschiedener Personen, die durchaus unterschiedliche Fähigkeiten mitbrin -
gen, jedoch ein gemeinsames Ziel verfolgen und bemüht sind, ihre kreativen
Potenziale wechselseitig herauszulocken, zu entfalten und auszubauen. Ves -
ter (2000) begründet aus neurowissenschaftlicher Sicht den Vorteil kreativer
Teams damit, dass sich in diesem sozialen Gefüge etwa im Ensemblespiel
einer Jazzband Assoziationsnetze der Teilnehmenden vielfach überlagern.
Durch diese Wechselwirkungen und Resonanzen kann etwas völlig anderes
entstehen, das selbst für hochbegabte Einzelne so nicht möglich wäre. Doch
nicht immer übersteigen die kooperativen Leistungen jene der Individuen.
Bezugnehmend auf Diehl und Stroebe verweist Runco (2014) auf die in der
Sozialpsychologie vielfach untersuchten Effekte, wonach in Gruppen die Ver -
antwortlichkeit der einzelnen Mitglieder abnimmt. Man verlässt sich auf das
Engagement der anderen und bringt sich selbst nicht mit vollem Einsatz ein.
Die Gruppe kann den kreativen Output auch deshalb begrenzen, weil sie durch
festgesetzte Normen bestimmt, »wie weit Kreativität sich entwickeln und äu -
ßern darf« (Ammon 1974: 12). Status und Macht einzelner Teilnehmender be -
einflussen ebenfalls die Gruppenkreativität. Untersuchungen haben gezeigt,
dass Einfälle beliebter Mitglieder weitaus höhere Anerkennung erhalten (Lau/
Li 1996).
Wie also kann kreative Zusammenarbeit gelingen? Zunächst gilt das Teilen
eines gemeinsamen Motivs als eine unverzichtbare Voraussetzung. Erst, wenn
im Laufe des Prozesses alle Beteiligten die Aufgabe als sinn- und wertvoll er -
achten, wenn es ihnen daran gelegen ist, in konstruktiver Zusammenarbeit
nach Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten zu suchen, wird eine produktive
Arbeitskultur entstehen, welche Experimentier- und Risikofreude, das Einbrin-
gen unkonventioneller Ideen und das Aufgreifen und Weiterspinnen überra -
schender Impulse ermöglicht. Amabile (1996) hebt hier zudem die Bedeutung
einer von Vertrauen und Wertschätzung geprägten Atmosphäre hervor. Auch
der Grad an Homogenität und Heterogenität der Mitglieder spielt eine Rol -
le. Sonnenburg fundiert aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive
das Konstrukt Kooperative Kreativität und versteht darunter »das Potenzial für
sinnvolle Neuartigkeit, das sich in einer Situationsaktion entfaltet, die durch
Zusammenarbeit geprägt ist« (2007: 261). Kreative Kooperationen können aus
zwei oder mehreren Personen und für unterschiedlich lange Zeitspannen be -
stehen sie bringen jedoch tatsächlich Neues und Wertvolles hervor, führen
also zu kreativen Produkten. Im Folgenden werden gelungene Beispiele selbst
gewählter Kooperationen beschrieben, die vor allem durch Inter- bzw. Trans -
disziplinarität gekennzeichnet sind.
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Anna Maria Kalcher206
Kooper ative K re ativität al S dialogi Scher p roze SS
Ein äußerst produktiver Dialog bestand zwischen Gunild Keetman und Maja
Lex innerhalb der Tanzgruppe Günther. Sowohl Choreografie als auch Komposi-
tion entstanden in einem künstlerischen Dialog, wobei jede der Frauen die Ver-
antwortung für ihren Bereich hatte: Lex zeichnete für den Tanz, Keetman für
die Musik verantwortlich (Kugler 2000). Die Besonderheit bestand darin, dass
musizierende Tänzerinnen und tanzende Musikerinnen auf der Bühne zu er -
leben waren, was für die damalige Zeit vor allem was diese Doppelrollen be -
traf eine Innovation darstellte. Zudem agierten die Künstlerinnen auf hohem
Niveau, was in zahlreichen Pressemeldungen verdeutlicht wurde (Ronnefeld
2002). Maja Lex erhielt für ihre choreografische Arbeit, die dieser Kooperation
entsprang, mehrere Auszeichnungen (Padilla 2002). Keetmans (1978) Schilde -
rungen illustrieren das dialogische Prinzip dieses künstlerischen Prozesses.
Durch diese Kooperation haben die beiden »einen einzigartigen, völlig neuen
Tanz- und Musizierstil geschaffen« (Ronnefeld 2002: 101). Voraussetzung für
diese kooperative Kreativität war die 1923 entstandene Zusammenarbeit zwi -
schen Dorothee Günther und Carl Orff. Günther beabsichtigte die Gründung
einer Schule, in der Musik und Bewegung in wechselseitiger Durchdringung
erlernt und erfahren werden könnten und fand in Carl Orff einen geeigneten
Partner (Kugler 2000). Inspiriert von Mary Wigmans Tanzsprache und von
musikethnologischen Forschungen, die im Austausch mit dem Musikwissen -
schaftler Curt Sachs erfolgten, entwickelte Orff in der Günther-Schule sein
Konzept der Elementaren Musik , mit dem Ziel, das Elementare, das er bei Wig -
man erlebt hatte, und die hohe Musikalität ihrer Bewegungen, in die Musik zu
übertragen. Kreativität bildet das Zentrum Orffs und ebenso Günthers Arbeit,
und wird insbesondere in der künstlerischen Gruppenimprovisation deutlich
(Weinbuch 2010). In den 1950er Jahren führte die kreative Zusammenarbeit
zwischen Gunild Keetman und Carl Orff zu den Orff-Schulwerk-Heften Mu -
sik für Kinder , die durch Rundfunksendungen und Kurse weite Verbreitung
fanden und gipfelte 1961 in der Gründung des Orff-Instituts. Orff (1976: 67)
bemerkt, dass das Schulwerk ohne die »entscheidende Mitarbeit« Keetmans
nie hätte entstehen können.
Ein weiteres Beispiel für kooperative Kreativität ist die künstlerische Zu -
sammenarbeit von Merce Cunningham und John Cage, die sich immerhin
über einen Zeitraum von 50 Jahren erstreckte. Die Kooperation von Musik und
Tanz ist hier eine völlig andere, als bei Lex und Keetman. Cage und Cunning -
ham gingen von der Prämisse aus, die beiden Künste in ihrer Unabhängigkeit
zu begreifen. Um die Gleichwertigkeit von Musik und Tanz zu akzentuieren,
wurden Komposition und Choreografie jeweils eigenständig entwickelt und
erst in der Aufführung zusammengeführt (Schröder 2011). Interessant ist zu -
## Page 209
Gestaltungsprozesse als kooperativer Akt 207
dem die künstlerische Zusammenarbeit der beiden mit Rauschenbach, Johns
und Duchamp.
In aktuellen künstlerischen Projekten, wie sie in der Elementaren Musik-
und Tanzpädagogik initiiert und realisiert werden, spielen sowohl intermediale
als auch interaktive Prozesse eine entscheidende Rolle. Anhand ausgewählter
Themen entwickeln Studierende z.B. innerhalb der Lehrveranstaltung Fächer -
übergreifende Projekte künstlerische Arbeiten, die musikalische, tänzerische
und sprachliche Kompositionen mit zeitgenössischen Performancekonzepten
auf originäre Weise verknüpfen. In Gruppenimprovisationen werden choreo -
grafische und musikalische Formen generiert und evaluiert. Dabei werden
sowohl bestehende Gestalten aufgegriffen und weitergeführt, als auch neue
Spuren gelegt. Diese werden in kooperativen Prozessen exploriert, kontras -
tiert, abstrahiert und destilliert. In diesen Projekten agieren die Studierenden
multimedial: tanzend, musizierend, schauspielerisch aber auch inszenierend,
etwa was das Licht- und Sounddesign betrifft, beim Zusammenbinden diver -
ser Stücke und beim Einbetten derselben in eine bestimmte Dramaturgie oder
beim Finden von Übergängen zwischen den einzelnen Beiträgen, bis hin zum
Entwerfen von Kostümen und Bühnenbildern. Auf diese Weise erfolgt ein
künstlerisches Kooperieren auf medialer und auf sozialer Ebene: Ästhetische
Entscheidungen werden hinsichtlich inter- und transdisziplinärer Ansätze und
innerhalb von Tandems oder Gruppen in dialogischen Prozessen diskutiert
und getroffen. Durch reflexive Prozesse, die etwa in theoretischen und didak -
tischen Kontexten erfolgen, werden zudem wertvolle Impulse für die künstle -
risch-pädagogische Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen gewonnen.
Vergleicht man kooperatives Kreieren mit einem Dialog, so können die
einzelnen Beiträge bestätigt werden in Form von Wiederholung, Variation,
Erweiterung; oder die Bezugnahme kann kontrapunktisch erfolgen und die
Antwort kann gegensätzlich, kontrastierend bis ablehnend sein (Gutjahr 2014).
Erst das Spiel mit diesen unterschiedlichen Modi und der Wechsel von Interde-
pendenz und Independenz, auf sozialer und auf medialer Ebene, lässt koopera-
tive Gestaltungsprozesse lebendig und produktiv werden. Wie können die hier
vorgestellten Kooperationen für die künstlerisch-pädagogische Arbeit gedeutet
werden, auch vor dem Hintergrund, dass die Zusammenarbeit meist nicht frei-
willig erfolgt, sondern innerhalb pädagogischer Settings inszeniert wird? Wie
lassen sich dort kooperative künstlerische Prozesse anstoßen?
a nregungen zur f örderung Kooper ativer K re ativität
Zunächst ist festzuhalten, dass die kreative Zusammenarbeit in sozialen Ge -
fügen auf kommunikativen und interaktiven Prozessen fußt (Sawyer 2010).
Demnach dürften sich alle Bemühungen, diese Prozesse zu unterstützen,
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Anna Maria Kalcher208
positiv auf die kooperative Kreativität auswirken. Umgekehrt bieten koopera -
tive Gestaltungsaufgaben Potenziale, neben sozialen vor allem auch künstle -
rische Lernprozesse anzustoßen. Stöger (2003) betont, dass in Gruppenpro -
zessen neue Blickwinkel eingenommen werden und durch den interaktiven
Austausch Weiterentwicklungen der gefundenen Ideen erfolgen. Zudem wer -
den durch diese Kommunikation eigene Sichtweisen geklärt und sich selbst
sowie anderen gegenüber vertreten. Doch wo sich Personen über künstlerische
Fragen austauschen und gemeinsam Konzepte entwickeln, sind auch Konflik -
te zu erwarten. Ein sogenanntes ästhetisches Streiten (Rolle 2014) über gestal -
terische oder geschmackliche Urteile sollte sogar bewusst inszeniert werden,
um Teilnehmende zum Reflektieren künstlerisch-kreativer Themen anzure -
gen. Zudem können in der Gruppe »ästhetische Standards« (Kleinen 2003:
44) etabliert werden, die wiederum förderlich für kreatives Arbeiten sind, denn
die Identifikation mit der Gruppe kann die Motivation erhöhen, interessante
Ergebnisse zu erreichen und die dafür notwendigen Anstrengungen in Kauf
zu nehmen. Vor allem in formalen Settings, die durch unterschiedliche Er -
wartungen und Motive charakterisiert sind, und wo Teilnehmende in vorgege -
benen sozialen Konstellationen agieren, stellt die Bereitschaft, sich kooperativ
auf bestimmte Aufgaben einzulassen, eine besondere Herausforderung dar.
Attraktive Themen zu finden, die innerhalb der Gruppe Suchprozesse auslö -
sen und selbstgesteuertes Lernen und Arbeiten ermöglichen, spielen hier eine
wesentliche Rolle. Auch wie gruppenfähig die Mitglieder sind, ist entschei-
dend. Kooperatives Handeln im Sinne einer gemeinsamen Problemlösung, zu
der alle beitragen, erfordert die Fähigkeit zur Rollen- und Perspektivenüber -
nahme. Erst wenn Kinder in der Lage sind, nachzuvollziehen, über welche
Wissensinhalte andere verfügen in der Regel ab dem fünften und sechsten
Lebensjahr gelingt kooperative Kreativität. Davor sind Hilfestellungen durch
ältere Kinder und Erwachsene nötig, etwa in Form von Moderation der einzel-
nen Ideen und Vorschläge (Kasten 2009). Die Gruppenfähigkeit wächst zu -
dem mit gruppenbezogenen Aufgaben, in denen wesentliche Komponenten
kooperativen Verhaltens erlernt und vertieft werden. Neben dem Ausmaß an
Vorerfahrungen in der Gruppenarbeit beeinflussen auch Beziehungsqualitä -
ten kooperative gestalterische Akte. Wie Bauer (2006 und 2010) darlegt, ak -
tivieren gelingende Beziehungserfahrungen die körpereigenen Motivations -
systeme und steigern Kooperationsbereitschaft sowie Leistungsmotivation.
Umgekehrt führen dauerhafte Konflikte wie etwa Mobbingerfahrungen zu
einem erheblichen Motivationseinbruch, der mit psychischen und körperli -
chen Reaktionen verbunden ist.
Selbstverständlich dürfen diese Erkenntnisse nicht verkürzt interpretiert
werden und sich darin niederschlagen, Anstrengungen und Konflikte generell
zu vermeiden. Meinungsverschiedenheiten können kreative Prozesse befruch -
ten, wie oben beschrieben wurde. Wichtig scheint jedoch der Hinweis, dass
## Page 211
Gestaltungsprozesse als kooperativer Akt 209
anhaltende negative Beziehungen kooperative Problemlösungen behindern
können. Mit Runco (2014) gilt ein positives Gruppenklima daher als Voraus -
setzung für kreative Leistungen. Gutjahr (2014: 24) zufolge »bedarf [es] eines
vitalen gegenseitigen Interesses aller Beteiligten und eines gemeinsamen The -
mas, um einen kreativen Dialog zu entwickeln«. Eine Kommunikationskul -
tur für den Austausch und das Feedback von kreativen Arbeiten zu etablieren,
dürfte demnach förderlich für kooperative Kreativität sein (Kalcher 2014 und
2016b). Dies kann geübt werden, indem immer wieder kleinere Aufgaben ge -
meinsam zu lösen sind, und zwar in unterschiedlichen Gruppenkonstellatio -
nen. Als hilfreich kann es sich erweisen, klare Zuständigkeiten zu bestimmen,
etwa durch Losen vorbereiteter Aufgabenbeschreibungen, die Einzelne für
spezifische Aufgaben ermächtigen. Ein Mitglied ist z.B. für die Dokumenta -
tion der eingebrachten Ideen verantwortlich, eines für die Letztentscheidung
der Musik, welche die tänzerische Gestaltung unterstreicht, eines entwickelt
ein kleines Solo usw.
Ein weiterer wesentlicher Faktor sind strukturelle Rahmenbedingungen
wie ausreichend Zeit und Ressourcen. Zeitdruck wirkt sich ebenso hemmend
aus wie Wettbewerb und Konkurrenz (Amabile 1996 und Urban 2004). Den
Auffassungen Sawyers (2010) folgend, dass für das Verständnis von Kreativi -
tät psychologische und soziale Mechanismen zu integrieren sind, erscheint es
außerdem wichtig, auch die individuelle Kreativität im Blick zu haben. Dem -
nach gilt es jene Persönlichkeitsmerkmale zu fördern, die in engem Zusam -
menhang mit kreativem Verhalten stehen: Problemsensitivität, Neugier, Expe -
rimentier- und Risikofreude, Frustrationstoleranz, Flexibilität und Ausdauer
(Funke 2008), um damit die kreativen Möglichkeiten einer Gruppe zu stei -
gern. Denn, einzelne Hochkreative können durch kreative Impulse im Sinne
eines Schneeballeffekts (Kalcher 2016a) sowohl die Dynamik der Gruppe als
auch der kreativen Prozesse stark beeinflussen.
Werden Erkenntnisse der Sozialpsychologie und der Kreativitätsforschung
berücksichtigt sowie ein künstlerisches Herangehen und ein multimodales
Durchdringen der Inhalte favorisiert, so führt dies mit hoher Wahrscheinlich -
keit dazu, dass sich musikalische und tänzerische Kreativität in kooperativen
Akten optimal entwickeln können. Vor allem inter- und transdisziplinäre Zu -
gänge, wie sie innerhalb der Elementaren Musik- und Tanzpädagogik verfolgt
werden, beinhalten wichtige Ressourcen für die Kreativitätsförderung generell
und für kooperative Kreativität im Besonderen.
l iter atur
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Zeit und Dynamik in kompositorischer Praxis
von Tanz, Musik und Poesie
Anja Weber
e inführung
Jedes Kunstwerk hat seine eigene Zeitlichkeit. Innerhalb der tänzerischen Pra -
xis hat das interdisziplinäre Arbeiten mit Bewegung, Klang und Wort seit den
Experimenten der Ausdruckstänzerinnen und -tänzer Anfang des 20. Jahr -
hunderts (Fleischle-Braun 2016) einen festen Platz in künstlerischer Praxis
und Ausbildung. Im Ausdruckstanz, der teilweise ohne Musik, teilweise mit
Handinstrumenten oder Stimme selbst begleitet wurde, in jedem Fall oft ohne
musikalisch festgelegte Komposition vom Körper und aus der Bewegung he -
raus entwickelt wurde, ist das Erleben von Zeit und Dynamik essenziell. Wie
entscheiden wir uns für eine bestimmte zeitliche Setzung? Die Bewegungs -
analyse nach Laban untersucht Phrasierung und Antriebe (insbesondere den
Zeitantrieb) als dynamische
1 Parameter, daneben auch Rhythmen und Takt -
arten. Tempo, Rhythmus, Metrum und Phrasierung sind auch Grundlagen
musikalischer Analyse. Die Verslehre (Metrik) in der Poesie unterscheidet im
Versmaß (Metrum) sowie im Zeilen- und Versumbruch
2 Betonung und Rhyth-
mik im Gedicht. Dieser Artikel beschreibt den Workshop, den ich auf dem
Symposium Sound Traces Moves durchführte, und den Kontext praktisch-
körperlicher Forschung zu diesem Thema.
1 | Im Tanz versteht man unter Dynamik den Krafteinsatz in der Bewegung, der teil -
weise auch zu Veränderung der Geschwindigkeit (Beschleunigung, Verlangsamung)
führt. Nach Laban handelt es sich hierbei um Antriebsfaktoren (Zeitantrieb: plötzlich/
beschleunigt vs. verlangsamend/allmählich sowie Gewichtsantrieb: kraftvoll vs leicht)
und, Flussantrieb (frei vs. gebunden). Letzterer beschreibt durch die Schwerkraft und
andere physikalische Kräfte (Fliehkräfte, Momentum etc.) vor allem Beschleunigungs -
phänomene (positive oder negative Beschleunigung im freien Fluss gegenüber einer
gleichförmigen Geschwindigkeit im gebundenen Fluss). Vgl. Kennedy 2010.
2
| In der zeitgenössischen Lyrik spielen Zeilen- und Versumbrüche die größere Rolle.
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Anja Weber214
p r a xi SB a Sierte Kün Stleri Sche f or Schung
al S a u Sgang Spun K t
Untersuchungsparameter für die Auswahl der Bewegungsaufgaben aus mei -
ner Praxis zeitgenössischer Tanzkompositionen sind vor allem Phrasierung,
Rhythmus, Folgen, Gleichzeitigkeit, Dynamik und Ablauf, inspiriert von
Julyen Hamilton und Billie Hanne, dem Laban-Bartenieff-System der Bewe -
gungsanalyse, dem Kestenberg Movement Profile sowie musikalischen Zu -
gangsweisen.
Die Bewegungsaufgaben:
A. Tanze eine kurze Bewegungsphrase oder eine einzelne Bewegung gefolgt
von einer Bewegungspause (aktive Stille im Sinne der Laban-Bartenieff-Be -
wegungsanalyse).
B.
Setze nun jeweils in die Bewegungspause ein sehr kurzes einsilbiges Wort
(z.B. »stopp«, »Tanz«, »Knie«, »frisch« …) oder ein besonders langes mehr -
silbiges (z.B. »Relation«, »Zeitspanne«, »Faszination«, »Rekapitulation«
…).
C.
Tanze mit einem Partner oder einer Partnerin einen Dialog, in dem immer
eine Person in Ruhe verharrt, während sich die andere bewegt, als zeitver -
setzte Phrasierung von Bewegung und Ruhe ( aktiver Stille ). Jede Person
kann den Moment des Wechsels bestimmen, die andere Person muss dann
ebenfalls wechseln.
D.
Synchronisiere nun die Bewegungs-Ruhe-Phrasierung mit Deinem Part -
ner oder Deiner Partnerin, so dass Ihr Euch immer gleichzeitigt bewegt
oder in Ruhe (aktiver Stille) verharrt.
E.
Bildet nun ein Trio: Person X bewegt sich in einer unendlich fortdauernden
Phrase ohne Ruhe oder Akzente. Person Y bewegt sich in unregelmäßiger
Phrasierung und Akzentuierung mit variabler Dynamik. Person Z bewegt
sich in repetitiver Bewegung metrisch, regelmäßig, wie beim Ticken einer
Uhr (oszillierende Phrasierung nach dem Laban-Bartenieff-System). Wechs-
le Deine Rolle, wenn eine andere Person Deines Trios wechselt oder be -
stimme selbst den Wechsel der anderen, so dass immer alle Rollen im Trio
gegeben sind.
F.
Versuche, den Unterschied zwischen den gegebenen Bewegungsaufgaben
wahrzunehmen und anschließend zu beschreiben.
Diese Bewegungsaufgaben stellen eine kleine Auswahl prototypisch unter -
schiedlicher Kategorien von Phrasierung mit Tanz und Wort dar. Zusätzlich
wurden wechselnde musikalische Begleitungen verwendet und auf ihre
Wirkung hin untersucht. Künstlerischer Forschung gemäß wird hier das
praktisch Erarbeitete und körperlich Erfahrene anschließend reflektiert und
## Page 217
Zeit und Dynamik in kompositorischer Praxis 215
verbalisiert. Selbst- und Fremdbeobachtung (durch achtsame Wahrnehmung
mittels der Sinne, körperlicher und emotionaler Zustände sowie reflektierende
Beschreibung) sind hier Grundlage der vergleichenden Reflexion, ein Versuch,
implizites Wissen
3 explizit zu machen. Auf diese Weise soll auch ein Vergleich
der Begrifflichkeiten der jeweiligen künstlerischen und theoretischen Diskurse
stattfinden. Wann eine Bewegung, ein Klang, ein Akzent, ein Wort oder ein
Wechsel in der Phrasierung gesetzt wird also wo diese/r im zeitlichen Verlauf
stattfindet, ist nicht trivial und nicht leicht sprachlich zu begründen, jedoch
für die künstlerische Praxis relevant. Das erworbene Wissen ist praktisch und
körperlich (embodied knowledge ) und implizit im Sinne Polanyis »tacit knowl-
edge« (Polanyi 1966: 3-25).
i nterdi Sziplinäre p r a xi Sfor Schung
zu z eit und d y nami K in den K ün Sten
Zentral für künstlerisches Vorgehen und pädagogische Ansätze zur Entwick -
lung künstlerischer Fertigkeiten seit der Moderne ist eine experimentelle
praktisch forschende, prozesshafte Arbeitsweise. Für den Tanz haben Laban
und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie seine Nachfolgerinnen
und Nachfolger ein solches forschend-experimentelles Vorgehen mit zentra -
len Komponenten der Bewegungsanalyse künstlerisch entwickelt (Kennedy/
Weber 2017). In der bildenden Kunst wurden forschende Methoden zunächst
am Bauhaus angewandt (Wick 1982) und darauf aufbauend in der Komposi-
tionsausbildung (Musik) am Black Mountain College weitergeführt (Schoon
2006). Der Post-Modern Dance seit Cunningham und die Judson Church hat
das forschend-experimentelle Vorgehen zur Entwicklung von Choreografien
und choreografischem Wissen ebenfalls weiter entwickelt (Banes 1977). Für
die Untersuchung dieses praktischen Wissens stellt sich nun die schwierige
Aufgabe, einerseits eine Versprachlichung dieses vor allem körperlich-impli -
ziten Bewegungswissens zu versuchen oder in Ansätzen der Bewegungsnota -
tion oder choreografischen Notation unvollständige Abbilder zu schaffen, was
auch für einzelne individuelle Notationen oder Partituren in der Neuen Musik
gilt. Auf eigentümliche Art entzieht sich das praktisch beim Tun vermittelte
Wissen aber weiterhin der vollständigen Beschreibung und Abbildung.
Die Erforschung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ver -
schiedenen Kunstformen hier exemplarisch für Tanz, Musik und Poesie
angedeutet könnten weitere Erkenntnisse bringen. Einen Vergleich des im -
3 | Neuweg (2004) beschreibt implizites Wissen als »unbewusste Verhaltenssteue -
rung« (Können) und »Intuition« und setzt es mit Polanyis »tacit knowledge« gleich
(2004: 12 f., Polanyi 1966).
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Anja Weber216
pliziten Wissens zum Thema Zeit in der Praxis der Künste durch eine kom -
paratistische Untersuchung der jeweiligen körperlichen Praxis und Praktiken
versucht das Projekt Time Practice in the Arts , das sich 2014 auf meine Initia -
tive innerhalb des Projektes Arts & Science in Motion der VW-Stiftung bildete.
Zu ihm gehören: Anja Weber und Anna Huber (Tanz), Hubert Machnik und
Matthias Ockert (Musik), Juliane Laitzsch und Timo Herbst (Bildende Kunst),
Sophia New und Daniel Belasco Rogers (Performance) sowie Christian Grüny
(Philosophie) und Marc Wittmann (Neurowissenschaften). Im Rahmen des
Festivals Märzmusik 2016 konnte ein zweitägiger Einführungsworkshop im
Haus der Berliner Festspiele realisiert werden, in dem acht der Künstlerinnen
und Künstler sowie Forscherinnen und Forscher eine Einführung in ihre prak-
tische Arbeitsweise für die Projekt-Teilnehmenden und Gäste gaben.
4
Grüny (2014: 80) spricht dort von Rhythmus als »elementare(r) Form von
Sinn«, der durchaus ein Verständnis ermöglicht, dennoch sprachlich nicht
greifbar ist. Stern (2010: 57ff.) weist darauf hin, dass dynamisches Wissen im
Arousal-System des Hirnstamms bereits vor der sinnesspezifischen Wahr -
nehmung und der emotionalen oder sprachlich-begrifflichen Verarbeitung
entwickelt wird. Es entsteht vorsprachlich und ist Zeit unseres Lebens für
die zwischenmenschliche Kommunikation, die künstlerische Arbeit und Re -
zeption (besonders in den dynamischen, zeit-basierten Künsten) essenziell
(Kim 2012: 201 f.). Die Neurowissenschaften erforschen empirisch und mittels
Fallbeschreibungen die Grundlagen von Zeit und Bewegung psychophysio -
logisch, neuropsychologisch und -anatomisch, und bilden damit ein externes
Vergleichssystem zum künstlerischen Wissen.
z eitliche K ategorien in der B e wegung Sanaly Se
nach l a Ban -B artenieff und K e Sten Berg
In der Bewegungsanalyse nach Laban (Kennedy 2010) beschreibt der Zeitan -
trieb in seiner Polarität zwischen beschleunigen und verlangsamen in frühe -
rer Nomenklatur: langsam/schnell, plötzlich/allmählich5 die zeitliche Dynamik
einer Bewegung, die Kategorie der Phrasierung, die zeitliche Struktur von Be -
wegungen oder Bewegungsfolgen. Die gesamte Antrieb skategorie beschäftigt
sich mit Raum-, Gewicht-, Fluss- und Zeitantrieben sowie der Dynamik von Be-
wegungen. Die vier Antriebsbeziehungen : Formation (Raumantriebsbeziehung),
4 | Die Dokumentation erscheint in Kürze online. Die Weiterführung dieses Vergleichs
und des Projektes insgesamt steht aktuell noch aus.
5 | Allein die wechselnde Bezeichnung der Zeitantriebsfaktoren durch die Laban-Com -
munity zeigt die kontextuell unterschiedlichen Zeitkonzepte, die bisher noch nicht aus -
reichend verglichen und herausgearbeitet wurden.
## Page 219
Zeit und Dynamik in kompositorischer Praxis 217
Konsolidierung (Gewichtsantriebsantriebsbeziehung), Kommunikation (Fluss -
antriebsbeziehung) und Synchronisierung (Zeitantriebsbeziehungen) sind
zusätzlich geeignet, die dynamischen Verhältnisse in einer Gruppenchoreo -
grafie zu beschreiben. Laban selbst, der sich in seinen Sommerkursen auf
dem Monte Verità auch mit Versmetrik befasste, sowie seine Schülerin Valerie
Preston-Dunlop, die seine Arbeit in London weiterführt, benutz(t)en auch die
griechischen Versmetren Iambus, Trochäus, Anapäst, Daktylus und Päan zur
Kennzeichnung der rhythmischen Struktur von Bewegung und verwiesen auf
regelmäßige oder unregelmäßige Takte.
Die österreichisch-amerikanische Psychoanalytikerin Judith Kestenberg,
eine Schülerin von Irmgard Bartenieff, ergänzte Labans Analyse durch die
Differenzierung rhythmischer Musterbildungen der Spannungsflussrhyth -
men (tension flow rhythms) (Kestenberg-Amighi et al. 1999, Bender 2007) ,
die sie als Vorstufe willkürlich-intendierten Bewegungsflusses ansah. Die ein -
zelnen Rhythmen, die sie bei Kleinkindern und deren Interaktion mit ihren
Eltern beobachtete, beschrieb sie vor dem Hintergrund der psychoanalytischen
Entwicklungstheorie Anna Freuds im Kestenberg Movement Profile (KMP). In
Kestenbergs Beobachtungsmethode zeigt sich die zentrale Bedeutung des
zeitlichen Bewegungsverlaufs als eine Mitschrift der Bewegungsdynamik auf
einer horizontalen Linie, die als Vorlage für die kategoriale Analyse dient. Die -
se kreiert somit eine Abbildung des immateriellen, energetischen Gehalts von
Bewegung auf der Zweidimensionalität des Papiers.
Laban setzte die Antriebskategorien zu den psychologischen Grundfunk -
tionen nach C.G. Jungs Typologie von 1926 (Jung 2001) in Beziehung. Jung
unterschied fühlen, denken, empfinden und intuieren. Denken, Fühlen und Spü-
ren (bei Jung empfinden ) werden heute noch Patientinnen und Patienten in
Psychoedukation vermittelt. Für unsere Fragestellung innerhalb der künstleri -
schen Forschung ist besonders interessant, dass Laban das in der wissenschaft-
lichen Psychologie gerade nicht mehr so gängige Konstrukt des Intuierens , die
Intuition, gerade zum Zeitantrieb in Beziehung setzte
6 (Laban 1988). Intuition
wird im Zusammenhang von Praktizierenden künstlerischer Improvisation
oder Echtzeit-Komposition häufig als wesentliche Bedingung der zeitlichen
Setzungen genannt (Rose 2016).
Inwieweit sind die Methoden und Begriffe der Bewegungsanalyse und -no -
tation zur Untersuchung nutzbar? Welche Notationen und Analyseparameter
von Zeit finden sich darüber hinaus in heutiger künstlerischer Praxis und
6 | Laban setzt hier den Raumantrieb zum »Denken«, den Gewichtsantrieb zum »Empfin -
den« (was wir heute »Spüren« nennen) und den Flussantrieb zum »Fühlen« in Beziehung.
Heute psychologische Konstrukte, die in der Verhaltenstherapie zur Verhaltensanalyse
genutzt werden wären in diesem Sinne Gedanken Gefühle Körpersensationen und
Verhalten.
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Anja Weber218
welche impliziten Theorien liegen diesen zugrunde? Welche theoretischen Be -
griffe und Konzepte sind noch relevant?
z um v erhältni S von r aum und z eit in w ahrnehmung
und K ognition
Psychophysiologisch unterscheidet sich die Wahrnehmung von Zeit grund -
sätzlich von der Wahrnehmung über die Sinnesorgane (Sehen, Hören, Rie -
chen, Schmecken, Somatosensorik und Propriozeption). Die Information über
die Umwelt, die über die Rezeptoren der einzelnen Sinnesorgane in Auge, Ohr,
Nase, Zunge, Haut, Muskeln, Sehnen und Gelenken erfasst werden, gelangen
im Gehirn zu den sogenannten primären Cortices, den für jeweils ein Sin -
nessystem zuständigen Arealen der Großhirnrinde, und werden dann mit den
Informationen anderer Sinne zusammengeführt (Schandry 2011). Wir haben
hingegen kein spezifisches Sinnessystem oder entsprechende Rezeptoren für
die Wahrnehmung von Zeit. Das Zeitempfinden entsteht aus einer komplexen
neuronalen Verarbeitung sensorischer und vegetativer Informationen unter
Nutzung der Sinneseindrücke und der für die Verarbeitung von Bewegung
zuständigen Hirnarealen und unter Einsatz des Arbeitsspeichers und der Auf -
merksamkeitssteuerung im Frontalhirn, wobei zahlreiche kognitive Faktoren
dieses beeinflussen (Wittmann 2012, 2015). Die einzelnen Sinnessysteme
weisen unterschiedliche Verarbeitungsgeschwindigkeiten auf und sind daher
schwer zu synchronisieren (Eagleman 2008). Informationen aus den inneren
Organen, wie z.B. der Herzschlag, werden über das vegetative Nervensystem
zum Inselkortex geleitet und verarbeitet (Craig 2009). Sie spielen bei der Zeit -
wahrnehmung eine wichtige Rolle. Das allgemeine Erregungsniveau wirkt
sich somit über die vegetativ gesteuerte Veränderung von physiologischen Pro-
zessen, vor allem den Herzschlag, wiederum auf die Zeitwahrnehmung aus
(Wittmann 2015).
Neurowissenschaftlich wird das Erleben des Jetzt basierend auf der Aktivi -
tät im Arbeitsgedächtnis auf eine Dauer von ca. zwei bis drei Sekunden (Witt -
mann 2011) festgelegt und von der Schätzung längerer Zeitspannen mit eige -
ner neuropsychologischer Verarbeitung unterschieden. Zusätzlich gibt es ein
Paradox zwischen dem Erleben der aktuellen Zeit und der Zeitwahrnehmung
in der Rückschau, das darauf beruht, dass die Geschwindigkeit, in der uns Zeit
zu vergehen scheint, eng mit der Fülle an Eindrücken zusammenhängt, die
wir in einem Zeitraum verarbeiten: Zeit, in der wenig passiert, vergeht lang -
samer als Zeit, in der wir viel erleben wie zum Beispiel das Warten auf den
Bus im Gegensatz zu einem angeregten Gespräch. Im Gedächtnis erscheint
uns die erlebnisreiche Zeit jedoch rückwirkend länger als die mit Routinen
gefüllten Zeiten (Wittmann 2011). Im versunkenen Flow-Erleben (Csíkszent -
## Page 221
Zeit und Dynamik in kompositorischer Praxis 219
mihályi 2005) scheinen wir außerhalb einer linearen Zeitempfindung zu exis -
tieren (zeit-los). Bei großer Angst und in extremen Stresssituationen erscheint
die Zeit verlängert oder das Zeit-Kontinuum unterbrochen bzw. fragmentiert
mit Lücken im Erleben (Dissoziation) (Wittmann 2015).
Für timing und Rhythmus von kurzen Zeitspannen sind bewegungssteu -
ernde Areale im Gehirn (Basalganglien, Kleinhirn, frontaler Motocortex) re -
levant (Jones/Jahanshahi 2009). Zentrale Rhythmusgeneratoren im Gehirn,
die pulsierend neuronale Erregungen erzeugen, kontrollieren repetitive, rhyth -
misch alternierende Bewegungen (Atem, Herzschlag, Zittern, oszillierende
Bewegungen nach dem Laban-Bartenieff-System der Bewegungsanalyse) (Gu-
ertin 2013). Dass wir Zeit nur unter Zuhilfenahme des Raums, also räumlich,
denken können, zeigt sich in der Sprache bzw. Begrifflichkeiten wie Zeitpunkt
und Zeitspanne. neurowissenschaftliche Untersuchungen haben auch belegt,
dass wir bei der Reflexion von Zeit und anderen abstrakten Größen Areale der
Raumwahrnehmung im parietalen Cortex verwenden (Bueti et al. 2009). Die
Einsteinsche Relativität von Zeit und die Betrachtung von Zeit als vierte Di -
mension wird somit in der Neuroanatomie repräsentiert.
o ffene f r agen
Die Ausführung bestimmter Improvisations-/Kompositionsaufgaben und der
anschließende Austausch über die Erfahrungen ist im Sinne künstlerischer
Forschung zu werten und kann auch zur Erarbeitung weiteren künstlerischen
Materials dienen. Die bisherigen Forschungsworkshops hinterließen mehr
offene Fragen als Antworten und zeigen damit die Notwendigkeit weiterer
Forschung zur »Zeit-Praxis« in den Künsten. Wichtige offene Fragen aus den
Workshops sind u.a. folgende:
Welche Rolle spielen Erwartungen bei der zeitlichen Gestaltung und Zeit -
wahrnehmung?
• Wie wirkt sich Synchronizität aus (Ramseyer 2006, Behrends et al. 2012)
und wie entsteht Entrainment
7 (Waterhouse 2014)?
• Gibt es von der inneren Rhythmik eines Werkes verursachte objektiv mess-
bare psychologische Wirkungen bei Rezipienten (Deinzer et al. 2017)?
• Inwiefern sind weitere Kontextfaktoren (Aufführungssituation u.a.) oder
individuelle (biografische) Erfahrungen und/oder kulturelle oder histori -
sche Kontexte für die Rezeption bedeutsam?
7 | Entrainment bezeichnet in der Physik, der Chronobiologie, der Psycholinguistik und
der Musikwissenschaft Synchronisierungsprozesse zweier rhythmischer Systeme, also
eine rhythmische Koordination mit Phasenverlaufsangleichungen.
## Page 222
Anja Weber220
• Wie gehen wir mit dem Begriff der Intuition um und was beinhaltet das
implizite Wissen in den Künsten?
Die Nutzung wissenschaftlicher Literatur und die Zusammenarbeit von Wis -
senschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler
zum gegenseitigen Austausch ist fruchtbar für beide Seiten, fällt jedoch häufig
zwischen die institutionellen Kategorien und findet daher wenig Raum oder
Finanzierungsmöglichkeiten.
Abb. 1: Abkürzungen: LBBS Laban-Bartenieff-Bewegungsstudien, KMP Kestenberg Move -
ment Profile (senkrecht a-f, waagerecht 1-5). Foto: Anja Weber.
LBBS (vgl. Kennedy 2010): 1a-e Phrase (1b mit mittelbetonter Akzentuierung, 1c mit
anfangsbetonter Akzentuierung, 1d mit endbetonter Akzentuierung, 1e unregelmäßige
Akzentuierungen), 2a Aktive Stille, 2b Phrasierungsfolge mit Phrasen unterschiedlicher
#(teilweise) gleichzeitig ablaufenden Bewegungen, 3a Oszillierende Phrasierung, 3b
Zunehmende Antriebsphrasierung, 3c Abnehmende Antriebsphrasierung, 3d Schwung
(zunehmend abnehmend), 3e abnehmend zunehmende Phrasierung,
1f Zeitantrieb plötzlich, beschleunigend, 2f Zeitantrieb verzögernd, verlangsamend, 3f
Alle Antriebsfaktoren in einer Darstellung (links und oben: schwelgend, erspürender Pol,
rechts und unten: komprimierend, ankämpfender Pol) Antriebsfaktoren des Raumes:
flexibel direkt, des Gewichts: leicht kraftvoll, des Flusses: frei gebunden, der Zeit:
verzögernd plötzlich
## Page 223
Zeit und Dynamik in kompositorischer Praxis 221
KMP (vgl. Kestenberg-Amighi et al. 1999, Bender 2007): 4a 5e Spannungsflussrhythmen:
4a Saugrhythmus (oral libidinös), 5a Beißrhythmus (oral aggressiv), 4b Verdrehrhythmus
(anal libidinös), 5b Pressrhythmus (anal aggressiv), 4c Fließrhythmus (urethral libidinös),
5c Stopprhythmus (urethral aggressiv), 4d Wiegerhythmus (inner genital libidinös), 5d
Wogerhythmus (inner genital aggressiv), 4e Hüpfrhythmus (außer genital libidinös),
5e Sprungrhythmus (außer genital aggressiv) Anmerkung: Insgesamt ist für unsere
Fragestellung die psychoanalytische Systematisierung und Nomenklatur nach der Theorie
von Anna Freud weniger von Bedeutung als die bildliche Abbildung der Bewegungsdynamik
in Kestenbergs Notation.
l iter atur
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## Page 225
Zeit und Dynamik in kompositorischer Praxis 223
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## Page 227
Biografien
Johannes Birringer ist Choreograf, Medienkünstler und Professor für Perfor -
mance Technologies an der Londoner Brunel University. Gemeinsam mit der
Designerin Michèle Danjoux leitet er dort das Design und Performance-Lab
(DAB). Er schuf zahlreiche Tanztheaterwerke, Videoinstallationen und digi -
tale Projekte in Zusammenarbeit mit Künstler*innen aus Europa, Nord- und
Südamerika, China und Japan, z.B. Suna no Onna (2007-08), UKIYO, for the
time being (2014). Eine neue Reihe seiner immersiven Tanzinstallationen, Me-
takimosphären, wurde im Kontext des Europa-Projekts METABODY vorgestellt.
Sein Filmkonzert Sisyphus of the Ear mit Musik von Paulo C. Chagas wurde
im November 2016 in Ufa und Moskau uraufgeführt. Zudem ist er Leiter des
Interaktionslabors, einer Medienwerkstatt im Saarland, in dessen Rahmen er
neue transdisziplinäre Tanzforschungsprojekte initiierte. Zusammen mit Jo -
sephine Fenger gab er die gtf-Jahrbücher Tanz im Kopf Tanz und Kognition
(2005) und Tanz & WahnSinn (2011) heraus. Seine letzte Monografie Perfor -
mance, Technology & Science erschien bei PAJ Publications (2009).
Hans Brandner ist als Pianist, Klavierpädagoge und Musikwissenschaftler
tätig. Als Künstler und Methodiker beschäftigt er sich mit der Verbindung von
Musik, Bild und Bewegung von der Visualisierung von Musik bis zur Stum -
mfilmbegleitung. 2012 erschien seine Monografie Bewegungslinien der Musik
über Alexander Truslit, 2015 gab er dessen Hauptwerk Gestaltung und Bewegung
in der Musik und seinen Film Musik und Bewegung auf DVD gemeinsam mit
Michael Haverkamp heraus. Seine Stummfilmarrangements und -konzerte
führten ihn u.a. nach China und Brasilien.
Ursula Brandstätter war von 2002 bis 2012 Universitätsprofessorin für Musik -
pädagogik an der Universität der Künste in Berlin. Seit 2012 ist sie Rektorin der
Anton Bruckner Privatuniversität für Musik, Schauspiel und Tanz in Linz. Zu
ihren Monografien zählen: Musik im Spiegel der Sprache (1990), Bildende Kunst
und Musik im Dialog (2004), Grundfragen der Ästhetik. Bild Musik Sprache
Körper (2008) sowie Erkenntnis durch Kunst. Theorie und Praxis der ästhetischen
Transformation (2013).
## Page 228
Klänge in Bewegung226
Rose Breuss studierte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst
Wien, Theaterschool Amsterdam, Temple University Philadelphia und Uni -
versity of Surrey. Seit 2006 ist sie Institutsdirektorin von IDA/Institute und
Universitätsprofessorin für Movement Research an der Anton Bruckner Pri -
vatuniversität Linz. Sie ist Mitherausgeberin des e-zine: de-archiving movement
(www.epodium.de/epodium-digital/e-zine/ ). Als Choreografin und Direktorin
der Tanzcompany C.O.V./Cie Off Verticality führt sie ihre Stücke im Rahmen
nationaler und internationaler Gastspiele auf. Weitere Informationen unter
www.rosebreuss.com.
Josephine Fenger arbeitete nach einer Ausbildung in Klassischem und Mo -
dernem Tanz als Balletttänzerin in Südamerika. Sie studierte Theaterwissen -
schaft, Publizistik, Wissenschaftsmanagement und Editionswissenschaft und
promovierte in Kulturwissenschaft. Gemeinsam mit Johannes Birringer gab
sie die gtf-Jahrbücher Tanz im Kopf Tanz und Kognition (2005) und Tanz und
WahnSinn (2011) heraus. Sie organisierte tanzwissenschaftliche Konferenzen,
ist Autorin der Monografie Auftritt der Schatten (2009) und hält regelmäßig
Vorträge im Bereich der Tanzforschung, die sie auch publiziert. Zu ihren aktu-
ellen Forschungsaktivitäten gehören Studien über choreomanische und rituel -
le Aspekte im Tanz, insbesondere in der Volkstanzkultur Süditaliens, sowie die
Vermittlung von Tanzgeschichte.
Claudia Fleischle-Braun war wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin für
Gymnastik und Tanz am Institut für Bewegungs- und Sportwissenschaften
der Universität Stuttgart (1978 bis 2006). Sie promovierte über die Geschichte
und Vermittlungskonzepte des Modernen Tanzes (1999) und arbeitete im Vor-
standsteam der Gesellschaft für Tanzforschung mit (2005 bis 2015).
Daniela Hahn ist Kultur- und Theaterwissenschaftlerin und derzeit Koordina -
torin des künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsprojektes Writing Move -
ment, das von der VolkswagenStiftung im Rahmen der Initiative Arts and Sci -
ence in Motion gefördert wird. 2011 hat sie an der Freien Universität Berlin mit
einer Arbeit zu Bewegungsexperimenten in Kunst und Wissenschaft um 1900
promoviert und arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt mit dem Arbeits -
titel Ökologien des zeitgenössischen Tanzes. Ihre Forschungsschwerpunkte
sind die Interferenzen von Kunst und Wissenschaft, Bewegungsstudien, Do -
kumentarismen im Feld der zeitgenössischen Kunst sowie das Verhältnis von
Ökologie und Performance.
Maria Hector , 1992 in Nürnberg geboren, begann nach einem einjährigen
freien Studienjahr der Geisteswissenschaften und Künste in Stuttgart ein
Studium der Schulmusik an der Universität der Künste Berlin. Hier kam sie
## Page 229
Biografien 227
mit dem Fach Musik und Bewegung/Rhythmik in Berührung, welches sie seit
2014 mit dem Hauptfach Klavier studiert.
Chieh-ting Hsieh schloss sein Studium der Musikwissenschaft an der National
Taiwan University ab und arbeitet derzeit an einer tanzwissenschaftlichen Dis -
sertation zum Verhältnis von Tanz und chinesischer Kalligrafie an der Freien
Universität Berlin. Seine wissenschaftlichen Forschungsinteressen umfassen
Fragen zur Dynamik von Musik und Tanz, zur Wahrnehmung von Dynamik
und Rhythmus sowie Tanz- und Musiknotation unter phänomenologischer
und transkultureller Perspektive insbesondere mit Bezug zur chinesischen
Kunsttradition.
Anna Maria Kalcher arbeitete nach ihrem Diplomstudium in Musik- und Tanz-
pädagogik und anschließender Promotion langjährig in der außerschulischen
Kinder- und Jugendarbeit, Theater- und Elementarpädagogik, Erwachsenen -
bildung und Elternbildung. Seit März 2017 ist sie Universitätsprofessorin für
Elementare Musik- und Tanzpädagogik an der Universität Mozarteum Salz -
burg, Orff-Institut. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der
Kreativitätsforschung, im Lehren und Lernen in künstlerisch-pädagogischen
Feldern der Elementaren Musik- und Tanzpädagogik. Darüber hinaus beschäf-
tigt sie sich mit musik- und sozialpsychologischen Themen, den bio-psycho-
sozialen Potenzialen von Musik und Bewegung/Tanz sowie der Evaluations -
forschung.
Sabine Karoß hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln Sportwissen -
schaft u.a. mit dem Schwerpunkt Elementarer Tanz studiert. Seit 1997 arbeitet
sie als Akademische Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg
und leitet dort u.a. die Fachbereiche Tanz und Gymnastik. Gemeinsam mit Le-
onore Welzin gab sie das gtf-Jahrbuch Tanz Politik Identität (2001) heraus.
Heide Lazarus ist freie Produktionsdramaturgin, Kultur-, Tanz- und Theater -
wissenschaftlerin. Sie ist Initiatorin und Herausgeberin von Die Akte Wigman
(CD-ROM, 2006). Innerhalb von LINIE 08 im TanzNetzDresden entwickelte
sie die Idee zur Reihe Spuren sehen , die sie auch kuratiert. Als Promotionssti -
pendiatin des Evangelischen Studienwerks Villigst arbeitet sie an ihrer Disser -
tation zum Thema Tanz als Beruf .
Swetlana Lukanitschewa ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für
Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. Seit 2016 leitet sie das
DFG-Projekt Aus dem Geiste der Bewegung geboren. Moskauer Kammertheater
von Aleksandr Tairov im Spannungsfeld zwischen Russland und dem Westen . Sie
studierte Theaterwissenschaft an der Theaterakademie (GITIS) Moskau und
## Page 230
Klänge in Bewegung228
promovierte 2001 am Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilian
Universität München. 2012 erfolgte ihre Habilitation am Institut für Theater -
wissenschaft der Freien Universität Berlin. Zu ihren Monografien gehören:
Verfemte Autoren. Werke von Marina Cvetaeva, Michail Bulgakov, Aleksandr Vve -
denskij und Daniil Charms auf den deutschen Bühnen der 90er Jahre (2003) und
Das Theatralitätskonzept von Nikolai Evreinov: Die Entdeckung der Kultur als Per -
formance (2013).
Julia Mach besuchte die Ballettschule der Wiener Staatsoper bevor sie einen
B.A. in Bühnentanz an der Kunsthochschule Codarts in Rotterdam und ein
Masterstudium in Movement Studies and Performance an der Anton Bruckner
Privatuniversität für Musik, Schauspiel und Tanz in Linz absolvierte. Sie war
Solistin am Opernhaus Graz und arbeitete danach als freischaffende Tänzerin
mit unterschiedlichen Choreograf*innen, Medienkünstler*innen, bildenden
Künstler*innen und Regisseur*innen in Wien und Danzig zusammen. Zu
ihren eigenen Produktionen gehören Visitores, alien anonymous und the fish -
inyou. Letztere wurde mit der Prämie des Österreichischen Bundeskanzler -
amts für Kunst ausgezeichnet.
Andi Otto ist Kulturwissenschaftler und Komponist. Er wurde zur Geschich -
te des STEIM (Studio for Electro-Instrumental Music) promoviert. In diesem
Kontext unternahm er umfangreiche Archivrecherchen zu den künstlerischen
Anwendungen des STEIM SensorLab, einer Pionierentwicklung interaktiver
Musik aus den 1980er Jahren. Als Gastkünstler entwickelte er am STEIM eine
Erweiterung seines Cellobogens mit Sensoren ( Fello-System), mit der er inter-
national auftritt. Er erhielt mehrere Stipendien des Goethe-Instituts, kompo -
niert für Tanz- und Theaterproduktionen (u.a. Kampnagel Hamburg, Sophien-
säle Berlin) und ist Mitgründer des Hamburger Vinyl-Labels Pingipung für
elektronische Musik. Zudem unterrichtet er Medientheorien im Studiengang
Sound Art an der Hochschule der Künste in Bern und gibt Praxisseminare zu
Musik-Interfaces an der Humboldt Universität Berlin.
Hanne Pilgrim lehrt seit 2007 Klavier- und Instrumentalimprovisation im
Studiengang Musik und Bewegung/Rhythmik an der Universität der K
ünste
Berlin und betreut seit 2011 das Profil Performance innerhalb der Masterausbil-
dung EMP/Rhythmik an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Ab
Oktober 2017 wird sie ihre Lehrtätigkeit als Professorin für Rhythmik/Musik-
und Bewegungspädagogik an der Universität für Musik und Darstellende
Kunst in Wien fortsetzen. Sie ist als Pianistin in verschiedenen Ensembles
mit klassischem Repertoire, experimenteller Musik und Improvisation sowie
in der Theatermusik aktiv. Als Performerin beteiligte sie sich an zahlreichen
## Page 231
Biografien 229
Produktionen in den Feldern zeitgenössischer Tanz, Musiktheater und Perfor-
mance.
Katharina Rost ist seit April 2017 Stipendiatin des Programms Exzellente Wis -
senschaftlerinnen für die Universität Bayreuth und arbeitet in diesem Rahmen
an einem Forschungsprojekt zu Gender-Performances in der Popmusik. 2015
wurde sie zum Thema des Hörens im Theater an der Freien Universität Berlin
promoviert. Die Dissertation schien unter dem Titel Sounds that matter. Dy -
namiken des Hörens in Theater und Performance 2017 bei transcript. Von 2008
bis 2016 arbeitete sie am Institut für Theaterwissenschaft der FU Berlin als
wissenschaftliche Mitarbeiterin und lehrte hier im Bachelor u.a. zu Themen
wie Aufmerksamkeit und Klanglichkeit im Theater, Gender und Queer Theory
sowie zur Aufführungsanalyse. Sie gehört der Gender-AG der Gesellschaft für
Theaterwissenschaft, der Fachgesellschaft Gender e.V. sowie der in Bayreuth
lokalisierten Gruppe Gequindi (Gender, Queer, Intersectionality, Diversity
Studies) an.
Jan Schacher ist als Musiker und promovierter Wissenschaftler im Bereich der
künstlerischen Forschung tätig (Hochschule der Künste Zürich). Seit 2008
arbeitet er mit der Tänzerin Angela Stoecklin (MA in Contemporary Arts Prac -
tice an Hochschule der Künste Bern) zusammen. Gemeinsam entwickeln sie
u.a. Performances und Formate für interkulturelle Workshops und Künstler -
gespräche. In ihrer Forschung beschäftigen sie sich mit Phänomenen der Ko -
präsenz und Co-Performance sowie sensorgestützten Interaktionen von Mu -
sik und Tanz. Daraus resultierten Bühnenproduktionen wie trans-form (2012),
sounding bodiesmoving sounds (2013 und 2014), one hand clapping (2015) sowie
schimmernd (2015/2017) und multiplicities (2017), die sie auf internationalen
Plattformen zeigten. Zudem arbeiteten sie von 2014 bis 2016 gemeinsam in
dem Forschungsprojekt Motion Gesture Music .
Stephanie Schroedter wurde am Salzburger Institut für Musikwissenschaft,
Abteilung Tanz und Musiktheater promoviert (2001, im gleichen Jahr Auszeich-
nung der Dissertation mit dem Tanzwissenschaftspreis Nordrhein-Westfalen ) und
arbeitete anschließend als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsin -
stitut für Musiktheater der Universität Bayreuth. Der Konzeption und Durch -
führung eines DFG-geförderten Projekts zu Musik in Bewegung folgten meh -
rere Vertretungs- und Gastprofessuren in den Bereichen Tanz, Theater und
Medien (Berlin, Bayreuth, Bern) sowie weitere Beteiligungen an DFG- und
SNF-geförderten Forschungsprojekten. 2015 habilitierte sie sich mit der Mono-
graphie Paris qui danse: Bewegungs- und Klangräume einer Großstadt der Moder -
ne an der Freien Universität Berlin und erhielt die Lehrbefähigung für Tanz-
und Musikwissenschaft.
## Page 232
Klänge in Bewegung230
Angela Stoecklin ist Tänzerin und forschende Künstlerin. 2017 schloss sie
mit ihren theoretischen und praktischen Arbeiten zu co-relations zwischen
Bewegung, Ton, Licht und Raum ihren Master in Contemporary Arts Practice
an Hochschule der Künste Bern ab. Seit 2008 entwickelt sie gemeinsam mit
Jan Schacher u.a. Performances, interkulturelle Workshops und Künstlerge -
spräche. Beide beschäftigen sich in ihrer Forschung mit Phänomenen der Ko -
präsenz und Co-Performance sowie sensorgestützten Interaktionen von Mu -
sik und Tanz. Daraus resultierten Bühnenproduktionen wie trans-form (2012),
sounding bodiesmoving sounds (2013 und 2014), one hand clapping (2015) sowie
schimmernd (2015/2017) und multiplicities (2017), die sie auf internationalen
Plattformen zeigten. Zudem arbeiteten sie von 2014 bis 2016 gemeinsam in
dem Forschungsprojekt Motion Gesture Music .
Anja Weber ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Nach ihrer Tanzausbildung (Iwanson International School of Contemporary
Dance München) studierte sie Philosophie, Musik- und Theaterwissenschaft
(M.A. phil.) sowie Psychologie und Medizin (Dipl.-Psych.). Es folgten Ausbil -
dungen zum Certified Laban-Bartenieff-Movement-Analyst (CLMA) und im
Kestenberg-Movement-Profile (KMP). Sie arbeitet als freie Tänzerin, Choreo -
grafin und Tanzpädagogin und als Lehrbeauftragte in verschiedenen Studi -
engängen. 2014 initiierte sie das interdisziplinäre Projekt Time Practice in the
Arts mit Expert*innen aus der gtf, tamed e.V., ZTB Berlin e.V. und Eurolab e.V.
Weitere Informationen unter www.aartsanjaweber.de
Anna-Carolin Weber forscht, lehrt und publiziert als Tanz- und Medienwis -
senschaftlerin im Spannungsfeld von Medien und Performativen Künsten an
der Schnittstelle zur tänzerischen Praxis. Nach ihrem Studium hospitierte sie
am Tanztheater Wuppertal  bei Pina Bausch. Von 2010 bis 2014 arbeitete sie als
Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Zentrum für Zeit -
genössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Das Win -
tersemester 2014/15 verbrachte sie mit einem DAAD Stipendium in New York
City. Von 2008 bis 2017 unterrichtete sie an der Hochschule für Medien und
Kommunikation Köln. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation zum Thema
Dispositiv der Medienchoreographie Mediendispositiv als Choreographie und im
Projekt Arts & Culture International an der Ruhr-Universität Bochum. Als Cho -
reografin zeigt sie seit 2008 regelmäßig eigene Arbeiten.
Astrid Weger-Purkhart ist Tanz- und Kunstpädagogin sowie Sportwissen -
schafterin und wurde 1988 zum Thema Tänzerische Bewegung in der Kunst an
der Paris-Lodron Universität Salzburg promoviert. 1992 graduierte sie am La-
ban Centre in London und erhielt ein Stipendium der Österreichischen Akad -
emie der Wissenschaften zur Erstellung des Lehrplans Tanz in der Schule.
## Page 233
Biografien 231
Anschließend entwickelte sie den Schwerpunkt Tanz am Musischen Gymnasi-
um Salzburg mit Tanz als Reifeprüfungsfach. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind
Tanz mit Jugendlichen, Kreativer Tanz, Laban Studies und Tanzdidaktik. Sie
ist Tanzjurorin, Autorin und Workshopleiterin für think dance! Zudem leitet
sie den Schwerpunkt Tanz am Musischen Gymnasium, gibt tanzpädagogische
Fortbildungen und ist Lehrbeauftragte der Universität Mozarteum Salzburg an
der Musikpädagogischen Abteilung sowie am Orff-Institut für Tanzkomposi -
tion, Bewegung und Musik, Bewegungslehre sowie Tanzdidaktik.
Dorothea Weise hat an der Musikhochschule Köln Rhythmik studiert und
anschließend den Ausbildungsbereich Körper-Bewegung-Tanz innerhalb der
Hauptfachausbildung Rhythmik an der Musikhochschule Trossingen auf -
gebaut. Aktuell leitet Dorothea Weise als Professorin f
ür Rhythmik und Ele -
mentare Musikpädagogik (EMP) den Studienbereich Musik und Bewegung an
der Universität der K
ünste Berlin. Sie ist seit 2008 Vorsitzende im Arbeits -
kreis Musik und Bewegung/Rhythmik an Hochschulen e.V. (AMBR) und seit 2015
im Leitungsgremium des internationalen Rhythmikverbands FIER. In ihrer
Arbeit gilt ihr Hauptinteresse der k
ünstlerisch-ästhetischen Wahrnehmungs-
und Ausdrucksdifferenzierung in der authentischen und bewusst gestalteten
Auseinandersetzung mit der Wechselbeziehung von Musik und Bewegung.
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Theater- und Tanzwissenschaft
Gabriele Klein (Hg.)
Choreografischer Baukasten
Das Buch
2015, 280 S., kart., zahlr. Abb.
29,99 € (DE), 978-3-8376-3186-9
E-Book
PDF: 26,99 € (DE), ISBN 978-3-8394-3186-3
Susanne Quinten, Stephanie Schroedter (Hg.)
Tanzpraxis in der Forschung —
Tanz als Forschungspraxis
Choreographie, Improvisation, Exploration.
Jahrbuch TanzForschung 2016
2016, 248 S., kart., zahlr. z.T. farb. Abb.
29,99 € (DE), 978-3-8376-3602-4
E-Book: kostenlos erhältlich als Open-Access-Publikation
ISBN 978-3-8394-3602-8
Marion Leuthner
Performance als Lebensform
Zur Verbindung von Theorie und Praxis
in der Performance-Kunst.
Linda Montano, Genesis P-Orridge und Stelarc
2016, 384 S., kart.
34,99 € (DE), 978-3-8376-3742-7
E-Book
PDF: 34,99 € (DE), ISBN 978-3-8394-3742-1
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Theater- und Tanzwissenschaft
Milena Cairo, Moritz Hannemann, Ulrike Haß,
Judith Schäfer (Hg.)
Episteme des Theaters
Aktuelle Kontexte von Wissenschaft,
Kunst und Öffentlichkeit
(unter Mitarbeit von Sarah Wessels)
2016, 664 S., kart., zahlr. Abb.
39,99 € (DE), 978-3-8376-3603-1
E-Book
PDF: 39,99 € (DE), ISBN 978-3-8394-3603-5
Katharina Kelter, Timo Skrandies (Hg.)
Bewegungsmaterial
Produktion und Materialität in Tanz und Performance
2016, 396 S., kart., zahlr. z.T. farb. Abb.
39,99 € (DE), 978-3-8376-3420-4
E-Book
PDF: 39,99 € (DE), ISBN 978-3-8394-3420-8
Tania Meyer
Gegenstimmbildung
Strategien rassismuskritischer Theaterarbeit
2016, 414 S., kart., zahlr. Abb.
39,99 € (DE), 978-3-8376-3520-1
E-Book
PDF: 39,99 € (DE), ISBN 978-3-8394-3520-5